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Marshal Crown – Band 52

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Die Sternkammer – Band 4 – Kapitel 10

William Harrison Ainsworth
Die Sternkammer – Band 4
Ein historischer Roman
Christian Ernst Kollmann Verlag, Leipzig, 1854

Zehntes Kapitel

Die beiden Freilassungsbefehle

Am Schluss der Verhandlung bemerkte man, dass Jakob lächelte. Buckingham, der sich seinem Stuhl genähert hatte, wagte zu fragen, woran sich Seine Majestät ergötze.

»Wir haben einen seltsamen Einfall gehabt«, ant­wortete der König. »Wir entdecken eine seltsame Ähnlichkeit zwischen dem Fall, den wir eben verhandelt ha­ben, und der Übertretung unserer ersten Eltern.«

»Wieso, Eure Majestät?«, fragte der Günstling.

»Die Sache ist diese«, versetzte Jakob. »Sir Tho­mas Lake ist mit unserem guten Vater Adam zu verglei­chen, der in Sünde verfiel, indem er auf die Lockungen der Mutter Eva horchte – und Eva wird von seiner Tochter der Lady Roos vorgestellt – und dann müsst Ihr gestehen, dass Lady Lake gewiss eine sehr große Ähnlichkeit mit der listigen alten Schlange hat.«

»Vortrefflich!«, rief Buckingham, in das königliche Gelächter einstimmend, »aber ehe Eure Majestät diesen Sitz verlassen, muss ich Euch bitten, etwas zu tun, woran Ihr so große Freude findet, nämlich einen Akt der Gerechtigkeit auszuüben.«

»Noch einen Akt der Gerechtigkeit solltet Ihr sagen, Mylord«, entgegnete Jakob im Ton des Tadels, »da Ihr doch seht, dass wir ein höchst merkwürdiges Urteil in einer Sache gefällt haben, die uns fünf Tage der unaufhörlichen Arbeit und der angestrengtesten Überlegung gekostet hat. Aber was fordert Ihr von uns? Für wen sollen wir unser Vorrecht ausüben?«

»Für Sir Jocelyn Mounchensey, mein gnädigster Fürst«, versetzte Buckingham, »der wegen Verachtung dieses hohen und ehrenvollen Gerichtshofes dem Fleetgfängnis übergeben wurde und nur durch eine Vollmacht Eurer Majestät befreit werden kann. Da ich selber zugegen war, als die nichtgemäßigten Ausdrücke, die man ihm zur Last legt, angewendet wurden, so kann ich versichern, dass er von seinen Feinden angereizt wurde, sie anzuwenden, und dass er in seinen ruhigeren Augenblicken seine Unbesonnenheit bereut haben muss.«

»Ihr sollt die Vollmacht haben, Mylord«, sagte Jakob lächelnd, »und diese Bitte macht Euch viel Ehre. Die Strafe, die Sir Jocelyn bereits ausgestanden hat, ist völlig hinreichend für das Vergehen, und wir hegen keine Furcht, dass sie wiederholt werden wird. Ein ein­ziger Besuch in Fleetgefängnis ist genug für jeden Menschen. Aber was Sir Jocelyn betrifft, so freut es mich, sagen zu können , dass seine Exzellenz, der Graf von Gondomar, unsere gute Meinung von ihm völlig wiederhergestellt und uns bewiesen hat, dass der Spion, wofür wir ihn hielten, eine andere Person ist, die ungenannt bleiben soll. Ha! da kommt der Graf selber«, rief er, als der spanische Gesandte sich näherte. »Es wird Eurer Exzellenz lieb sein, nach der hübschen Weise, wie Ihr von ihm gesprochen habt, zu hören, dass es unsere Ab­sicht ist, Sir Jocelyn die Gunst wieder zu schenken, die er früher genossen hatte. Lord Buckingham soll eine Voll­macht zu seiner Befreiung aus dem Fleetgefängnis ha­ben, und wir erwarten ihn wie sonst bei Hofe zu sehen.«

»Während Eure Majestät in dieser gnädigen Stim­mung sind«, sagte Gondomar sich tief verneigen , »ge­stattet mir eine Bitte für eine Person von sehr untergeordneter Wichtigkeit vorzutragen, an der ich aber dennoch Interesse nehme und die gleichfalls im Fleet ge­fangen ist.«

»Und Ihr wollt einen Befehl zu seiner Freilassung, nicht wahr, Graf?«

»So ist es, Eure Majestät«, versetzte Gondomar, sich wieder tief verneigend.

»Welches war sein Vergehen?«, fragte der König.

»Eine unbedeutende Beleidigung gegen mich«, ent­gegnete der Gesandte. »Es war durchaus nichts, Eure Majestät.«

»Ah! Ich weiß, wen Ihr meint. Ihr meint jenen schurkischen Lehrling Dick Taverner«, rief Jakob. »Nennt Ihr diesen Angriff auf Euch eine unbedeutende Beleidigung, Graf? Ich nenne es einen Aufruhr, fast eine Rebellion, einen Angriff auf einen Gesandten zu machen!«

»Was es auch sein mag, ich bin zufrieden, es zu übersehen«, sagte Gondomar, »und ich muss gestehen, die Burschen waren gereizt worden.«

»Gut, da Eure Exzellenz geneigt sind, die Sache aus diesem Gesichtspunkte anzusehen«, versetzte Jakob, »und Ihr solche Großmut gegen Eure Feinde zeigt, so sei es fern von mir, mich Euren Wünschen zu widersetzen . Der Befehl zu Freilassung des Lehrlings soll zugleich mit dem des Sir Jocelyn angefertigt werden. Lord Buckingham wird vom Sekretär deshalb Befehle erteilen und wir wollen dann unsere Unterschrift hinzufügen. Und nun – seid Ihr noch nicht zu Ende?«, fuhr er fort, als er bemerkte, dass Buckingham noch zauderte. »Habt Ihr noch mehr Bitten vorzutragen?«

»Ich hatte eine Bitte im Namen des Prinzen an Eure Majestät zu richten, aber ich bemerke, dass Seine Hoheit im Begriff ist, selber mit Euch zu reden.«

Als er dies sagte, näherte sich Prinz Karl, der ei­nen Sitz im Gericht eingenommen hatte, stieg auf die Erhöhung, worauf der Stuhl des Königs stand, sodass er mit seinen königlichen Vater in gleicher Linie war, und machte ihm eine lange und anscheinend wichtige Mit­teilung in sehr leisem Ton. Jakob horchte mit großer Aufmerksamkeit auf das, was sein Sohn sagte, und schien sehr überrascht und unwillig über das, was er ihm mitteilte. Von Zeit zu Zeit konnte er einen heftigen Fluch nicht unterdrücken, und hätte Karl ihn nicht dringend gebeten, so würde er sich einem Ausbruch des Zorns hingegeben und so das Geheimnis verraten ha­ben, welches ihm anvertraut wurde.

Er beruhigte sich indessen, so gut er konnte, und sagte in leisem Ton: »Wir vertrauen dir die Sache an, da du es wüns­chst, denn wir sind gewiss, dass unser lieber Sohn als unser Repräsentant würdig und gut handeln wird. Du sollst mit unserer Vollmacht versehen werden und die Macht haben, diese schmachvollen Verbrecher zu bestra­fen, wie es dir gut dünkt. Wir wollen deine Urteile bestätigen, welche sie auch sein mögen, und dasselbe wird unser Staatsrat tun!«

»Ich muss Macht haben, zu verzeihen, sowie zu bestrafen, mein gnädigster Vater und König«, sagte Karl.

»Du sollst beides haben«, antwortete der König, »aber die Unterscheidung ist unnötig, da das eine in dem anderen mitbegriffen ist. Du sollst unser eigenes Siegel haben und handeln, als ob du selber der Kö­nig wärst, wie du es einst sein wirst. Genügt dir das?«

»Vollkommen«, versetzte Karl, dankbar die Hand seines königlichen Vaters küssend. Dann stieg er von der Erhöhung herunter und begab sich zu Buckingham und Gondomar, mit welchen er eine kurze und leise Unterredung hielt.

Mittlerweile wurden die beiden Freilassungsbefehle angefertigt und mit der königlichen Unterschrift versehen, worauf Jakob das Zimmer verließ und die Richter sich entfernten. Die Freilassungsbefehle wurden vom Sekretär Buckinghams überliefert, der sie Lucas Hatton anvertraute, der in der äußeren Galerie darauf wartete. Als der Letztere in Betreff derselben einige Befehle von dem Mar­quis erhalten hatte, eilte er fort.

Als Lucas Hatton über den neuen Schlosshof ging, begegnete ihm ein großer Mann in einem langen schwar­zen Mantel. Wenige Worte wurden zwischen ihnen ge­wechselt und die Nachricht, welche der Mann in dem Mantel erhielt, schien ihm völlig genügend. So ging er seiner Wege, während Lucas sich in das Fleetgefängnis begab. Dort wurde er sogleich in die Abteilung eingelassen, worin Sir Jocelyn sich befand, und er kündigte ihm die frohe Nachricht der Wiederherstellung seiner Frei­heit an. Nun war Sir Jocelyn von den Verletzungen, welche ihm der Gefangenwärter während eines Kampfes mit Sir Giles Mompesson zugefügt hatte, völlig hergestellt, sodass seiner Entfernung kein Hindernis im Wege stand. Es war sein natürlicher Wunsch, das Gefängnis so­gleich zu verlassen, aber Lucas Hatton gab ihm so drin­gende Gründe an, noch einen Tag dort zu bleiben, dass er nicht umhin konnte, einzuwilligen. Als ihm alle Um­stände von dem Apotheker erklärt worden waren, konnte er nicht umhin, den Plan zu billigen, der am folgenden Tag zur Bestrafung seiner Feinde ausgeführt werden sollte, und dann wurde es klar, warum Sir Giles nicht mit seiner Freilassung bekannt gemacht werden sollte, was geschehen musste, wenn der Befehl sogleich in Ausführung gebracht wurde. Der Aufseher und der Gefangenwärter sollten erst im letzten Augenblick damit bekannt gemacht werden, denn er wusste, dass beide die Kreaturen des Er­pressers waren. Gewisse Mitteilungen, die Lucas Hat­ton dem jungen Ritter in Betreff Clemens Lanyeres machte, brachten einen tiefen Eindruck auf ihn hervor und versenkten ihn lange Zeit in schmerzliches Nachdenken.

Die Zelle des bedeutenderen Gefangenen verlassend, begab sich Lucas Hatton in den Kerker des Lehrlinge, den er mit seinem guten Glück bekannt machte und ihm gewisse glänzende Aufsichten zeigte, die den armen Dick fast wahnsinnig machten. Auf den Vorschlag seines neuen Freundes schrieb der Lehrling einen Brief an Gil­lian Greenford und beschwor sie bei der Liebe, die sie zu ihm hege und bei ihren beiderseitigen Hoffnungen auf eine baldige Vereinigung, den Anordnungen des Überbringers unbedingt Folge zu leisten, von welcher Art die­selben auch sein mögen. Damit versehen, verließ Lucas Hatton das Fleetgefängnis, verschaffte sich ein Pferd und ritt rasch auf Tottenham zu.