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Kriminalakte 13 – Der vergessene Serienmörder

Der vergessene Serienmörder

Dies ist eine Akte, welche die in diesem Fall involvierten Personen auch heute noch schlucken lässt.

Es dauerte Jahre, um diese Mordserie aufzuklären. Unschuldige saßen zwischendurch hinter Gittern, bis der wahre Täter endlich gefasst wurde. Sechs Menschen hatte er umgebracht, die meisten davon zerstückelt, und doch kennt ihn auch heute noch kaum jemand.

Seine Akte ist nicht nur ein trauriges Kapitel in der deutschen Kriminalgeschichte, sondern auch eines der Gesellschaft unserer Republik.

Kurt-Friedhelm Steinwegs wurde am 5. Dezember 1960 in Viersen, in Niedersachsen, als fünftes von acht Kindern eines Gelegenheitsarbeiters und dessen junger Frau geboren. Er war noch keine zehn Jahre, als seine Mutter 1970 im Alter von nur 35 Jahren verstarb. Sein ebenfalls noch verhältnismäßig junger Vater war natürlich mit der Erziehung der acht Kinder total überfordert. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass zwei Jahre später seine neue Freundin bei ihm einzog, sie brachte nämlich noch ein weiteres Kind zu den bereits anderen acht in die Familie mit.

Das junge Paar war mit ihren nunmehr neun Kindern überfordert, deshalb verwunderte es auch niemanden, dass Kurts Vater bereits geraume Zeit später dessen jüngsten Bruder zur Adoption freigab und zwei weitere in ein nahes Kinderheim steckte. Ein vierter wurde straffällig und landete im Gefängnis. Eine Tat, die durchaus nachvollziehbar ist, wenn man weiß, dass alle Kinder geistig zurückgeblieben, schwer erziehbar und äußerst gewalttätig waren. Am besten lässt sich das bei Kurt-Friedhelm nachvollziehen, der 1974 das Schicksal seiner Geschwister teilte, als er in einem Jugendhort in Gifhorn, in Niedersachsen, untergebracht wurde, wo er kurz darauf als vierzehnjähriger dem 59jährigen Rentner Ernst Dorf wegen zwanzig Mark Beute mit einem Stein den Schädel einschlug. Diese Tat wurde erst Jahre später bekannt und auch nur aufgeklärt, weil Kurt-Friedhelm nach seiner späteren Verhaftung ein Geständnis ablegte.

Im April 1976 sah die Einrichtung keine weiteren Förderungsmöglichkeiten und beantragte eine Verlegung des fünfzehnjährigen Jungen. Schließlich kam er im Oktober 1976 in eine heilpädagogische Einrichtung im bayrischen Burglengenfeld, wo er schließlich im Juli 1977 wieder zu seinem Vater entlassen wurde, der inzwischen in Willich wohnte. In beiden Heimen verhielt er sich so bockig und aggressiv, dass keiner seiner Betreuer mit ihm zurechtkam.

 

*

 

In Willich, einem damals knapp 39.000 Einwohner zählenden Städtchen am Niederrhein im Westen von Nordrhein-Westfalen, angekommen, kam Kurt-Friederich bei seinem Vater unter, machte aber weder eine Ausbildung, noch ging einer geregelten Arbeit nach. Er bekam zwar eine Anstellung als Hilfskraft in einer hiesigen Gärtnerei, verlor diese aber wieder relativ schnell, weil er unpünktlich und lustlos war und oftmals einfach der Arbeit fernblieb. So reiste er zum Beispiel einer Kundin der Gärtnerei, für die er sich sexuell interessierte, die aber nichts von ihm wissen wollte, einfach vier Tage lang hinterher, statt in der Gärtnerei zu erscheinen. Nach seiner Kündigung zog er planlos durch die Stadt, stahl Mofas, brach Zigarettenautomaten auf und drang in Häuser ein. Er wurde zwar des Öfteren dabei erwischt, wurde aber von der Polizei nicht behelligt, da er als schwachsinnig galt. Etwas mehr als ein Jahr später, nachdem er in Willich angekommen war, ermordete er am 27. Oktober 1978 am Bahnhof den 13-jährigen Andrew Robinson. Andere Quellen sprechen vom 17. November, nachprüfen lässt sich das wegen der Unvollständigkeit der damaligen Akten aber nicht mehr genau. Durch die dilettantische Vorgehensweise der Behörden wurde der Fall nicht gelöst, selbst dann nicht, als er am 1. Juli 1979 in der Sendung Aktenzeichen XY ungelöst einem breiten Publikum vorgeführt wurde. Kurt Steinwegs wurde nicht einmal befragt, geschweige denn der Tat verdächtigt. 1979 landete Kurt in einem Heim in Engelberg bei Essen und arbeitete dort in der Schreinerei. Dort erschlug er im selben Jahr Albert Pomm, einen seiner Mitpatienten, nachdem sie in den nahen Wald gegangen waren, um Brombeeren zu pflücken. Albert war auch das erste Opfer, dem er, nachdem er ihn getötet hatte, den Penis abschnitt. Er versteckte die Leiche dann auf einem Schrottplatz, wo sie erst Jahre später durch Zufall gefunden wurde.

Noch im selben Jahr fiel ihm Christian Lichtenberg zum Opfer. Sie unternahmen am 25. Oktober einen Stadtbummel, bei dem Christian zufällig ein Hufeisen auf der Straße entdeckte und es in seine Tasche schob. Es sollte die letzte Tat in seinem Leben sein.

Kurt Steinwegs hatte dieses Hufeisen ebenfalls entdeckt und wollte es unbedingt in seinen Besitz bringen. Als Christian dies ablehnte, rastete Kurt komplett aus. Er schlug ihn nieder und trampelte ihn regelrecht zu Tode. Nachdem er auch ihm das Geschlechtsteil abgetrennt hatte, verscharrte er ihn nahe der Bahnlinie Essen Zell.

Es mutete seltsam an, dass ein junger Mann, psychisch krank, schwachsinnig, geistig nicht weiter als ein zehnjähriges Kind, von seinem ersten Mord an bis zu seiner Verhaftung im Jahr 1984, also ganze zehn Jahre lang, insgesamt sechs Menschen tötete, keine Spuren hinterließ und nebenbei den gesamten Polizeiapparat von Nordrhein-Westfalen zum Narren hielt.

Doch inzwischen weiß man, dass nicht nur die Ermittlungsbehörden eine Schuld trifft, sondern auch unsere Gesellschaft.

Aber dazu später mehr.

 

*

 

Im Oktober 1981 kam Kurt im Wuppertaler Alphaheim unter, das mit seinen alternativen Methoden bei geistig behinderten Menschen schon große Erfolge verzeichnen konnte. So veranstalteten sie einen Segeltörn nach Dänemark, der aber damit endete, dass Kurt einen Dänen namens Jan Nielsen ermordete und im Hafenbecken versenkte, nachdem er ihm ebenfalls sein Geschlechtsteil abgeschnitten hatte. Auch hier geriet Kurt zu keiner Zeit unter Verdacht.

Er wurde aus was für Gründen auch immer in die Landesklinik nach Viersen zurückverwiesen, wo er schließlich in der Klinik mit dem wohlklingenden Namen Schöne Aussicht in Simmerath, einer knapp 16.000 Einwohner zählenden Gemeinde untergebracht wurde.

Hier fanden im nahen Wald im Februar 1984 Jäger die Leiche von Willy Fleischer, einem Mitpatienten von Kurt Steinwegs.

Trotz weit vorgeschrittener Verwesung stellte die Gerichtsmedizin fest, dass auch Fleischer der Penis abgeschnitten wurde, wie zuvor bereits Andrew Robinson und Jan Nielsen. Die Polizei ging danach von einem Serienmörder aus, den die Presse, nachdem seine Taten publik wurden, als das »Monster vom Niederrhein« bezeichnete.

Es war dann schließlich Kommissar Zufall, der den ermittelnden Behörden zur Hilfe kam.

Fleischers Leiche war bereits in einem derartigen Verwesungszustand, dass man ihn kaum noch identifizieren konnte. Aber dann entdeckte die Spurensicherung eine Wäschenummer an der schon fadenscheinigen Kleidung des Toten, die es ihnen ermöglichte, die Leiche dem schon seit längerer Zeit vermissten Willy Fleischer aus dem Behindertenheim Schöne Aussicht zuzuordnen.

Danach ging dann alles sehr schnell seinen Weg. Erst recht, als eine Pflegerin, die meistens Spätschicht hatte, sich daran erinnerte, dass der Kurt einmal in der Gruppe behauptet hatte, der Willy Fleischer ist tot und das, obwohl Fleischer bis zu diesem Zeitpunkt lediglich als vermisst galt.

Steinwegs wurde verhaftet und zunächst nur zu Fleischers Tod verhört. Er schwieg aber zu den Anschuldigungen und zeigte sich auch in den weiteren Vernehmungen nicht kooperativ.

Was schließlich der Grund für sein Eingeständnis war, weiß bis heute immer noch niemand.

Jedenfalls richtete sich Kurt Steinwegs plötzlich in seinem Stuhl auf und sagte laut und deutlich:

»Der Willy war nicht der Einzige, ich habe insgesamt sechs Menschen umgebracht!«

 

*

 

Die Polizei ging zunächst davon aus, dass sich Kurt Steinwegs wichtigmachen wollte, bei seinem Geisteszustand sicherlich naheliegend. Aber dann lieferte er ihnen derart detaillierte Beschreibungen der Tatorte und des Tathergangs, dass schnell klar wurde, er war tatsächlich der Mörder all dieser Menschen. Dieses Wissen hatte nur der Mörder selbst. Die beiden Männer, die bisher im Gefängnis gesessen hatten, waren somit unschuldig und kamen sofort wieder frei. Ein fader Beigeschmack blieb trotzdem, denn eine öffentliche Rehabilitation der Männer gab es nicht.

Die Behörden mussten sich der Frage stellen, warum Kurt-Friedhelm Steinwegs so lange unerkannt morden konnte. Sachverständige, ein Gerichtsreporter und Psychologen arbeiteten den Fall danach auf und stellten zum Teil Erschreckendes fest. Dass der Fall sich so lange hinzog, lag zum einen daran, dass die Morde quer über Nordrhein-Westfalen bis hin nach Dänemark geschahen. Die Behörden waren in den 70er und 80er Jahren noch nicht so vernetzt wie heute und es gab auch Kompetenzgerangel unter den einzelnen Dienststellen. Das Entscheidende jedoch und damit das Erschreckende war aber das Verhalten der Öffentlichkeit. Im Gegensatz zu den meisten anderen Mordfällen wurde die Polizei diesmal kaum unterstützt, es gab auch so gut wie keine Hinweise.

Und warum?

Weil es die Öffentlichkeit nicht interessierte!

Interesse, besser gesagt Sensationsgier kam erst auf, als schon alles vorbei war, als Kurt Steinwegs gestanden hatte und er als Monster vom Niederrhein durch die Presse geisterte. Und sie erlosch auch schon wieder, kaum dass Steinwegs am 21. März 1985 verurteilt wurde und für immer hinter Gitter musste. Es ist eine Tatsache, dass Serienmörder wie Jürgen Bartsch, Fritz Honka, Papa Denke oder Fritz Haarmann, deren Opfer Kinder, Jugendliche, Frauen oder Männer waren, noch heute bekannt sind. Aber Hand aufs Herz, wer weiß noch etwas über Kurt-Friedhelm Steinwegs, den Mörder von sechs betreuungsbedürftigen Menschen?

Es ist durch Umfragen, Vernehmungsprotokolle und Zeugenaussagen ganz klar dargelegt: Dem Großteil der Bevölkerung waren die Toten egal. Wäre es ein kleines Kind oder jemand aus der Nachbarschaft gewesen, der so grausam ermordet aufgefunden wäre wie Steinwegs Opfer, der Aufschrei wäre groß gewesen. Aber so, mein Gott, die Toten waren doch eh alle Deppen, Idioten, Schwachsinnige, wen kümmert es denn wenn einer von denen stirbt?

Im Gegenteil! »War es für einige von ihnen nicht sogar besser, wenn sie tot waren?

Beim Adolf hätte es damals so etwas nicht gegeben.«

Das ist jetzt keine provokante These, das sind Gedanken, die es damals bei manchen Menschen wirklich noch gab und die es auch heute, leider, noch immer gibt.

Wollen wir wirklich wissen, was da an so manchen Stammtischen, im heimischen Wohnzimmer oder beim Grillen mit dem Nachbarn in bierseliger Laune oft dahergeredet wird?

Quellenhinweise:

(gs)