Download-Tipps

Des Teufels Abenteuer …

Archive
Folgt uns auch auf

Die drei Musketiere – Zwanzig Jahre danach – 7. – 10. Bändchen – Kapitel III

Alexandre Dumas
Zwanzig Jahre danach
Siebentes bis zehntes Bändchen
Fortsetzung der drei Musketiere
Nach dem Französischen von August Zoller
Verlag der Frankh’schen Buchhandlung. Stuttgart. 1845.

III. Der Oheim und der Neffe

Lord Winter wurde von seinem Pferd und dem Lakaien an der Tür erwartet. Er ritt ganz in Gedanken versunken zu seiner Wohnung und schaute dabei von Zeit zu Zeit zurück, um die schwarze, schweigsame Fassade des Louvre zu betrachten. Da erblickte er einen Reiter, der sich sozusagen von der Mauer losmachte und ihm in einer gewissen Entfernung folgte. Er erinnerte sich, bei seinem Ausgang aus dem Palais-Royal einen ähnlichen Schatten gesehen zu haben.

Der Lakai von Lord Winter, der nur einige Schritte hinter ihm war, verfolgte auch mit unruhigem Blick diesen Reiter.

»Tomy!«, sprach der Lord und machte dem Bedienten ein Zeichen, sich zu nähern.

»Hier, gnädiger Monsieur.«

Und der Bediente ritt an die Seite seines Herrn.

»Hast du den Menschen bemerkt, der uns folgt?«

»Ja. Mylord.«

»Wer ist es?«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass er Eurer Herrlichkeit von dem Palais-Royal an gefolgt ist, im Louvre angehalten hat, um Euren Abgang zu erwarten, und mit Eurer Herrlichkeit wieder vom Louvre weggeritten ist.«

»Ein Spion des Kardinals«, sagte von Winter zu sich selbst. »Wir wollen uns verhalten, als bemerkten wir seine Späherei gar nicht.«

Er gab seinem Pferd die Sporen und drang in das Irrsal der Gassen, welche zu seiner auf der Seite des Marais liegenden Villa führten. Lord Winter hatte lange auf der Place-Royale gewohnt und nahm ganz natürlicherweise sein Quartier in der Nähe seiner ehemaligen Wohnung.

Lord Winter stieg vor seinem Gasthaus ab und ging in seine Wohnung hinauf, wobei er sich den Spion beobachten zu lassen gelobte. Als er aber seine Handschuhe und seinen Hut auf einen Tisch legte, sah er in einem Spiegel vor sich eine Gestalt, welche auf der Schwelle des Zimmers erschien.

Er wandte sich um, Mordaunt stand ihm gegenüber.

Lord Winter erbleichte und blieb unbeweglich stehen. Mordaunt hielt sich auf der Schwelle, kalt, drohend und der Bildsäule des Gouverneurs ähnlich.

Es herrschte einen Augenblick eisiges Schweigen zwischen diesen zwei Männern.

»Monsieur, ich glaubte Euch bereits begreiflich gemacht zu haben, dass mich diese Verfolgung ermüdet. Entfernt Euch also oder ich rufe Leute und lasse Euch wegjagen, wie in London. Ich bin nicht Euer Oheim, ich kenne Euch nicht«, sagte der Lord.

»Mein Oheim«, versetzte Mordaunt mit seinem höhnischen Ton, »Ihr täuscht Euch, Ihr werdet mich diesmal nicht wegjagen lassen, wie Ihr es in London getan habt; nein, Ihr werdet es nicht wagen. Was den Umstand betrifft, dass Ihr leugnen wollt, ich sei Euer Neffe, so werdet Ihr Euch dies wohl zweimal überlegen, jetzt, da ich mancherlei Dinge erfahren habe, die ich vor einem Jahre nicht wusste.«

»Ei, was liegt mir an dem, was Ihr erfahren habt«, entgegnete Lord Winter.

»Oh! Es liegt Euch viel daran, mein Oheim, das weiß ich gewiss, und Ihr werdet sogleich meiner Meinung sein«, fügte er mit einem Lächeln bei, wobei ein Schauer durch die Adern dessen lief, zu welchem er sprach. »Als ich mich zum ersten Mal in London bei Euch einfand, geschah es, um Euch zu fragen, was aus meinem Erbgut geworden wäre. Als ich mich zum zweiten Mal bei Euch einfand, geschah es, um Euch zu fragen, wer meinen Namen befleckt hätte. Diesmal stelle ich mich vor Euch, um eine Frage an Euch zu richten, viel furchtbarer, als alle die vorhergehenden, um Euch zu sagen, wie Gott zu dem ersten Mörder gesagt hat: ›Kain, was hast du mit deinem Bruder Abel gemacht?‹ Mylord, was habt Ihr mit Eurer Schwester gemacht, mit Eurer Schwester, die meine Mutter war?«

Lord Winter wich vor dem Feuer dieser glühenden Augen zurück.

»Mit Eurer Mutter?«, fragte er.

»Ja, mit meiner Mutter, Mylord«, antwortete der junge Mann, den Kopf von oben nach unten schüttelnd.

Von Winter machte eine heftige Anstrengung gegen sich selbst, tauchte in seine Erinnerungen, um einen neuen Hass daraus zu holen, und rief: »Sucht, was aus ihr geworden ist, Unglücklicher, und fragt die Hölle; vielleicht wird Euch die Hölle antworten.«

Der junge Mann schritt nun im Zimmer, vor, bis er Auge in Auge Lord Winter gegenüber stand, und kreuzte die Arme.

»Ich habe den Henker von Bethune gefragt«, sprach Mordaunt mit dumpfer Stimme und das Gesicht leichenblass vor Schmerz und Zorn, »und der Henker von Bethune hat mir geantwortet.«

Von Winter fiel auf einen Stuhl, als ob ihn der Blitz getroffen hatte, und bemühte sich vergebens, zu sprechen.

»Ja, nicht wahr«, fuhr der junge Mann fort, »mit diesem Worte erklärt sich alles. Mit diesem Schlüssel öffnet sich der Abgrund. Meine Mutter hatte von ihrem Gatten geerbt, und Ihr habt meine Mutter ermordet! Mein Name sicherte mir das väterliche Erbteil, und Ihr habt mich meines Namens beraubt. Als Ihr mich meines Namens beraubt hattet, beraubtet Ihr mich auch meines Vermögens. Ich wundere mich jetzt nicht mehr, dass Ihr mich nicht anerkennen wollt. Wenn man sich sauber weiß, ist es nicht ganz bequem, den Menschen, welchen man arm gemacht hat, seinen Neffen zu nennen, wenn man sich Mörder weiß, dem Menschen, den man zur Waise gemacht hat, den Titel seines Neffen zu gönnen.«

Diese Worte brachten eine andere Wirkung hervor, als Mordaunt erwartet hatte. Lord Winter erinnerte sich, welches Ungeheuer Mylady gewesen war. Er erhob sich ruhig und ernst und bezwang mit seinem strengen Blicke die exaltierten Augen des jungen Mannes.

»Ihr wollt in dieses furchtbare Geheimnis dringen, Monsieur?«, sprach er. »Nun wohl, es sei! Erfahrt also, wer die Frau war, über welche Ihr mir Rechenschaft abfordert: Diese Frau hat aller Wahrscheinlichkeit nach meinen Bruder vergiftet, und um mich zu beerben, wollte sie mich ebenfalls ermorden, dafür habe ich Beweise. Was sagt Ihr hierzu?«

»Ich sage, dass es meine Mutter war!«

»Sie hat einen gerechten, guten und reinen Mann, den Herzog von Buckingham, erdolchen lassen. Was sagt Ihr zu diesem Verbrechen, von welchem ich die Beweise habe?«

»Dass es meine Mutter war!«

»Nach Frankreich zurückgekehrt, hat sie in dem Kloster der Augustinerinnen in Bethune eine Frau vergiftet, welche einen ihrer Feinde liebte. Wird Euch dieses Verbrechen von der Gerechtigkeit der Strafe überzeugen? Ich habe die Beweise für dieses Verbrechen. Was sagt Ihr dazu?«

»Dass es meine Mutter war!«, rief der junge Mann, der seinen drei Ausrufungen eine stufenweise zunehmende Verstärkung gegeben hatte.

»Von Mordtaten, von Ausschweifungen belastet, jedermann verhasst, drohend wie ein blutdürstiger Panther, unterlag sie den Schlügen von Männern, welche sie in Verzweiflung gebracht hatte, ohne dass ihr je von denselben der geringste Schaden zugefügt worden war. Sie fand Richter, welche ihre schändlichen Attentate hervorriefen, und dieser Henker, den Ihr gesehen habt, der Henker, von dem Euch, wie Ihr behauptet, alles erzählt worden ist, dieser Henker, wenn er Euch alles erzählt hat, muss Euch auch gesagt haben, wie er vor Freude bebte, als er an ihr die Schmach und den Selbstmord seines Bruders rächte. Eine verkehrte Tochter, eine ehebrecherische Gattin, eine entartete Schwester, eine Giftmischerin, eine Mörderin, fluchwürdig bei allen Menschen, die sie kennen lernten, bei allen Nationen, welche sie in ihrem Schoß aufgenommen hatten, starb sie verflucht von dem Himmel und der Erde. Das ist das Bild dieser Frau.«

Ein Schluchzen, stärker als der Wille von Mordaunt, zerriss ihm die Kehle, machte das Blut in sein leichenbleiches Gesicht steigen. Er ballte die Fäuste und rief, das Antlitz von Schweiß triefend, die Haare auf der Stirn gesträubt, wie die von Hamlet, von Wut verzehrt: »Schweigt, Monsieur, es war meine Mutter. Ihren ungeordneten Lebenswandel kenne ich nicht, ihre Verbrechen kenne ich nicht! Aber ich weiß, dass ich eine Mutter hatte, dass fünf Männer, gegen eine Frau verbunden, sie heimlich, nächtlicher Weise, schweigend wie feige ermordet haben. Ich weiß, dass Ihr dabei wäret, Monsieur, dass Ihr dabei wäret, mein Oheim, dass Ihr, wie die anderen und stärker als die anderen, sprächet: Sie muss sterben! Ich sage Euch also, hört wohl auf diese Worte, und sie mögen sich in Euer Gedächtnis einprägen, damit Ihr sie nie vergesst: Dieser Mord, der mir alles geraubt hat, dieser Mord, der mich namenlos, der mich arm, der mich boshaft und unversöhnlich gemacht hat … ich werde zuerst von Euch und dann von Eurer Kumpane, sobald ich sie kenne, Rechenschaft darüber verlangen!«

Hass in den Augen, Schaum vor dem Mund, die Fäuste geballt, machte Mordaunt einen Schritt mehr, einen furchtbar drohenden Schritt gegen Lord Winter.

Dieser griff mit der Hand nach dem Degen und sagte mit dem Lächeln des Mannes, der seit dreißig Jahren mit dem Tod spielt: »Wollt Ihr mich ermorden, Monsieur? Dann erkenne ich Euch als meinen Neffen, denn Ihr seid der Sohn Eurer Mutter.«

»Nein«, versetzte Mordaunt und zwang alle Fibern seines Gesichtes, alle Muskeln seines Körpers, ihren Platz wieder einzunehmen. »Nein, ich werde Euch nicht töten, wenigstens in diesem Augenblicke nicht; denn ohne Euch würde ich die anderen nicht kennen lernen. Aber wenn ich sie kenne, dann zittert! Ich habe den Henker von Bethune erstochen; ich habe ihn ohne Barmherzigkeit erstochen, und er war der am geringsten Schuldige von Euch allen.«

Nach diesen Worten entfernte sich der junge Mann und stieg mit hinreichender Ruhe, um nicht bemerkt zu werden, die Treppe hinab. Dann ging er auf dem inneren Treppenplatz vor Tomy vorüber, der, auf das Geländer gelehnt, nur auf einen Ruf seines Herrn wartete, um zu ihm hinaufzueilen.

Aber Lord Winter rief nicht. Im höchsten Maße erschüttert, blieb er mit gespanntem Ohre stehen. Erst als er den Tritt des Pferdes hörte, fiel er halb ohnmächtig auf einen Stuhl zurück und sprach: »Mein Gott, ich danke dir, dass er nur mich kennt!«