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Die drei Musketiere – Zwanzig Jahre danach – 7. – 10. Bändchen – Kapitel XIV

Alexandre Dumas
Zwanzig Jahre danach
Siebentes bis zehntes Bändchen
Fortsetzung der drei Musketiere
Nach dem Französischen von August Zoller
Verlag der Frankh’schen Buchhandlung. Stuttgart. 1845.

XIV. Die Flucht

Trotz der Zeichen von Aufregung, welche die Stadt kundgab, bot das Palais-Royal, als d’Artagnan gegen fünf Uhr abends dahin ging, ein sehr heiteres Schauspiel. Darüber durfte man sich nicht wundern; die Königin hatte Broussel und Blancmesnil dem Volk zurückgegeben. Die Königin hatte nichts mehr zu befürchten, denn das Volk hatte nichts mehr zu verlangen. Seine Bewegtheit war ein Rest der Aufregung, der man Zeit sich zu beschwichtigen gönnen musste, wie es nach dem Sturm mehrerer Tage bedarf, bis sich die Wellen des Meeres legen.

Es fand ein kleines Festmahl statt, wobei die Rückkehr des Siegers von Lens als Vorwand diente. Die Prinzen und Prinzessinnen wurden eingeladen; ihre Karossen füllten den Hof seit Mittag. Nach dem Mahl sollte Spiel bei der Königin sein.

Anna von Österreich strahlte an diesem Tag von Geist und Anmut; nie hatte man sie heiterer Laune gesehen. Die Rache in der Blüte glänzte in ihren Augen und umspielte ihre Lippen.

In dem Augenblick, wo man von der Tafel aufstand, verschwand Mazarin. D’Artagnan war bereits an seinem Posten und erwartete ihn im Vorzimmer. Der Kardinal erschien mit lachender Miene, nahm ihn bei der Hand und führte ihn in sein Kabinett.

»Mein lieber Monsieur d’Artagnan«, sagte der Minister, sich setzend, ich will Euch den größten Beweis von Zutrauen geben, den ein Minister einem Offizier geben kann.«

D’Artagnan verbeugte sich und erwiderte: »Ich hoffe, dass ihn mir Monseigneur ohne einen Hintergedanken und mit der Überzeugung gibt, dass ich desselben würdig bin.«

»Der Würdigste von allen, mein lieber Freund, denn Ihr seid es, an den ich mich wende.«

»Wohl«, sprach d’Artagnan, »ich gestehe, Monseigneur, dass ich seit geraumer Zeit auf eine solche Gelegenheit warte. Sagt mir also geschwind, was Ihr mir zu sagen habt.«

»Mein lieber Monsieur d’Artagnan«, erwiderte Mazarin, »Ihr werdet heute Abend das Heil des Staates in Euren Händen haben.«

Er hielt inne.

»Erklärt Euch, Monseigneur, ich warte.«

»Die Königin hat beschlossen, mit dem König eine kleine Reise nach Saint-Germain zu machen.«

»Ah, ah!«, rief d’Artagnan, »das heißt, die Königin will Paris verlassen?«

»Ihr begreift, Frauenlaune.«

»Ja, ich begreife sehr gut.«

»Deshalb ließ sie Euch diesen Morgen kommen und beauftragte Euch, diesen Abend um fünf Uhr abermals zu erscheinen.«

»Es war wohl der Mühe wert, mich schwören zu lassen, von dieser Bestellung mit niemand zu sprechen«, murmelte d’Artagnan. »Oh! Die Frauen, sind sie auch Königinnen, so bleiben sie doch immer Frauen!«

»Solltet Ihr etwa diese Reise missbilligen, mein lieber Monsieur d’Artagnan?«, fragte Mazarin unruhig.

»Nein, Monseigneur, warum dies?«

»Weil Ihr die Achseln zuckt.«

»Es ist meine Art, mit mir selbst zu sprechen, Monseigneur.«

»Ihr billigt also die Reise?«

»Ich billige sie ebenso wenig, wie ich sie missbillige, Monseigneur, ich erwarte Eure Befehle.«

»Gut. Man hat auf Euch die Blicke geworfen, um den König und die Königin nach Saint-Germain zu bringen.«

»Doppelter Schelmenstreich!«, sprach d’Artagnan zu sich selbst.

»Ihr seht wohl«, versetzte Mazarin, als er das gleichgültige Wesen von d’Artagnan wahrnahm, »dass das Heil des Staates, wie ich Euch sagte, in Euren Händen ruhen wird.«

»Ja, Monseigneur, und ich fühle die ganze Verantwortlichkeit eines solchen Auftrags.«

»Doch Ihr übernehmt ihn?«

»Ich willige stets ein.«

»Haltet Ihr die Sache für möglich?«

»Alles ist möglich.«

»Dürftet Ihr auf dem Weg angegriffen werden?«

»Es ist wahrscheinlich.«

»Was werdet Ihr in diesem Fall tun?«

»Ich werde durch diejenigen dringen, welche mich angreifen.«

»Und wenn Ihr nicht durchdringt?«

»Desto schlimmer für sie, dann reite ich über sie weg.«

»Und Ihr bringt den König und die Königin wohlbehalten nach Saint-Germain?«

»Ja.«

»Bei Eurem Leben?«

»Bei meinem Leben.«

»Ihr seid ein Held, mein Teurer!«, sprach Mazarin und betrachtete den Musketier voll Bewunderung.

»Und ich?«, sagte Mazarin nach kurzem Stillschweigen, d’Artagnan fest anschauend.

»Wie, Ihr, Monseigneur?«

»Und ich, wenn ich reisen will?«

»Das wird schwierig sein.«

»Wieso?«

»Eure Eminenz kann erkannt werden.«

»Selbst unter dieser Verkleidung?«, sagte Mazarin.

Er hob einen Mantel auf, der ein Fauteuil bedeckte, auf welchem ein vollständiger perlgrauer und granatfarbiger, ganz mit Silber verbrämter Reiteranzug lag.

»Wenn sich Eure Eminenz verkleidet, wird die Sache leichter.«

Mazarin gab aufatmend ein gedehntes »Ah!« von sich.

»Aber man wird tun müssen, was Eure Eminenz, wie sie uns einst sagte, an unserer Stelle getan hätte.«

»Was meint Ihr?«

»Man muss Nieder mit Mazarin! schreien.«

»Ich werde schreien.«

»Aber in gutem Französisch, gebt gut auf den Akzent Acht; man hat uns in Sizilien sechstausend Anjouer umgebracht, weil sie das Italienische schlecht aussprachen. Nehmt Euch in Acht, dass die Franzosen sich nicht an Euch für die sizilianische Vesper rächen.«

»Ich werde mein Möglichstes tun.«

»Es sind viele bewaffnete Menschen auf den Straßen«, fuhr d’Artagnan fort; »seid Ihr überzeugt, dass niemand den Plan der Königin kennt?«

Mazarin dachte nach.

»Es wäre ein schönes Geschäft für einen Verräter, was Ihr mir da antragt, Monseigneur; der Zufall eines Angriffs wurde alles entschuldigen.«

Mazarin schauerte, aber er bedachte, dass ein Mensch, der zu verraten beabsichtigte, nicht darauf aufmerksam machen würde.

»Ich traue nicht jedermann.« sagte er lebhaft. »Zum Beweis mag dienen, dass ich Euch gewählt habe, um mich zu geleiten.«

»Reist Ihr nicht mit der Königin?«

»Nein.«

»Dann reist Ihr nach der Königin?«

»Nein«, erwiderte Mazarin.

»Ah!«, rief d’Artagnan, der zu begreifen anfing.

»Ja, ich habe meine Pläne«, fuhr Mazarin fort, »mit der Königin verdopple ich ihre schlimmen Chancen; nach der Königin verdoppelt ihre Abreise die meinen; ferner … ist der Hof einmal gerettet, so kann man mich vergessen; die Großen sind undankbar.«

»Das ist wahr«, sagte d’Artagnan und warf unwillkürlich einen Blick auf den Diamant der Königin, den Mazarin am Finger trug.

Mazarin folgte der Richtung dieses Blickes und drehte sachte den Kasten des Ringes nach innen.

»Ich will sie also verhindern, undankbar gegen mich zu sein«, sagte Mazarin.

»Es ist Christenpflicht, seinen Nächsten nicht in Versuchung zu führen«, sprach d’Artagnan.

»Gerade deshalb will ich vor ihnen abreisen.«

D’Artagnan lächelte; er war ganz der Mann, diese italienische List zu begreifen.

Mazarin sah ihn lächeln und benutzte den Augenblick.

»Ihr werdet also damit anfangen, dass Ihr mich aus Paris bringt, nicht wahr, mein lieber Monsieur d’Artagnan?«

»Ein schwerer Auftrag«, antwortete d’Artagnan wieder mit ernster Miene.

»Aber«, versetzte Mazarin und schaute ihn so aufmerksam an, dass ihm kein Ausdruck seiner Physiognomie entgehen konnte, »aber Ihr habt nicht alle diese Bemerkungen in Beziehung auf den König und die Königin gemacht?«

»Der König und die Königin sind mein König und meine Königin, Monseigneur«, antwortete der Musketier, »mein Leben gehört ihnen, ich bin es ihnen schuldig. Sie verlangen es von mir, ich habe nichts zu sagen.«

»Das ist richtig«, murmelte Mazarin ganz leise, »aber da dein Leben nicht mir angehört, muss ich es dir abkaufen, nicht wahr?«

Und einen Seufzer ausstoßend, fing er an, den Kasten des Ringes nach außen zu drehen.

D’Artagnan lächelte.

Diese zwei Männer berührten sich mit einer Spitze, mit der Schlauheit; hätten sie sich auch mit dem Mut berührt, so würde der eine mit dem anderen große Dinge vollführt haben.

»Doch Ihr begreift«, sprach Mazarin, »wenn ich diesen Dienst von Euch verlange, so geschieht es mit der Absicht, dankbar dafür zu sein.«

»Ist Monseigneur erst bei der Absicht?«

»Nehmt«, sagte Mazarin, den Ring von seinem Finger ziehend, »hier ist ein Diamant, der einst Euch gehört hat. Es ist billig, dass er zu Euch zurückkehrt; nehmt, ich bitte darum.«

D’Artagnan machte Mazarin nicht die Mühe, in ihn dringen zu müssen. Er nahm ihn, schaute den Stein an, ob es gewiss derselbe wäre, und steckte den Ring, nachdem er sich von der Reinheit des Wassers überzeugt hatte, mit einem unbeschreiblichen Vergnügen an seinen Finger.

»Ich hielt große Stücke darauf«, sagte Mazarin, den Diamant mit einem letzten Blick begleitend, »aber gleichviel, es macht mir Freude, Euch denselben zu geben.«

»Und ich, Monseigneur«, versetzte d’Artagnan, »ich nehme ihn, wie er mir gegeben wird. Sprechen wir nun von Euren kleinen Angelegenheiten. Ihr wollt vor allen anderen abreisen?«

»Ja, es ist mir viel daran gelegen.«

»Um welche Stunde?«

»Um zehn Uhr.«

»Und die Königin?«

»Um Mitternacht.«

»Dann ist es möglich; ich bringe Euch aus Paris, ich lasse Euch vor der Barriere und kehre zurück, um sie abzuholen.«

»Vortrefflich; aber wie wollt Ihr mich aus Paris bringen?«

»Oh! Das müsst Ihr mich machen lassen.«

»Ich gebe Euch Vollmacht, nehmt eine Eskorte, so stark, wie Ihr wollt.

D’Artagnan schüttelte den Kopf.

»Mir scheint es, das wäre das sicherste Mittel«, sagte Mazarin.

»Ja, für Euch, Monseigneur, aber nicht für die Königin.«

Mazarin biss sich auf die Lippen. »Aber wie wollen wir dann zu Werke gehen?«

»Ihr müsst mich machen lassen, Monseigneur.«

»Hm!«, brummte Mazarin.

»Ihr müsst mir die Leitung des ganzen Unternehmens übergeben.«

»Doch …«

»Oder einen anderen damit beauftragen«, sagte d’Artagnan, den Rücken drehend.

»Ah!«, sprach Mazarin ganz leise, »ich glaube, er geht mit meinem Diamant.« Er rief ihn zurück.

»Monsieur d’Artagnan, mein lieber Monsieur d’Artagnan«, sprach Mazarin mit schmeichelndem Ton.

»Monseigneur?«

»Steht Ihr mir für alles?«

»Ich stehe für nichts; ich werde mein Möglichstes tun.«

»Euer Möglichstes?«

»Ja.«

»Nun gut, ich verlasse mich auf Euch.«

»Das ist ein Glück«, sagte d’Artagnan zu sich selbst.

»Ihr werdet also um halb zehn Uhr hier sein?«

»Und ich finde Euere Eminenz bereit?«

»Ganz gewiss.«

»Abgemacht also. Will mich Monseigneur nun zu der Königin führen?«

»Wozu?«

»Ich wünschte die Befehle Ihrer Majestät aus ihrem eigenen Mund zu empfangen.«

»Sie hat mich beauftragt, sie Euch zu geben.«

»Sie könnte etwas vergessen haben.«

»Es liegt Euch daran, sie zu sehen?«

»Es ist unerlässlich, Monseigneur.«

Mazarin zögerte einen Augenblick. D’Artagnan ging nicht von seinem Willen ab.

»Nun gut«, sagte Mazarin, »ich will Euch führen, aber kein Wort von unserer Unterredung.«

»Was unter uns gesprochen worden ist, geht nur uns an, Monseigneur.«

»Ihr schwört mir, stumm zu sein?«

»Ich schwöre nie, Monseigneur. Ich sage Ja oder Nein und halte mein Wort als Edelmann.«

»Ich sehe, dass ich mich unbedingt Euch ganz anvertrauen muss.«

»Glaubt mir, das ist das Beste, Monseigneur.«

»Kommt.«

Mazarin ließ d’Artagnan in das Betzimmer der Königin eintreten und hieß ihn warten.

D’Artagnan wartete nicht lange. Als er sich fünf Minuten in dem Betzimmer befand, erschien die Königin in großem Galakleid.

»Ihr seid es, Monsieur d’Artagnan?«, sagte sie freundlich lächelnd, »ich danke Euch, dass Ihr darauf bestanden habt, mich zu sehen.«

»Ich bitte Eure Majestät um Verzeihung«, erwiderte d’Artagnan, »aber ich wollte ihre Befehle nur aus ihrem eigenen Mund empfangen.«

»Ihr wisst, worum es sich handelt?«

»Ja, Madame.«

»Ihr übernehmt den Auftrag, den ich Euch anvertraue?«

»Dankbar übernehme ich den Auftrag.«

»Gut, seid um Mitternacht hier.«

»Ich werde mich einfinden.«

»Monsieur d’Artagnan, ich kenne zu gut Euren uneigennützigen Charakter, um in diesem Augenblick von meiner Dankbarkeit zu sprechen, aber ich schwöre Euch, dass ich diesen zweiten Dienst nicht vergessen werde, wie ich den ersten vergessen habe.«

»Es steht Euerer Majestät frei, sich zu erinnern und zu vergessen, und ich weiß nicht, was sie damit sagen will«, erwiderte d’Artagnan sich verbeugend.

»Geht, Monsieur«, sprach die Königin mit ihrem bezauberndsten Lächeln, »geht und kehrt um Mitternacht zurück.«

Sie machte ihm mit der Hand ein Zeichen des Abschiedes und d’Artagnan zog sich zurück, aber während er sich zurückzog, warf er einen Blick zu der Tür, durch welche die Königin eingetreten war. Er bemerkte unten an dem Vorhang die Spitze eines Samtschuhs.

»Gut«, sagte er, »Mazarin horchte, um zu erfahren, ob ich ihn nicht verriete. In der Tat, dieser Schuft von einem Italiener verdient nicht, dass ihm ein ehrlicher Mann dient.«

D’Artagnan war darum nicht weniger pünktlich beim Rendezvous; um halb zehn Uhr trat er in das Vorzimmer.

Bernouin wartete und führte ihn.

Er fand den Kardinal in Reitertracht. Mazarin sah sehr gut aus in dieser Kleidung, die er, wie wir erwähnten, mit großer Leichtigkeit trug. Er war nur bleich und zitterte ein wenig.

»Ganz allein?«, fragte Mazarin.

»Ja, Monseigneur.«

»Und der gute Monsieur du Vallon, werden wir uns seiner Gesellschaft nicht erfreuen?«

»Allerdings, Monseigneur, er wartet in seinem Wagen.«

»Wo?«

»Am Tor des Gartens vom Palais-Royal.«

»Wir gehen also in seinem Wagen ab?«

»Ja, Monseigneur.«

»Und ohne ein anderes Geleit als Euch beide?«

»Ist das nicht genug? Einer von beiden würde reichen.«

»In der Tat, mein lieber Monsieur d’Artagnan«, sagte Mazarin, »Ihr erschreckt mich mit Eurer Kaltblütigkeit.«

»Ich hätte eher geglaubt, sie müsste Euch Vertrauen einflößen.«

»Und Bernouin, nehme ich ihn mit?«

»Es ist kein Platz für ihn, er kann Eurer Eminenz nachfolgen.«

»Gut«, sagte Mazarin, »da ich in allem tun muss, wie Ihr es haben wollt.«

»Monseigneur, es ist noch Zeit zurückzutreten und Eure Eminenz ist völlig frei.«

»Nein, nein, gehen wir.«

Beide stiegen die geheime Treppe hinab. Mazarin stützte sich dabei auf d’Artagnan und der Musketier fühlte, wie der Arm des Kardinals zitterte.

Sie durchschritten die Höfe des Palais-Royal, wo noch einige Wagen verspäteter Gäste aufgestellt waren, erreichten den Garten und gelangten zu der Tür.

Mazarin versuchte es, sie mithilfe eines Schlüssels, den er aus der Tasche zog, zu öffnen, aber seine Hand zitterte dergestalt, dass er das Schlüsselloch nicht finden konnte.

»Gebt«, sagte d’Artagnan.

Mazarin gab ihm den Schlüssel, d’Artagnan öffnete und steckte dann den Schlüssel in seine Tasche. Er gedachte auf diesem Weg zurückzukehren.

Der Fußtritt war heruntergelassen, der Kutschenschlag offen. Mousqueton stand am Schlag, Porthos saß im Wagen.

»Steigt ein, Monseigneur«, sprach d’Artagnan.

Mazarin ließ sich das nicht zweimal sagen und sprang in den Wagen.

D’Artagnan stieg hinter ihm ein. Mousqueton schloss den Schlag wieder und schwang sich mit vielen Seufzern hinter dem Wagen auf. Er hatte einige Schwierigkeiten gegen die Reise erhoben, unter dem Vorwand, seine Wunde mache ihm noch Schmerzen.

Aber d’Artagnan entgegnete ihm: »Bleibt, wenn Ihr wollt, mein lieber Monsieur Mouston, aber ich mache Euch darauf aufmerksam, dass Paris in dieser Nacht abgebrannt wird.«

Hiernach hatte Mousqueton nichts mehr verlangt, sondern vielmehr erklärt, er wäre bereit, seinem Gebieter und Monsieur d’Artagnan bis an das Ende der Welt zu folgen.

Der Wagen ging in einem vernünftigen Trab, der nicht entfernt verriet, dass er Menschen enthielt, welche große Eile hatten. Der Kardinal trocknete sich die Stirn mit seinem Taschentuche ab und schaute um sich her.

Er hatte zu seiner Linken Porthos, zu seiner Rechten d’Artagnan. Jeder bewachte einen Schlag, jeder diente ihm als Wall.

Auf dem Vordersitz lagen zwei Paare Pistolen, ein Paar vor Porthos, ein Paar vor d’Artagnan. Die zwei Freunde hatten überdies jeder seinen Degen an der Seite.

Hundert Schritte vom Palais-Royal hielt eine Patrouille den Wagen an.

»Wer da?«, rief der Führer.

»Mazarin!«, antwortete d’Artagnan und brach in ein schallendes Gelächter aus.

Der Kardinal fühlte, wie sich die Haare auf seinem Haupt sträubten.

Der Spaß kam den Bürgern vortrefflich vor, denn als sie diesen Wagen ohne Waffen und ohne Geleit erblickten, hätten sie nie geglaubt, eine solche Unklugheit wäre wirklich möglich.

»Glückliche Reise!«, riefen sie und ließen den Wagen vorüberziehen.

»Nun«, sagte d’Artagnan, »was denkt Monseigneur von dieser Antwort?«

»Ihr seid ein Mann von Geist!«, rief Mazarin.

»Richtig«, sprach Porthos, »ich begreife.«

Gegen die Mitte der Rue des Petits-Champs hielt eine zweite Patrouille den Wagen an.

»Rückt zurück, Monseigneur«, sagte d’Artagnan.

Mazarin schob sich dergestalt zwischen die zwei Freunde, dass er hinter ihnen verborgen völlig verschwand.

»Wer da?«, wiederholte dieselbe Stimme ungeduldig.

D’Artagnan fühlte zugleich, dass man sich den Pferden an die Köpfe warf.

Er beugte sich mit dem halben Leib zu dem Wagen hinaus und rief: »He! Planchet.«

Der Führer näherte sich; es war wirklich Planchet. D’Artagnan hatte die Stimme seines ehemaligen Lakaien wiedererkannt.

»Wie, Monsieur, Ihr seid es?«, sagte Planchet.

»Ei, mein Gott, ja, mein Freund. Der liebe Porthos hat einen Degenstich bekommen und ich führe ihn zu seinem Landhaus in Saint-Cloud zurück.«

»Oh! wirklich?«, rief Planchet.

»Porthos«, versetzte d’Artagnan, »teurer Porthos, wenn Ihr noch sprechen könnt, so sagt ein Wort zu diesem guten Planchet.«

»Planchet, mein Freund«, sprach Porthos mit gepresster Stimme, »ich bin sehr krank und wenn du einen Arzt findest, so mache mir das Vergnügen, ihn zu mir zu schicken.«

»Ah! Großer Gott«, rief Planchet, »welch ein Unglück. Wie ist es denn geschehen?«

»Ich werde es dir erzählen«, sprach Mousqueton.

Porthos stieß einen Seufzer aus.

»Mache uns Platz, Planchet«, sagte d’Artagnan ganz leise, »oder er kommt nicht mehr lebendig nach Hause. Die Lunge ist verletzt, mein Freund.«

Planchet schüttelte den Kopf mit der Miene eines Menschen, der sagen will: In diesem Fall geht es schlecht.

Dann sich gegen seine Mannschaft umwendend: »Lasst den Wagen vorbei, es sind Freunde.«

Der Wagen fuhr weiter und Mazarin wagte es wieder zu atmen.

»Bricconi!«, murmelte er.

Einige Schritte, ehe man zu der Porte Saint-Honoré kam, begegnete man einer dritten Truppe. Diese bestand aus Menschen von schlimmem Aussehen, welche eher Banditen als irgendetwas anderem glichen. Es waren die Leute des Bettlers von Saint-Eustache.

»Aufgepasst, Porthos«, sagte d’Artagnan.

Porthos streckte die Hand nach seinen Pistolen aus.

»Was gibt es?«, fragte Mazarin.

»Monseigneur, ich glaube, wir sind in schlechter Gesellschaft.«

Ein Mann trat, eine Art von Sense in der Hand haltend, an den Kutschenschlag.

»Wer da?«, fragte dieser Mann.

»Ei, Bursche«, sagte d’Artagnan, »erkennt Ihr den Wagen des Monsieur Prinzen nicht?«

»Prinz oder nicht«, erwiderte der andere, »öffnet. Wir haben die Torwache und niemand kommt durch, ohne dass wir wissen, wer es ist.«

»Was ist zu tun?«, fragte Porthos.

»Bei Gott, nichts anderes, als fortzufahren«, erwiderte d’Artagnan.

»Wie dies?«, sagte Mazarin

»Mitten durch oder darüber weg. Kutscher im Galopp!«

Der Kutscher hob die Peitsche.

»Keinen Schritt mehr«, sprach der Mann, welcher der Führer zu sein schien, »oder ich schneide Euren Pferden die Haxen durch.

»Pest«, versetzte Porthos, »das wäre schade, die Tiere kosten mich zweihundert Pistolen.«

»Ich bezahle sie Euch doppelt«, sagte Mazarin.

»Ja, aber wenn man ihnen die Haxen abgeschnitten hat, so schneidet man uns den Hals ab.«

»Es kommt einer auf meine Seite«, sprach Porthos. »Soll ich ihn töten?«

»Ja, mit einem Faustschlag, wenn Ihr könnt. Wir wollen erst in der äußersten Not Feuer geben.«

»Ich kann es«, erwiderte Porthos.

»Kommt und öffnet also«, sagte d’Artagnan zu dem Mann mit der Sense, nahm eine von seinen Pistolen beim Lauf und schickte sich an, mit dem Kolben zu schlagen.

Der Mann näherte sich. Während er sich aber näherte, legte sich d’Artagnan, um freier in seinen Bewegungen zu sein, halb aus dem Schlag heraus. Seine Blicke hefteten sich auf die des Bettlers, welchen der Schimmer einer Laterne beleuchtete.

Ohne Zweifel erkannte er den Musketier, denn er wurde sehr bleich; ohne Zweifel erkannte ihn d’Artagnan, denn seine Haare sträubten sich auf seinem Haupt.

»Monsieur d’Artagnan!«, rief er, einen Schritt zurückweichend, »Monsieur d’Artagnan! Lasst den Wagen vorbei.«

Vielleicht war d’Artagnan im Begriff, zu antworten, als ein Schlag ertönte, dem einer Keule ähnlich, welche auf den Schädel eines Ochsen fällt: Porthos hatte seinen Mann tot zu Boden gestreckt.

D’Artagnan wandte sich um und sah den Unglücklichen vier Schritte vom Wagen auf der Erde liegen.

»Im stärksten Galopp!«, rief er dem Kutscher zu. »Angetrieben! Zugefahren!«

Der Kutscher versetzte seinen Pferden einen mächtigen Peitschenhieb. Die edlen Tiere sprangen auf. Man hörte ein Geschrei, wie von Menschen, welche niedergeworfen werden. Dann fühlte man einen doppelten Stoß; zwei Räder waren über einen biegsamen, runden Körper gegangen.

Es wurde einen Augenblick still. Der Wagen fuhr aus dem Tor.

»Zum Cours-la-Reine«, rief d’Artagnan dem Kutscher zu.

Dann sich gegen Mazarin umwendend, sagte er: »Nun, Monseigneur, könnt Ihr fünf Pater und fünf Ave beten, um Gott für Eure Befreiung zu danken. Ihr seid gerettet, Ihr seid frei!«

Mazarin antwortete nur durch ein gewisses Seufzen, er konnte kaum an ein solches Wunder glauben. Fünf Minuten danach hielt der Wagen an: Er war am Cours-la-Reine angelangt.

»Ist Monseigneur mit seiner Eskorte zufrieden?«, fragte der Musketier.

»Entzückt, Monsieur«, antwortete Mazarin und wagte es endlich, den Kopf ein wenig aus dem Schlag zu legen, »nur tut ebenso viel für die Königin.«

»Das wird weniger schwierig sein«, sagte d’Artagnan zu Boden springend. »Monsieur du Vallon, ich empfehle Euch Seine Eminenz.«

»Seid unbesorgt«, sprach Porthos, die Hand ausstreckend.

D’Artagnan nahm die Hand von Porthos und schüttelte sie.

»Aje!«, rief Porthos.

D’Artagnan schaute seinen Freund erstaunt an und fragte ihn: »Was habt Ihr denn?«

»Ich glaube, ich habe mir das Faustgelenk verstaucht«, erwiderte Porthos.

»Den Teufel, Ihr schlagt auch wie ein Tauber.«

»Ich musste wohl, mein Mann wollte eine Pistole auf mich abdrücken; aber Ihr, wie habt Ihr Euch des Eurigen entledigt?«

»Oh! Der meine«, sagte d’Artagnan, »das war kein Mensch.«

»Was war es denn?«

»Es war ein Gespenst.«

»Und …«

»Ich habe es beschworen.«

D’Artagnan nahm ohne weitere Erklärung die Pistolen, welche auf dem Vordersitz lagen, steckte sie in seinen Gürtel, hüllte sich in seinen Mantel und wandte sich, da er nicht durch dieselbe Barriere zurückkehren wollte, durch die er herausgekommen war, zur Porte Richelieu.