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Rocambole – Das mysteriöse Vermächtnis – Teil 5

Pierre Alexis de Ponson du Terrail
Pariser Tragödien
Rocambole – Das mysteriöse Vermächtnis
Mystischer Roman aus dem Jahr 1867

V

Vierundzwanzig Stunden waren vergangen.

Rocambole lag im Bett, aber er hatte das Leben wiedergefunden und damit auch seine Geistesgegenwart.

Der Tod konnte in diesem stählernen Körper keinen Platz finden; der Wahnsinn kann diese hohe Intelligenz, die früher so schlecht eingesetzt wurde und die seit Langem von Reue berührt wird, nicht beeinträchtigen.

Das Kabarett der Mutter Camarde verfügt über ein Erdgeschoss und ein einziges Stockwerk.

Unten ist der Treffpunkt der Ravageurs, oben ist ein großer Raum, in den man Rocambole gebracht hatte.

Ein einziger Mann war bei ihm, Jean-le-boucher, der Henker, wie man ihn im Gefängnis nannte.

Dieser Mann wachte mit der Fürsorge einer Mutter über den Meister. Er war gleichzeitig sein Krankenwärter und sein Arzt.

In der Nacht zuvor hatten sich die Flößer und die Ravageurs mit den ersten Strahlen der Morgendämmerung getrennt.

Den ganzen Tag über kehrte das Harlekin-Kabarett in seine gewohnte trübe Stille zurück.

Die Bootsfahrer fuhren ohne Halt vorbei; der Bürger wandte den Kopf ab, als er die schreckliche Wirtin auf seiner Schwelle sitzen sah. Der Patissier kehrte zu seinen Grundleinen und Netzen zurück.

Als es wieder dunkel wurde, ging Jean-le-boucher ins Kabarett hinunter und sagte zur Camarde: »Der Meister ist noch sehr schwach da oben. Wenn sie heute Nacht Zug machen, wie sie es gewöhnlich tun, dann gehe ich hinunter und breche den Klatschern Arme und Beine.«

»Sei ruhig, Kamerad«, antwortete die Camarde, »bei mir wird nur Zug gefahren, wenn ich es erlaube, und ich werde es nicht erlauben. Wenn man die Ehre hat, einen Mann wie Monsieur Rocambole in seinem Haus zu haben, dann passt man auf.«

Die Camarde hielt ihr Wort.

Übrigens waren der Notar und Mort-des-braves da, um ihr zu helfen.

Die Ravageurs kamen wie üblich, aber sie sahen aus wie Schatten, und man trank, ohne die Gläser zu zerbrechen, und unterhielt sich leise.

Von Zeit zu Zeit kamen der Notar und Mort-des-braves auf die Zehenspitzen und fragten, wie es dem Verletzten ginge.

Dann stiegen sie wieder hinunter, und die Ravageurs sagten sich: »Wir werden bald einen berühmten Anführer haben!«

Der Zuckerbäcker, der einst all diese Männer in Angst und Schrecken versetzte, hatte innerhalb weniger Stunden seine Selbstachtung verloren.

Er wurde von vornherein entthront. Das Prestige von Rocambole war stark genug.

Selbst Mutter Camarde schien nicht mehr unter dem Einfluss des Patissier zu stehen.

Sie wäre stolz, wenn Rocambole zu ihr aufschauen würde.

Er war noch schwach, weil er viel Blut verloren hatte, und unterhielt sich mit Jean-le-boucher.

»Wo habt ihr mich rausgefischt?«, fragte er.

»Jenseits der Brücke von Grenelle, Maître.

Ein Gedanke ging Rocambole durch den Kopf.

»Ja«, sagte er, »da muss ich das Bewusstsein verloren haben. Mein ganzes Blut floss, als ich schwamm. Ich hatte die Seine überqueren wollen, was ohne meine Verletzung ein Kinderspiel für mich gewesen wäre, aber die Strömung hatte mich mitgerissen. Ich kämpfte vergeblich, meine Kräfte ließen mich im Stich. Ich griff nach einem Brett, das vor mir trieb, und mir fielen die Augen zu.«

»Dieses Brett hat dich gerettet, Meister.«

»Das glaube ich.«

»Aber … wo haben Sie sich die Wunde zugezogen?«

Bei dieser Frage zuckte Rocambole zusammen. Dann schaute er Jean-le-boucher aufmerksam an.

Dieser flüsterte zitternd.

»Meister, ich will nicht in deine Geheimnisse eindringen, wenn es dir nicht passt, zu sprechen.«

»Antworte mir zuerst«, sagte Rocambole, »wo sind wir?«

»Bei der Camarde.«

»Wer ist das?«

»Die Wirtin eines Kabaretts, das von Ravageurs, Gefängnisinsassen und einer Menge schlechter Menschen besucht wird.«

»Ist das die Frau, die mir vorhin die Brühe gebracht hat?«

»Ja, Herr.«

»Was hast du mit diesen Leuten zu tun?«

»Sie haben auch mich aus dem Wasser gefischt.«

»Du wolltest also ertrinken?«

»Ich wollte aus Verzweiflung über meinen Verrat an euch sterben.«

Rocambole schaute den Mann an und sah in seinen Augen eine solche Hingabe und Treue, dass er ihm die Hand reichte.

»Aber du warst im Gefängnis, wie ich, als ich dich das letzte Mal gesehen habe?«

»Ja, Herr.«

»Du bist geflohen!«

»Oh, ich hatte so große Angst, dass ich wieder ins Zuchthaus gehen und meinen alten Beruf wieder aufnehmen müsste!«

Und Jean erzählte Rocambole die Vorfälle seiner Flucht.

»Hör mir zu«, sagte der Meister, »ich bin für alle gestorben, die mich gekannt haben.«

»Für euch!«

»Außer für dich …«

Und als sich Jean-le-bouchers Erstaunen verdoppelte, sagte Rocambole: »Nicht aus Angst vor der Polizei. Sie hat versprochen, mich in Ruhe zu lassen. Und da du geflohen bist, wird sie dich nicht wieder einfangen, das verspreche ich dir.«

Ein hämisches Lächeln erhellte das animalische Gesicht des ehemaligen Henkers.

»Wahr?«, sagte er.

»Willst du mein einziger Gefährte sein?«

»Oh Meister, das will ich!«

»Ich hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Sie ist erfüllt. Wenn ich feige gewesen wäre, hätte ich mich umgebracht. Aber man hat nicht das Recht, sich selbst zu zerstören. Ich will die Menschen, die ich gekannt und geliebt habe, nicht mehr sehen. Sie werden mich für tot halten und glücklich leben. Aber vielleicht habe ich noch ein Werk, das ich in dieser Welt vollenden muss. Ich spüre, dass Gott mir noch nicht vergeben hat!«

Er sagte das mit einer tiefen, bewegten, fast feierlichen Stimme, dieser Mann, dessen Heilung die Ravageurs wünschten, um ihn zu ihrem Anführer zu machen.

Und Jean führte ehrfürchtig die Hand Rocamboles an seine Lippen und sagte zu ihm: »Meister, sprich, befehle! Du weißt, dass mein ganzes Blut dir gehört …«

»Hör zu«, sagte Rocambole. »Neulich Abend habe ich mich geprügelt, bis zum Äußersten …«

»Mit Timoleon?«

»Nein, mit einer Frau, die das Schwert wie ein Waffenmeister zieht. Das Leben dieses Kindes … dass du mich eines Abends dabei erwischt hast, wie ich durch die Bäume dieses großen Gartens, auf den das Fenster meiner Mansarde hinausging, blickte …«

»Rue de la Ville-l’Évêque?«

»Ja. Das Leben dieses Kindes war der Einsatz des Kampfes. Diese Frau hat mich besiegt, aber als sie mich schlug, hatet sie sich in meinem Schwert verfangen.

»Oh, ich weiß, wer sie ist … es ist die Russin.

»Ja.

»Und sie ist tot, nicht wahr?

»Ich weiß es nicht, aber ich habe das Kind in meine Arme genommen und bin durch den Garten geflohen. Als ich auf dem Kai war, legte ich das ohnmächtige Kind auf den Boden und dachte, dass meine Begleiter es finden würden. Dann stieg ich zum Ufer hinunter und sprang ins Wasser. Zuerst dachte ich daran, zu ertrinken, aber dann sagte ich mir, dass ich nicht das Recht hatte, aus dem Leben zu scheiden, und so wollte ich die Seine überqueren und es so aussehen lassen, als wäre ich tot, denn ich hinterließ eine breite Blutspur. Den Rest weißt du ja.«

»Nun gut«, sagte Jean.

»Nun, ich möchte wissen, ob Milon und Vanda das Kind gefunden und ob sie es seiner Mutter zurückgegeben haben. Geh nach Paris und sei vorsichtig.«

»Aber wenn ich sie sehe, was soll ich ihnen sagen?«

»Nichts.«

»Und wenn sie dich beweinen … wie tot?«

»Du wirst sie weinen lassen. Ich will wissen, wo das Kind ist, das ist alles.«

»Aber Meister«, sagte Jean-le-boucher, “wenn du geheilt bist …«

»Was ist mit dir?«

»Sie werden doch nicht unter diesen Banditen bleiben?«

»Vielleicht …«, meinte Rocambole. »Wer weiß, vielleicht ist das die neue Aufgabe, die mir zugedacht ist?«