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Stephen King – Fairy Tale

Fairy Tale von Stephen King

Stephen King
Fairy Tale

Fantasy, Hardcover, Heyne Verlag, München, September 2022, 880 Seiten, 28,00 Euro, ISBN: 978345373993. Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt

Der siebzehnjährige Charlie Reade hat in seinem Leben schon einiges mitmachen müssen: Als er elf Jahre alt ist, wird seine Mutter von einem Lastwagen auf einer Brücke überrollt und tödlich verletzt. Sein Vater verfällt daraufhin dem Alkohol, und das zwingt den Jungen, schnell erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen. In seiner Verzweiflung versucht er es sogar mit einem Gebet: Sollte der Vater mit dem Trinken aufhören, will er als Gegenleistung etwas finden, das er für andere tun kann. Und tatsächlich: Ein Ex-Kollege hilft Georgies Dad aus dem Sumpf und schleppt ihn zu den Anonymen Alkoholikern, der Junge vergisst sein Versprechen nicht und hält Ausschau nach einem Zeichen, wie er helfen kann.

Die Chance offenbart sich ihm, als er eines Tages am mysteriös wirkenden Haus (das wie das Haus aus dem Hitchcock-Film Psycho aussieht) des Eigenbrötlers Bowditch vorbeikommt und dessen als böswilliges Biest bekannten Schäferhund im Garten bellen hört – begleitet von leise Hilferufen. Der alte Mann ist von der Leiter gefallen und muss ins Krankenhaus. Georgie hat die Aufgabe gefunden, die man offenbar an höherer Stelle für ihn vorgesehen hat: Er soll sich um die alternde Hündin namens Radar kümmern und Bowditchs Haus im Auge behalten. Der ist sehr zurückhaltend, was seinen Besitz angeht und fasst erst allmählich Vertrauen zu dem Jungen. Besonders die Dinge die er in seinem Tresor verwahrt hat, will er schützen – und ganz besonders den kleinen, abgesperrten Geräteschuppen, aus dem Georgie manchmal seltsame Geräusche hört …

Von einem der auszog, und schon wusste, wie man sich fürchtet

Gewisse Umstände, die an dieser Stelle nicht verraten werden sollen, um die Spannung nicht zu verderben, führen dazu, dass Georgie schließlich hinter das Geheimnis des Schuppens kommt. Denn – es war anhand des Romantitels zu vermuten – darin befindet sich eine Art Portal in eine Welt jenseits unserer Welt, in ein gefallenes Königreich, in dem es Riesen, Prinzessinnen, sprechende Tiere und natürlich auch Bösewichte gibt, letztere in einer riesigen verlassenen Stadt, in der sie dafür sorgen, dass aus den einstmals blühenden und lebendigen Landschaften kranke, verlassene und graue Einöden werden.

Georgie, von den Schrecken seines bisherigen Lebens gut vorbereitet auf das, was ihm in dieser Welt bevorsteht, macht sich auf, sie zu erkunden und ihre Bewohner kennen zu lernen. Denn in der Stadt gibt es etwas, das er dringend benötigt, um ein Leben zu retten, das ihm sehr am Herzen liegt. Aber bald erkennt er, dass das nicht seine einzige Aufgabe hier ist und dass er erst wieder in seine Welt zurückkehren kann, wenn er sie erledigt hat.

Ein Meta-Märchen, das sich selbst erzählt

Da ist er wieder: Der Stephen King, der sich nach seinen maximal leicht übersinnlich angehauchten Krimis der Bill Hodges-Trilogie mit lesbarer Wonne darauf stürzt, den Leser in eine Fantasy-Welt hineinzureißen und ihn dort mit liebreizenden Figuren, grandiosen Beschreibungen von Landschaften, Gesellschaften und Orten und einer temporeichen Handlung so zu binden, dass er eigentlich gar nicht wieder gehen will. Dabei lässt er sich rund 300 der etwa 900 Seiten Zeit, erst einmal die Vorgeschichte zu erzählen und dann erst in die andere Welt abzutauchen, die – wie nicht nur sein Protagonist erkennt – deutlich von aller Art Märchen inspiriert ist.

Wobei Märchen in diesem Fall ein weit gefasster Begriff ist: Es gibt sehr deutliche, wenn nicht gar offen genannte Referenzen an Die unendlich Geschichte, Grimms Märchen, amerikanische Kindergeschichten wie Jack und die Bohnenranke, aber auch den Zauberer von Oz und – vielleicht am deutlichsten – den Cthulhu-Mythos, wie er von H.P. Lovecraft beschrieben wird. Wenn Georgie durch die verlassene Stadt irrt, sich Gebäude zu bewegen und Stimmen zu flüstern scheinen, dann weiß der geneigte Leser genau, was King da als Inspiration im Kopf hatte. Georgie ist nicht dumm und erkennt es quasi zusammen mit dem Leser, zieht seine eigenen Schlüsse daraus und kommt schon bald auf die Idee, dass eigentlich sein eigenes Leben auch märchenhafte Elemente aufweist – eine Erkenntnis, die sich für die weitere Handlung als elementar erweist.

Von dunklen Türmen und Talismanen

Das macht den großen Reiz von Fairy Tale aus: dieses Erkennen von Vorbildern, die King für seine Geschichte adaptiert und in seine Welt eingebaut hat – was dabei aber niemals gewollt wirkt, sondern organisch. Selbst auf eigene Arbeiten bezieht sich King: Anspielungen an seinen Opus magnum Der Dunkle Turm sind allgegenwärtig, von des Nachts heulenden Wölfen über die Viele-Welten-Theorie auf verschiedenen Ebenen bis hin zu optischen Erkennungsmerkmalen wie einem riesigen Feld mit roten Blumen. Georgies “Quest” erinnert dabei an Handlungen, wie sie Figuren wie Jack Sawyer aus Der Talisman (den King in den frühen 1980er-Jahren zusammen mit dem jüngst verstorbenen Peter Straub verfasste) oder Jake aus der Dunklen Turm-Saga durchleben. Und genau wie diese zu den aufregendsten und spannendsten Arbeiten der Fantasy-Seite von Kings Werk gehören, schafft es Fairy Tale, diesen bekannten, unwiderstehlichen Sog beim Lesen zu erzeugen.

Das schrittweise Aufbauen und Erklären der Welt zelebriert King bis ins epische, äußerst gelungene Finale hinein. Mit Blick auf das lange Vorspiel des Romans gibt es nur eine Passage, die zuvor ein wenig zu ausufernd geraten ist (Achtung, Spoiler!): George gerät in Gefangenschaft und muss sich in einer Art Gladiatorenkampf gegen andere Mithäftlinge beweisen. Hier stagniert die Handlung für etwa 100 Seiten und hätte auch kürzer gefasst werden können. Nichts desto trotz sind sie natürlich lesenswert! (Spoiler Ende!)

Fazit:
Stephen Kings Fairy Tale lässt den Geist seiner früheren Fantasy-Romane um den Dunklen Turm, Drachenauge und Der Talisman wieder aufleben und lässt dabei für den Leser genau dieses unendliche Staunen, mit dem man diese Geschichten als Jugendlicher, oder jetzt als Erwachsener, las, wieder auferstehen. Als Meta-Märchen, das reale, fiktive und interpretative Ebene miteinander verbindet, ist es eine meisterhafte Erzählung, die trotz Horrorelementen wohl die warmherzigste Geschichte ist, die Stephen King seit Langem erzählt. Mit Blick auf die aktuellen Krisen in der Welt ist das eine der schönsten Realitätsfluchen, die man sich wohl wünschen kann.

(sv)