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Ein Ostseepirat Band 2 – Kapitel 7

Carl Schmeling
Ein Ostseepirat
Historischer RomanZweiter Band

VII. Eine ansteckende Krankheit

Die Strafe, welche der Junker von Wardow für seine Unachtsamkeit oder Achtungswidrigkeit gegen einen Offizier zu erwarten hatte, war eben nicht so bedeutend. In Wirklichkeit sollte dieselbe auch nur in zwei Tagen Wacharrest bestehen, als sie gefällt worden war, und diese hätten sich wohl verschmerzen lassen.

Doch was für den jungen ehrgeizigen Mann mehr zählte, als ebenso viel Monate, war die Lächer­lichkeit, welche diesmal mit seiner Strafe verbunden war, und die sich bis ins Unendliche fortzusetzen drohte, weil es zu viel Zeugen des Vorfalls ge­geben hatte und all diese Zeugen mit nach Stralsund ge­kommen waren, wo sie noch auf Kosten des armen Burschen lachten.

Lächerlich zu werden, ist überhaupt wohl das Schlimmste, was einem ehrgeizigen Menschen auf der Welt begegnen kann. Doch lächerlich vor der Ge­liebten zu erscheinen, das ist noch mehr als schlimm und war Wardows Fall.

Zu allem musste nun noch kommen, dass der brave Junker durch die vorhergehenden Ereignisse eine Art von Ruf in der Stadt erhielt, der ihn auch in weiteren Kreisen bekannt gemacht hatte.

Wardow war daher so wütend, als er seinen Arrest antrat, wie es nur ein junger Mann seines Standes und Alters sein kann. In seinem Zorn be­schloss er denn, mit niemanden zu sprechen, während er sich in Haft befand, und führte diesen Entschluss auch mit lobenswerter Konsequenz aus.

Die Zeugen seines gegenwärtigen Gebarens er­götzten sich deshalb zunächst nun noch mehr über ihn, doch er wollte später die Lacher in fürchterlicher Weise auf seine Seite ziehen und ertrug deshalb alles standhaft. Natürlich erfuhr er auf diese Weise nicht, was sonst in der Stadt vorging.

Sein Arrest war zu Ende und der junge Mann verließ die Hauptwache eiligen Schrittes in keiner anderen Absicht, als den Urheber der ihm zugefügten Schmach vor das Messer zu nehmen, das heißt, ihn auf Leben und Tod zu beleidigen und ihn zu zwingen, die Mensur mit ihm zu betreten.

Doch Wardow war noch nicht weit gekommen, als er seinen Namen rufen hörte. So sehr er auch eilte, einem unberufenen Schwätzer zu entkommen, jener Mensch folgte mit solcher Ausdauer, dass der Junker genötigt war, sich zu ergeben.

Jener Mensch war ein Fähnrich der Landtrup­pen, der lachend näher kam.

»Wetter, Wardow!«, rief derselbe, »du fliegst ja förmlich; aber kein Wunder, Freund, wer so wie du die gottvollsten Romane einfädelt, der kann nicht mehr wie gewöhnliche Sterbliche wandeln. Erzähle mir ein wenig von da draußen auf der wüsten Insel!«

»Lass mich in Ruhe!«, erwiderte Wardow heftig.

»Nun, nun!«, meinte der andere begütigend, »ich weiß bereits, die Sache kann auch eine tragische Wendung nehmen, und es soll mir lieb sein, wenn du nicht mit hinein verwickelt wirst.«

»Was, tragisch!«, meinte Wardow verwundert, »was soll das heißen?«

»So weißt du noch nicht?«, fuhr jener fort, »dein Schwiegervater in Spe ist gemeiner Verbrechen angeklagt und in den blauen Turm gesperrt worden.«

»Der Major von der Grieben?«, fragte Wardow.

»Derselbe«, hieß es.

»Ich weiß kein Wort davon!«, sagte Wardow lebhaft, »so teile mir doch mit, wie das zugegangen ist!«

Der junge Kamerad wusste zwar nicht viel über die Angelegenheit, doch er erzählte, was er wusste, und dies war immerhin genug, um dem Fähn­rich einen tüchtigen Schreck einzujagen. Er hatte über seine eigene Not ganz das Geschick des Majors und was er für denselben zu tun gedachte, vergessen.

Wardow trennte sich von dem jungen Freund, aber mit seinen Absichten auf einen vermeintlichen Beleidiger war es einstweilen vorbei. Er wollte ursprünglich Ruf und Ehre rehabilitieren und sollte dies auch, jedoch in ganz anderer Weise, als er beabsichtigte.

Nach kurzer Überlegung wendete sich unser Junker dem blauen Turm zu und verlangte dort, den Major von der Grieben zu sprechen.

Der brummige Schließer musste wohl glauben, dass der junge Mann in dienstlichen Angelegenheiten komme. Er machte nicht die geringste Schwierigkeit, ihn einzulassen, und bald stand Wardow vor dem Major.

Grieben hatte mit in der Hand gestütztem Kopf dagesessen. Er blickte auf und erkannte mit einiger Verwunderung seinen Besuch.

»Ah … Sie!«, sagte er. »Sie finden mich in einer sonderbaren Lage, junger Mann. Ich muss Ih­nen dankbar sein, dass Sie mich hier aufsuchen. Ich denke, Sie bringen mir Nachrichten von den meinen!«

»Nicht so eigentlich!«, antwortete Wardow. »Doch vor allen Dingen erlauben Sie mir, mein Bedauern über Ihre Lage auszusprechen. Ich hörte soeben davon und erschrak nicht wenig!«

»Was machen die meinen?«, fragte Grieben weiter. »Was ist hinsichtlich des Freibeuters ge­schehen!«

»Leider nichts von Bedeutung. Ihre Frau Gemahlin und Tochter befinden sich wohl – ich habe ebenfalls ein leichtes Unglück gehabt. Man hat mich wegen eines leichten Versehens einige Tage eingesperrt!«

»Wirklich!«, sagte der Major. Seine Augen leuch­tete auf. Er betrachtete den jungen Mann, der dabei errötete, mit einem eigentümlichen Blick.

»Verständigen wir uns!«, fuhr Grieben nach einer kleinen Weile fort, »glauben Sie, Wardow, dass ich die Verbrechen begangen haben könnte, deren man mich beschuldigt?«

»Nicht im Entferntesten!«, antwortete Wardow lebhaft.

»Kennen Sie den ganzen Umfang der Bedeutung des Jacobson für diesen Krieg?«

»Nein – ich ahne allerdings manches!«

Grieben schwieg längere Zeit. »Sie sind ja wohl auch deutschen Ursprungs?«, fragte er endlich.

»Jawohl, Herr Major!«

»Nun denn, ich bin zu der Überzeugung ge­kommen, dass wir Deutsche zu Unrecht unter schwedischem Regiment stehen. Der Jacobson, welcher mit Gut und Blut dem großen Friedrich dient, beschämt uns!«

Wardow öffnete seine Augen sehr weit, als wolle er dadurch besser begreifen, was der Major sagte. Dieser lächelte.

»Ich meine übrigens«, fuhr er nach einiger Weile fort, »Sie werden auch in schwedischen Diensten keine Seide spinnen. Doch zunächst sagen Sie mir, wie Sie hereingekommen sind!«

»Ohne alle Umstände«, antwortete Wardow, »man mochte glauben, ich habe hier zu tun!«

»So lassen Sie die Leute bei diesem Glauben, junger Freund!«, sagte Grieben schnell. »Würden Sie mir wohl Ihre Unterstützung zu einem gewissen Un­ternehmen angedeihen lassen!«

»Zu jedem, Herr Major!«

»So mögen Sie wissen, dass ich diese Unter­suchung nicht hier erwarten will. Sie müssen mir zur Flucht behilflich sein!«

Die beiden Männer standen nach diesen Wor­ten des Majors einander einige Zeit schweigend gegenüber.

Offenbar wollte Grieben erkennen, welchen Ein­druck sein Wunsch auf den jungen Menschen gemacht hatte.

Wardow war durch denselben überrascht wor­den, doch nicht etwa in unangenehmer, sondern in angenehmer Weise; denn in der Perspektive dieses Wunsches lag für ihn die Erfüllung eines anderen, den er hegte.

»Mit allen Kräften und allen Mitteln!«, rief er dann plötzlich. »Ich werde mich glücklich schätzen, wenn es gelingen sollte!«

Grieben drückte dem jungen Mann warm die Hand, und beide sprachen noch einige Zeit über die einzuschlagenden Wege. Dann verabschiedete sich Wardow mit dem Versprechen, am nächsten Tag wiederzukommen.

Der Major fühlte sich zum ersten Mal behag­lich in der engen Zelle. Sein Entschluss stand fest: Er wollte noch einmal Kriegsdienste nehmen, doch nicht etwa für Schweden oder für den schwedischen Reichsrat.

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