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Kriminalakte 10 – Mörderakte Ernst D.

Mörderakte Ernst D.

Mittwoch, 13. Juni 1973

Es war früher Morgen, als eine Gendarmerie-Streife aus Tribuswinkel im niederösterreichischen Gemeindegebiet von Guntramsdorf die Südautobahn entlang fuhr.

Eigentlich eine Routineangelegenheit, jedenfalls bis zum Baukilometer 10,2. Dann trat der Fahrer des Streifenwagens plötzlich auf die Bremse und brachte das Fahrzeug mit quietschenden Reifen jäh zum Stehen. Die Leitschiene war verbogen, neben ihnen am Straßenrand klaffte ein riesiger Krater und überall war Blut. Die Beamten verließen den Wagen und machten sich auf Spurensuche.

Das Bild, das sich den Polizisten bald darauf bot, war entsetzlich. Es hatte offensichtlich eine gewaltige Explosion stattgefunden. Hier war eindeutig ein Mensch in die Luft gesprengt worden. Im und um den Krater herum lagen zum Teil weit verstreut überall Knochensplitter und Leichenteile.

Nach den sofort eingeleiteten Ermittlungen richtete sich der erste Verdacht auf eine seit Wochen aktive Einbrecherbande, die Tresore mittels Sprengstoffladungen öffnete und in den letzten vierzehn Tagen damit bereits dreimal in Niederösterreich erfolgreich war. Man ging davon aus, dass eines der Bandenmitglieder einen Unfall mit dem Sprengstoff erlitten hatte oder eventuell von seinen Komplizen aus dem Weg geräumt wurde.

Andere Überlegungen gingen in Richtung eines Anschlags auf den Autobus-Transport, der von der Grenze aus ständig jüdische Emigranten aus der Sowjetunion ins Transitlager Schloss Schönau brachte. Es schien, als ob sich der Täter durch unsachgemäßes Hantieren mit dem Sprengstoff wohl selbst in die Luft gesprengt hatte.

Der Verdacht fiel schnell auf Emanuel K., der bereits mehrfach wegen Sprengstoffanschlägen verurteilt war und seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis vor knapp vier Monaten als unauffindbar galt.

 

*

 

Freitag, 15. Juni 1973

Achtundvierzig Stunden später wurde die zerfetzte Leiche identifiziert, es handelte sich dabei um den 30-jährigen Familienvater Richard Dvorak, einen Vertragsbediensteten (so werden in Österreich Personen genannt, die zwar im öffentlichen Dienst beschäftigt sind, jedoch nicht als Beamte sondern als Angestellte im privatwirtschaftlichen Sinn) im Wiener Rathaus.

Seine Mutter gab die entscheidenden Hinweise zu seiner Person.

Aufgrund ihrer Aussagen wurde auch Ernst Dostal befragt, der als Dvoraks bester Freund galt und mit ihm gemeinsam in einem Sportverein trainierte.

Als Dostal am Montag, den 18. Juni zum Verschwinden Dvoraks befragt wurde, gab er an, diesen schon seit Tagen nicht mehr gesehen zu haben. Danach konnte Dostal wieder seiner Wege gehen. Im Zuge der weiteren Ermittlungen wurden aber einige Ungereimtheiten entdeckt und Dostal deshalb von der Mordkommission am Freitag, den 22. Juni in die Rennweger Kaserne in Wien, ihrem Hauptquartier, zu einer zweiten Befragung geladen. Da er weder als tatverdächtig noch als gefährlich oder gewalttätig galt, wurde er beim Betreten des Gebäudes auch nicht durchsucht.

Die Befragung verlief bis zu dem Zeitpunkt, an dem Dostal aussagte, in der Tatnacht in einer bekannten Gaststätte gewesen zu sein, völlig normal. Als ihn die Beamten daraufhin mit der Tatsache konfrontierten, dass diese Gaststätte zu der fraglichen Zeit aber geschlossen hatte, geschah das Unfassbare.

Ernst Dostal griff plötzlich in seine Sakkotaschen, zog zwei dort versteckte Pistolen heraus und feuerte ohne Vorwarnung auf die drei anwesenden Beamten.

Eiskalt, völlig emotionslos, wie auf dem Schießstand.

Ottokar Pücher, 38, Matthias Horvath, 42, und Harald Syrinek, 48, wurden von mehreren Kugeln getroffen und schwerstverletzt. Pücher und Syrinek schwebten noch Tage danach in Lebensgefahr. Während seine Kollegen im Laufe der Zeit so nach und nach wieder gesundeten, blieb Ottokar Pücher, dem eine Kugel den Nacken durchschlagen hatte, von diesem Tag an vom Hals an abwärts gelähmt.

Dostal stürmte aus dem Vernehmungszimmer, schoss dem 57jährigen Beamten Leopold Ullrich in den Bauch, als dieser versuchte, ihn auf dem Flur aufzuhalten, sprang dann aus einem offenen Fenster aus dem ersten Stock und entkam. Er raubte ein Fahrschulauto und setzte damit seine Flucht bis zum Südtiroler Platz fort, wo er in einem Waffengeschäft eine Pistole und 200 Schuss Munition kaufte, bevor er untertauchte.

Nach dem Vorfall wurde sofort das Haus der Dostals in Tullnerbach durchsucht, ebenso ihr Bauernhof in der Nähe von Ober-Grafendorf und eine von Dostal gemietete Wohnung in Wien.

In der Wohnung stellte die Polizei eine erhebliche Waffensammlung sicher. Auf dem Bauernhof entdeckten die Beamten außerdem eine schalldichte Folterkammer mit Streckbetten und Halsketten, Schießscheiben und Unmengen leerer Patronenhülsen und eine hölzerne, von unzähligen Kugeln durchsiebte Menschenfigur.

Danach wurden immer mehr Dinge herausgefunden, die beide nach außen hin so unauffälligen Männer, Dvorak ebenso wie Dostal, plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen ließen.

Beide waren Waffensammler und Waffennarren, beide ausgezeichnete Schützen und Sprengstoffexperten und beide Karatekämpfer. Der Sportverein, in dem sie trainierten, war ein Kampfsportverein. Hinzu kam, dass Dostals Herkunft im Dunkeln lag. Sein Geburtsort war ebenso unbekannt wie sein Geburtstag, selbst heute kann man diesen nur vage mit den Jahren 1951 oder 1952 angeben.

Des Weiteren fand die Polizei heraus, dass Robert, der Vater von Ernst Dostal, bereits vor dem Amoklauf seines Sohnes plötzlich genauso untergetaucht war wie dieser hernach. Daraufhin wurde auch er zur Fahndung ausgeschrieben.

 

*

 

Sonntag, 24. Juni 1973

Im Laufe des Vormittags erschoss Ernst Dostal das Ehepaar Viktor, 45, und Johanna Steiger, 43, in deren Wochenendhaus am Sachsengang, einer Schüttinsel der Donau rund 20 Kilometer östlich von Wien. Er wurde dabei allerdings von einem Nachbarn beobachtet und war dadurch gezwungen, weiter zu flüchten. Wie die Polizei darauf feststellte, war er bereits am Samstagvormittag in das Wochenendhaus der Eheleute Steiger aus Wien-Döbling eingedrungen und hatte dort übernachtet.

Am Montag, den 25. Juni 1973 lösten die Behörden in aller Frühe die bis heute größte Fahndung der zweiten Republik Österreichs aus, um Ernst Dostal endgültig zu fassen.

Im Innenministerium in Wien wurde eine Koordinationszentrale eingerichtet, in der alle Fahndungsmeldungen über Dostal aufgefangen wurden. Ein Funkjournaldienst, der über 200 Meldungen einzelner Patrouillenwagen gleichzeitig empfangen konnte, wertete alle Meldungen aus und dirigierte die Armada der Einsatzfahrzeuge zu den Einsatzorten.

Das Bundesheer stellte Speziallandkarten von Niederösterreich zur Verfügung, auf denen die Sicherheitsbehörden jeden möglichen Fluchtweg ausfindig machen und verfolgen konnten, egal wie klein, unscheinbar oder verborgen er auch war.

Noch am selben Tag, wenn auch etwas später, wurde dann die Aktion Vorortlinie in Gang gesetzt, worauf auf sämtlichen Einzugs- und Ausfallstraßen von Wien nach Niederösterreich und umgekehrt Sicherungsketten gebildet wurden, die jedes Fahrzeug kontrollierten. Zusätzlich wurden Verkehrskontrollstellen in den umliegenden Bezirken von Wien-Umgebung, Sankt Pölten und Lilienfeld errichtet.

Erfolglos, Ernst Dostal blieb verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.

Doch dann half Kommissar Zufall.

Ein aufmerksamer Leser der Kronenzeitung hatte wie jedes Wochenende in der Hoffnung auf ein Schnäppchen den Anzeigenteil der Zeitung studiert und war dabei auf ein Inserat gestoßen, das ihm mehr als seltsam vorkam.

»1919, habe am Montag vergeblich beim Turm auf Dich gewartet, werde es Mittwoch oder Donnerstag gegen 22 Uhr nochmals probieren. Bin momentan unter 02774/326 zu erreichen.«

Was hatten diese Zeilen zu bedeuten?

Ein geheimes Treffen zweier verheirateter Menschen oder zweier Verbrecher, Ausgangspunkt einer Verschwörung oder doch nur ein Inserat mit ganz banalem Hintergrund?

Der Leser grübelte das ganze Wochenende und kam schließlich zu dem Schluss, dass hier irgendetwas nicht in Ordnung war. Er ging deshalb gleich am Montag zur Polizei, wo seine Vermutungen wie eine Bombe einschlugen.

Da 1919 das Geburtsjahr von Dostals Vater war und der Hausbesitzer der dazugehörigen Telefonnummer aussagte, dass er dieses Inserat nie aufgegeben hatte, umstellten am frühen Morgen des 26. Juni 1973 mehrere Spezialeinheiten sein Anwesen in Altlengbach und stürmten es unter dem Einsatz von Tränengas. Das Anwesen war zwar leer, doch in der Garage befand sich Dostals Fluchtwagen.

Danach ging dann alles ganz schnell.

Dostal wurde kurz darauf auf der nahen Klarahöhe beim Verlassen eines Anwesens beobachtet und gestellt. Bei dem darauf folgenden Feuergefecht wurde Dostal angeschossen, worauf er durch Kopfschuss Suizid beging.

 

*

 

Anzumerken bliebe noch, dass die nachfolgenden Recherchen ergaben, dass Dostal und sein Freund Dvorak gemeinsam eine Entführungsserie geplant hatten, um an das ganz große Geld zu kommen. Als Dvorak aussteigen wollte, weil ihm das Risiko allmählich zu groß und Dostals Vorgehen zu brutal erschien, erschoss ihn sein vermeintlich bester Freund kaltblütig und sprengte danach seine Leiche in die Luft und versteckte seine Kleidung und seine Knochen, um eine Identifizierung unmöglich zu machen.

Des Weiteren fand man heraus, dass Dostals Vater Robert, der ebenfalls in die Straftaten verwickelt war, nach dem Bekanntwerden der Flucht seines Sohnes zuerst in die Schweiz reiste und danach nach Lüneburg in Deutschland. Dort beging er am 29. Juni in einem Hotelzimmer ebenfalls Selbstmord durch Erschießen.

Quellenhinweis:

(gsch)

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