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Die Gespenster – Dritter Teil – 14. Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Dritter Teil

Vierzehnte Erzählung

Der bei der Brücke zu Niederdorla in Thüringen umgehende Mönch

»Die Aufklärung hat ihr wohltätiges Licht nun über alle Provinzen Deutschlands verbreitet. Die Barbaren der mittleren Zeiten ist verjagt. Die Menschlichkeit beherrscht unsere Großen, Wissenschaften und Künste blühen. Die Religion ist mit der Vernunft ausgesöhnt, das Mönchtum sinkt, die geistliche Gewalt fügt sich unter die bürgerlichen Gesetze. In den Schulen wird statt des alten Wortkrams Lebensweisheit und Tugend gelehrt und der Aberglaube dient schon dem gemeinen Volk zum Gespött.«

So träumt sich manche gute Seele unser gegenwärtiges Jahrhundert, aber so manches Zeichen unserer Zeit (man denke nur an das im Jahre 1798 berühmt gewordene Wunderkind an der Mecklenburgischen Grenze) überzeugt uns immer mehr, dass nur etwas Wahres an jenen Herrlichkeiten sei, und dass wir auch dies Wenige wieder zu verlieren in Gefahr wären, wenn man – gedankt sei es unseren Polizeien und Büchern – die umherschleichende, hier und da ihr Haupt keck wieder emporhebende Schwärmerei nicht überall vogelfrei gemacht, die Geisterzitierer und Geisterseher und was ihres Gelichters ist, nicht samt und sonders für Betrüger oder Betrogene erklärt, unsere Jugend nicht vor so manchem Wahnglauben bewahrt hätten, und diese nicht immer gewissenhafter und vernunftmäßiger auferzöge.

Zu den einzelnen traurigen Erfahrungen der neueren Zeit, die diesem zu widersprechen scheinen, gehört indessen folgender Beweis, dass der Aberglaube seine Sklaven zu den dümmsten und schädlichsten Streichen im gemeinen Leben verleiten könne:

Zu Niederdorla im Thüringischen war im Oktober 1785ein Begräbnis. Nach der dortigen Gewohnheit sangen vier Adjuvanten (Kir­chenmusikanten) einige Verse am Grabe und erhielten acht Groschen als die gewöhnliche Gebühr dafür. Nach einer anderen sehr schlechten Gewohnheit gingen die Sänger vom Grab weg in die Schänke, um das ersungene Geld zu vertrinken. Als nun das Gelage zu Ende war und jeder wohl bezecht nach Hause taumelte, stürzte einer, dem weder Fuß noch Auge die gehörigen Dienste leistete, von einer Brücke hinab, über die er gehen musste. Die anderen achteten nicht darauf; und der Trunkenbold war seiner Zunge und seiner Vernunft so wenig mächtig, dass er nicht einmal um Hilfe rief, sondern sich wie eine Sau in dem Bach herumtummelte.

Unterdessen ging ein Bauer aus dem benachbarten Dorf Langula vorbei, der verwunderungsvoll das Plätschern im Wasser hörte. Auch sah er die schwarze Figur, denn der Adjuvant hatte den Trauerrock noch an. Mit emporstrebenden Haaren und gewaltigem Herzklopfen eilte er über den spukähnlichen Anblick davon und in das nächste Branntweinhaus, um durch einen guten Schluck sich von seinem Schrecken zu erholen. Zitternd erzählte er dem Wirt, er habe in diesem Augenblick den Mönch, der bei der Brücke umginge, wirklich gesehen, und im Wasser tummeln gehört.

Der Wirt wollte mit ihm zu dem bezeichneten Ort hingehen, um zu sehen, ob das vermeinte Gespenst nicht etwas Natürliches wäre, aber der Erschrockene ließ sich nicht ausreden, dass er Kutte, Kapuze, geschorenen Kopf und alles, was dem spukenden Mönch eigen sei, gesehen habe. Nichts in der Welt hätte ihn vermocht, nun gleich einen Schritt wieder dahin zu tun.

Der Wirt ging also auch nicht, und des Morgens darauf fand man den Adjuvanten mit zwei Löchern im Kopf tot unter der Brücke liegen.

So mordet noch in dem letzten Viertel des aufgeklärten Jahrhunderts ein elender Wahn, den mancher für längst ausgerottet hält.

Eine Antwort auf Die Gespenster – Dritter Teil – 14. Erzählung

  • W. Brandt sagt:

    Ich wusste schon seit meiner Kindheit, dass es in der Vogtei (Oberdorla, Niederdorla, Langula) nicht geheuer ist. Liegt es daran, dass dort der Mittelpunkt Deutschlands ist oder dass man das Opfermoor besichtigen kann?