Lese-Tipp

Wahrer Erfolg

Download-Tipps

Jim Buffalo – Band 3

Archive
Folgt uns auch auf

Die Sternkammer – Band 4 – Kapitel 11

William Harrison Ainsworth
Die Sternkammer – Band 4
Ein historischer Roman
Christian Ernst Kollmann Verlag, Leipzig, 1854

Elftes Kapitel

Das silberne Kästchen

Wir haben bereits erwähnt, dass in Sir Giles Mompessons großem und düsterem Haus gewisse Zim­mer waren, die wegen ihrer Größe und ihres Glanzes einen auffallenden Kontrast zu den übrigen Teilen der Wohnung bildeten. Nur bei außerordentlichen Gelegenheiten benutzt, wenn der Besitzer zu irgendeinem Zweck ein großes Festmahl gab, hatten diese Gemächer, ungeachtet ihrer Pracht, etwas von dem kalten und ungast­lichen Charakter des Hauses an sich. Selbst wenn sie glänzend erleuchtet waren, fehlte es ihnen an Wärme und Bequemlichkeit, und obwohl die darin gegebenen Bankette prachtvoll und reich waren und Wein im Überfluss vorhanden war, gingen doch die Gäste gewöhnlich unzufrieden fort und spotteten über ihren prunksüchtigen Wirt. Obwohl die steinernen Wände mit kostbaren gewirkten Tapeten behängt waren, so hatte sich doch in den Falten dichter Staub gesammelt, während an eini­gen Stellen das raue Mauerwerk zu sehen war. Das Mobiliar war massiv, aber schwerfällig und schlecht ausgewählt, und die vergoldete Decke und die venezianischen Spiegel waren aus Mangel an Sorgfalt fleckig und trübe.

Diese Zimmer aber, so wie sie waren, wurden Aveline angewiesen, als sie, wie oben erzählt, mit Gewalt in die Wohnung des Erpressers gebracht wurde. Obwohl es ihr gestattet war, sich nach Gefallen in denselben zu bewegen, sah sie sich doch auf dieselben beschränkt. Die Türen wurden beständig von dem einen oder dem anderen Häscher bewacht, und jeder Verkehr mit der Außenwelt war unmöglich, weil die Fenster mit Gittern versehen waren. Außerdem war sie keinem Zwang unterworfen. Ihre eigenen Diener, Frau Sherborne und der alte Anthony Rocke durften bei ihr bleiben. Wäre sie nicht häufig der Belästigung der Besuche von Sir Francis Mitchell ausgesetzt und um Sir Jocelyn ängstlich besorgt gewesen, würde Aveline ihre Gefangenschaft nicht so unerträglich gefunden haben. Aber der verliebte alte Wucherer verfolgte sie zu allen Stunden und sie war nie vor ihm sicher, da sie die Türen nicht vor ihm schließen konnte. Zuweilen kam er von seinem Kol­legen begleitet, aber häufiger allein und immer zu demselben Zweck, nämlich um die Heftigkeit seiner Leiden­schaft zu beteuern und sich zu bemühen, ihr Widerstre­ben zu überwinden. Wie sich leicht denken lässt, waren seine Bitten völlig unwirksam und erregten keine anderen Gefühle als die des Abscheus in ihrer Brust. Ein solcher Zustand konnte nicht von Dauer sein und ihre einzige Hoffnung war, dass er alle seine Bemühun­gen fruchtlos finden und mit der Zeit davon abstehen werde. Indessen war sie nicht ohne andere Besorgnisse, die ihre Diener teilten.

So waren beinahe vierzehn Tage vergangen, als eines Tages, währenddessen sie ihren Quäler noch nicht gesehen hatte und sich darüber freute, das Mittagessen von einem neuen Diener hereingebracht wurde. Das Wesen dieses Menschen und besonders der bedeutungsvolle Blick, den er auf sie richtete, erregte ihre Aufmerksamkeit. Überdies hatte er ein ungewöhnlich abstoßendes Aussehen. Sie richtete einige Worte an ihn, aber er antwortete nicht und wurde plötzlich ebenso zurückhaltend, wie sein Vorgänger es gewesen war. Es zeigte sich indessen sogleich, dass dies nur angenommen war.

Während er eine Flasche Wein auf den Tisch stellte, sagte er in leisem Ton: »Ich bin Sir Jocelyns Freund. Tut Euch Ge­walt an oder Ihr werdet mich verraten. Sir Francis beobachtet uns durch eine Öffnung in der Tür. Trinkt dies«, fügte er hinzu, indem er Wein in einen Becher goss.

»Ist der Trank versetzt?«, fragte sie leise, indem sie ihn ängstlich ansah.

»Man meint es«, antwortete er mit kaum merk­lichem Lächeln. »Trinkt, sage ich. Wenn Ihr es nicht tut, werdet Ihr meinen Plan zerstören. Es ist gut!«, fügte er hinzu, als sie den Becker zu ihren Lippen hob. »Einige Worte müssen meine Absicht erklären. Sir Francis wird glauben, dass Ihr einen Liebestrank ge­trunken habt. Hütet Euch, ihn zu enttäuschen, denn von diesem Glauben hängt Eure Sicherheit ab. Wenn er kommt, wie er sogleich tun wird, weist ihn nicht zu­rück, wie bisher. Lächelt ihn so freundlich an, wie Ihr könnt, und wenn die Aufgabe, ihn zu täuschen und zu hintergehen, gleich schwierig und widerwärtig für Euch sein mag, so weicht nicht von derselben zurück. Die Notwendigkeit der Sache rechtfertigt die Täuschung. Wenn er seine Bewerbung dringend fortsetzt, verweigert ihm nicht länger Eure Hand.«

»Ich kann es nicht«, murmelte Aveline mit einem Schauder.

»Ihr müsst«, versetzte Lucas Hatton, denn er war es, »oder Ihr jetzt Euch noch größeren Gefahren aus. Gereizt von Eurem Widerstand hat Sir Francis alle Geduld verloren und ist entschlossen, seinen Zweck zu er­reichen . Da er meine Geschicklichkeit, verschiedene Tränke zu bereiten, kennt, hat er sich an mich gewandt, und ich habe ihm meinen Beistand versprochen. Aber hegt keine Furcht. Obwohl von ihm bezahlt, bin ich doch auf Eurer Seite und will Eure Befreiung bewirken und Euch zugleich an Euren Verfolgern rächen, wenn Ihr genau meinen Anweisungen folgt. Erhebt wieder den Becher zu Euren Lippen. Leert den Inhalt ohne Furcht, er ist völlig unschädlich. Zwingt Euch zum Lächeln, legt Zärtlichkeit in Eure Töne und Milde in Eure Blicke und alles ist gewonnen.«

Mit einem Grinsen, welches Aveline ermuti­gen sollte, sie aber ein wenig beunruhigte, nahm er die Weinflasche und entfernte sich.

Wie ihr seltsamer Ratgeber vorhergesagt hatte, währte es nicht lange, bis der alte Wucherer erschien, offenbar voll Eifer, zu erfahren, ob irgendeine Veränderung in ihrer Stimmung für ihn durch den wunderbaren Trank bewirkt worden sei. Ihren Abscheu, so gut sie konnte, verbergend und Blicke annehmend, die ihren Ge­fühlen sehr fremd waren, gelang es ihr leicht, ihn zu überreden, dass der Trank gewirkt habe und dass alle Hindernisse für sein Glück entfernt worden seien. Voll Ent­zücken fiel er auf seine Knie und bat sie, sein Glück zu krönen und einzuwilligen, am folgenden Tag ihre Ver­bindung zu schließen. Verwirrt von verschiedenen Regungen, aber noch immer ihre Rolle aufrecht haltend, gab sie eine Antwort, die er als bejahend auslegte. Nun ganz außer sich von Entzücken verließ sie der ver­liebte alte Geck.

Die Veränderung in Avelines Wesen und Benehmen gegen ihren Verfolger entging der Beachtung ihrer Diener nicht und legte sie sehr in Verlegenheit. Frau Sherborne wagte ihr Vorstellungen zu machen, indem sie meinte, es könne wohl nicht ihr Ernst sein. Der alte Anthony Rocke sagte ihr geradeheraus, er wolle sie lieber in ihrem Grab sehen, denn als die Gat­tin eines solchen grauen Sünders wie Sir Francis. Da sie wusste, dass ihre Handlungen beobachtet wurden, hielt es Aveline für das Beste, sich selbst gegen ihre Diener zu verstellen. Beide überzeugten sich, dass sie entweder bezaubert sei oder den Verstand verloren habe, und in beiden Fällen beklagten sie bitterlich ihr Schicksal. Auch darf man nicht glauben, dass Aveline selber ohne geheime Furcht war so geschickt und mutig sie auch ihre Rolle spielen mochte. Lucas Hattons Aussehen war, wie wir mehr als einmal bemerkt haben, wohl geeignet, Misstrauen in all denen zu erregen, die mit ihm in Berührung kamen. Da sie keine anderen Beweise, als welche die Um­stände gewährten, von seiner Aufrichtigkeit hatte, so durfte sie wohl Verdacht gegen ihn hegen. Während er vorgab, auf ihrer Seite zu sein, konnte er sie zu verraten beabsichtigen. Wenn sie in diesem Fall aufs Äußerste getrieben werden sollte, beschloss sie, sich durch das einzige Mittel zu befreien, welches ihr dann übrig bleiben werde.

Am Abend stattete ihr Lucas Hatton einen zweiten Besuch ab. Bei dieser Gelegenheit benahm er sich mit ebenso viel Vorsicht, wie zuerst. Er lobte ihr Beneh­men gegen Sir Francis, den er als völlig getäuscht dar­stellte, und riet ihr, bei derselben Handlungsweise zu beharren, indem er mit seinem gewohnten sardonischen Grinsen hinzufügte, es würden großartige Vorbereitungen zu dem Hochzeitsfest gemacht, aber er glaube, die Arbeiten des Kochs würden wahrscheinlich vergebens sein.

Am nächsten Tag fand Aveline alles bestätigt, was ihr Ratgeber ihr gesagt hatte. Mehrere von den Zimmern, die ihr bisher offen standen, besonders der große Speisesaal, waren nun geschlossen. es wurde ihr aus dem Geräusch, welches ihr Ohr erreichte, aus den Fußtritten, welche hin und her eilten, aus den lauten und gebieterischen Stimmen aus dem Hin­- und Herrücken der Möbel, aus dem Zurechtstellen der Stühle und Tische sowie aus dem Geklapper der Schüsseln und Teller klar, dass tätige Vorbereitungen zu einem Festmahl dort vorgingen. Nichts glich der Bestürzung und dem Kummer der Frau Sherborne und des alten Anthony Rocke; aber getreu ihrem Plan be­freite sie Aveline nicht von ihrer Ängstlichkeit, so sehr sie es auch wünschen mochte.

Um Mittag kam Lucas Hatton wieder. Er schien in großer Freude und benachrichtigte sie, dass alles so gut gehe, wie man nur wünschen könne. Er riet ihr, zwei Bitten an Sir Francis zu richten. Erstens, dass er sie mit zehntausend Mark beschenke, die ihr vor der Trauung ausgeliefert werden sollten, und zweitens, dass es ihr gestattet sein dürfe, während der Trauung ver­schleiert zu sein. Ohne ihn um die Bedeutung dieser Bitten zu befragen, die sie teilweise erriet, ver­sprach Aveline dieselben sogleich zu erfüllen. Ihr Rat­geber verließ sie, aber nicht eher, bis er ihr noch einmal den angeblichen Liebestrank gereicht und sie ver­anlasst hatte, den Becher, der denselben enthielt, an ihre Lippen zu legen.

Sir Francis folgte ihm bald, wie ein Bräutigam gekleidet, in Wams und Beinkleidern von weißem At­las, mit silbernen Tressen besetzt und in einem kurzen französischen Mantel von himmelblauem Samt mit silbernen Blumen, weißen Rosen an den Schuhen und niederhängenden weißen Federn, nach spanischer Mode geordnet, an seinem Hut. Außerdem war er gestutzt, gekräuselt und geölt und würde sich völlig wieder jung gemacht haben, wenn dies möglich gewesen wäre.

Aber obwohl er dies nicht bewirken konnte, tat er doch sein Möglichstes und wandte alle Stärkungs­mittel an, die Lucas Hatton ihm anriet. Er badete sich in Milch, aß zum Frühstück Schneckenbrühe und schluckte einen seltsamen Trank, den ihm der Apotheker be­reitet hatte und der nach dessen Versicherung einen neuen Menschen aus ihm machen und all sein Jugendfeuer wieder erstellen sollte. Er hatte eine außerordentliche Wirkung hervorgebracht. Als er sich vor Aveline darstellte, waren seine Gebärden so übertrieben und seine Blicke so wild und unangenehm, dass sie mit der äußersten Schwierigkeit einen Schrei unterdrückte. Seine Wangen waren fieberhaft gerötet und seine erweiterten Augen strahlten von unnatürlichem Glanz. Er sprach fast unzusammenhängend, machte übertriebene Bewegun­gen mit den Armen und trieb Possen wie ein Wahn­finniger. Es war klar, dass der Trank wirkte.

Bei all diesem seltsamen Wahnsinn, so beunruhi­gend für Aveline, sprach er nur von seiner unauslösch­lichen Leidenschaft und wandte seinen fieberhaften Blick keine Sekunde von ihr ab. Er sagte ihr, er sei sein Leben lang ihr Sklave und wollte stolz darauf sein, ihre Ketten zu tragen; auch sollte sie unumschränkte Herrin seines Hauses und aller seiner Besitzungen sein. Hier­auf fasste sie so viel Mut, um die Bitten vorzutragen, die man ihr angeraten hatte. Sir Francis, der nicht in der Stimmung war, ihr irgendetwas ab­zuschlagen, willigte sogleich ein . Er lachte über den Ein­fall, sich verschleiern zu wollen und sagte, es sei eine herrliche Idee, die ihn völlig bezaubere; was aber die zehntausend Mark betreffe, die wären ihrer Annahme völlig unwürdig und der dreifache Betrag solle ihr vor der Zeremonie in einem silbernen Kästchen überliefert werden. Mit diesen und vielen anderen Beteuerungen befreite er sie von seiner Gegenwart, die ihr fast uner­träglich geworden war.

Nach einer Weile wurde ein prächtiges Brautkleid von weißem Atlas, reich mit Spitzen besetzt, nebst einem sehr großen, weißen Schleier, in den sie ihre ganze Gestalt einhüllen konnte, von einem jungen Mädchen her­eingebracht, welche ihr sagte, man habe sie gedungen, ihr als Kammerjungfer zu dienen, und hinzufügte, sie hoffe, Ihre Herrlichkeit zufrieden zu stellen, da sie der Gräfin von Exeter bereits in derselben Eigenschaft gedient hatte.

»Warum nennst du mich Ihre Herrlichkeit, Kind?«, fragte Aveline, ohne sie anzusehen. »Ich habe kein Recht an einen solchen Titel.«

»Aber Ihr werdet es bald haben«, versetzte das junge Kammermädchen, »als die Gattin des Sir Francis müsst Ihr freilich Lady Mitchell sein.«

Die Antwort unterdrückend, die ihr in den Sinn kam, richtete Aveline zuerst ihre Blicke auf die Redende und bemerkte dann, das es Gillian Greenford, ihre Bekannte aus dem Dorf sei. Ein bedeutungsvoller Blick von den blauen Augen des hübschen Mädchens stellte ihr die Notwendigkeit der Vorsicht dar und schien anzudeuten, dass Gillian selber mit in dem Komplott sei. Und so war es auch wirklich, denn als das Mädchen eine Gelegenheit hatte, mit ihrer neuen Herrin be­sonders zu reden, setzte diese sie von ihrem wahren Be­weggrund, dorthin zu kommen, in Kenntnis.

»Ich bin von einem, der Euch wohl will, gedungen, Euren Platz einzunehmen, liebes Fräulein Aveline, und mich anstatt Eurer mit Sir Francis Mitchell trauen zu lassen«, sagte sie.

»Und hast Du wirklich eingewilligt?«, versetzte Aveline. »Ist es möglich, dass du dich so aufopfern kannst?«

»Ich soll nicht aufgeopfert werden«, entgegnete das Mädchen rasch. »Wenn es so wäre, würde ich nie auf den Plan eingegangen sein. Aber man sagt mir, ich werde ein Vermögen erhalten und …«

»O! So sind also die zehntausend Mark für dich!«, fiel die andere ein. »Ich sehe jetzt, was jener Teil des Planes bedeutet. Aber was hoffst du noch weiter zu erlangen?«

»Die Befreiung meines unglücklichen Geliebten Dick Taverner aus dem Gefängnis«, antwortete sie.

»Aber wie willst du dadurch, dass du diesen bösen alten Wucherer heiratest, deinen Zweck erreichen?«, fragte Aveline. »Du kannst mich durch diese List ret­ten, aber du wirst dein eigenes Glück und alle Hoff­nungen deines Geliebten zerstören.«

»Nein, nein, das werde ich nicht«, versetzte Gil­lian hastig, »ich kann Euch nicht sagen, wie es zu ma­chen ist, aber ich bin völlig gewiss, dass mir kein Leid geschehen wird, und dass Dicks Befreiung die Beloh­nung für den Dienst sein wird, den ich Euch zu leisten im Begriff bin. Er schrieb es mir selber.«

»Sage mir wenigstens, von wem du dazu veranlasst worden bist, und dann kann ich beurteilen, ob es wahrscheinlich ist, dass das Übrige auf die Weise ge­schehen wird, wie du erwartest.«

«Befragt mich nicht weite , liebes Fräulein«, entgegnete das Mädchen, »denn ich bin zum Schweigen verpflichtet. Aber so viel kann ich sagen, ich bin von einem Mann beauftragt, der aus gewissen eigenen Zwe­cken, mögen sie nun auch sein, welche sie wollen, ent­schlossen ist, allen bösen Absichten des Sir Francis mit Euch sowie auch denen des Sir Giles Mompesson mit Eurem Geliebten Sir Jocelyn Mounchensey entgegenzuhandeln. Ah! Ich bemerke, Ihr versteht mich jetzt, liebes Fräulein! Ihr seid von diesem ungesehenen, aber aufmerksamen Freund überwacht worden, während Ihr in dieser schrecklichen Wohnung eingeschlossen gewesen seid. Auf gleiche Weise hat er Euren Geliebten im Fleetgefängnis überwacht.«

»Was! Ist Sir Jocelyn im Fleetgefängnis gefan­gen?«, rief Aveline. »Ich wusste es nicht.«

»Ja, aber die Zeit seiner Befreiung ist nahe«, versetzte Gillian. »Der geheime Freund, von dem ich gesprochen habe, wartete seine Zeit ab, und die Stunde ist nahe, wo das volle Maß der Rache über diese beiden Bösewichter ausgeschüttet werden wird. Er hat lange zu diesem Zweck hingewirkt, und ich soll ein demütiges Werkzeug dazu sein.«

»Du setzt mich in Erstaunen!«, rief Aveline sehr überrascht von der Veränderung in dem Benehmen des Mädchens sowie von dem, was sie sagte.

»Seid unbesorgt, schönes Fräulein«, fuhr Gillian fort. »Alles wird Euch bald bekannt werden. Aber jetzt darf nicht mehr Zeit verloren gehen und jede von uns muss die Rolle übernehmen, die sie zu spielen hat. Da ich die Braut sein soll und Ihr die Kammerjungfer, so müsst Ihr Euch herablassen, mir zu helfen, diese kostbaren Gewänder anzulegen, und Euch dann in meinen ländlichen Anzug kleiden. Wir sind beide ziemlich von gleicher Größe, sodass dadurch keine Entdeckung zu fürchten ist. Und wenn Ihr nur auf eine kurze Zeit beim Eintritt des Sir Francis Eure Gesichtszüge verbergen könnt, so wird der Streich nicht entdeckt werden. Alles Übrige ist angeordnet und ich bin nur eine Marionette in den Händen anderer und muss spielen, wie sie es anordnen. Ei! Wie schön dieses Kleid ist! Wel­cher Atlas! Und welche Spitzen! Die Gräfin von Exeter hat gerade so eins. Habt Ihr gehört, dass Ihre Herrlichkeit ihren Prozess gegen diese boshaften Lakes, die sich gegen sie verschworen hatten, gewonnen hat? Aber was sage ich – ich weiß ja, dass Ihr es nicht gehört haben könnt! Das Verhör währte fünf Tage in der Sternkammer und Sir Thomas und seine Gemah­lin wurden in den Tower und Sara Swarton in das Fleetgefängnis geschickt. Das arme Geschöpf! Sie soll ausgepeitscht sowie gebrandmarkt werden und in der St. Martinskirche Buße tun. Schrecklich! Aber ich will nicht daran denken. Es soll mich wundern, wie mir dieses Kleid stehen wird! Wie erstaunt würde Dick Taverner sein, wenn er mich darin sehen könnte! Viel­leicht wird er mich auch sehen. Man kann es nicht wissen. Und nun, schönes Fräulein, darf ich um Euren Beistand bitten?«

Während Gillian so zu reden fortfuhr, hatte sie sich halb entkleidet und erschien bald darauf in dem kostbaren Gewand, von dessen Effekt auf ihre Person sie sich zu versichern wünschte. Als ihre Toilette vollendet war, konnte sie nicht umhin, zu einem Spiegel zu ei­len. Als sie ihre wohlgebildete Gestalt erblickte, die sich nun so ungewöhnlich vorteilhaft darstellte, klatschte sie in die Hände und stieß freudige Ausrufe aus.

Indem Aveline ihr gestattete, ihre Gefühle der Eitelkeit einige Minuten lang durch die Betrachtung ihrer hübschen Figur zu befriedigen, hielt sie es für nötig, sie an ihre Lage zu erinnern. Ihre eigene Umwandlung in die Kammerjungfer wurde schnell bewirkt, da Gillians Kleidung ihr genau passte. Das leichtherzige Mädchen war ebenso erfreut über diese Veränderung, wie über die andere, und behauptete, Aveline sehe viel besser in der ländlichen Kleidung aus als sie selber in dem seidenen Gewand.

Aber die Zeit drängte, und da Sir Francis sie überraschen konnte, beeilten sie sich, ihre Anordnungen zu vollenden. Gillians hübsche Züge sowie ihr kostbares Kleid mussten durch den neidischen Schleier verdunkelt werden. Als er über sie geworfen wurde, konnte sie nicht umhin, einen Seufzer auszustoßen. Aveline verhüllte dann auch ihr Gesicht, und ihre Verkleidungen waren vollendet.

Keine Minute zu früh, denn in diesem Augenblick wurde an die Tür des angrenzenden Zimmers geklopft. Man hörte den alten Wucherer fragen, ob seine Braut bereit sei. Aveline gab eine bejahende Antwort und mit klopfendem Herzen und bebenden Schritten bereitete sich Gillian vor, der Aufforderung zu gehorchen.

Die Tür wurde geöffnet und all ihre Entschlossenheit sammelnd, ging sie hinaus. Sir Francis und sein Kollege warteten, um sie zu empfangen. Der Letz­tere war reich gekleidet, hatte aber die düstere Farbe jenes Anzuges nicht geändert, denn er war selbst zu der erwarteten Feierlichkeit wie gewöhnlich schwarz angetan. In dieser Hinsicht bildete er einen auffallenden Gegensatz zu dem Anzug des veralteten Bräutigams sowie durch die Ruhe seiner Haltung und den strengen Ernst seiner Blicke. Hinter ihnen stand Lucas Hatton, der ein schweres silbernes Kästchen von altertümlicher Arbeit trug.

»Was soll dieser Schleier?«, rief Sir Giles, in­dem er Gillian argwöhnisch ansah, als sie aus dem in­neren Zimmer hervorkam, und Aveline, die ihr Gesicht verhüllt hatte, ihr vorsichtig folgte.

»Warum ist das Gesicht der Braut nicht zu sehen?«

»Es ist nur eine Laune, Sir Giles, ein angenehmer Einfall«, versetzte der alte Wucherer. »Aber sie muss ihren Willen haben. Ich will ihr in allem nach­geben.«

»Ihr habt unrecht«, versetzte der Erpresser. »Ihr müsst sie fühlen lassen, das Ihr der Herr sein wollt. Befehlt ihr den Schleier zu erheben.«

»Auf keinen Fall, Sir Giles. Ich habe sie nur durch Unterwürfigkeit gewonnen, und sollte ich im letz­ten Augenblick alles verderben, indem ich mich ihrer Neigung widerlege. Durchaus nicht.“

»Was hat sie da für ein Mädchen bei sich?«, fragte Sir Giles, Aveline mit scharfem Blick betrach­tend. »Warum ist sie auch verhüllt? Ist das auch eine Laune?«

»Vielleicht«, versetzte Sir Francis, »aber ich habe keine Einwilligung dazu gegeben. Sie ist nur das Kam­mermädchen.«

»Kommt, Jungfer, enthüllt Euch! Lasst uns Euer Gesicht sehen«, rief Sir Giles, auf das erschrockene Mädchen zuschreitend, welches dachte, dass die Entdeckung nun unvermeidlich sei.

Aber Lucas Hatton legte sich ins Mittel, um sie zu retten.

»Verhindert diese Unhöflichkeit«, flüsterte er, Sir Francis am Mantel zupfend. »Verhindert sie augenblicklich. Wenn ihr Einfall gestört wird, stehe ich nicht für die Folgen.«

»Haltet ein, Sir Giles, haltet ein, ich bitte Euch!«, rief der alte Wucherer unruhig. »Es ist der Wunsch meiner Braut und auch der meine, dass ihre Dienerin nicht belästigt werde.«

»Nun, es sei, wie Ihr wollt«, versetzte der Erpresser ärgerlich. »Aber an Eurer Stelle würde ich die Grille nicht dulden. Die Braut muss ihren Schleier er­heben, wenn sie vor dem Pfarrer steht.«

»Sie soll tun , wie es ihr beliebt«, entgegnete Sir Francis galant. »Wenn sie ihr Erröten zu verbergen wünscht, will ich ihr keinen Zwang antun. Kommt, schönes Fräulein«, fügte er hinzu, indem er die zitternde Hand des verschleierten Mädchens fasste, »der Geistliche erwartet uns im nächsten Zimmer, wo die Zeremonie stattfinden soll und wo mehrere von den edlen und vor­nehmen Gästen, welche eingewilligt haben, unsere Hoch­zeit mit ihrer Gegenwart zu beehren, bereits versammelt sind. Einige von den höchsten Personen im Land wer­den zugegen sein – der Marquis von Buckingham und vielleicht Prinz Karl selber. Seine Exzellenz, der spani­sche Minister hat auch versprochen, zu kommen. So kommt denn, wenn es Euch beliebt. Doch, ehe wir wei­tergehen, muss ich Euch bitten, dieses silberne Kästchen anzunehmen. Die darin enthaltenen dreißigtausend Mark sollen Eure Mitgift sein.«

Als er sprach, näherte sich Lucas Hatton, reichte dem verschleierten Mädchen das Kästchen hin, sodass sie es berühren konnte, und sagte: »Legt Eure Hand auf dieses silberne Kästchen und nehmt Besitz davon, schönes Fräulein. Ich bin Zeuge, dass Sir Francis Mitchell es Euch mit seinem Inhalt freiwillig schenkt. Es wird in meinem Gewahrsam blei­ben, bis Ihr fordert, dass ich es Euch ausliefern soll.«

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.