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Ein Ostseepirat Band 2 – Kapitel 28

Carl Schmeling
Ein Ostseepirat
Historischer Roman, Zweiter Band
XXVIII. Eigentümliche Wirkung

Der Schließer hatte zwar am Abend die Damen eine auch vielleicht für ihn recht erfreuliche Nachricht gebracht; denn es ist zu vermuten, dass der Inspek­tor auch seine Untergebenen schlecht behandelte.

Doch als am anderen Tage bekannt wurde, welche Folgen die dem guten Mann zugestoßenen Wider­wärtigkeiten außerdem noch hatten, bekam auch der Schließer einen Schreck.

Was seinen Vorgesetzten passiert war, selbst den höchsten Grad der Schuld bei ihm angenommen, durchaus kein so schweres Vergehen; ja, wenn die Sache gehörig untersucht würde, durfte derselbe so­gar gänzlich unschuldig befunden werden.

Dessen ungeachtet war derselbe nun entlassen, hatte Amt, Stellung, und was noch mehr bedeutete, sogar sein Brot verloren – was musste also wohl dem geschehen, der seine Pflicht so weit vergessen, dass er gerade das Gegenteil von seinen Obliegenheiten vorgenommen hatte.

Es gibt Leute, die ihre Verbrechen und Ver­gehen erst kennenlernen, wenn sie förmlich mit der Nase darauf gestoßen werden. Zu diesen gehörte offenbar der Schließer.

Diese Kategorie von Menschen ist in der Re­gel charakterlos; aus Mangel an Grundsätzen ver­gessen sie so leicht ihre Pflicht, wenn Gewinn lockt, wie sie leicht in das Gegenteil umschlagen, wenn Gefahr droht.

Von Gewissensbissen, und namentlich von Angst wegen der Folgen, welche ihn treffen konnten, wenn seine Verbindung mit den Gefangenen oder gar die mit dem Freischiffer entdeckt wurde, gefoltert, ging der Mensch fast den ganzen Tag in höchster Unruhe umher.

Die Verbindung und seine Mitwirkung zur­ Flucht der Gefangenen aufzugeben, diesen Entschluss fasste er sehr bald, doch zeigte ihm das Schicksal seines Vorgesetzten eines Teils sein eigenes, so bewies es ihm auch, dass die Macht des Menschen, der einen Dienst erkauft, ziemlich weit reichte.

Der Mensch stand also gleichsam zwischen Feuer und Wasser und so viel wurde ihm bald klar, dass er seiner vorgesetzten Behörde nichts entdecken könne, ohne Folgen für sich zu fürchten.

Bei immer wiederholter Überlegung fiel ihm endlich ein, dass der Oberst Staelswerd die Damen gefangen genommen, also auch wohl ein Interesse an ihrer Verurteilung haben möge.

Hieran reihten sich leicht die Gerüchte über Dinge, die zwischen dem Obersten und dem Frei­schiffer zum Nachteil des Ersteren sich ereignet haben sollten und ein sonderbares Gewäsch, welches seit Kurzem aufgetaucht war, sogar von einem zärtlichen Verhältnis der Gemahlin des Obersten zu dem Freischiffer wis­sen wollte.

Der Oberst schien also dem wankelmütigen Menschen der Haken zu sein, an den er sich hän­gen könne, der Schirm, hinter den er sich flüchten müsse, um gegen alle Eventualitäten, die sein Leicht­sinn herbeiführen könne, geschützt zu sein.

So weit gekommen, eilte denn auch der Mann in einer ihm gehörenden Stunde davon, zu der Fährstraße und zu dem Gouvernementshaus, das er mit laut pochendem Herzen betrat.

Der Oberst war zu Hause und jener ließ sich melden. Staelswerd horchte hoch bei dem Besuch auf, brachte denselben sofort mit seinen Gefangenen in Verbindung und befahl, den Mann hereinzuführen.

Der Schließer erschien im Zimmer, jedoch so unsicher und schüchtern, dass er erst kein Wort her­vorbringen konnte. Staelswerd sah sich daher ge­nötigt, ihn zuerst anzureden. Er sagte: »Gewiss im Auftrag der gefangenen Frauen, mein Freund, doch ich kann nichts für dieselben tun, ich stehe in keiner Beziehung zu dem Rat oder dem Gouvernementsgericht!«

»Eure Gnaden!«, stotterte der Schließer, es ist nicht deswegen; dero Gnaden wissen, was unserm Herrn Kracht passiert ist?«

»Freilich, der Mensch ist ein Esel, und für ihn werde ich nichts tun, wenn ich auch könnte. Hat der Rat bereits einen Nachfolger ernannt?«

»Noch nicht bis jetzt; aber ich wollte nur mel­den, dass ich sicher bin, wenn der Herr Kracht auf Veranlassung des Freischiffers in eine unangenehme Lage gekommen wäre!«

»Sooo!«, machte der Oberst gedehnt, »woher weiß er das, was weiß er überhaupt von dem Piraten?«

»Gnädiger Herr, unsereins ist nie recht sicher, wie er handeln soll, und ich weiß es in diesem Fall besonders nicht, wie ich mich zu benehmen habe und ob ich nicht schon in dem, was ich getan habe, fehlte!«

»Nun lasse Er nur einmal hören!«

»Euer Gnaden versprechen mir wohl, da ich in Ihrem Interesse gehandelt zu haben glaube, wenn mich dabei eine Schuld trifft, bei meiner vorgesetzten Behörde zu vertreten!«

»Unbedingt, wenn es ist, wie Er sagt, und in diesem Fall denke ich, werde ich schon` in einiger Beziehung zu dem Rat stehen!«

»Es erschien bei mir vor einigen Tagen ein Mann, der mir Geld bot, wenn ich den gefangenen Frauen einen Zettel zustecken wollte!«

»Wirklich?«

»Ja, Euer Gnaden, ich tat, als ob ich auf das Anerbieten eingehe, und nahm das Geld. Als jener mich so willig sah, gab er mir noch mehr und ließ mich für die Bedürfnisse der Frauen nach Mög­lichkeit sorgen!«

»Ei, ei!«

»Ich nahm auch dieses Geld, und nun rückte er endlich mit dem Vorschlag heraus, ihm bei der Be­freiung der Frauen behilflich zu sein. Ich sagte auch dies zu, nahm alles und versprach, ihn wieder zu treffen. Meine Absicht war, sofort Anzeige von diesem Vorfall zu machen, doch ich musste berück­sichtigen, dass meine anscheinende Bereitwilligkeit fal­schen Deutungen unterliegen könne, und deshalb zögerte ich!«

In den Augen des Obersten flackerte ein eigen­tümliches Feuer auf. Es war ihm nicht schwer zu erkennen, dass eine solche Deutung vollkommen rich­tig sei; doch sich schnell besinnend, gab er sich den Anschein, als glaube er den vorgegebenen Absichten des Menschen.

»Und der Brief?«, fragte er, »wo ist der Brief?«

»Den habe ich vernichtet.«

»Das war dumm.«

»Ich weiß jedoch seinen Inhalt.«

»Und derselbe lautet?«

»Es war gesagt, dass man wisse, was mit den Frauen geschehen. Dieselben müssten indessen den Mut nicht verlieren, sondern hoffen, man werde sie befreien. Außerdem solle noch der Inspektor an demselben Abend unschädlich gemacht werden.«

»Das ist stark!«, rief Staelswerd überrascht.

»Ja, Eure Gnaden; aber es ist so geschehen und deshalb muss ich mich auch nach dieser Seite zu decken suchen.«

»Das ist richtig – und der Mensch, mit dem Er in Unterhandlung gestanden, ist er wieder er­schienen?«

»Bis jetzt noch nicht, doch ich zweifle nicht da­ran, dass er der Freischiffer selbst war und sich wie­der einfinden wird.«

Der Oberst machte einige Gänge durch das Zimmer, um zu überlegen; dann nahm er schwei­gend eine Summe Geld aus einer Schublade und gab sie dem Schließer. »Wenn sich jener Bursche wieder sehen lässt«, sagte er, »so fordert Er ihn zu einer neuen Zu­sammenkunft auf, und bringe mir Bescheid über wie, wo und wann. Im Übrigen schweige Er gegenüber jeden, um nur meinen Anweisungen zu folgen. Ich werde ihn in jeder Hinsicht schützen.«

Der Mann ging und der Oberst begann die Sache von A bis Z zu durchdenken.