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Carrier, der Erzteufel – Teil 10

Carrier, der Erzteufel, in eine Menschenhaut eingenäht, der in wenigen Monaten in der französischen Stadt Nantes mehr als fünfzehntausend Menschen von jedem Alter und Geschlecht erwürgen, ersäufen, erschießen, martern und guillotinieren ließ, ein blutdürstiges Ungeheuer und höllischer Mordbrenner
Zur Warnung vor blutigen Revolutionen
Von Dr. F. W. Pikant (Friedrich Wilhelm Bruckbräu)
Verlag der J. Lutzenbergerschen Buchhandlung, Altötting, 1860

Die barmherzige Schwester

Eine laute weibliche Stimme rief außerhalb der Tür: »Wo ist Sarot? Lasst mich hinein! Ich muss ihn sprechen; jetzt, gleich jetzt! Um Gotteswillen, lasst mich hinein!«

Das ist Eugenies Stimme!, dachte sich Ver­net mit bangem Herzen.
Sie war es. Sie riss die Tür auf und stürzte herein, leichenblass, mit aufgelösten Haaren, in einem grauen Gewand, mit härenem Gürtel, warf sich zu Sarots Füßen und umklammerte seine Knie in laut­loser Todesangst.

»Du bist es, unsere einzige barmherzige Schwester, die wir hier haben  allgemein bekannt unter dem Namen der Engel von Nantes! Du kennst sie nicht, Vernet; du hast gegen die Vendeer gekämpft, als man ihren Vater, einen Aristokraten und Feind der Republik nach Nantes schleppte. Der Alte sitzt drüben im Magazin, wird aber heute noch expediert werden.«

Bei diesen Worten bedeckte Eugenie seufzend und heftig schluchzend mit beiden Händen ihr Gesicht, noch immer auf den Knien liegend, den Kopf auf Sarots Stuhl stützend.

»Seit ihrer Ankunft vor 3 Monaten trägt sie nur diese Kleidung«, fuhr Sarot fort, zu Vernet gewendet, »und macht alle Dienste einer barmherzigen Schwester in den Spitälern und Kerkern. Deshalb lässt man sie leben.«

Er zog hier Vernet in eine Ecke und flüsterte ihm zu: »Sie wird auch gefürchtet, denn sie soll die Gabe besitzen, den Leuten ihr nahes Ende zu verkünden. Sie tut dies aber nur in der schrecklichsten Aufregung des Gemütes. Vor einigen Wochen drohte ihr der Tribunalrat Debreuil mit dem Tode. Sie erwiderte: ›Bestelle dein Haus! In 4 Stunden wirst du nicht mehr leben!‹ Debreuil lachte; aber in 4 Stunden hatte er wirklich ausgelacht, denn schon in der dritten, da er vom Tribunal nach Hause fuhr, fiel an einer Straßenecke der Wagen um und Debreuil brach sich glücklich den Hals. Seitdem mag ihr keiner mehr mit dem Tod drohen.«

Sarot ging zu Eugenie hin.

»So sprich doch einmal, Engel von Nantes, was willst du denn? Steh auf!«

»Sarot, mein alter Vater schmachtet im Magazin und soll heute sterben. Lass mich von ihm Abschied nehmen, damit meine kindliche Liebe ihm den bitteren Gang zum Tod versüße!«

»Nicht mehr als billig. Du bist ja in deinem Beruf. Da du das schweigend zugestandene Recht übest, selbst Fremden diesen Liebesdienst zu erweisen, so versteht sich dies von selbst bei deinem Vater. Vernet, ich muss noch einige Gänge machen; führe sie zu ihrem Vater in das Magazin hinüber! Nimm auch dieses Verzeichnis mit, verlese die Namen der Gefangenen und melde mir, ob sie alle dort sind.« Sarot entfernte sich.

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