Archive
Folgt uns auch auf

Kriminalakte 9 – Pure Mordlust

Pure Mordlust

»Für Psychologen sind die allermeisten Psychopathen keine Mörder, sie verspüren kein Verlangen nach solchen Taten«, erklärte Dr. Elizabeth Yardley, Direktorin des Centre for Applied Criminology der Birmingham City University, nachdem man Joanna Dennehy verurteilt hatte.

»Und die meisten Mörder sind keine Psychopathen. Sie haben ein Gefühl, ein Gewissen für das, was sie getan haben. Aber es gibt sehr extreme Fälle, bei denen es zu Überschneidungen kommt. Ich sehe diese Psychopathen ähnlich wie das Klischee eines verrückten Wissenschaftlers, denen andere für ihre Experimente dienen. So nach dem Motto: Und was passiert, wenn ich das hier mache? Wenn diese Menschen keinerlei Empathie empfinden, gibt es nichts, was sie davon abhält, unter bestimmten Umständen ihrer Neugierde nachzugehen – auch wenn das unter Umständen Gewalt, Blut und Tod beinhaltet.«

Sie, Joanna Dennehy, die sich bereits im Teenageralter zu einem Monster entwickelte, ist so ein Mensch. Bis heute weiß man nicht, was genau sie zu ihren Taten bewegte.

 

*

 

Joanna Dennehy wurde am 29. August 1982 im englischen St. Albans, im County Hertfordshire geboren. Ihr Vater Kelvin Dennehy war Wachmann, ihre Mutter Kathleen Shop-Managerin. Sie wuchs in Harpenden, einem kleinen Ort nördlich von London zusammen mit ihrer Schwester Maria in einem etwas trostlosen, wenn auch ruhigem Viertel auf.

Die Eltern arbeiteten hart, um ihren beiden Töchtern ein Studium und damit eine bestmögliche Ausbildung zu finanzieren. Aber leider waren sie nur zur Hälfte erfolgreich. Während Maria Dennehy zum Stolz der Eltern wurde, entwickelte sich Joanna zum genauen Gegenteil.

Verlief ihre Kindheit noch normal, lief sie bereits mit 13 zum ersten Mal mit einem jungen Mann von zu Hause fort. Dieser war zwar laut Aussage ihrer Schwester erst 19, aber in der Entwicklungsphase, in der sich Joanna befand, dennoch ein beträchtlicher Altersunterschied. Die Beziehung war von daher auch nicht von langer Dauer und sie kehrte schon bald wieder zu ihren Eltern zurück. Aber sie hatte sich verändert. Aus der folgsamen Tochter war eine Rebellin gegen alles und jeden geworden, die auch nicht davor zurückschreckte, ihre Eltern zu bestehlen.

Sie lief noch weitere Male von zuhause weg, bis sie schließlich mit 16 endgültig auszog, zusammen mit einem Mann namens John Treanor, der zu diesem Zeitpunkt mehr als fünf Jahre älter als Joanna war.

Die beiden wechselten in den nächsten Jahren immer öfter ihren Wohnort. Joanna hatte vor ihrem 21. Geburtstag bereits zwei Kinder. Sie wurde ihrem Freund gegenüber immer gewalttätiger, vor allem wenn sie betrunken war. Oft verschwand sie für mehrere Tage ohne Erklärung, hatte Sex mit anderen Männern und legte dabei ein geradezu selbstverletzendes Verhalten an den Tag.

Ein Gefängnispsychiater attestierte ihr später paraphilischen Sadomasochismus – das Verlangen, beim Sex Schmerzen zu verursachen und zugefügt zu bekommen.

2009 verließ Treanor schließlich Joanna, nachdem sie ihn mit einem 15 Zentimeter langen Dolch bedroht hatte. Er zog in den Norden und nahm auch die Kinder mit, um sie vor ihrer Mutter in Sicherheit zu bringen.

Joanna entgegen verlor allmählich jeglichen Halt. Sie zog von einer Stadt zur anderen, wurde immer gewalttätiger und wurde 2012 zu einer 12-monatigen Bewährungsstrafe wegen Körperverletzung und das Halten eines Kampfhundes, mit dem sie aggressiv Passanten anging, verurteilt. Im gleichen Jahr verbrachte sie mehrere Tage im Krankenhaus von Peterborough, wo man bei ihr eine antisoziale Persönlichkeitsstörung diagnostizierte.

 

*

 

Danach fielen dann die letzten Hemmungen von ihr ab.

Kaum aus dem Krankenhaus entlassen ging sie zu Quicklet, einer kleinen, lokalen Immobilienfirma, die ihr ein möbliertes Zimmer vermittelte. Sie ging mit dem Quicklet-Mitbesitzer Kevin Lee eine sexuelle Beziehung ein, worauf dieser ihr Gelegenheitsjobs übertrug. Sie half ihm dabei, Mieten zu kassieren und säumige Mieter rauszuwerfen, wodurch sie Zugang zu einer ganzen Reihe von Häusern bekam, die Quicklet vermietet hatte.

Kurz darauf beging sie in einem der Quicklet-Häuser in Welland, am nördlichen Rand von Peterborough, ihren ersten Mord.

Sie hatte in der Innenstadt den polnischen Leiharbeiter Lukasz Slaboszewski kennengelernt und ihm sogleich sexuelle Abenteuer in Aussicht gestellt. Am 19. März 2013 schrieb ihm Joanna Dennehy eine eindeutige SMS, mit der sie ihn in das Haus in Welland lockte. Lukasz erzählte seinen Freunden noch ganz aufgeregt von seiner neuen heißen englischen Freundin. Aber als er in Welland in das Haus kam, rammte ihm Joanna direkt hinter der Eingangstür ein Taschenmesser mitten ins Herz.

Die Tat erschreckte sie nicht. Ganz im Gegenteil, sie zeigte Slaboszewskis Leiche, die sie in eine Mülltonne gesteckt hatte, kurz darauf sogar noch einem 14-jährigen Mädchen aus der Nachbarschaft.

Zehn Tage später mordete sie zum zweiten Mal, wieder in dem gleichen Haus in Welland. Dieses Mal erstach sie ihren Chef und Geliebten Kevin Lee. Der Mann, der sich erst kurz zuvor einem Freund anvertraut und erzählt hatte, dass ihm Joanna allmählich unheimlich wurde.

»Stell dir vor«, sagte er zu seinem Freund, »sie hat neulich den Wunsch geäußert, dass ich mich schick anziehen und sie dann brutal vergewaltigen soll.«

Später dann, ebenfalls noch am 29. März, beging sie ihren dritten Mord. In dem Haus, das sie im Süden von Peterborough in Orton Goldhay bewohnte, ging sie wieder mit einem Messer auf einen Mann los. Diesmal auf ihren Nachbarn, den 56-jährigen ehemaligen Navy-Soldaten und Falklandveteran John Chapman. Chapman starb noch an Ort und Stelle, nachdem sie sechs Mal mit voller Wucht auf ihn eingestochen hatte.

Danach rief sie Gary »Stretch« Richards an, den sie durch ihre Arbeit bei Kevin Lee kennengelernt hatte und mit dem sie bereits auch schon sexuelle Kontakte hatte, und sang eine Textzeile aus einem Hit von Britney Spears in den Hörer.

»Oops, I did it again …«

Anstatt zur Polizei zu gehen, machten sich Stretch und sein Kumpel Leslie Layton, der auch in dem Haus in Orton Goldhay wohnte, zu Joannas Komplizen.

Layton log die Polizei an, während Stretch mit Joanna die drei Leichen auf dem Land in Gräben entsorgten. Joanna und Stretch, der von nun an als ihr Fahrer fungierte, flüchteten danach.

Im Wagen sagte Joanna immer wieder zu Stretch, das sie wieder töten wollte.

»Ich will meinen Spaß! Du musst dafür sorgen, dass ich meinen Spaß kriege!«

In Hereford, nahe der Grenze zu Wales hielt Stretch dann mitten auf der Straße an, worauf Joanna aus dem Auto sprang und mit ihrem Messer zwei zufällig daherkommende Männer, den 64-jährigen Robin Bereza und den 56-jährigen John Rogers, die mit ihren Hunden spazieren gingen, anzugreifen. Mehrmals stach sie auf die Männer ein und es war ein Wunder, dass Bereza und Rogers überlebten.

Einige Tage später wurden Joanna Dennehy und Gary »Stretch« Richards schließlich von der Polizei gefasst. Im Februar 2014 wurde Stretch wegen Beihilfe zum versuchten Mord verurteilt und Leslie Layton wegen Behinderung der Justiz.

Joanna Dennehy bekam lebenslang für dreifachen Mord und versuchten Mord in zwei Fällen.

Der Richter sagte zu Dennehy, dass sie eine sadistische Lust nach Blut habe, was diese bei einem Gespräch mit dem Gefängnispsychologen bestätigte.

»Ich habe das erste Mal getötet, um zu sehen, wie ich mich fühle, um zu sehen, ob ich so kaltblütig bin, wie ich dachte. Danach bekam ich Lust auf mehr.«

 

*

 

»Man weiß, dass manche Menschen angsteinflößend sein können. Aber es schockiert uns dennoch jedes Mal, wenn sie so schlimme Dinge tun. Der Schrecken und Horror, der sich im Kopf eines Menschen abspielt, kann manchmal seinen Weg nach draußen finden. An einem normalen Tag, in einer ganz normalen Straße wird er dann zur Realität.

Ohne ein erkennbares Muster, ohne Logik.

So wie bei Joanna Dennehy.«

(Christopher Berry Dee, Autor eines Buches über Dennehys Leben und ihre Verbrechen.)

 

Joanna Dennehy wird den Rest ihres Lebens hinter Gittern verbringen. Sie wird im Gefängnis sterben. Sie ist damit eine von nur zwei Frauen in ganz Großbritannien, eine mehr als zweifelhafte Ehre.

Quellenangabe:

(gsch)