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Die Gespenster – Dritter Teil – 10. Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Dritter Teil

Zehnte Erzählung

Das nächtliche Ungeheuer zu Eperjes in Ungarn

Im Jahr 1784 ging ich an einem sehr heiteren Sommerabend aus meinem Wohnzimmer des oberen Stockes in den daran gebauten Gang, aus welchem ich die Aussicht auf die naheliegenden Frucht- oder sogenannte Berggärten hatte. Der gestirnte Himmel zog meine Blicke ganz an sich, und die Pracht der leuchtenden Himmelskörper wiegte mein anbetendes Herz in süßes Entzücken ein. Immer stiller, aber auch feierlicher wurde die Natur, auf welcher ein leichtschwebender Nebel lag, und sie gleichsam mit den Fit­tichen des Schlummers deckte. Jedes lebende Geschöpf schwieg und schlief sanft im Arm der Ruhe. Ich allein stand tief gerührt lange da und meine Gedanken liefen eine Reihe von Jahren der Vergangenheit durch, in welchen ich der Wohltaten Gottes ohne mein Verdienst teilhaftig geworden bin. Sodann senkte ich meine Blicke zur Erde, durchlief mit denselben verschiedene Gegenstände, bis sie an einem Ort weilten, wo eine ungewöhnliche Erscheinung mein Staunen über dieselbe erregte.

Der Hof des Hauses, darinnen ich wohnte, hatte im Hintergrund einen leeren Raum, den eine alte verfallene Mauer umschloss, in deren Mitte ein Tor angebracht war und das an dem Hang eines kleinen Hügels stand. Dicht an demselben, und zwar in einer Vertiefung, erblickte ich ein weißes, mir unerklärbares Etwas, das sich bald vergrößerte, bald verkleinerte, und in ewiger Bewegung einem weißen Tuch ähnelte, welches vom Wind angeblasen, sich bald hob, und bald wieder herabsank. Da dieses Haus zu derselben Zeit einsam und von niemanden sonst als von mir bewohnt war, ich auch nicht glauben konnte, dass irgendjemand sich in dasselbe eingeschlichen hätte, so musste mir diese seltene nächtliche Erscheinung umso mehr auffallen, da ich die abwechselnde Verkleinerung und Vergrößerung derselben an einer Stelle wahrzunehmen, beinahe eine halbe Stunde unbeweglich auf der Warte stand. Der Schlag der elften Stunde vor Mitternacht erinnerte mich ans Schlafengehen, aber ich konnte mich dazu nicht eher entschließen, bis ich das mir aufgestoßene Abenteuer bestanden und den Grund der außerordentlichen Begebenheit untersucht haben würde.

Frei vom Aberglauben und albernen Vorurteilen, spottend der Ammenmärchen, zog ich wie ein Held, der auf den Kampfplatz schreitet, meinen Hirschfänger aus der Scheide, nahm ihn blank unter den linken Arm und ging herzhaft dem angeblichen Gespenst entgegen, um es, wenn etwa diebische Betrügerei dahinter versteckt wäre, nach Verdienst zu empfangen. Je näher ich dem Schreckensort kam, umso größer wurde das Gespenst. Als ich kaum noch zwanzig Schritte von ihm entfernt war, blieb ich stehen, sah die Bewegungen, hörte das Schnauben desselben und fand, was ich mutmaßte, ein lebendiges Geschöpf, das nun dem nächtlichen Zuschauer in der Entfernung Schrecken einjagen konnte. Mit einem Worte: Es war eine grasende weiße Stute, die ein Untertan meines Hausherrn während meiner Abwesenheit und ohne es mir zu melden, ins Haus geführt hatte und in dem Hinterteil desselben, wo es Gras im Überfluss fand, grasen ließ. Ihr Eigentümer lag indessen nicht weit davon auf dem Boden hingestreckt, schnarchte und pflegte gemächlich seiner Ruhe.

Der erwähnte vierbeinige Kobold stand an dem Abhang des Hügels mit den Vorderfüßen an der Spitze desselben, und zwar so, dass seine Länge, wenn er den Hals, um das Futter zu erreichen, streckte, ein Ungeheuer bildete und den Schein gab, als ob ein langes, weißes Tuch auf der Erde ausgebreitet läge, das sich bald nach rechts, bald nach links bewegte. Zog sich das Tier von dem Abhang des Hügels in die Tiefe zurück, so war dessen Form wie ein dicker, weißer Klumpen, und es hatte das Ansehen, als ob sich ein weißes Etwas langsam hin und her wälzte.

Ich wünschte bei diesem nächtlichen Vorfall mehrere Augenzeugen gehabt zu haben, um die Form des Gespenstes und dessen mannigfaltige Verwandlungen, so wie die Entwicklung des Wunderbaren in Augenschein und in Betrachtung ziehen zu können.

So pflegen oft natürliche Dinge eine unnatürliche oder der Natur widrige Vorstellung zu vergegenwärtigen; Pygmäen zu Riesen, und gewöhnliche Erscheinungen zum Wunderbaren sich wandeln, wenn die Einbildungskraft von Vorurteilen geschwängert und der Kopf mit Ammenmärchen gefüllt ist.