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An der Indianergrenze – Band 1 – Kapitel 3.2

Friedrich Armand Strubberg
An der Indianergrenze
Band 1
Hannover, 1859
Kapitel 3.2

»Hallo! Addisson, Charity, wo seid Ihr? Aufgemacht!«, schrie er vor der Einzäunung nach den Gebäuden hin, während die Hunde in derselben einen rasenden Lärm schlugen und Joe, an seiner Kette hoch aufspringend, seine tiefe Bassstimme dazwischen tönen ließ.

»Mein Gott, Herr Farnwald, Sie sind es?«, rief Paulmann, der aus dem Bett gesprungen war und durch den Schatten der Bäume dem Eingang zueilte.

»Wir sind recht besorgt um Sie gewesen. Der Komantsche sagte, er wäre Ihrer Spur bis an den Fluss gefolgt, der so hoch angeschwollen sei, dass er fürchte, es wäre Ihnen beim Durchreiten desselben ein Unglück zugestoßen. Aber was bringen Sie denn da?«, fuhr der Gärtner, nach der Indianerin aufsehend, fort und öffnete die Tür der Einzäunung.

»Nur schnell, Paulmann, nimm mir das Mädchen ab, doch tue ihr nicht weh«, sagte Farnwald zu dem Alten und ließ Owaja in dessen Arme gleiten.

»Großer Gott, eine Indianerin!«, rief dieser aus, indem er sie umfing und ihr auf das gesenkte Antlitz sah.

»So, nun rufe schnell Addisson und Charity herber«, sagte Farnwald, nahm Owaja auf seinen Arm und eilte mit ihr zu seinem Zimmer, wo er sie auf das in der Mitte des Gemaches stehenden Bett niederlegte.

Addisson und Charity kamen bestürzt herbeigeeilt, brachten Lichter und blickten verwundert auf die kranke Fremde. Farnwald untersuchte die Wunde, sie war tief und aller Wahrscheinlichkeit nach tödlich. Er verband sie mit tränenfeuchten Augen und legte kalte Umschläge darüber.

»Weine nicht, mein Geliebter, die Wunde schmerzt mich nicht, denn sie hat den Pfeil von Dir zurückgehalten, und deine Owaja geht dir gern voran, damit sie gewiss ist, dich jenseits zu treffen. Wärst du ihr vorausgeeilt, so hätte man sie ja allein in deinen Himmel nicht eingelassen«, sagte sie mit matter Stimme, schlang ihre zarten Arme um ihres Geliebten Nacken und zog ihn mit inniger Liebe zu sich nieder. »Deine Owaja wird stets um dich sein, sie wird sich in deine Gedanken drängen, sie wird dich auf deinem schönen Hengst begleiten und sie wird mit Joe für dich wachen, damit dein Herz ruhig schlagen kann.«

Seelenvoller und inniger presste die liebende Wilde den Geliebten an ihr Herz; fester drückte sie ihre kalt werdenden Lippen gegen seinen Mund; ihre letzten Tränen entquollen ihren schönen großen Augen. Farnwald hielt das treue Mädchen tot in seinem Arm.

»Owaja, teure Owaja«, rief er in höchster Verzweiflung, legte seine Hände um ihre Schläfe und drückte seine Lippen wieder und wieder auf ihre schöne Stirn, auf ihre geschlossenen gewölbten Augen, auf ihre bleichen Lippen. »O süßer Engel, warum musstest du für mich sterben?«

Den ganzen Tag hatte er bei verschlossenen Türen allein bei der Verblichenen in tiefem Gram und Schmerz zugebracht. Die Sonne war versunken und die Schauer der herannahenden Nacht hatten sich über die Ansiedlung gelegt, als Farnwald die Tür zur Veranda öffnete und im Hinaustreten die drei Komantschen dicht neben dem Eingang zusammengekauert schluchzend und weinend auf dem Fußboden sitzen sah.

Schweigend blickten sie an ihm auf, ergriffen seine Hände und ließen ihre Tränen auf sie fallen.

»Des großen Häuptlings Herz blutet und die Herzen der Komantschen zittern und tun ihnen weh. Die schönste Tochter unserer Vettern, der Lepan, hatte Liebe in seine Brust gegossen und hat den Pfeil des Todes von ihm abgewehrt. Der große Häuptling hat die roten Kinder der Komantschen geliebt, und nun werden diese seine Brust beschützen«, sagte Kiwakia mit wehmütiger Stimme und legte die Hand auf sein Herz. Dann fuhr er nach einer Weile entschlossen fort: »Ich lasse dir meinen Bruder und meine Frau hier zurück. Ich selbst muss jetzt zu Wallingo, dem Häuptling der Lepan, reiten, um ihm zu sagen, dass die Komantschen deine Freunde sind und dass sie für jeden Tropfen Blut, den jene dir rauben, einen ihrer Krieger töten werden.«

Mit diesen Worten verließ der Indianer das Haus, ging zu seinem Zelt, nahm seine Waffen, bestieg sein Pferd und ritt eilig auf dem Weg zum Fluss davon.

Farnwald ließ unweit seines Hauses im Schatten einer dichtbelaubten Baumgruppe das Grab für Owaja bereiten. Am folgenden Morgen, ehe die Sonne den Tau von den Pflanzen gesogen hatte, trug er die Teure auf seinen Armen dorthin, drückte zum letzten Mal seine Lippen auf ihren kalten Mund, ließ seine Tränen nochmals auf ihren schönen Körper fallen und legte sie dann in die Erde. Das Grab füllte er über ihr auf, pflanzte seine schönsten Blumen auf dessen Hügel und ließ die Baumgruppe mit einer Einzäunung umgeben.

Kiwakia kehrte nach einigen Tagen zu dem trauernden Farnwald zurück, teilte ihm mit, dass auch Wallingos Herz blute, dass er um die schöne Owaja weine und den Wald mit seinen Jammertönen erfülle. Er sagte ihm, dass die Lepan nach Rache gedürstet hätten, doch dass sie nun die Jagdgründe Farnwalds nicht betreten würden, da dieselben den Komantschen heilig wären und diese den großen Häuptling liebten.

Der Bruder Kiwakias hatte sich bald vollkommen wieder erholt, war stark und kräftig geworden, und Farnwald hatte ihm gesagt, dass er nichts weiter für seine Gesundheit zu tun brauche, worauf die Wilden ihre Abreise auf den folgenden Morgen bestimmten.

Es war Abend. Farnwald saß, in ernsten Betrachtungen versunken, unter den Bäumen vor dem Haus, als Kiwakia zu ihm kam und ihn bat, mit ihm zu seinem Zelt zu gehen.

Sie hatten dasselbe erreicht. Der Indianer winkte ihm, sich bei seinem Bruder neben das Feuer zu setzen, rief dann seine Fran zu sich in das Zelt hinein, trug mit ihr einen ledernen sehr schweren Sack aus demselben hervor und legte ihn zu den Füßen Farnwalds nieder.

»Die weißen Männer lieben das Silber«, sagte er zu diesem, »Kiwakia hat dieses Silber weit im Inneren von Mexiko geholt und hofft, dass es das Herz des großen Häuptlings erfreuen möge.«

Der Sack war mit mexikanischen Talern angefüllt.

»Ich lasse mich von meinen Freunden für Dienste, die ich ihnen geleistet habe, nicht bezahlen«, erwiderte Farnwald dem Indianer. »Euer Dank und Eure Freundschaft ist mir hinreichende Belohnung.«

Kiwakia sah verwundert und, wie es schien, unangenehm berührt zu ihm hin, winkte dann seiner Frau, den Sack wieder anzufassen und trug ihn mit ihrer Hilfe in das Zelt zurück. Darauf setzte er sich zu Farnwald nieder, erwähnte des Geldes nicht weiter und sprach von seiner Abreise, die er am nächsten Morgen sehr zeitig anzutreten gedenke.

Als Farnwald sich erhob, um zu seinem Haus zurückzukehren, fielen die drei Wilden vor ihm nieder, umklammerten seine Knie, sagten ihm, wie ihre Herzen in Dankbarkeit hoch schlügen, nannten ihn Vater und bemühten sich, ihm in jeder möglichen Weise ihre herzinnigen Dankgefühle zu erkennen zu geben. Nach einem langen, ergreifenden Abschied gingen sie in ihr Zelt, und als am nächsten Morgen der Tag graute, waren sie abgereist.

Niedergebeugt von Gram und Schmerz über den Verlust der innig geliebten, treuen Owaja, verbrachte Farnwald die Tage in Einsamkeit und tiefer Trauer. Nichts hatte Interesse mehr für ihn; was ihm früher Freude gemacht hatte, war ihm gleichgültig. Sein herrliches Vieh, seine schönen Pferde kamen abends mit dem hellen Klang ihrer Glocken von der Weide, ohne dass er hinausging, um wie früher seine Lieblinge unter ihnen zu begrüßen, zu liebkosen. Die wundervollen Blumen in seinem Garten öffneten sich, verwelkten und fielen auf die Erde, ohne dass er sich wie sonst über ihre Schönheit, über ihren lieblichen Duft gefreut hätte; die Jagdhunde, deren fröhliches Bellen seinen Ohren die lieblichste Musik gewesen war, führte er nicht mehr in den Wald, und der Hengst und Joe folgten ihm oft stundenlang auf seinen einsamen Wanderungen in der Umgebung der Niederlassung, ohne dass er ein Wort zu ihnen gesagt hätte. Spät bis in die Nacht hinein saß er an dem Grab der unvergesslichen Geliebten, und es war ihm dann, als säße sie bei ihm, als sagte sie ihm, dass ihr Geist ihn umschwebe, als bäte sie ihn, bald zu ihr zu kommen, damit sie zusammen in seinen Himmel gehen könnten. Des Morgens, wenn die Vögel sich ihren ersten Gruß zuriefen, der Himmel sich im Osten färbte und die Sterne verblichen, mischten sich oft seine Tränen mit den Tauperlen, die an den Blumen auf ihrem Grab hingen, und wo er ging, wo er stand, selbst in seinen Träumen verließ ihn das liebliche Bild des süßen Mädchens nicht.

Seine Nachbarn, wie sich die oft stundenwegs voneinander entfernt wohnenden Ansiedler nannten, besuchte er nicht mehr. Er nahm nicht wie sonst warmes und tätiges Interesse an ihrem Aufkommen, an dem Gedeihen ihrer Niederlassungen, und weit und breit wurde die auffallende gänzliche Veränderung in seinem Wesen als ein großer Verlust gefühlt.

Nicht, dass er ihnen seine Hilfe bei Krankheitsfällen oder seinen Rat, wenn sie ihn wünschten, versagt hätte, immer noch war er bei Tag und Nacht gern bereit, deine Dienste zu leisten; aber aus eigenem Antrieb näherte er sich ihnen nicht mehr und feine ganze Lebenstätigkeit zog seinem verlorenen Glück nach.

Da wurde ihm eines Morgens durch einen entfernt wohnenden Nachbarn ein Brief gebracht, den derselbe in der noch weiter entfernten Poststation hatte liegen sehen und mit sich genommen hatte, da er glaubte, Farnwald einen Gefallen durch dessen Überbringung zu erzeigen.

Der Brief kam von einem alten Freund, namens Renard in New Orleans, der ihm vor seiner Auswanderung in diese Wildnis viele Gefälligkeiten erwiesen hatte. Dieser schrieb darin, dass er beabsichtige, Farnwalds Nachbar zu werden, indem er in Unterhandlung stände, eine große Plantage, einige siebzig englische Meilen1 weiter unten am Fluss zu kaufen und ersuchte ihn zugleich dringend, bis zu einer bestimmten Zeit unfehlbar dort einzutreffen, da er seiner Hilfe und seines Rates bei Abschluss des Kaufes bedürfe und sicher darauf rechne. Die gesetzte Frist lief schon nach wenigen Tagen ab. Dem Freund konnte Farnwald den Dienst unmöglich verweigern. Es blieb ihm kaum Zeit, zu überlegen oder zu zögern. Er musste sich aus seiner Untätigkeit, aus seinen erschlaffenden Träumereien herausreißen. Schon am nächsten Morgen bestieg er seinen Hengst und folgte, von dem treuen Joe begleitet, der holprigen Straße, die sich von Ansiedlung zu Ansiedlung hin und her am Strom hinunterwand.

Am zweiten Abend schon zog er längs des ungeheuren Baumwollfeldes der alten Witwe Morrier, der Eigentümerin jener Plantage, an dem niedrigen Flussufer hin und wurde von Weitem laut und jubelnd von seinem Freund Renard, der unter der luftigen Veranda des schönen Wohngebäudes saß, begrüßt. Dessen Freude über Farnwalds Erscheinen war außerordentlich groß, da er schon die Hoffnung auf dasselbe aufgegeben hatte und ihm doch sehr viel an seiner Anwesenheit bei dem Handel gelegen war.

Die beiden Freunde waren sich recht herzlich zugetan und ihr Interesse füreinander durch die langjährige Trennung nur gesteigert, während welcher sie gar nichts voneinander gehört und sich gegenseitig ihre Schicksale so oft in ihrer Fantasie ausgemalt hatten. Sie teilten sich dieselben nun in großen Umrissen einander mit, und es stellte sich heraus, dass beide, was die materiellen Güter des Lebens anbetraf, gleich sehr von dem Glück begünstigt worden waren. Renard hatte sich ein sehr bedeutendes Vermögen in barem Geld geschaffen, und Farnwald hatte große Ländereien, beträchtliche Viehherden und eine sehr gut eingerichtete Farm erworben. Was aber das innere Glück anbelangte, so stand Renard augenblicklich sehr im Vorzug. Er hatte sich inzwischen wieder eine junge, sehr liebenswürdige Frau genommen und seine Tochter aus erster Ehe, Anäis, war zu einer äußerst talentvollen, geistreichen Jungfrau herangewachsen, die sein häusliches Leben durch ihr heiteres, gebildetes Wesen beglückte. Renard selbst war von dem unverwüstlich sorglosen und munteren Temperament beseelt, welches den französischen Kreolen, denen er angehörte, eigen ist.

»Wo ist aber Ihr Scherz und die heitere Laune, welche ich an Ihnen gewohnt war? Haben die Bären und Wilden Ihnen dieselbe abgejagt?«, fragte Renard nach einer Weile ihres Zusammenseins.

»Man wird ernster mit den Jahren, und wenn der Mensch so ganz allein steht, verlernt er das Lachen«, antwortete Farnwald ausweichend.

»Das ist Ihre eigene Schuld, Freund. Sie hätten es schon längst machen sollen wie ich und sich eine liebe, junge Frau nehmen müssen, die mit ihren zarten Händen jede Grille von Ihrer Stirn streichen würde. Nun, wenn ich erst hier wohne, werde ich das Amt der Frauen übernehmen und Ihnen zu einer Gattin verhelfen«, antwortete Renard und setzte dann seinen Freund von der Angelegenheit, wegen welcher er hier war, in genauere Kenntnis.

Die Plantage nebst einigen hundert Bediensteten, beträchtlichem Viehstand und vollständigem Inventar war das Eigentum einer alten Witwe Morrier, einer Mulattin, die in San Domingo von einem französischen Offizier dieses Namens geheiratet und vor vielen Jahren mit ihm und einem Dutzend Schwarzen hierhergezogen war. Den sehr bedeutenden Landstrich, der zu dieser Plantage gehörte, hatte Morrier damals für einen geringen Preis an sich gebracht, und die Zahl der Plantagenarbeiter hatte sich mit solcher Schnelligkeit vermehrt, dass er bei seinem Tod ein sehr beträchtliches Vermögen hinterließ.

Die Witwe, nun eine Frau von siebzig Jahren, die seit der Ansiedlung ununterbrochen hier gelebt und seit dem Tod ihres Gatten niemals diesen Platz verlassen hatte, war mit einem Mal das einsame Landleben überdrüssig geworden und hatte sich entschlossen, die Plantage zu verkaufen und nach New Orleans zu ziehen.

Nach kurzer Auseinandersetzung der den Ankauf belassenden Verhältnisse führte Renard seinen Freund in das Haus, um ihn der Witwe vorzustellen. Sie trafen diese in ihrem Gemach, in einem großen altmodischen Schaukelstuhl sitzend, eine hohe, dunkelfarbige Frau, mit langem, lockigem, trotz ihres Alters noch schwarzem Haar, lebendigen dunklen Augen und stark gebogener Nase. Ihrer hohen Jahre und der faltigen Haut ihres Gesichts und ihrer Hände ungeachtet, ließ sie immer noch die Spuren früherer großer Schönheit sehen, und ihre Haltung hatte etwas Vornehmes.

Um sie her auf dem Fußboden saßen und lagen wohl ein Dutzend schwarzhäutiger Kinder verschiedenen Alters, die größeren nur mit einem Röckchen angetan, die kleineren jedoch gänzlich ohne alle Kleidung, wie der junge Zuwachs von Sklaven gewöhnlich auf den Plantagen des Tages über, wenn die Eltern an der Arbeit sind, in der Nähe der Herrschaft versammelt wird.

Neben ihr an dem Schaukelstuhl stand ein farbiges Mädchen von etwa sechzehn Jahren, einen langen Pfauenschweif in der Hand, mit dem sie von ihrer Herrin die Fliegen abwehrte und durch ihre höchst vorteilhafte Erscheinung Farnwalds ganze Aufmerksamkeit fesselte.

Milly, so hieß diese Sklavin, war Quadrone und gehörte jener unglücklichen, gemischten Menschenrasse an, welche die Natur durch so viele Reize, durch hohe geistige und körperliche Vorzüge den Weißen in manchen Stücken überlegen machte, während die Gesetze Amerikas2 sie mit dem Fluch der Sklaverei und der Verachtung verfolgt und sie herabwürdigt, hart an der Seite der Tiere zu stehen.

Milly war groß und schlank, wie die Palme Afrikas, des Landes ihrer Vorfahren. Ihre leicht gelbliche, durchsichtig zarte Haut ließ noch ihre Abstammung von dem schwarzen Menschengeschlecht erkennen, doch ihre edlen Gesichtszüge, die eleganten weichen Formen ihrer Gestalt verwischten jede Erinnerung an dieselbe und bekundeten das edlere, gekreuzte weiße Blut. Auf zartem Hals hob sich ihr kleiner Kopf über einer vollen Büste; ihre lange Taille konnte man umspannen; wohlgeformt war ihre Hüfte, und die zierlichsten Füße trugen die liebliche Erscheinung. Die ungewöhnliche Fülle ihres glänzend schwarzen Haares schien durch dessen Wellenform dem Einzwängen in die schweren Flechten zu widerstreben, während zu beiden Seiten ihres schönen Gesichts feine Locken in anmutigen Ringeln herabfielen und bei jeder ihrer Bewegungen Schultern und Busen umspielten. Die Lebhaftigkeit ihrer großen schwarzen Augen und deren gefühlvoller melancholischer Ausdruck sprachen eine schwere Anklage der Sklavin gegen die Gerechtigkeit der weißen Christen aus. Sie war in ein einfaches kurzes Gewand von buntem Kattun gekleidet, welches durch ein Band um ihren schlanken Leib zusammengehalten wurde, und aus dessen kurzen weiten Ärmeln ihre vollen zarten Arme hervorsahen.

Beim Erscheinen der beiden Männer war das Mädchen hinter den Schaukelstuhl ihrer Herrin getreten und hielt den langen Federbusch vor sich, indem sie ihr liebliches Gesicht neigte und ihre zarten Finger durch die Federn strich, als ob sie dieselben ordne.

Renard stellte der Witwe seinen Freund vor und sagte scherzend zu ihr: »Madame Morrier, Sie mögen, wenn es beliebt, mit meinem Freund den Handel abschließen. Er versteht mehr von diesen Sachen als ich, und was er festsetzt, soll meine Zustimmung haben.«

»Es wird nur angenehm sein, wenn ich ihn geneigter zu einem Abschluss finde als Sie, denn mit Ihnen käme ich nimmer zu einem Ende«, erwiderte die Alte, wandte sich dann in ihrem Stuhl zu Milly und befahl ihr, das Abendessen auftragen zu lassen, worauf das Mädchen mit leichtem, kaum hörbarem Schritt aus dem Zimmer eilte.

»Meine Forderung von hundertfünfzigtausend Dollar ist nicht unbillig für das schöne reiche Land, das viele Vieh, die Pferde, Maultiere und hundert zweiundneunzig Sklaven«, fuhr die Witwe fort. »Sie bekommen wohl niemals wieder eine so vorteilhafte Gelegenheit zum Kauf. Die Leute habe ich meist selbst hier groß gezogen. Sie fühlen sich sämtlich wie zu einer Familie gehörig, sind alle gut, alle gesund. Wenn ich meinen Preis für sie hier nicht bekomme, so nehme ich sie mit mir nach New Orleans und lasse sie dort einzeln in Auktion verkaufen; dann erhalte ich ohne Zweifel noch mehr dafür. Nur der vielen Mühe wegen, die ich dadurch haben würde, ziehe ich es vor, sie hier gleich zusammen zu veräußern.«

Milly kam nach kurzer Zeit zurück, um ihrer Herrin anzuzeigen, dass das Abendessen auf sie warte, worauf sie derselben half, aus dem Stuhl aufzustehen, sich neben sie stellte, damit die alte Frau sich auf ihre Schulter stützen konnte, und sie zu dem Speisezimmer geleitete.

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  1. Eine englische Meile = 1 609,344 Meter
  2. Der Roman spielt vor dem von 1861 bis 1865 dauernden amerikanischen Bruderkrieg, welcher mit der Niederlage der Südstaaten endete.

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