Archive
Folgt uns auch auf

Jim Buffalo – 10. Abenteuer – Kapitel 1

Jim Buffalo,
der Mann mit der Teufelsmaschine
Veröffentlichungen aus den Geheimakten des größten Abenteurers aller Zeiten
Moderner Volksbücher-Verlag, Leipzig, 1922

Eine unterirdische Höllenfahrt
Das 10. Abenteuer Jim Buffalos

1. Kapitel

Die Nacht vom 14. zum 15. September

Als Guy, der greise Kammerdiener des alten Lords, in das Gesindezimmer trat, verstummte mit einem Schlag das Gespräch der vier Männer, die sämtlich seit vielen Jahren im Dienst Lord Jersons standen.

»Draußen ist es Nacht geworden«, murmelte Guy und zog die Tür hinter sich zu. Ein Schauer kroch den anderen über den Rücken.

Einer der Diener trat auf Guy zu.

»Es wird bestimmt in dieser Nacht sein?«, raunte er.

Der Alte zuckte die Achseln. Seine Augen waren feucht geworden und seine Hände zitterten. Sein Blick hing wie gebannt auf dem Kalenderblatt, das den 14. September zeigte.

»Noch vier Stunden bis Mitternacht«, flüsterte er.

Das war das Letzte, was im Laufe der nächsten sechzig Minuten gesprochen wurde.

Um neun Uhr schrillte plötzlich die Klingel zweimal kurz hintereinander.

Die Männer fuhren auf und sahen sich scheu an.

»Der Lord!«, murmelte Guy.

Langsam schritt er hinaus. Je mehr er sich den Gemächern näherte, die Lord Jerson bewohnte, desto höher schlug sein Herz. Leise klopfte er an die hohe, eichene Tür. Dann trat er ein.

In dem behaglich ausgestatteten Raum brannte statt des Kronleuchters nur eine batikbespannte Tischlampe, die nur einen schwachen Lichtkreis spendete, aber das Zimmer in ein anheimelndes, gemütliches Aufenthaltsörtchen verwandelte.

Auf dem breiten Diwan lag Lord Jerson. Sein langer Bart war verblichen und tiefe Furchen durchzogen sein Gesicht, aus dem ein paar müde, ehrliche Augen hinter dichten, weißen Augenbrauen hervorblickten. Beim Anblick des greisen Dieners, der seit seiner Jugend um ihn war, trat ein Ausdruck unendlicher Güte in das faltige Antlitz.

»Komm näher, Guy«, sagte er leise. »Ich habe dich noch einmal gerufen – es wird das letzte Mal in meinem Leben sein.«

Guy sank erschüttert an dem Diwan nieder.

»Herr!«, schluchzte er. Weiter brachte er nichts hervor, aber die Tränen liefen aus seinen Augen und fielen auf des Lords gütige Hand, der Hand, die nur Gutes in der Welt vollbracht hatte.

»Mach mir den Abschied nicht schwer, Guy«, sprach der Lord leise. »Wir müssen alle sterben, und ich bin 74 Jahre auf Erden gewandelt. Ich darf mich nicht beklagen, wenn mich ein Höherer heute zu sich ruft. Mir fehlte nichts in meinem Leben. Ich besaß Güter, Reichtum und liebe Menschen, die mich mit Zärtlichkeit umgaben. Ich gehe mit dem ruhigen Gefühl, einer guten Anzahl meiner Mitmenschen, die das Schicksal weniger bedachte als mich, aus Not und Sorgen geholfen zu haben. Meine Arbeiter, die einstmals den heute halb zerfallenen Stollen bevölkerten, gingen mit Tränen in den Augen von mir, als ich das Bergwerk wegen Unrentabilität schließen musste. Ich habe keine Feinde auf der Welt – nur Freunde …«

Der alte Kammerdiener barg schluchzend seinen Kopf in den Falten der Diwandecke.

»Herr …«, kam es zitternd von seinen Lippen. »Ich kann es nicht glauben …«

Lord Jerson sah träumend ins Leere.

»Auch ich war früher nicht abergläubisch«, erwiderte er leise, »aber diesmal – als mir die Frau aus der Hand weissagte, erklärte sie mir, mein Leben sei bald erloschen: Es würde ein Tag kommen, an welchem Hector, mein treuer Hund, unter furchtbaren Schmerzen verende. Von diesem Tag an sollte ich zu zählen anfangen. In der Nacht vom 10. auf den 11. Tag, die dem Todestag meines Hundes folgen würden, sei auch mein Leben beendet.

Sieh, Guy, Hector verendete vor zehn Tagen, so wie es die Frau vorausgesagt hat – heute nun ist meine Nacht gekommen – aber ich bin bereit …«

Stumm wurde es in dem Gemach.

Lord Jerson sah plötzlich auf die Uhr.

»Schon zehn«, murmelte er. »Ich hätte ihn gerne noch einmal vor meinem Tod gesehen und gesprochen. Aber er scheint fernzubleiben.«

»Wer, Herr?«

»Jim Buffalo.«

Der greise Kammerdiener nickte.

»Ich habe heute Nachmittag das Telegramm aufgegeben. Aber New York ist weit …«

»Was bedeuten Entfernungen für diesen Mann, der in seiner Teufelsmaschine zweihundert Kilometer in der Stunde fährt«, erwiderte der alte Lord. »Aber wer weiß, vielleicht befindet er sich gar nicht in den Vereinigten Staaten …«

Er unterbrach sich plötzlich und lauschte.

Auch Guy hob den Kopf. Ein gedämpftes Knattern scholl von draußen herein.

So schnell ihn seine Füße tragen konnten, eilte der Kammerdiener ans Fenster.

Sein Blick fiel auf ein unheimliches Fahrzeug. Im schwachen Mondlicht erkannte er einige grinsende Teufelsfratzen, die den Leib des Ungetüms bedeckten.

Als er dem Lord von seiner Beobachtung Mitteilung machte, huschte ein Schein ehrlicher Freude über das faltige Gesicht.

»Jim Buffalo ist es«, murmelte er. »Jim Buffalo mit seiner geheimnisvollen Maschine. Eile, Guy, ihm zu öffnen.«

Lautlos schlüpfte der Diener hinaus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.