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Deutsche Märchen und Sagen 155

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

201. Der Brand von Ronse

An einem nebligen Tag des Jahres 1519 kam eine Frau, die in der Pfefferstraße zu Ronse wohnte, an die Tür, um einen Kessel voll schmutzigen Wassers in die Gosse zu gießen. Da sah sie von Weitem einen Menschen von sonderbarem Äußern sich nähern, der die stillen und einsamen Straßen durchschritt und die Häuser von oben bis unten beschaute, als wäre Wunder was daran zu sehen gewesen. Vor der Frau blieb er endlich stehen und glotzte sie dermaßen an, dass ihr der kalte Angstschweiß auf die Stirn trat. Sie goss in ihrer Not das Wasser schnell aus und wollte in ihr Haus flüchten.

Da hörte sie, wie der Unbekannte ihr nachrief: »O du närrisch Weib, du gießt dein Wasser weg und weißt nicht, wie sehr du es nötig haben wirst, ehe es Abend ist.« Nach den Worten setzte der Fremde seinen Weg fort und war bald aus ihren Augen.

Sie erzählte den Vorfall zu Hause, den Nachbarn, allen Bekannten; keiner aber konnte die rätselhaften Worte deuten.

Gegen elf Uhr erst erkannte man, was der Fremde hatte sagen wollen. Da heulte nämlich die Sturmglocke in gar jämmerlichen Tönen. Ein fürchterlicher Brand war ausgebrochen und das Feuer so heftig, dass alle Bemühungen, seiner Herr zu werden, nicht fruchteten.

Als es zu dunkeln begann, lagen schon mehr denn sechzig Häuser in rauchenden Trümmern.

Rechts gegenüber der Pfefferstraße wohnte der Pfarrer; der rief einige Bürger zu sich ans Fenster und fragte sie, wie es mit dem Brand stände. Als man ihm sagte, dass derselbe noch im grässlichsten Wüten sei, gab er den Bürgern etwas mit der Weisung: »Geht und werft das in das Feuer, und zwar da, wo es am heftigsten ist.«

Das taten die Bürger alsbald und das Feuer erlosch.

Zum Gedächtnis dieses wunderbaren Ereignisses wurde in Ronse eine jährliche Dankprozession gestiftet, welche heutzutage noch stattfindet.