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Slatermans Westernkurier 04/2022

Auf ein Wort, Stranger, hast du schon einmal etwas von den neun Leben des Elfego Baca gehört?

Er trank zu viel, er redete zu viel, hatte ein arrogantes Auftreten und eine große Schwäche für schöne Frauen. Alles Eigenschaften, die für den Ruf eines Mannes nicht gerade von Vorteil sind, vor allen Dingen dann nicht, wenn dieser Mann dafür gewählt ist, das Gesetz von New Mexiko zu repräsentieren und das in den unterschiedlichsten Funktionen.

Elfego Baca war Hilfssheriff, Marshal, Anwalt, Schuldirektor, Bürgermeister, Repräsentant der mexikanischen Regierung, Sheriff von Socorro, Gunfighter und Casanova.

Man konnte ihm viel nachsagen, aber nicht, dass er seine Arbeit nicht ernst nahm. Trotz seiner Charakterschwächen gilt er auch heute noch als der beste Peace Officer seiner Zeit im Herzen von New Mexiko.

 

*

 

Elfego wurde am 10. Februar 1865, knapp zwei Monate vor dem Ende des amerikanischen Bürgerkrieges als jüngster Sohn von Francisco und Juana Maria Baca in Socorro, New Mexiko, geboren. Seine Familie zog, als er noch ein kleines Kind war, nach Topeka, Kansas. Doch der Umzug endete nach anfänglich glücklichen Tagen in einer Tragödie. Eine Epidemie raffte

zuerst Elfegos Mutter, dann seine einzige Schwester und schließlich seinen älteren Bruder dahin. Im Jahr 1880 kehrte sein Vater mit ihm wieder nach New Mexiko zurück, wo dieser in Belen zum Marshal ernannt wurde.

Damit wurde er zum Idol seines Sohnes und für Elfego stand bereits in jungen Jahren fest, dass er wie sein Vater später einmal Gesetzesbeamter werden wollte.

Francisco Baca, der sein Amt mit aller Strenge ausführte, wurde 1882 jedoch des Mordes an zwei Cowboys angeklagt, die er unter dubiosen Umständen erschossen hatte, und zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt.

Damit war Elfego mit seinen gerade einmal 17 Jahren von heute auf morgen völlig auf sich allein gestellt. Er fand in seiner Geburtsstadt Socorro eine Anstellung als Arbeiter. Sein Ziel jedoch war immer noch, es seinem Vater nachzueifern und ein erstklassiger Ordnungshüter zu werden.

1884, im Alter von 19, erwarb er einige Waffen und wurde Hilfssheriff im Socorro County. Bis heute gibt es dazu zwei Versionen. Die erste besagt, dass er dazu ernannt wurde, weil man die Bacas in Socorro als ehrbare Leute kannte. Der zweiten Version nach, und die soll angeblich eher der Wahrheit entsprechen, bestellte sich Elfego per Post aus einem Versandhauskatalog einen Sheriffstern und ernannte sich selber zum Hilfssheriff. Die Menschen in dem dünn besiedelten Rinderland störten sich damals nicht daran. Elfego war einer der Ihren und säuberte das County von Strauchdieben, Betrügern und anderen Halunken.

Warum sollte man ihn also daran hindern?

Dann kam der 30. November 1884, der Tag, an dem Elfego Baca zur Legende wurde.

 

*

 

An diesem Tag verhaftete er in der kleinen Town Frisco, heute heißt sie Reserve, den betrunkenen Cowboy Charles McCarthy, der im Saloon seinen Colt abgefeuert hatte. Baca forderte die Freunde des Mannes, die sich ihm in den Weg gestellt hatten, auf, die Town zu verlassen. Als dies nicht geschah, eröffnete er das Feuer, wobei er einem der Cowboys ins Knie schoss und ein anderer getötet wurde. Aber nicht durch eine Kugel, sondern durch ein Pferd, das durch den Schusswechsel scheute, auf den Unglücklichen fiel und diesen mit seinem Gewicht erdrückte.

Am nächsten Morgen übergab Elfego seinen Gefangenen dem Friedensrichter Ted White, doch als er dessen Haus verlassen wollte, warteten bereits John Slaughter, Ranchbesitzer und Chef von McCarthy und eine große Anzahl von Cowboys auf ihn. Auch hier gehen die Meinungen weit auseinander. Der Großteil der Bevölkerung sprach von vierzig Reitern, während Baca später von fast achtzig Cowboys redete. Aber egal ob vierzig oder achtzig, die Übermacht war gewaltig und Baca floh ins Haus zurück, während der Richter McCarthy die Freiheit schenkte und selbst sein Heil in der Flucht suchte.

Die Cowboys schickten Bert Hearne, einen der Ihren vor, um Baca aufzufordern, die Waffen niederzulegen und sich der Justiz zu stellen. Hearne war jedoch kein Mann von langen Reden, sondern brach einfach die Tür auf und stürmte mit gezogenem Colt ins Gebäude.

Dabei schoss ihm Baca in den Bauch und Hearne verstarb noch in derselben Stunde.

Was danach folgte, ging als Krieg von Frisco in die Geschichte der Stadt ein und war der Anlass zu der Legende, dass nur ein Mann mit mindestens neun Leben diesen Kampf überstehen konnte.

Innerhalb von 33 Stunden feuerten die Cowboys insgesamt circa viertausend Schüsse auf das Haus ab. Allein die Tür wies fast 400 Einschusslöcher auf.

Man warf auch eine Dynamitpatrone in das Haus, das danach zum größten Teil zerstört war, doch Elfego überlebte auch das so gut wie unverletzt.

Der Grund dafür war die Bauweise des Adobe-Gebäudes, das so gebaut war, dass der Hausboden tiefer lag als der eigentliche Boden des Grundstücks, auf dem es errichtet wurde, und somit alle Kugeln über ihn hinweg pfiffen, während er im Haus lag.

Als Elfego vier der Angreifer getötet und acht verwundet hatte, ohne selber einen Kratzer davongetragen zu haben, schickte man den Mexikaner Francisquito Naranjo zu dem zerstörten Haus, der versuchen sollte, Baca zur Aufgabe zu überreden. Baca willigte schließlich ein, nachdem man ihm Schutz und Unversehrtheit versprochen hatte.

Im August 1885 wurde Baca unter anderem wegen dem Tod von Bert Hearne angeklagt, aber dann in allen Belangen freigesprochen. Mit ein Anlass dazu waren die vor Gericht bestätigten 367 Einschusslöcher in der Tür des Hauses, in dem sich Baca verschanzt hatte. Wobei auch das mit dem Haus mit Vorsicht zu genießen ist, denn andere Berichte sprachen davon, dass Baca im Jacal eines Mexikaners Zuflucht gesucht hatte. Beide Versionen sind heute leider nicht mehr zu überprüfen und so muss man sich auf die Aussagen der damaligen Zeitzeugen verlassen.

Kurz darauf wurde Elfego Baca offiziell zum Sheriff des Socorro Countys ernannt.

Berühmt und belegt ist jene Episode als Sheriff, als er an jeden Mann, der im County gesucht wurde oder unter Anklage stand, einen Brief schickte, worin geschrieben stand:

Ich habe hier einen Haftbefehl gegen Sie. Bitte kommen Sie bis zum 15. März in mein Büro und stellen Sie sich. Wenn Sie das nicht tun, werde ich wissen, dass Sie sich der Verhaftung widersetzen wollen. Damit steht mir das Recht zu, Sie zu erschießen, sobald ich Sie auch nur zu sehen bekomme.

Der Großteil der Angeschriebenen hat sich daraufhin anscheinend tatsächlich freiwillig gestellt.

 

*

 

Im Jahr 1888 wurde Elfego Baca zum US-Marshal ernannt.

Er behielt diese Stellung jedoch nur zwei Jahre, da er Rechtswissenschaft studieren wollte. Nach bestandener Prüfung wurde er im Dezember 1894 von Richter A. A. Freeman als Rechtsanwalt zugelassen und trat im Februar 1895 in eine Anwaltskanzlei in Socorro ein.

Zwischen 1902 und 1904 war er in El Paso in der San Antonio Street als Anwalt tätig. Aus dieser Zeit stammt auch sein Spruch, dass er in diesen Jahren 30 wegen Mordes angeklagte Personen verteidigt habe und das nur einer davon zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Baca hatte danach noch eine Reihe von öffentlichen Ämtern inne wie Bezirksschreiber, Bürgermeister und Schulleiter des Socorro Countys sowie Bezirksstaatsanwalt der Gemeinden Socorro und Sierra.

Von 1913 bis 1916 war er während der mexikanischen Revolution offizieller US-Vertreter der Regierung von Victoriano Huerta. Im April 1915 wurde er wegen krimineller Verschwörung angeklagt, weil er angeblich die Flucht des regimekritischen Generals José Inés Salazar aus dem Gefängnis von Albuquerque im November 1914 vorangetrieben hatte. Aber dank seines Rufes und des südmexikanischen Anwalts und Politikers Larrazolo Octaviano endete auch dieser Prozess mit einem Freispruch.

Die einzigen beiden Male, in denen er mit seinem Vorhaben scheiterte, waren 1912, als New Mexiko US-Bundesstaat wurde und er erfolglos als Republikaner für den Kongress kandidierte, und 1944, als ihm sein Gesundheitszustand bei der Nominierung zum Gouverneur von New Mexiko einen Strich durch die Rechnung machte.

Im Nachhinein betrachtet ist es kein Wunder, dass die Menschen glaubten, Elfego Baca besitze neun Leben. Kein normaler Mann hätte die Schießerei in Frisco, heute Reserve, überlebt und all diese Ämter ausgefüllt, die man ihm im Lauf der Jahre übertragen hatte.

Elfego Baca starb am 27. August 1945 mit 80 Jahren in Albuquerque, New Mexiko, eines natürlichen Todes. Noch heute ist in Reserve sein Denkmal zu bewundern, das darstellt, wie er sich in dem zerschossenen Haus seiner Gegner erwehrt.

Walt Disney übrigens würdigte ihn Ende der 1950er Jahre mit einer zehnteiligen Fernsehserie und einem Kinofilm, der auch in Deutschland zu sehen war.

Quellenhinweis: