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Catherine Parr Band 1 – Kapitel 3

Luise Mühlbach
Catherine Parr
Erstes Buch
Historischer Roman, M. Simion, Berlin 1851

III.
Heinrich der Achte

Catharine hatte sich nicht getäuscht. Die Türen wurden geöffnet und der Oberhofmarschall erschien mit seinem goldenen Stab auf der Schwelle.

»Seine Majestät, der König!«, sagte er in seiner feier­lichen, ernsten Weise, welche Catharine mit heimlichem Grauen erfüllte, als sei soeben das Todesurteil über sie ausgesprochen.

Aber sie zwang sich zu einem Lächeln und näherte sich der Tür, um den König zu empfangen.

Und nun vernahm man ein donnerartiges Rollen, und über den glattgetäfelten Fußboden des Vorsaals kam die Hausequipage des Königs daher gerollt.

Diese Hausequipage bestand in einem großen auf Rädern ruhenden Stuhl, der statt von Pferden, von Menschen bewegt wurde und welchem man in feiner Schmeichelei die Form eines Triumphstuhles der alten siegreichen römischen Cäsaren gegeben hatte, um dem König, wenn er in dieser Equipage durch die Säle rollte, die angenehme Illusion zu bereiten, als halte er einen Triumphzug, weiter nichts! Und wirklich, König Hein­rich war dahin gelangt, seinen Rollstuhl als seinen wandelnden Thron zu betrachten, und wenn er durch die goldprangenden Säle und die mit venezianischen Spiegeln verzierten Hallen dahin rollte, die ihm vertausendfacht sein Bild zurückwarfen, so wiegte er sich gern in die Träume eines Triumphators ein und vergaß es ganz, dass es seine menschliche Hilfsbedürf­tigkeit und Gebrechlichkeit war, welche ihm zu diesem Triumphzug verholfen hatten!

Denn diese ungeheure Masse, welche den kolossalen Rollstuhl ausfüllte, dieser Berg von purpurbekleidetem Fleisch, diese zerfahrene, fast gestaltlose Gestalt, das war Heinrich der Achte, das war der König des glücklichen Englands! Aber diese Masse hatte einen Kopf! Einen Kopf voll finsterer und zorniger Ge­danken, ein Herz voll blutdürftiger und grausamer Gelüste! Und wenn der kolossale Körper durch seine materielle Schwere auch an den Rollstuhl gefesselt war, so ruhte sein Geist doch niemals, sondern schwebte wie mit den Fängen und den blitzenden Augen eines Raubvogels, über seinem Volk, immer bereit, auf irgendeine unschuldige Taube herniederzufahren, ihr Blut zu trinken und ihr Herz auszureißen, um dies zuckende Herz auf den Altar seines blutdürstigen Gottes niederzulegen!

Der Rollstuhl des Königs hielt nun an und Catharine eilte mit lächelndem Gesicht herbei, um ihrem königlichen Gemahl beim Aussteigen behilflich zu sein.

Heinrich grüßte sie mit einem gnädigen Kopfnicken und wies die diensttuenden Pagen zurück.

»Geht«, sagte er, »geht! Meine Catharine allein soll mir hier die Hand reichen und mir den Willkomm ihres Brautgemaches geben. Geht, wir fühlen uns heute jung und kräftig, wie in unseren schönsten und glück­lichsten Tagen, und wir werden es unserem jungen Weib beweisen, dass es kein altersschwacher, hinfälli­ger Greis ist, der um sie freit, sondern ein starker, durch die Liebe verjüngter Mann! Und denke nicht, Cathi, dass ich aus Schwäche mich des Rollstuhls bediente! Nein, es war nur die Sehnsucht nach dir, welche mich wünschen ließ, schneller bei dir zu sein!«

Er küsste sie lächelnd auf die Stirn und stand, sich leicht auf ihren Arm stützend, von dem Rollstuhl auf.

»Fort mit der Equipage und mit Euch allen!«, sagte er. »Wir wollen allein sein mit diesem schönen jungen Weib, welches die Herren Bischöfe heute zu der unsri­gen gemacht haben!«

Und auf einen Wink mit seiner Hand entfernte sich der glänzende Hofstaat und Catharine war nun allein mit dem König.

Ihr Herz klopfte so stürmisch, dass es ihre Lippen zittern und ihren Busen hoch aufwogen machte.

Heinrich sah es und lächelte, aber es war ein kal­tes, grausames Lächeln, und Catharine erbleichte vor demselben.

»Er hat immer nur das Lächeln eines Tyrannen«, sagte sie zu sich selbst, »mit diesem selben Lächeln, mit dem er mir jetzt seine Liebe ausdrücken will, hat er vielleicht gestern erst ein Todesurteil unterzeichnet oder wird er morgen einer Hinrichtung beiwohnen!«

»Liebst du mich, Cathi?«, fragte plötzlich der König, welcher sie bis dahin schweigend und sinnend betrach­tet hatte. »Sage Cathi, liebst du mich?«

Er sah ihr fest in die Augen, als wolle er auf dem Grund ihrer Seele lesen.

Catharine hielt seinem Blick stand und schlug die Augen nicht nieder. Sie fühlte, dass dieser Moment der entscheidende und ihre ganze Zukunft bestimmende sei, und sie sagte zu sich selbst: »Dieser Augenblick unter­zeichnet entweder mein Todesurteil oder macht mich zur Herrin des Tyrannen.«

Und diese Überzeugung gab ihr daher ihre ganze Besonnenheit und Energie zurück. Nun war sie nicht mehr das schüchterne, zagende, traurige Mädchen, son­dern das entschlossene, kühne Weib, welches bereit war, mit dem Schicksal um ihres Daseins Größe und Glanz zu ringen!

»Liebst du mich, Cathi?«, wiederholte der König, und seine hohe Stirn begann schon sich zu umdüstern.

»Ich weiß es nicht!«, sagte Catharine mit einem Lächeln, welches den König bezauberte, denn es lag so viel anmutige Koketterie als neckische Verschämt­heit in ihrem reizenden Angesicht.

»Du weißt es nicht?«, wiederholte Heinrich erstaunt. »Nun, bei der Mutter Gottes, es ist zum ersten Mal in meinem Leben, dass ein Weib sich erkühnt, mir eine solche Antwort zu geben! Du bist ein tapferes Weib, Cathi, dass du es wagst, und ich lobe dich darum! Ich liebe die Tapferkeit, denn sie ist für mich eine so seltene Erscheinung! Sie zittern alle vor mir, Cathi, alle! Sie wissen, dass ich nicht zurückschrecke vor Blut und ich in der festen Kraft meines Königtums mit derselben Geistesruhe ein Todesurteil wie einen Liebesbrief unterschreibe!«

»Oh, Ihr seid ein großer König!«, murmelte Catharine.

Heinrich achtete nicht auf sie. Er war ganz ver­tieft in eine dieser Selbstbetrachtungen, denen er sich so gern überließ, und welche meist seine eigene Größe und Herrlichkeit zum Gegenstand hatten.

»Ja«, fuhr er fort, und seine Augen, welche trotz seiner großen Beleibtheit und seines starken fleischigen Gesichtes dennoch groß und weit geöffnet geblieben waren, leuchteten höher auf, »ja, sie zittern alle vor mir, denn sie wissen, dass ich ein gerechter und strenger Kö­nig bin, welcher seines eigenen Blutes nicht schont, wenn es gilt, zu strafen und Verbrechen zu sühnen, und welcher mit unerbittlicher Hand den Sünder straft, und sei er seinem Thron der Nächste! Hüte dich daher, Cathi, hüte dich! Du siehst in mir den Rächer Gottes und den Richter der Menschen! Die Könige tragen den Purpur, nicht, weil er schön ist und leuchtet, sondern weil er rot ist wie Blut, und weil es das höchste Vorrecht der Könige ist, das Blut ihrer verbrecherischen Untertanen vergießen und damit die menschlichen Verbrechen sühnen zu dürfen. So allein fasse ich das Königtum auf, und so allein werde ich es durchführen, bis an meiner Tage Ende! Nicht das Recht der Gnade, sondern das Recht der Strafe ist es, wodurch der Herrscher sich auszeichnet vor dem niederen Menschengeschlecht. Der Donner Gottes soll auf seinen Lippen sein und herniederfahren soll der Zorn des Königs wie der Blitz auf das Haupt des Schuldigen!«

»Aber Gott ist nicht bloß der zürnende, sondern auch der erbarmende und verzeihende«, sagte Catharine, indem sie ihr Haupt leise und schüchtern an die Schulter des Königs lehnte.

»Das eben ist das Vorrecht Gottes vor den Kö­nigen, dass er auch Erbarmen und Gnade üben kann, wo wir nur strafen und verdammen können! Es muss doch etwas geben, worin Gott über den Königen steht und größer ist als sie! Aber wie, Cathi, du zitterst und das liebliche Lächeln ist aus deinem Ant­litz verschwunden? Fürchte dich nicht vor mir, Cathi! Sei immer wahr und ohne Falsch gegen mich, dann werde ich dich immer lieben, und niemals wird die Sünde alsdann Gewalt über dich haben! Und nun, Cathi, sage mir und erkläre mir das: Du weißt nicht, ob du mich liebst?«

»Nein, ich weiß es nicht, Majestät. Und wie sollte ich kennen und wissen und mit Namen bezeichnen können, was mir fremd ist, und welches ich niemals empfunden habe?«

»Wie, du hättest niemals geliebt, Cathi?«, fragte der König mit einem freudigen Ausdruck.

»Niemals! Mein Vater misshandelte mich, ich konnte also nichts für ihn empfinden als Angst und Schrecken.«

»Und dein Gatte, Kind? Dieser Mann, welcher mein Vorgänger war in deinem Besitz? Wie, hast du deinen Gatten auch nicht geliebt?«

»Meinen Gatten?«, fragte sie sinnend. »Es ist wahr, mein Vater hatte mich dem Lord Neville verkauft, und als der Priester unsere Hände ineinandergelegt hatte, nannten die Menschen ihn meinen Gemahl! Aber er wusste sehr wohl, dass ich ihn nicht liebte, und er begehrte es auch nicht! Er bedurfte einer Krankenpfle­gerin, keines Weibes! Er hatte mir seinen Namen gegeben, wie der Vater ihn seiner Tochter gibt, und ich war seine Tochter! Eine treue gehorsame Tochter, welche ihre Pflichten freudig erfüllte und ihn pflegte bis zu seinem Tod.«

»Und nach seinem Tod, Kind? Es sind Jahre vergangen seitdem, Cathi! Sage und ich beschwöre dich, Cathi, sage mir die Wahrheit, die lautere reine Wahrheit! Nach dem Tod deines Gatten, auch dann hast du niemals geliebt?«

Er sah ihr mit sichtbarer Angst, mit atemloser Span­nung tief in die Augen, und sie, sie schlug ihre Augen nicht nieder.

»Sire«, sagte sie mit einem reizenden Lächeln, »bis vor wenigen Wochen habe ich oft über mich selbst geweint, und es war mir, als müsste ich in der Ver­zweiflung meines einsamen und kalten Daseins mir den Busen öffnen, um darin nach dem Herzen zu suchen, welches empfindungslos und kalt mir niemals durch sein höheres Klopfen sein Dasein verraten hatte! Oh Sire, ich war voll Kummer über mich selbst, und in meiner törichten Voreiligkeit beschuldigte ich den Himmel, mich des edelsten Gefühls und des schönsten Vorrechtes jedes Weibes, der Liebe, unfähig gemacht zu haben!«

»Bis vor einigen Wochen tatest du das, Cathi?«, fragte der König atemlos.

»Ja, Sire, bis zu diesem Tag, an welchem Ihr zum ersten Mal mir das Glück gewährtet, mit mir zu sprechen!«

Der König stieß einen leisen Schrei aus und zog Catharine mit einer ungestümen Heftigkeit in seine Arme.

»Und seitdem, sage mir doch, du holde, kleine Taube, seitdem klopft dein Herz?«

«Ja, Sire, es klopft, oh, oft bis zum Zerspringen klopft es! Wenn ich Eure Stimme höre, wenn ich Euer Antlitz schaue, so ist es, als ob ein kalter Schauer mein ganzes Wesen durchriesele und alles Blut zu meinem Herzen hindränge. Es ist, als ob mein Herz Eure Nähe schon ahne, noch bevor meine Augen Euch erblicken. Denn schon bevor ihr zu mir tretet, fühle ich ein eigentümliches Erzittern meines Herzens, und der Atem stockt in meiner Brust; dann weiß ich immer, dass Ihr mir naht, und dass bald Eure Gegenwart diese eigentümliche Spannung meines Wesens lösen wird! Wenn Ihr nicht bei mir seid, denke ich an Euch, und wenn ich schlafe, träume ich von Euch. Sagt mir, Sire, Ihr, welcher alles wisst, sagt mir, wisst Ihr nun, ob ich Euch liebe?«

»Ja, ja, du liebst mich!«, rief Heinrich, welchem diese seltsame und freudige Überraschung eine jugendliche Lebendigkeit und Glut gegeben hatte, »ja, Cathi, du liebst mich, und, wenn ich deinen holden Geständnissen glauben darf, bin ich deine erste Liebe. Wiederhole es, du warst nichts als die Tochter des Lord Neville?

»Nichts weiter, Sire!«

»Und nach ihm hast du keinen Liebhaber gehabt?«

»Keinen, Sire!«

»Und so sollte sich vor mir ein glückliches Wunder erfüllen? Und ich hätte nicht eine Witwe, sondern ein junges Mädchen zu meiner Königin gemacht?«

Als er sie nun mit glühenden, leidenschaftlich zärt­lichen Blicken ansah, schlug Catharine die Augen nieder, und eine glühende Röte überdeckte ihr holdes Angesicht.

»Ach, ein Weib, welches verschämt errötet, welch ein köstlicher Anblick ist dies!«, rief der König, und indem er Catharine stürmisch an seine Brust drückte, fuhr er fort: »Oh, sind wir nicht törichte und kurzsichtige Menschen, wir alle, ja, wir Könige sogar? Um mein sechstes Weib nicht auch vielleicht dem Blutgerüst übergeben zu müssen, wählte ich, in zagender Angst vor der lüsternen Falschheit deines Geschlechtes, eine Witwe zu meiner Königin, und diese Witwe verspottet mit einem beglückenden Geständnis das neue Gesetz des weisen Parlaments1 und erfüllt mir, was sie mir nicht versprochen hat! Komm, Cathi, lass dich küssen! Du hast mir heute eine glückliche und selige Zukunft geöffnet und mir eine nicht geahnte, stolze Freude bereitet. Ich danke dir dafür, Cathi, und die Mutter Gottes sei mein Zeuge, dass ich dir dies niemals ver­gessen werde!«

Indem er einen kostbaren Brillantring von seinem Finger zog und ihn an Catharines Finger steckte, fuhr er fort: »Dieser Ring sei dir ein Ange­denken dieser Stunde, und wenn du ihn mir dereinst mit einer Bitte darreichst, werde ich diese Bitte erfüllen, Cathi!«

Er küsste sie zärtlich auf die Stirn und wollte sie fester in seine Arme ziehen, als man von außen her plötzlich dumpfes Trommelwirbeln und Glockengeläute vernahm.

Der König stutzte einen Moment und ließ Catharine aus seinen Armen. Er lauschte; der Trommel­wirbel dauerte fort, und dann und wann war es, als vernähme man in der Ferne dieses eigentümliche donnernde und doch dumpfe Gebrause, welches so sehr dem Brausen und Rauschen des Meeres gleicht und welches nur durch eine große, aufgeregte Volksmasse erzeugt werden kann.

Der König stieß mit einem wilden Fluch die nach dem Balkon führenden Glastüren auf und trat hinaus.

Catharine sah ihm mit einem seltsamen, halb scheuen, halb zürnenden Blick nach. »Ich habe ihm wenigstens nicht gesagt, dass ich ihn liebe«, murmelte sie. »Ich habe ihm bekannt, dass mein ganzes Wesen vor ihm zurück­schaudert und erbebt, und er in der Eitelkeit und dem Stolz seines hochfahrenden Wesens nimmt meinen Ab­scheu für Liebe hin! Nun, mag er es denn haben! Ich will nicht auf dem Blutgerüst sterben!«

Mit entschlossenem Schritt und fester energischer Haltung folgte sie dem König hinaus auf den Balkon. Das Trommelgewirbel dauerte fort und fort, und von allen Türmen läuteten die Glocken. Die Nacht war dunkel und still, ganz London schien zu schlum­mern, und diese dunklen Häuser ringsumher hoben sich wie große Särge aus der allgemeinen Dunkelheit empor.

Plötzlich begann der Horizont sich zu erleuchten und ein glutroter Streifen erschien am Himmel, der höher und höher aufflammend, bald den ganzen Him­mel mit purpurnen Feuergluten durchleuchtete und selbst über den Balkon, auf welchem das Königspaar stand, seine grellen feurigen Streiflichter ergoss.

Das Trommelgewirbel dauerte fort und fort, und die Glocken wirbelten und heulten, und dazwischen vernahm man dann und wann in der Ferne ein krei­schendes Geschrei, ein Brausen, wie von tausend und tausend sich durcheinandermischenden Stimmen.

Plötzlich wandte der König sich zu Catharine um, und sein Antlitz, welches eben von dem Feuerschein wie mit einem blutroten Schleier übergossen wurde, hatte nun den Ausdruck einer wilden, dämonischen Freude angenommen.

»Ach«, sagte er, »ich entsinne mich jetzt, was das be­deutet. Du hattest mich ganz verwirrt und mir die Überlegung geraubt, du kleine Zauberin; und ich hatte einen Moment aufgehört, König zu sein, weil ich ganz nur dein Liebhaber sein wollte! Jetzt aber entsinne ich mich wieder meiner strafenden Herrlichkeit! Es sind die Scheiterhaufen, welche dort so lustig flam­men, und jenes Schreien und Brausen bedeutet, dass mein lustiges Volk mit ganzer Seele die Komödie ge­nießt, welche ich heute vor ihm aufspielen lasse, zur Ehre Gottes und meiner unantastbaren Königswürde!«

»Scheiterhaufen!«, rief Catharine bebend. »Ihr wollt nicht damit sagen, Majestät, dass dort eben Menschen eines grausamen, qualvollen Todes sterben sollen, dass in derselben Stunde, in welcher ihr König sich glücklich und zufrieden nennt, einige seiner Untertanen zu schaudervoller Marter und entsetzlichem Unglück verdammt werden sollen! Oh nein, mein König wird den Hochzeitstag seiner Königin nicht mit einem so dunklen Todesschleier überwölken, er wird mir mein Glück nicht so grausam trüben wollen!«

Der König lachte. »Nein, ich will es dir nicht trüben, sondern mit hellen Feuerlohen dir erhellen«, sagte er. Indem er seinen Arm ausstreckte und hinüber deutete zu dem glutroten Himmel, fuhr er fort: »Das sind unsere Hochzeitsfackeln, meine Cathi, und die heiligsten und schönsten, welche ich finden konnte, denn sie brennen zur Ehre Gottes und des Königs!2 Und die gen Himmel flackernde Lohe, welche die Seelen der Ketzer emporträgt, wird meinem Gott freudige Kunde geben von seinem treusten und gehorsamsten Sohn, der selbst an den Tagen seines Glückes seiner königlichen Pflichten nicht vergisst, sondern immer der strafende und zerschmetternde Diener seines Gottes, seines bleibt!«

Er sah fürchterlich aus, indem er so sprach. Sein von dem Feuer angeglühtes Antlitz hatte einen drohenden, wilden Ausdruck, seine Augen flammten und ein kaltes, grausames Lächeln umspielte seine schmalen, fest aufeinander gepressten Lippen. »Oh, er kennt kein Mitleid«, murmelte Catharine in sich hinein, während sie mit Schauern der Angst den König anstarrte, der in fanatischer Begeisterung hin­über blickte zu den Feuerflammen, in die man auf seinen Befehl vielleicht eben einen Unglücklichen zur Ehre Gottes und des Königs zu grausamen To­desqualen schleuderte. »Nein, er kennt kein Mitleid und sein Erbarmen!«

Nun wandte sich Heinrich zu ihr um. Den ausgestreckten Arm sanft auf ihren Nacken niederlassend, umspannte er mit seinen Fingern ihren schlanken Hals und flüsterte ihr zärtliche Worte und Verheißungen ins Ohr.

Catharine erbebte. Diese Liebkosung des Königs, so harmlos sie immer sein mochte, hatte für sie etwas Unheimliches und Schauerliches. Es war das unwill­kürliche instinktartige Tasten eines Henkers, welcher den Hals seines Opfers untersucht und an ihm nach der Stelle forscht, wo er ihn treffen will! So hatte Anne Boleyn, des Königs zweite Gemahlin, einst ihre zarten, weißen Hände um ihren eigenen schlanken Hals gelegt und zu dem zu ihrer Hinrichtung aus Calais herübergeholten Scharfrichter gesagt: »Ich bitte Euch, trefft mich gut und sicher! Ich habe nur einen schmalen, kleinen Hals!3 So hatte der König seine Hand um Catharine Howards, seines fünften Weibes, Hals gekrallt, als er ihrer Untreue gewiss, sie, welche sich an ihn anklammern wollte, mit wilden Ver­wünschungen von sich stieß! Die schwarzen Male die­ses Griffes waren noch auf ihrem Hals sichtbar gewesen, als sie ihn auf das Blutgerüst legte.

Und dieses furchtbare Umschlingen seiner Finger, es sollte für Catharine Parre nun eine Liebkosung sein, zu welcher sie lächeln, die sie mit allem Anschein der Freude empfangen musste!

Umleuchtet von den Flammen der brennenden Schei­terhaufen flüsterte der König seinem jungen erzitternden Weib leidenschaftliche Worte seiner Zärtlichkeit ins Ohr, und es gewährte ihm einen pikanten und diabolischen Genuss, dass seine Liebeshymnen auf so eigentümliche Weise von Trommelwirbeln und Glocken­läuten und fernem Wehgeschrei gewissermaßen in Musik gesetzt und akkompagniert wurden!

Aber Catharine achtete nicht auf seine leidenschaftlichen Zuflüsterungen. Sie sah nichts, als die blutrote Flammenschrift am Himmel, sie hörte nichts als das Klagegeschrei der unglücklichen Schlachtopfer.

»Gnade, Gnade!«, stammelte sie. »Oh lasst den heu­tigen Tag einen Festtag sein für all Eure Unterta­nen! Seid barmherzig, und wenn ich wirklich glauben soll, dass Ihr mich liebt, so erfüllt mir die erste Bitte, welche ich an Euch richte! Schenkt mir das Leben dieser Unglücklichen! Gnade, Sire, Gnade!«

Und gleichsam, als habe das Flehen der Königin ein Echo gefunden, vernahm man plötzlich aus dem Zimmer her eine jammernde, verzweiflungsvolle Stimme, welche laut und ängstlich wiederholte: »Gnade, Majestät! Gnade!«

Der König wandte sich heftig um und sein Gesicht nahm einen finsteren, zornigen Ausdruck an.

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  1. Nachdem Katharina Howards Untreue und Lasterhaftigkeit erwiesen war und sie dieselbe mit dem Tod hatte büßen müssen, erließ das Parlament ein Gesetz, dass wenn der König oder seine Nachfolger beabsichtigten, ein Weib zu ehelichen, welches sie für eine reine und unbescholtene Jungfrau hielten und sie, im Falle sie es nicht wäre, es dem König nicht freimütig gestände, dies Hochverrat sein sollte, und alle, welche es gewusst und nicht offenbart hätten, wären der Mitschuld des Verrates schuldig. Aus: Burnet: History of the reformation of the Church of England. London 1681. Band 1. Seite 313
  2. Leben König Heinrichs des Achten, basierend auf authentischen und originalen Dokumenten. Von Patrick Fraser Tytler. Edinburgh 1837. Seite 440
  3. Ebendaselbst Seite 382