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Secret Service Band 1 – Kapitel 10

Francis Worcester Doughty
Secret Service No. 1
Old and Young King Brady Detectives
Black Band
Oder: Die zwei King Bradys gegen eine unnachgiebige Bande
Eine interessante Detektivgeschichte aus dem Jahr 1899, niedergeschrieben von einem New Yorker Detektive

Kapitel 10

Old King Brady macht sich Sorgen um Young King Brady

Die Aufregung über diese Entdeckung war unbeschreiblich.

Einen Moment lang herrschte Panik in der Räuberhochburg.

Dune war alles blitzschnell klar geworden. Er erkannte nun allzu spät, wie er betrogen worden war.

Wilde Flüche kullerten über seine Lippen.

»Findet diesen Hemstraw!«, brüllte er. »Er ist hier irgendwo.«

»Er ist wahrscheinlich meilenweit weg von hier«, wagte einer aus der Bande zu sagen.

Dann kam Dune ein Gedanke.

»In den Keller!«, rief er. »In die geheime Passage. Der Gefangene! Seht nach, ob er dort ist. Wenn er weg ist, sind wir verloren.«

Es bedurfte keiner zweiten Aufforderung.

Die Falle flog auf.

Diese Tat rettete Old King Brady und Whittridge, denn der erste Ort der Erkundung hätte der Wandschrank sein können.

Aber alles, woran Dune denken konnte, war die Möglichkeit, den Gefangenen zu befreien.

Die Geächteten stiegen in den Keller hinab.

Ein lauter Schrei der Entdeckung ertönte. Es war klar, dass sie den Eingang zum inneren Gang offen vorgefunden hatten.

Old King Brady wusste, dass seine Chance gekommen war. Er flüsterte zu Whittridge: »Wenn ich die Tür öffne«, sagte er, »brichst du zur Außentür durch. Kümmere dich nicht um mich oder um das, was passiert. Los!«

Die Tür schwang zurück.

Whittridge stürzte hinaus, und Old King Brady folgte ihm. Drei der Gesetzlosen befanden sich noch im Zimmer.

Sie waren so erstaunt über den Angriff, dass sie einen Moment lang nicht handeln konnten.

Das war ein Vorteil für Old King Brady.

Blitzschnell hob er einen Stuhl auf und schleuderte ihn auf den Nächsten. Der Kerl ging zu Boden wie ein Klotz.

Der Zweite sprang auf ihn zu, und der Dritte zog einen Revolver.

Old King Brady schleuderte den zweiten Mann über den Tisch, der mit einem Krachen zu Boden ging.

Whittridge war nun draußen.

Peng!

Die Kugel streifte den Kopf des Detektivs nur knapp. Er hatte die Tür erreicht und seinen eigenen Revolver gezogen.

Peng!

Der Arm des Gesetzlosen sank, und die Pistole fiel kraftlos zu Boden. Old King Brady hatte einen Volltreffer gelandet.

Die Kugel zerschmetterte das Handgelenk des Ganoven. Dann gab es einen Tumult, aber die Luft war rein.

Old King Brady sprang aus der Tür. Whittridge war weit weg in der Dunkelheit.

Es ist leicht vorstellbar, dass ein Mann, der so lange in der Vorhölle war wie Whittridge und seine Freiheit erlangt hatte, diese Gelegenheit nutzen musste.

Er würde sich nicht so leicht einholen lassen.

Doch Old King Brady war ihm dicht auf den Fersen.

»Halten Sie durch!«, rief er. »Es ist alles in Ordnung. Jetzt können sie uns nicht mehr einholen.«

Whittridge verlangsamte sein Tempo. Sie befanden sich nun in einiger Entfernung zum Highway.

Es war nicht mehr weit bis zur Bahnlinie.

Das Licht der Morgendämmerung brach bereits im Osten an. Old King Brady schlug einen Weg ein, der zu den Gleisen führte.

Bis zum nächsten Bahnhof war es nicht mehr weit, und er wusste, dass er dort einen frühen Zug nach New York nehmen konnte.

Die Verbrecher würden es nicht wagen, ihnen weit zu folgen. Jetzt war ihnen die Flucht sicher.

Die Freude von Whittridge war unbeschreiblich.

»Das war alles das Werk meines teuflischen Neffen«, erklärte er. »Er soll dafür bestraft werden.«

»Sie meinen Melburne Jayne?«

»Ja!«

»Er ist ein übler Bursche!«

»Das würde ich auch sagen. Wenn man bedenkt, wie er seinen eigenen Onkel behandelt hat, und ich wollte ihm sowieso ein Erbe hinterlassen.«

»Er wollte Ihrem Ableben zuvorkommen, oder besser gesagt, es beschleunigen«, sagte der Detektiv.

»Das würde ich auch sagen. Nun, er hat mich viel Leid gekostet. Ich nehme an, alle halten mich für tot?«

»Sie gehören zu den Vermissten. Einige wenige glauben, dass Sie noch leben!«

»Das werden sie, und dass ich sehr lange am Leben bin!«

»Ich hoffe, das ist das Ende Ihrer Sorgen.«

»Ich auch. Aber ich meine, dass Melburne seine Strafe bekommen wird.«

»Er könnte bereits in der Vorhölle sein.«

»Ah?«

»Ja, mein Partner, Harry Brady, ist ihm dicht auf den Fersen!«

»Young King Brady! Ich habe begeisterte Berichte über ihn gehört. Ich hoffe, dass er Erfolg haben wird.«

»Ich denke schon, aber das ist nicht der einzige Entführungsfall, in den der junge Jayne verwickelt ist.«

»In der Tat!«

»Das ist wahr.«

»Aber wen könnte er denn sonst noch entführen? Seine Manie muss von dieser Art sein.«

»In der Tat, ja! Nun, das neue Objekt seiner Begierde ist Miss Janet Pell, die Gesellschaftsschauspielerin.«

»Uff! Das ist doch nicht Ihr Ernst.«

»Doch, es ist wahr.«

»Aber was ist sein Motiv?«

»Sie ist eine Erbin. Sie hat sich geweigert, ihn zu heiraten, und er wird versuchen, sie zu zwingen. Er glaubt, dass er mit der Black Band im Rücken ein sicheres Spiel hat.«

»Diese Bande von Verbrechern sollte aus der Welt geschafft werden.«

»Das wird sie auch!«

»Gut für Sie!«

»Dieses Geschäft ist ihr letztes«, sagte Old King Brady mit Nachdruck.

»Ich vertraue darauf, dass Sie ein Hellseher sind.«

»Das werden Sie sehen!«

Inzwischen hatten sie den Bahnhof erreicht. Es war bereits hell.

Noch während sie auf den Bahnsteig traten, hörten sie in der Ferne das Pfeifen eines Zuges.

Er kam schnaufend heran, und sie stiegen in ihn ein. In weniger als einer Stunde waren sie im Grand Central Depot.

Whittridges Zustand schloss es aus, dass einer seiner Freunde ihn erkannte.

Viele starrten ihn an, und sie fragten sich, wohin er mit Old King Brady, dem Detektiv, wollte.

Ein Taxi war jedoch schnell gefunden, und der Rest war einfach.

Whittridge wurde zu seinem Haus gefahren und fand dort ein ziemlich verwirrendes Bild vor.

Jayne hatte das Haus auf den Kopf gestellt. Er hatte sich als Hausherr ausgegeben, die alten Bediensteten entlassen und neue eingestellt.

Sogar das Schild an der Eingangstür war entfernt und durch Jaynes Namen ersetzt worden.

Der Bankier war verblüfft.

Old King Brady lachte.

»Er dachte wohl, er hätte das Spiel gewonnen«, sagte er. »Es würde ihn nicht wundern, wenn er jetzt hier hereinkäme.«

»Ich wünschte, er würde«, sagte der Bankier andächtig.

»Ich teile diesen Wunsch.«

»Wie wäre es, ihm eine Falle zu stellen. Er soll reinkommen und …«

»Zwecklos!«, sagte Old King Brady.

»Warum?«

»Er ist vorher über deine Flucht informiert worden. Er wird sich hier nicht gleich wieder blicken lassen.«

Mr. Whittridge nahm nun die Dinge in seinem Haus in die Hand. Beamte wurden gerufen, um seinen Rechten Geltung zu verschaffen.

Die Herrschaft von Jayne war gestürzt. Die neuen Bediensteten wurden umgehend entlassen.

Einige der alten Bediensteten wurden gefunden und waren froh, zurückkehren zu können. Dann verbreitete sich mit erschreckender Wirkung die Nachricht von der Rückkehr des vermissten Bankiers.

Die Reporter belagerten das Haus.

Sie versuchten alles, um die Einzelheiten der Geschichte zu erfahren. Aber Old King Brady hatte Mr. Whittridge gewarnt, und er schwieg.

Für die Außenwelt blieb alles noch ein Geheimnis.

Natürlich gab es eine Vermutung, dass Jayne hinter allem steckte. Der Neffe wurde nicht mehr im Kreis der jungen, protzigen Männer gesichtet, mit denen er so eng befreundet gewesen war.

Er wurde auch nirgendwo mehr gesehen.

Es wurde berichtet, dass die Polizei nach ihm fahndete. Es war bekannt, dass ein Haftbefehl gegen ihn vorlag.

Old King Brady war verwirrt und hatte sogar begonnen, sich Sorgen zu machen.

Er hatte weder Young King Brady gesehen, noch hatte er von ihm gehört.

Er wusste, dass der junge Detektiv einen guten Fall in der Hand hielt, und er glaubte, dass er seine Opfer schon früher hätte fangen müssen.

Old King Brady wagte es sogar, das Büro des Chefs des Geheimdienstes aufzusuchen.

Dieser leugnete, etwas von dem jungen Detektiv gehört zu haben.

»Es ist sehr seltsam«, sagte der alte Detektiv. »Ich kann es kaum verstehen.«

»Glauben Sie, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte?«, fragte der Chef.

Die Gesichtszüge des alten Detektivs verhärteten sich.

»Wenn ja«, sagte er bitter, »wehe Jayne und der ganzen Bande. Keiner wird verschont bleiben. Ich werde sie jagen wie die menschlichen Wölfe, die sie sind.«

»Hoffen wir aber das Beste!«, sagte der Chief. »Harry Brady ist ein zu guter Mann, um ihn zu verlieren. Er bleibt wahrscheinlich aus irgendeinem Grund im Verborgenen.«

In diesem Moment läutete die Telefonklingel heftig.

Der Chef ging zum Apparat.

»Hallo!«, rief er.

»Sind Sie das, Secret Service?«

»Ja.«

»Nun, hier ist das Polizeipräsidium. Es gibt Arbeit für Ihre Männer.«

»Was ist es?«, fragte der Chef.

»Ein großer Fall im High Life. Miss Janet Pell, die Erbin, ist verschwunden. Es gibt keinen Anhaltspunkt. Manche glauben an Selbstmord, andere an ein Verbrechen.«

»Es ist Letzteres.«

»Sie glauben das?«

»Ja.«

»Dann setzen Sie Ihre Leute auf den Fall an.

»Das werde ich.«

»Guten Tag!«            ‘

Der Chef legte den Hörer auf. Er wandte sich aufgeregt an Old King Brady.

»Es gibt Arbeit für Sie«, sagte er.

»Was?«

»Janet Pell ist verschwunden.«

Ein keuchender Schrei entrang sich Old King Brady.

»Dann ist Harry etwas zugestoßen«, rief er. »Sie haben ihn getötet.«

»Was?«, keuchte der Häuptling. »Was hat das mit der Sache zu tun?«

»Harry sollte genau diesen Fall der Entführung verhindern. Er hat es nicht vermocht, und er hätte es auch nicht getan, wenn nicht ein Verbrechen begangen worden wäre.«

Einige Augenblicke lang sahen sich der Chief und Old King Brady gegenseitig an.

Dann fragte der Chief: »Sie wussten also, dass die Entführung von Janet Pell vorsätzlich durchgeführt wurde?«

»Ja.«

»Und der Entführer?«

»Ist Melburne Jayne.«

»Was ist zu tun?«

Der alte Detektiv richtete sich auf. Etwas, das fast wie ein Schluchzen klang, kam über seine Lippen.

An der Tür drehte er sich um.

»Wenn Sie wieder von mir hören«, sagte er mit Nachdruck, »wird die Black Band aufgehört haben zu existieren, und Young King Brady wird gerächt oder ich werde tot sein.«

Dann schloss sich die Tür hinter ihm. Old King Brady hatte es mit einer brutalen Bande zu tun.