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Jim Buffalo – 12. Abenteuer – Kapitel 2

Jim Buffalo,
der Mann mit der Teufelsmaschine
Veröffentlichungen aus den Geheimakten des größten Abenteurers aller Zeiten
Moderner Volksbücher-Verlag, Leipzig, 1922

Das Gefängnis im Wasserturm
Das 12. Abenteuer Jim Buffalos

2. Kapitel

Schloss Keandy

Ein unheimliches Fahrzeug raste durch die Nacht.

Unterschied es sich schon durch seine sonderbare Bauart und seinen sechs Rädern von ähnlichen Automobilmaschinen, so trugen überdies die gräulichen, auf die Wände des Wagens gemalten Teufelsfratzen dazu bei, ihm einen gespenstischen Anblick zu verleihen.

Mit zweihundert Kilometer Stundengeschwindigkeit raste das Fahrzeug über die Landstraßen.

Die Teufelsmaschine war es, die ihren Herrn nach Schloss Keandy brachte.

Das Schloss lag sechs Stunden Bahnfahrt von New York inmitten prächtiger Waldungen und einem See, den man den Geistersee genannt hatte. Woher die Bezeichnung stammte, wusste Jim Buffalo nicht.

Wahrscheinlich war einmal irgendetwas Geisterhaftes an dem See geschehen und nun war er Geistersee genannt worden.

Die Teufelsmaschine brauchte zur Zurücklegung der Fahrt keine sechs Stunden!

Eine Stunde und fünfzehn Minuten hatte Jim Buffalo zur Fahrt vorgesehen.

Seiner Berechnung nach musste das Schloss in zwanzig Minuten vor ihm auftauchen, wenn er in der gleichen stürmenden Geschwindigkeit dahinschoss.

Um jedoch nicht irgendwelcher ungekannten Gefahr oder irgendwelchen Zwischenfällen in die Arme zu laufen, stoppte er die genial konstruierte Maschine ab und fuhr mit halber Geschwindigkeit weiter. Er würde noch vor Mitternacht das Schloss erreichen, während Mr. Hamilton, der Hausmeister des Schlosses, dieses erst infolge schlechter Bahnverbindung morgen früh erreichte.

Jim Buffalo fuhr sinnend durch die Nacht.

Der Mond beleuchtete mit seiner ganzen Fläche die Erde und machte die Gegend ringsumher fast taghell.

Jim Buffalo sah zur Uhr.

Noch zehn Minuten …

Plötzlich stutzte er.

Im Licht des Mondes sah er einige zwanzig Meter voraus eine dunkle Gestalt mit gekreuzten Armen unbeweglich am Straßenrand stehen.

Jäh bremste er.

Direkt neben dem nächtlichen Wanderer hielt die Teufelsmaschine an.

Ein Mann war es.

Seine Augen funkelten in einem bösen Feuer und erschienen um so glühender, da sein Gesicht mit einer totenähnlichen Blässe bedeckt war.

War es das fahle Licht des Mondes, das den Mann direkt unheimlich erschienen ließ, oder war es seine Persönlichkeit selbst?

Jim Buffalo beschloss, auf der Hut zu sein.

Wenn wirklich auf dem Schloss an dem Erben ein Verbrechen begangen war, so musste er hier jeden einzelnen Menschen vorerst als Gegner betrachten.

Die Männer maßen sich sekundenlang mit forschenden Blicken.

Dann öffnete der bleiche Mann den Mund.

»Was suchen Sie hier?«

Jim Buffalo glaubte ein leises Drohen in der Stimme zu vernehmen.

»Ich will nach Eddiecout.«

Eddiecout war das Dorf, welches dem Schloss am nächsten lag.

»Dann sind Sie auf falschem Weg! Drehen Sie augenblicklich um!«

»Oho! In solchem Ton lasse ich nicht mit mir sprechen!«

»Wenn Sie nicht im Zeitraum von drei Minuten gewendet haben, werde ich von meinem Recht Gebrauch machen!«, erklang es unbeirrt.

Jim Buffalo lachte laut auf.

»Und was ist das für ein Recht?«

»Das Recht, Sie nach dreimaliger Aufforderung rücksichtslos über den Haufen zu schießen!«

»Sie sind sehr liebenswürdig!«

»Ich fordere Sie zum zweiten Mal auf: Wenden Sie um!«

»Wer gab Ihnen das Recht?«

»Der Schlossherr von Keandy!«

»Sieh einer an. Und wer sind Sie?«

»Des Schlosses Parkwächter!«

»So — dann entschuldigen Sie tausendmal — es soll nicht wieder vorkommen. Aber vielleicht besitzen Sie die Güte, mich auf den rechten Weg zu weisen?«

»Drehen Sie um und fahren Sie den ersten Seitenweg rechts herunter.«

»Dann komme ich nach Eddiecout?«

»Dann besten Dank, Sir …«

Die Teufelsmaschine drehte um und fuhr zurück.

Bald war sie um eine Biegung verschwunden.

Finster sah ihr der Mann nach.

Dann schlug er hastig den Weg zum Schloss ein. Er betrat das stolze Gebäude nicht durch den Haupteingang, sondern durch eine schmale Seitenpforte, zu welcher er den Schlüssel in der Tasche trug.

Lautlos huschte er über die Gänge.

Vor einer breiten eichenen Flügeltür, aus deren Fugen schwacher Lichtschein fiel, machte er Halt.

Einen Augenblick zögerte er noch …

Dann klopfte er leise an die Tür.

Drinnen wurde hastig ein Stuhl gerückt.

Näherkommende Schritte wurden laut.

Dann tat sich die Tür auf.

John Keandy war es, der Onkel des verschwundenen Erben, der in der Tür erschien.

Sein Antlitz war übernächtigt, die Augen lagen tief in den Höhlen und die Nerven zuckten unter der Hand.

Forschend blickte er auf den Draußenstehenden.

»Was gibt es, Leed?«

»Ein Automobil in unserem Forst, Herr …«

»Komm herein!«

Hastig trat der Parkwächter in das elegante Gemach.

Und wieder lag das Schloss in tiefem Schweigen. Nur die Bäume des Parks rauschten und der See sandte sein dumpfes Murmeln herüber.

Aus dem Zimmer John Keandys aber klang noch lange ein leises Flüstern.

Die ganze Nacht brannte die Lampe, bis das fahle Grau des erwachenden Morgens den Horizont belebte.