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Das Buch vom Rübezahl – Teil 18

Das Buch vom Rübezahl
Neu erzählt von H. Kletke
Breslau, 1852

19. Rübezahls Mantel

Ein Görlitzer Tuchhändler reiste einmal über das Gebirge nach Schemberg auf den Jahrmarkt. Dieser Mann hatte einen Knecht, welcher für sein Leben gern den Rübezahl gesehen hätte und seinem Herrn so viel davon vorredete, dass dieser ihn endlich schweigen und still seines Weges fah­ren hieß. Nach einer Weile schlummerte der Kaufmann ein, denn der Wagen konnte des stei­nigen Bodens halber nicht rasch vorwärts.

Wie sie nun also langsam dahinfuhren, begegnete ihnen ein stattlicher Reiter auf einem prächtigen Pferd, der hatte einen schönen, scharlachroten, mit Gold und Edelsteinen besetzten Mantel um.

Der Reiter ritt dicht am Wagen vorbei, sodass ihn der Knecht genau betrachten konnte. Bald darauf verlor der Reiter seinen Mantel, hielt aber nicht an, um ihn aufzuheben, sondern ritt, als ob er dessen gar nicht achtete, immer weiter.

Da stieg der Knecht, welcher ihm nachgesehen hatte, vom Wagen, nahm den Mantel, legte ihn heimlich auf seinen Sitz, freute sich einen so guten Fund gemacht zu haben und fuhr seines Weges.

Indessen nicht lange, so wollten die Pferde nicht mehr ziehen, keuchten und schwitzten, sodass er schreiend und schlagend sie antreiben musste und gleichwohl nicht vorwärts kam.

Bei dem Gelärm wachte der Herr auf und fragte, woran es liege, dass sie nicht fortkönnten. Anfangs wollte der Knecht, obwohl ihm Angst und Bange dabei war, mit der Ursache nicht heraus, denn der Man­tel war ihm lieb. Er sagte also, er wisse nicht, wie es zugehe.

Weil aber das Schnauben und Scharren der Pferde je länger je ärger wurde, sprach der Herr, das Ding sei nicht richtig, er solle nur offen gestehen, was hier geschehen sei, damit sie nicht Schaben und Unglück hätten.

Da konnte der Knecht nicht anders, er musste die Wahrheit sagen, erzählte daher die ganze Ge­schichte, die mit dem Reiter und dessen Mantel sich zugetragen hatte. Bei alledem hoffe er nicht, dass solches die Ursache sei.

»Nimm flugs den Mantel«, versetzte der Herr, »und trage ihn hin, wo du ihn hergenommen hast.«

Der Knecht lief was er konnte, den Mantel wieder loszuwerden . Da wurden auch die Pferde gleich wieder ruhig und zogen ungehindert den Wagen weiter.

Als sie ein gutes Stück gefahren waren, lag der Man­tel wiederum am Weg, doch wollte keiner sich noch bemühen, ihn aufzuheben, wie sehr er dem Knecht auch ins Herz lachte.

Solches bemerkend, sagte sein Herr: »Sieh dich nicht um, sondern fahre, was du kannst, damit wir in eine Herberge kommen.« Der Knecht verlangte auch nicht mehr, den Mantel zu holen, sondern war froh, mit seinem Herrn glücklich davonzukommen und trotzdem Rübezahl gesehen zu haben.