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Nick Carter – Ein fingierter Einbruch – Kapitel 2

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein fingierter Einbruch
Ein Detektivroman

Nick Carter und der Bankpräsident

»Nun wissen Sie alles ebenso gut und genau wie wir, Mr. Carter«, schloss Präsident Wilson seinen Bericht. »Wohlgemerkt, ich habe mich streng an die Aussagen Mullens gehalten, die dieser gemacht hatte, als er sich unter der Hand der Ärzte wieder aus seiner anscheinend schweren Ohnmacht erholt hatte.«

»Wo befindet sich Mullen jetzt?«

»Im Hospital.«

»Sonst war von ihm wohl nichts in Erfahrung zu bringen?«

»Nichts!«, entgegnete der Bankpräsident kopfschüttelnd. Er saß bequem in seinem ledernen Arbeitsstuhl zurückgelehnt und hatte den schneeweißen Kopf, der mit dem rosigen, glattrasierten und von Wohlleben und Genusssucht sprechenden Gesichtszügen des beginnenden Fünfzigers schneidend kontrastierte, dem hohen Fenster zugekehrt, sodass seine eigenen Mienen im Halbdunkel blieben, während das männlich offene und von unbeugsamer Willensstärke erfüllte Gesicht Nicks dem nebligen Licht des unfreundlichen Novembertages voll ausgesetzt war.

»Nichts!«, entgegnete er, der zwischen seinen Lippen steckenden Zigarette nachlässig einen Zug entlockend. »Der Mann ist entweder sehr schwer verletzt oder gibt sich den Anschein. Wie die Hospitalärzte erklären, hat sein Nervensystem eine heftige Erschütterung erlitten, von der er sich erst wieder erholt haben muss, bevor er weitere Aussagen machen kann.«

Nick Carter erhob sich plötzlich von dem ihm zugewiesenen Stuhl und setzte sich hinter den neben dem Fenster stehenden Diplomatenschreibtisch. »Sie verzeihen wohl, doch das Licht tut mir weh!«, versetzte er leichthin, den Präsidenten dadurch zwingend, sich auf seinem Drehstuhl eine Schwingung zu geben und so zu setzen, dass Licht und Schatten nunmehr gleichmäßig verteilt waren. »Was Mullen betrifft, so werde ich ihn aufsuchen und mich von seinem Befinden überzeugen«, fuhr er im vorigen Ton fort. »Doch was wurde aus Ihrem Nachtwächter?«

»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich ist er von irgendeiner Ambulanz abgeholt worden. Seither ist er nicht mehr zum Vorschein gekommen.«

»Hm, hm«, machte Carter, unverwandt den anderen anblickend. »Auf wie hoch beziffert sich der Bankverlust?«

»350.000 Dollar, alles in barem Geld.«

»Verstehen Sie darunter Papiergeld oder Gold?«

Der Präsident sann nach und stützte dabei sein fleischiges Kinn. »Eine Viertelmillion Dollarbestand in Greenbacks (Banknoten), der Rest in Gold.«

»Nun, was die Banknoten anbelangt, so dürften Sie ja das übliche und von den Versicherungsgesellschaften auch geforderte doppelte Nummernverzeichnis angefertigt haben«, warf Nick ein.

Präsident Wilson schüttelte lebhaft mit dem Kopf. »Leider nein!«, erwiderte er, an dem Detektiv mit seinen kalten grauen Augen vorbeisehend. »Die geraubten Banknoten waren gebündelt – mit anderen Worten, es handelte sich um stets vorrätig gehaltenes, zur Bewältigung eines plötzlichen starken Kundenandranges etwa benötigtes Wechselgeld. Es sind dies Bündel von je tausend Dollar, die immer nur dieselbe Banknotensorte enthalten, also Fünfer, Zehner, Zwanziger, Fünfziger oder Hunderter. Natürlich kann man die Nummern solcher Banknotenbündel nicht aufzeichnen. Hätte es sich um Neue gehandelt, so …«

»Würden wir die Nummern feststellen können, ich begreife!«, fiel Nick lächelnd ein. »Da es sich aber um Banknotenbündel handelt, welche gestern im Besitz jenes, heute wiederum durch die Hand dieses Bankhauses wandern mögen, so ist die Feststellung der Nummern unmöglich … Unter uns gesagt, ein großes Glück für die Bankräuber!«

»Ja, ich bin auch untröstlich!«, versicherte Wilson. »Wir wissen keine einzige Nummer … Ich kann meinen Kassierer noch einmal fragen.«

Er erhob sich und verließ das Büro mit kräftigen, doch seltsam schlürfenden Schritten.

Mit gleichgültigem Gesichtsausdruck schaute Nick ihm nach; doch dieser wandelte sich im Nu, als er sich allein im Raum sah.

»Der seltsamste Bankpräsident, den ich je gesehen habe!«, meinte er gedankenvoll. »Der Mann saß mindestens fünf Jahre im Zuchthaus, denn er kommt vom Lockstep nicht mehr los!«

Der Detektiv spielte damit auf den eigentümlichen Gang an, welchen die amerikanischen Strafgefangenen bald annehmen, da sie bei den täglichen Spaziergängen im Gefängnishof beide Hände dem Vordermann auf die Schulter legen und derart im Gleichschritt marschieren müssen. Das Bemühen, sich gegenseitig nicht auf die Zehen zu treten, fördert den Lockstep, der bei jahrelangem Verweilen im Zuchthaus in Fleisch und Blut übergeht und nicht wieder abgestreift werden kann. Diesen charakteristischen Sträflingsschritt nun wollte der untrügliche Scharfblick Nicks bei dem hochgeachteten Bankpräsidenten wahrgenommen haben, und es lässt sich denken, dass er nicht nur überrascht war, sondern auch ungesäumt seine Schlussfolgerungen daraus zog.

»Warum hatte der Präsident sich zum Kassierer bemüht? Solche Herren bescheiden doch sonst ihre Untergebenen zu sich!

Es liegt ihm daran, mich allein zu instruieren und mich von dem Bankpersonal fernzuhalten!«, folgerte der Detektiv weiter, und ein spöttisches Lächeln umkräuselte seine Lippen, verschwand aber, noch ehe Wilson wieder in das Privatbüro zurückgekehrt war.

»Es ist so, wie ich sagte!«, erklärte er, sich wieder im Lesersessel niederlassend und ein Bein über das andere schlagend. »Wir haben Pech und können auch nicht eine einzige Banknotennummer feststellen!«

»Haben Sie sich schon ein Bild davon gemacht, Mr. Wilson, auf welche Weise die Männer in das Bankinnere eingedrungen sein können? Wie sie herauskamen, das wissen wir ja … Wie Mullen erklärte, hat einer der Männer von außen zugeschlossen, nicht wahr?«

»Ja, das behauptete er!«, warf der Präsident spitz ein. »Meiner Ansicht nach aber können die Herrschaften nur durch eine einzige Person eingelassen worden sein.«

»Und wer kommt hier in Betracht?«

»Der Wachmann – kein anderer!«, versetzte Wilson entschieden.

»Und warum das?«, erkundigte Carter sich gelassen.

»Sehr einfach.« Mit überlegenem Lächeln entnahm der Präsident seiner Hosentasche einen Schlüssel und legte ihn vor dem Detektiv auf den Schreibtisch. »Derartige Schlüssel besitzen außer mir auch die beiden Vizepräsidenten sowie der Hauptkassierer«, erläuterte er. »Der Schlüssel schließt die vordere Eingangstür, und die anderen Exemplare wurden angefertigt, damit im Falle eines Brandes oder eines sonstigen plötzlichen Ereignisses sofort einer der Oberbeamten die Bank betreten und disponieren kann. Nun ist aber das Türschloss mit einer Alarmeinrichtung versehen, welche sofort anklingelt, wenn während der Nachtstunden von außen ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wird … Sie verstehen, nicht wahr?«, meinte er mit erhobenem Finger. »Nur der in der Bank befindliche Nachtwächter kann den Alarmapparat abgestellt haben!«

»Das ließe immerhin den Einwurf zu, dass eine der im Besitz eines solchen Schlüssels befindlichen Personen einzudringen versuchte, den herbeieilenden Wachmann zu beschwichtigen und hinterher zu beseitigen wusste«, meinte Nick.

Doch der Bankpräsident blieb bei seinem überlegenen Lächeln.

»Sie wissen noch nicht alles!«, versetzte er. »Das Türschloss, als auch unsere sämtlichen Kassenschränke und vor allem auch der Zeitverschluss, alarmieren bei jeder unbefugten Berührung auch die sämtlichen Schutzgesellschaften. Dies ist nicht geschehen. Damit ist der Beweis erbracht, dass der Wachmann die Alarmvorrichtungen bereits abgestellt hatte, ehe der bewusste Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde … Wenn das überhaupt geschah, denn die in Betracht kommenden Herren, welche einen Schlüssel besitzen, sind hoch über jeglichen Verdacht erhaben!«

»Selbstverständlich!«, beeilte Nick sich zu versichern. »Man bestiehlt doch nicht die eigene Bank, das ist ein zu gefährliches Experiment und bisher noch niemals geglückt! Sie haben also den Wachmann im Verdacht der Mittäterschaft?«

»Lieber Herr, mein Beruf bringt nüchternes Rechnen mit sich. Habe ich mein Einmaleins richtig im Kopf und ist zwei mal zwei vier, dann ist der Mann schuldig!«

»Und das ist Ihre aufrichtige Meinung, Mr. Wilson?«

»Aber selbstverständlich!«, entgegnete der Gefragte ein wenig pikiert.

»Ich bitte, mir zu verzeihen, doch wie reimt sich diese Mittäterschaft mit dem Umstand, dass der Wächter unter Mullens Hand gestorben ist?«

»So sagt Mullen … hm, ja, er sagt so!«, bemerkte Wilson, der dabei war, sich eine frische Zigarette anzuzünden. »Will Ihnen mal was sagen«, setzte er hinzu, indem er sich zurücklehnte und wohlgefällig einem kunstvoll hervorgepufften Rauchring nachschaute. »Haben Sie den Wachmann sterben sehen, Mr. Carter?«

»Das nicht!«, entgegnete dieser.

»Nun, sehen Sie, ich auch nicht!«, bemerkte der andere sarkastisch. »Derartige Räubergeschichten muss man mit großem Vorbehalt aufnehmen.«

»Sprechen Sie von dem Bericht des verwundeten Policeman Mullen?«

»Von ihm!«, bestätigte der Gefragte. »Lassen Sie uns über den Sachverhalt klar werden. Der Bank wurden 350.000 Dollar gestohlen. Das ist nüchterne Tatsache. Was uns dieser Mullen dagegen berichtet, scheint seiner eigenen Fantasie entsprungen zu sein. Nun ist er aber unser einziger Gewährsmann, da ja der Nachtwächter verschwunden ist … Fortgeführt von den sagenhaften Einbrechern in einer nicht minder sagenhaften Ambulanz … nebenbei bemerkt!«, unterbrach er sich. »Was halten Sie von dieser Ambulanzgeschichte?«

Er schaute den Detektiv lächelnd an, diesem erschien es aber, als verberge sich hinter diesem Lächeln mühsam gezügelte Unruhe.

Nick Carter schob die Achseln hoch.

»Darauf kann ich jetzt noch nicht antworten, zumal der Polizist die Ambulanz nur gehört, aber nicht gesehen hat; besonders das scharfe Läuten bestärkte ihn in seiner Vermutung, dann sah er auch in seiner halben Ohnmacht die Gestalt des Kutschers, den weiß gekleideten Arzt sowie einen Polizisten in Uniform.«

»Nun ja, also eine regelrechte Ambulanz!«, fiel der Präsident ungeduldig ein. »Ich habe schon bei allen Krankenhäusern telefonisch angefragt. Man weiß weder von einem Ambulanzruf in die Wallstreet noch von einem verwundeten oder totgeschlagenen Wachmann. Soviel ich weiß, wachsen ordnungsgemäß ausstaffierte Ambulanzen mit vorschriftsmäßiger Besetzung nicht wild in den New Yorker Straßen … Wo eine solche erscheint, erregt sie Aufsehen, schon ihr scharfes Läuten macht sie auffällig … Was uns der Mann da aufbinden will, das ist einfach unmöglich. Wie ich erfahren habe, hatte er erst eine halbe Stunde Dienst getan, nach vollen zwei Tagen Ruhezeit … Ich meine, in 48 Stunden lässt sich viel aushecken!« Er lachte geräuschvoll. »Jedenfalls behaupte ich, dass der Mann lügt!« Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Nein und abermals nein!«, ereiferte er sich. »Was uns Mullen aufzutischen wagt, ist entweder ein Spiel seiner Fantasie oder wohlberechneter und nicht einmal geschickt erfundener Schwindel!«

In Nick Carters Mienen regte sich nichts; auch seine Augen verrieten nicht das Geringste von den sich kreuzenden Gedanken hinter seiner kraftvoll geformten Stirn. Die Worte des Bankdirektors erregten ihn ungleich mehr, als er es sich selbst zugestehen wollte. Der Mann vor ihm missfiel ihm gründlich. Schon der erste Eindruck, von welchem Nick sich mit Vorliebe leiten ließ, war ein schlechter gewesen, denn hinter dem vornehm selbstbewussten und sich doch wieder jovial gebenden Finanzmann witterte sein Spürsinn den unaufrichtigen, ja direkt gemeinen Charakter. Die Entdeckung des Locksteps hatte ein Übriges getan. Nick hatte schon im Begriff gestanden, in dem Bankpräsidenten zugleich auch einen der Bankräuber zu sehen – und doch hatte diese Annahme durch die fachliche Darlegung Wilsons, wonach nur durch Vermittlung des Nachtwächters ein von den Schutzgesellschaften unbemerkt gebliebenes Betreten der Bankräume möglich gewesen war, einen schweren Stoß erlitten.

Selbst wenn Wilson vermittels seines Schlüssels die Bank hätte zur Nachtzeit betreten wollen, würde der Alarmapparat in Tätigkeit getreten sein – es sei denn, dass der Wächter die Sicherung zuvor abgestellt hatte. In diesem Fall lagen zwei Möglichkeiten vor, entweder Präsident und Wächter hatten sich zum Bestehlen der Bank verbunden oder Wilson hatte von seiner Autorität Gebrauch gemacht und dem Wachmann befohlen, die Alarmapparate abzustellen, weil er eine nächtliche Revision wünschte. Doch eine dieser Möglichkeiten war immer unwahrscheinlicher als die andere. Unmöglich konnte der Präsident, verfolgte er wirklich derart verbrecherische Absichten, seinen geringsten Beamten ins Vertrauen ziehen und sich dadurch in dessen Gewalt begeben. Wilson war nicht der Mann, der sich eine solche Dummheit zuschulden kommen ließ, die ihn unmöglich machte, widerstand der Untergebene der Versuchung und erstattete Anzeige.

Wie aber sollte der Wächter – war er ein ehrlicher Mann – den Befehl seines Brotgebers deuten, den Alarm abzustellen, also gröblich seine Pflicht zu verletzen? Er wusste, dass dem Präsidenten das Betreten der Bankräume auch zur Nachtzeit freistand; seine Pflicht gebot ihm sogar gelegentliche nächtliche Revisionen! Wie kam er dazu, die Abstellung des Alarms zu befehlen, er, der sich den Schutzgesellschaften gegenüber doch jederzeit ausweisen konnte! Der Wächter hätte doch mit Dummheit geschlagen sein müssen, wäre ihm ein solcher Befehl seines obersten Vorgesetzten nicht verdächtig vorgekommen.

Nick Carter begriff schon jetzt, dass er vor der Aufgabe stand, einen der verwickeltsten und schwierigsten Fälle in seiner gesamten Praxis zu lösen!

»Well!«, begann er. »Wir werden gut tun, Mr. Wilson, die ganze Aussage dieses Mullen von Beginn miteinander durchzugehen, um Klarheit zu schaffen!«

»Ganz meine Meinung!«, pflichtete der Präsident bei, sich behaglich im Sessel zurechtrückend.

»Beginnen wir also damit, wie Mullen seiner Versicherung nach gerade in Erfüllung seiner erst kurz zuvor begonnenen Dienstpflicht die Wallstreet hinaufschritt und an dem Haus hier vorüber kam. Hier nun setzt er mit der Behauptung ein, dass beim ungewissen Licht der Morgendämmerung der Wachmann die Treppenstufen heruntergetaumelt kam und tödlich verwundet unmittelbar vor seinen Füßen niederbrach. Ob die Flügeltür bereits offenstand oder erst von dem Mann aufgestoßen wurde, darüber hat Mullen sich nicht ausgelassen«, unterbrach er sich.

Wilson schüttelte mit dem Kopf.

»Ich stellte auch keine derartige Frage.«

»Well, fahren wir fort! Mullen nahm dann an der Broadwayecke, unmittelbar bei der Trinity-Church, einen Mann mit einem Handkoffer wahr. Er rief den Mann an, und dieser eilte zu seinem Beistand. Er sprach dem Policeman zu, den Verwundeten seiner Fürsorge zu überlassen und sich selbst in die Bank zu begeben. Als Mullen gerade die Schwelle überschritt, wurde er niedergeschlagen und …«

»So behauptet Mullen!«, rief Wilson mit sarkastischem Lächeln ein.

»Ah!«, machte Nick gedehnt. »Diese Aussage halten Sie für erlogen?«

»Gewiss, ich bin der Meinung, dass der Mann hier mit seinem Lügengewebe einsetzt!«

»Nun, Ihre Vermutung in Ehren, doch fahren wir mit dem Bericht fort!«, meinte der Detektiv gelassen. »Mullen wurde seiner Behauptung nach überfallen, er brach unter den mörderischen Streichen nieder, es gelang ihm jedoch, bei Besinnung zu bleiben … Er heuchelte nur Bewusstlosigkeit. Dadurch gelang es ihm, die drei Bankräuber genau zu beobachten. Er sah auch die Ambulanz vorfahren und nahm wahr, wie der Körper des Wächters aufgeladen wurde. Es entging ihm weder, dass die Beute der Bankräuber gleichfalls in die Ambulanz verstaut wurde, noch der weitere Umstand, wonach der eine Mann die Banktür von außen zuschloss und so lange vor dieser Aufstellung nahm, bis seine Kumpane sich in Sicherheit gebracht hatte. Dann sah er noch, wie der Mann, der ein erstaunlich kaltblütiger Verbrecher sein muss, in aller Gemütsruhe seines Weges ging.«

»Ja – und nun kommt der Haken!«, warf Wilson spöttisch ein. »Dieser erstaunliche Policeman muss um die Ecke schauen können, denn er behauptet schlankweg, dass der Verbrecher sich zur Hochbahnstation am Hanover Square begab.«

»Nun, warum sollte er dies nicht behaupten?«, schaltete Nick anscheinend naiv ein, den anderen erstaunt dabei anblickend.

»Aber ich bitte Sie!«, rief Wilson und schlug die beringten Hände zusammen. »Mullen behauptet, hier in der Bank eingesperrt gewesen zu sein … Wie kann er da wissen, dass unser Mann sich ausgerechnet gerade nach Hanover Square begab?«

Nick Carter lächelte nachsichtig.

»Vergessen Sie nicht, dass der Mann Polizist und sozusagen schon beruflich verpflichtet ist, logisch zu denken und zu schlussfolgern«, meinte er dann. »Zugegeben, auf den ersten Blick erschient die Mullen’sche Behauptung abenteuerlich und geradezu unglaubhaft. Doch sehen wir zu! Unser Mann hätte zum Beispiel eines der nach Brooklyn führenden Fährboote benutzen können. Ohne Weiteres leuchtet ein, dass eine solche Absicht ausgeschlossen war, weil seine Freunde sich in eine ganz andere Richtung begeben hatten – und schon aus dem ganzen Verhalten der Männer, ihrem Auseinandergehen, war zu schließen, dass sie schon zuvor eine unmittelbar an die Ausführung des Verbrechens sich anschließende Zusammenkunft verabredet hatten. Die beiden Gehilfen und der fremde Mann mit dem Handkoffer hatten sich zwar in verschiedene Richtungen entfernt, doch nur einer von ihnen war zu dem unteren Teil der Stadt gefahren, woraus zu entnehmen war, dass sich die Gesellschaft das verabredete Stelldichein in der entgegengesetzten Richtung zu geben gedachte. Wollte also unser Mann sich gleichfalls zur oberen Stadt begeben, so konnte er in die von ihm eingeschlagene Richtung nur die Hochbahnstation am Hanover Square benutzen. Sie ist die nächste und zweckentsprechende. Fulton-Street-Station ist weiter und der Weg zu ihr führt hart an der Old Slip Polizeistation vorüber. Das lieben Leute vom Schlag unseres Mannes nicht. Offenbar überdachte Mullen all dieses, während er hier in der Bank in halb bewusstlosem Zustande eingeschlossen war. Meiner Ansicht nach verdient er, falls sein Bericht auf Wahrheit beruht, Anerkennung für die von ihm bewiesene Umsicht!«

»Nun, das ist alles recht schön, Mr. Carter«, warf Wilson ungeduldig ein. »Ich meine jedoch, es handelt sich weniger darum, darüber nachzudenken, an was dieser Mullen möglicherweise gedacht haben kann, als darum, wie man am besten der Einbrecher habhaft werden könnte.«

»Ich bin auf dem besten Wege hierzu, Mr. Wilson!«, entgegnete Nick lächelnd.

»Unmöglich!«, ereiferte sich der Präsident. »Offen gestanden, ich begreife nicht, was Sie veranlassen kann, diese nahezu überführten beiden Verbrecher in Schutz zu nehmen …«

»Sprechen Sie von ihrem Wachmann und dem armen Mullen?«

»Von beiden! Mir scheint deren Schuld sonnenklar erwiesen. Welche Privatperson wäre imstande, eine Ambulanz für verbrecherische Zwecke zu benutzen und sich die Dienste eines Policeman in voller Uniform zu sichern! Ich glaube dabei, es handelt sich um eine Verabredung zwischen dem Wächter und Mullen! Der Letztere hat in seinen zwei freien Tagen alles vortrefflich vorbereitet und sich seiner Verbündeten versichert. Ich weiß mit dem Ambulanzdienst zu wenig Bescheid, um mich in Bezug auf den Wagen bestimmt äußern zu können. Zunächst bezweifle ich, dass eine Ambulanz verwendet wurde. War dies der Fall, so ist es leicht denkbar, dass der Kutscher eines derartigen Fuhrwerks mit im Komplott ist. Er machte eben einen Umweg an unserer Bank vorbei.«

»Und um die Sache wahrscheinlicher zu machen, verletzte Mullen nicht nur sich selbst, sondern brachte auch seinen Spießgesellen ums Leben?«, schaltete der Detektiv ironisch ein.

»Aber lieber Herr, ich habe so viel Günstiges von Ihrem Scharfsinn gehört – es wundert mich, offen gestanden, dass Sie so empfänglich für … für Ammenmärchen sind!«, entrüstete sich Wilson. »Wer sagte Ihnen denn, dass unser Wächter totgeschlagen wurde? Die paar Blutspuren draußen auf Treppe und Trottoir? Du lieber Himmel, die lassen sich leicht fabrizieren! Und wer sagt Ihnen ferner, dass der Wächter in einer Ambulanz fortgebracht wurde? Dieser Mullen scheint mir ein geriebener Halunke zu sein … Es sollte mich nicht wundern, hätte er die Frechheit, mich und meine beiden Vizepräsidenten als die Einbrecher zu bezeichnen!«

Er lachte kurz und hart auf.

Nick blieb ernst. Er saß im Sessel zurückgelehnt und betrachtete den immer eifriger Sprechenden mit einem Blick überlegener Ruhe.

»Mr. Wilson!«, versetzte er. »Unsere Zeit ist zu kostbar, um sie an solche Erörterungen zu verschwenden. Wer einbrechen will, muss auch einbrechen können, das heißt: Er muss fähig sein, Verschlüsse zu öffnen, welche nicht berührt werden können, ohne fünf Schutzgesellschaften auf den Posten zu bringen.« Er wehrte mit der Hand ab. »Verstand ich Sie richtig, so hatten Sie heute früh 350.000 Dollar in bar zu zahlen?«

»Das stimmt!«, entgegnete Wilson zurückhaltend, als ob er nicht recht wüsste, was der Detektiv mit seiner Frage bezweckte.

»Nun, ich habe mir sagen lassen, die Barreserven dieser Bank betragen über eine Million.«

»Das stimmt gleichfalls!«, räumte der Präsident ein.

»Gesetzt den Fall, ich hätte weitere 350.000 Dollar auf Sie zu ziehen, so würde ihnen deren Auszahlung heute Morgen keine Schwierigkeiten machen?«

»Nicht die geringsten.«

»Dann hätten Sie auch nicht nötig gehabt, die Summe bereits gestern Nachmittag zurechtzulegen? Da es dennoch geschah, so geht daraus hervor, dass sie bereits von der bevorstehenden Abhebung der Summe in Kenntnis gesetzt worden waren.«

»Aber selbstverständlich!«, warf Wilson hastig ein. »Die Abhebung sollte sogleich nach Beginn der Geschäftsstunden geschehen.«

»Und Sie haben nun statt der gestohlenen Summe andere 350.000 Dollar gezahlt?«, fragte der Detektiv harmlos.

Seine Frage schien den Bankier zu irritieren. Er spielte nervös mit dem an einem seidenen Schnürchen über seiner Weste hängenden goldenen Zwicker.

»Wie … wie meinen Sie das?«, erkundigte er sich unsicher.

»Aber ich spreche doch deutlich genug, verehrter Herr!«, meinte Nick gelassen. »Ich will wissen, ob die fragliche Summe heute – also etwa vor Stundenfrist«, setzte er mit einem flüchtigen Blicke auf die feierlich tickende Wanduhr hinzu, »abgehoben worden ist.«

»Bis jetzt noch nicht«, entgegnete Wilson zögernd. »Das wird aber im Laufe des Tages sicher geschehen.«

»Wollen Sie mir sagen, wer diese Summe abheben wird?«

Der Präsident lachte nervös auf.

»Bester Herr, das hat doch mit unserem Einbruch nichts zu tun!«, rief er unmutig. »Ich muss es ablehnen, mich über Geschäftsangelegenheiten zu äußern!«

»Well, Mr. Wilson, Sie werden bald begreifen, warum ich diese Frage an Sie stellte«, bemerkte Nick, der nach wie vor äußerst gelassen blieb. »Ihr Bankkunde muss doch aus einem bestimmten Grund gerade eine Viertelmillion in Papier und den Rest in Gold bestellt haben.«

»Vermutlich, doch das kümmert mich nicht!«

»Der Auftrag wurde höchstwahrscheinlich ihrem Kassierer erteilt?«

Wilson schüttelte mit dem Kopf.

»Nein, die Order ging direkt an mich, und ich gab sie an den Kassierer weiter.«

»War der Wachmann in der Lage, etwas von dieser Order zu erfahren?«

»Das ist ganz ausgeschlossen!«, verwahrte sich der Präsident. »Ich erteilte dem Kassierer den Auftrag hier in meinem Büro unter vier Augen und befahl ihm strengste Geheimhaltung an.«

»Nun, dann kann der Wächter also von dem Vorhandensein der 350.000 Dollar überhaupt keine Ahnung gehabt haben?«

»Allerdings nicht«, räumte der Präsident ein.

»Nun sagen Sie selbst, dass der in der Bank befindliche Bargeldvorrat drei- bis viermal mehr beträgt als die geraubte Summe. Glauben Sie wirklich, dass Ihr Wächter und Mullen, angenommen, sie haben die Bank beraubt, sich damit begnügten, ausgerechnet die für den Sonderzweck zurecht gelegten 350.000 Dollar stehlen und sonst keinen Cent? Also gerade eine Summe, von deren Vorhandensein sie keine Ahnung haben konnten?«

»Der Einwand ist hinfällig«, widersprach der Präsident. »An den eigentlichen Bargeldvorrat kann kein Dieb heran, denn der befindet sich unter sogenanntem Zeitverschluss. Schon das Stahlgewölbe allein, in welchem sich der Tresor befindet, kann nur durch drei Schlüssel zugleich geöffnet werden. Der Raub wurde dagegen an einem Geldschrank begangen, der sich im Verschlag des Kassierers befindet und wo in der Regel nur das bei Bankschluss vorrätige Wechselgeld eingeschlossen wird.«

»Solches Wechselgeld war auch gestern vorhanden?«, erkundigte sich Nick leichthin, in seinem Taschenbuch blätternd. Wilson nickte und griff nach einem vor ihm liegenden Papierblatt. »Hier ist der Tagesrapport des Kassierers; aus ihm geht hervor, dass gestern bei Bankschluss 11.748 Dollar 86 Cent vorhanden waren.«

»Und diese Summe wurde nicht geraubt?«

»Nein, sie ist vorhanden.«

»Sie befand sich aber in demselben Schrank, in welchem die zurecht gelegten Banknotenbündel untergebracht waren?«

Der Präsident nickte nur.

»Da das Wechselgeld nicht gestohlen wurde, so folgert daraus, dass die Einbrecher es einzig auf die zurecht gelegten 350.000 Dollar abgesehen hatten. Sie müssen also von dem Vorhandensein dieser Summe und auch darum gewusst haben, dass Letztere sich nicht unter Zeitverschluss, sondern in einem gewöhnlichen Geldschrank befand«, meinte Nick Carter mit erhobener Stimme. »Wie kommt es, dass, entgegen der von den Schutzgesellschaften erlassenen Vorschrift, eine derartige Summe im offenen Banklokal untergebracht wurde?«

»Das geschah auf meine Anordnung hin!«, entgegnete der Präsident abweisend, nervös mit den Fingern auf der Tischplatte trommelnd. »Ich erwähnte schon, dass die Summe gleich nach Eröffnung der Bank abgehoben werden sollte. Die Schlüssel zum Zeitverschluss befinden sich in meinem, des ersten Vizepräsidenten und des Hauptkassierers Verwahrung. Ich selbst pflege sonst nicht vor halb elf zu erscheinen, und mein Stellvertreter kommt noch später. Zur Erledigung des in den Frühstunden ohnehin nur belanglosen Geschäftsverkehrs reichen die Wechselkasse und die Eingänge bis dahin vollkommen aus. Der Zeitverschluss wird deshalb erst um elf Uhr geöffnet, befindet sich also auch jetzt noch unter Verschluss.«

»Nun«, fiel Nick scharf ein, »dann sind nur zwei Möglichkeiten vorhanden. Einmal kommt der Mann in Betracht, welcher das Geld bestellt hat und wusste, dass es für ihn bereitgehalten wurde.«

Wilson unterbrach ihn lachend. »Ausgezeichnet!«, rief er amüsiert. »Der in Betracht kommende Kunde ist vielfacher Millionär und …«

»Er heißt?«, unterbrach ihn Nick rasch.

»Das geht Sie nichts an, mein Lieber!«, widersprach der Präsident eifrig. »Ich bürge dafür, dass dieser Mann den Einbruch nicht begangen hat!«

»Wer spricht von ihm! Doch er kann Angestellte oder …«

»Nichts mehr davon, ich bitte Sie!«, unterbrach ihn Wilson von Neuem schroff. »Jegliche derartige Erörterung ist überflüssig!«

»Nun, dann bleiben als mutmaßliche Täter nur noch diejenigen Männer übrig, welche einmal von dem Vorhandensein der Summe wussten, deren Aufbewahrungsort kannten und denen es schließlich bekannt war, dass gerade diese Banknoten und keine anderen den Nummern nach nicht bekannt waren.« Er hatte mit raschem Griff den Tagesrapport des Kassierers vom Tisch aufgenommen. »Da haben wir es ja, der Kassenbestand an Banknoten ist nach Nummern geordnet … Die Einbrecher hatten also ihren Grund, sich an den 11.748 Dollar nicht zu vergreifen!«

»Sollten Sie etwa meinen, Mr. Carter, dass …«

»Ich meine gar nichts, außer, dass es Narrheit ist, den Wachmann und Mullen der Täterschaft zu bezichtigen!«, fiel Nick Carter ebenso scharf ein.

Wilson lachte nervös auf. »Nun, dann bin ich wirklich begierig darauf zu erfahren, wen Sie im Verdacht haben!«, versetzte er spöttisch.

»Ich verdächtige niemanden!«, lautete die entschiedene Antwort. »Ich stelle dagegen fest, dass das Geld nur von jemandem geraubt worden sein kann, der über die inneren Geschäftsgepflogenheiten dieser Bank genau orientiert ist. Von jemandem also, der wusste, dass die Bündel mit der Viertelmillion in den Nummern nach nicht bekannten Banknoten samt den 100.000 Dollar in bar in dem zur Aufbewahrung des Wechselgeldes dienenden Geldschrank gelegt worden waren. Von jemandem ferner, der mit dem Alarmdienst der Schutzgesellschaften genau vertraut war und wusste, dass er in seinem verbrecherischen Beginnen zwischen sechs und sieben Uhr morgens nicht gestört werden konnte. Von jemandem weiter, der genau wusste, dass der Wächter sein frühzeitiges Erscheinen in der Bank nicht beanstanden würde. Es lässt sich nämlich denken, dass dieser Jemand sich dem Wächter von außen bemerkbar machte und ihn unter der Vorgabe, seinen Schlüssel vergessen zu haben, veranlasste, den Alarmapparat abzustellen … von jemandem also schließlich, der in dieser Bank eine leitende Stellung einnimmt!«

Höchst gereizt sprang Wilson von seinem Stuhl auf und starrte den Detektiv mit vor Ärger gerötetem Gesicht an.

»Was soll diese unverschämte Verdächtigung bedeuten?«, kreischte er auf.

»Nicht mehr und nicht weniger, als dass Sie mich um meine Ansicht befragt und diese nun erfahren haben!«, entgegnete Nick Carter, der sich gleichfalls erhoben hatte. »Sie wünschen meine Dienstleistungen in dieser Sache, und ich verweigere meinen Beistand! Dagegen werde ich mich zum Hospital begeben und Mullen meine Dienste anbieten – und auch dem unglücklichen Wächter, falls ich ihn ausfindig machen kann! Und lassen Sie es sich gesagt sein, ich werde nicht eher ruhen, bis ich den wirklich Schuldigen entdeckt und ihn samt seinen Helfershelfern zum Staatszuchthaus Sing-Sing gebracht haben werde! Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen, Herr Präsident!«

Nick Carter verneigte sich kurz und förmlich und verließ das Bankgebäude.