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Marshal Crown – Band 52

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Hanns Heiling … – Teil 12

Friedrich Wilhelm Bruckbräu
Hanns Heiling, vierter und letzter Regent der Erd-, Luft-, Wasser- und Feuergeister und sein Kampf mit den Teufeln der Hölle
Eine höchst merkwürdige, abenteuerliche und wundervolle Ritter-, Räuber-, Geister- und Teufelsgeschichte
Verlag der J. Lutzenberger’schen Buchhandlung, Altötting, 1860

Heirat und große Geistererscheinung

Die Grundstücke Guntrams erstreckten sich eine Viertelstunde weit bis an das linke Ufer eines Flusses, jenseits dessen ein kleines niedliches Dorf lag.

Als Hanns nach 4 Jahren seines Aufenthaltes bei seinen Pflegeeltern eines Tages auf der Wiese neben dem Fluss Gras mähte, hörte er hinter sich ein gewaltiges Geschrei und erblickte umschauend eine Kuh, die im Wasser herüberschwamm, und einige Schritte hinter dieser einen weiblichen Kopf, der um Hilfe rufend bald auf- und dann wieder untertauchte. Ohne sich zu besinnen und ohne gut schwimmen zu können, sprang er in den nicht gar tiefen Fluss, brachte das Mädchen glücklich an das jenseitige Ufer und stürzte sich noch einmal ins Wasser, um auch die Kuh zu retten, was ihm auch gelang. Die Gerettete dankte ihm für seinen Mut und seine Nächstenliebe auf die rührende Weise sowie auch dafür, dass er ihr die Ruh wieder verschafft habe, den einzigen Besitz ihrer blutarmen Eltern, was auch die inzwischen herbeigekommenen Dorfleute bestätigten, welche bezeugten, dass Rosalie die ärmste, frömmste, fleißigste und in der ganzen Gegend weitaus die allerbravste Maid sei. Auch war sie so schön, dass Hanns bei ihrem Anblick vor innerer Bewunderung und Zuneigung fast sprachlos war.

Die gegenseitige Liebe der beiden jungen Leute wurde indessen bald inniger und bevor sechs Wochen vergingen, wurden sie in der Votivkapelle Guntrams getraut, in dessen Gehöft sie auch fortlebten.

Zwei Jahre verflossen in glücklichster Ehe, als Hanns an einem schwülen Sommertag mit einem Körbchen zum Fluss und dann flussaufwärts in einem dichten, rundherum von hohen Felsen umgebenen Wald ging, um für seine geliebte Rosalie große Erdbeeren zu pflücken, die dort, wie er wusste, duftig und süß schmeckend in ungeheurer Menge zu finden waren, und welche Rosalie überaus gerne aß.

Als das Körbchen voll war, legte er sich unter eine schattige Buche und schlief ermüdet ein. Er hatte aber kaum eine halbe Stunde geschlafen, als ihn die lauten Töne einer Trauermusik weckten, die hinter einem vor ihm liegenden Felsen, etwa 50 Schritte entfernt zu sein schien.

Er sprang auf, stellte sich hinter den breiten Stamm der Buche in gespannter Erwartung, was nun da zum Vorschein kommen werde.

Wie die Flügeltüren eines gewaltigen Palasttors tat sich nun vor seinen Augen die Felsenwand auf und heraus fuhr, von acht mit Trauerschleiern verhüllten prächtigen Rossen gezogen, ein hohes Trauergerüst mit einem großen gewölbten Sarg, auf dem die Zeichen einer geheimnisvollen Herrschermacht prangten. Wie es sich später herausstellte, enthielt der Sarg die Leiche des dritten Regenten der Erb-, Luft-, Wasser- und Feuergeister; denn ungeachtet ihrer Zaubermacht mussten auch diese Regenten am äußersten Ziel ihres menschlichen Daseins zuvor sterben, ehe sie in das überirdische Geisterreich gelangen konnten.

Der von zahllosen Fackeln tragenden solchen die­nenden Geistern umgebene Trauerwagen hielt vor einer mit Purpursamt bedeckten Tribüne an und ein Feuergeist, der wie alle übrigen Geister eine Krone trug, bestieg die prächtig ausgeschmückte thronartige Erhöhung und eröffnete in feierlich ernstem Ton, dass nach dem Tod des dritten Regenten die Geisterwelt einen vierten wählen müsse, und die Wahl nur einen solchen treffen könne, dessen Eltern überirdisch seien, der als Findling sein Leben begonnen, ein schuldloses Leben mitten unter Schuldigen geführt , uneigennützig und stets rechtlich gehandelt, Gefangene befreit und ein tadellos tugendhaftes Mädchen geheiratet habe.

Das meiste davon, dachte Hanno bei sich selbst, trifft bei mir zu. Nur über meine Eltern weiß ich nichts.

»Hier ist Euer vierter Regent, Hanns Heiling«, ertönte eine weibliche Stimme. Ein Wassergeist, der aus den Fluten des Flusses emportauchte, schwebte auf Hanns zu und stellte ihn dem Redner vor.

»Ich bin Amiranda, die gekrönte Wassernixe des nahen Flusses und die leibliche Mutter dieses jungen Mann, dessen Vater Euer dritter Regent war, dessen sterbliche Hülle nun in diesem Sarg liegt.«

Und nun erzählte sie ausführlich, auf welche Art Hanns Heiling all die gemachten Bedingungen seiner Wahl bereits erfüllt habe.

Die umstehenden Geister hatten aus dem Munde ihres dritten Regenten Tyeson schon längst seinen Verkehr mit der Nixe Amiranda vernommen. Und da die Erfüllung aller übrigen Bedingungen gleichfalls nachgewiesen war, so wurde auch Hanns Heilings Frau, die Eltern des Hanns und auch seiner Rosalia von Luftgeistern schleunigst herbeigeführt, nach beendeter Beisetzung der Leiche in einem nahen Felsentempel Hanns Heiling als vierter Regent im großen Prachtsaal des Regentenpalastes feierlich ge­krönt und ihm der Zauberring des vorigen Regenten, das Zepter und das Buch des Schicksal, worin er in schwierigen Fällen Rat nachlesen konnte, übergeben.