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Die drei Musketiere – Zwanzig Jahre danach – 4. – 6. Bändchen – Kapitel XVII

Alexandre Dumas
Zwanzig Jahre danach
Viertes bis sechstes Bändchen
Fortsetzung der drei Musketiere
Nach dem Französischen von August Zoller
Verlag der Frankh’schen Buchhandlung. Stuttgart. 1845.

XVII. Ein Abendbrot von ehemals

Die zweite Zusammenkunft der alten Musketiere war nicht prunkend und bedrohlich, wie die erste. Athos dachte mit seiner stets erhabenen Vernunft, die Tafel wäre der rascheste und vollständige Vereinigungspunkt. In dem Augenblick, wo seine Freunde, seine Mäßigkeit befürchtend, nicht von einem von den guten Mahlen von ehemals zu sprechen wagten, wie sie solche im Tannenapfel oder bei dem Parpaillot eingenommen hatten, schlug er zuerst vor, sich bei einer gut bestellten Tafel einzufinden und sich jeder seinem Charakter und seinen Manieren ohne Rückhalt hinzugeben, eine Hingebung, welche das gute Einverständnis unter ihnen erhalten und ihnen den Beinamen der Unzertrennlichen gebracht hatte.

Der Vorschlag war allen angenehm, besonders d’Artagnan, welcher ein großes Verlangen hatte, den guten Geschmack und die Heiterkeit der Unterhaltungen seiner Jugend wiederzufinden, denn seit geraumer Zeit hatte sein feiner, für die Freude empfänglicher Geist nur ungenügende Befriedigung, ein gemeines Futter, wie er es selbst nannte, gefunden. Im Begriff, Baron zu werden, war Porthos entzückt, diese Gelegenheit zu finden, in Athos und Aramis den Ton und die Manieren der Leute von Stand zu studieren. Aramis wollte Neuigkeiten aus dem Palais-Royal in Erfahrung bringen und sich für jeden Fall ergebene Freunde bewahren, welche einst mit so raschen und unüberwindlichen Schwertern seine Streitigkeiten unterstützt hatten.

Athos war der Einzige, der von den anderen nicht zu empfangen und nichts zu erwarten hatte, und nur von einem Gefühl einfacher Größe und reiner Freundschaft bewegt wurde.

Man kam dahin überein, dass jeder ganz genau seine Adresse geben und dass bei dem Bedürfnis von einem der Verbündeten die Versammlung bei einem berühmten Traiteur der Rue de la Monnaie mit dem Schild Zur Einsiedelei zusammenberufen werden sollte. Die erste Versammlung wurde auf den folgenden Mittwoch abends acht Uhr anberaumt.

Die vier Freunde kamen an diesem Tag pünktlich zur bezeichneten Stunde und jeder von seiner Seite. Porthos hatte ein neues Pferd probieren müssen, d’Artagnan kam von der Wache im Louvre ab, Aramis hatte eine von seinen Reuerinnen in der Nähe besuchen müssen und Athos, der sein Quartier in der Rue Guenégaud genommen hatte, speiste gewöhnlich in diesem Haus. Sie waren also sehr erstaunt, sich vor der Tür der Einsiedelei zusammenzufinden, Athos über den Pont-Neuf, Porthos durch die Rue du Roule, d’Artagnan durch die Rue de Fossés-Saint-Germain-l’Auxerrois, Aramis durch die Rue de Bethisy herbeikommend. Die ersten Worte, welche die vier Freunde austauschten, waren gerade durch den Eifer, welchen jeder in seine Kundgebungen legte, etwas gezwungen, und das Mahl begann mit einer gewissen Steifheit. Man sah, dass d’Artagnan sich anstrengte, um zu lachen, Athos, um zu trinken, Aramis, um zu erzählen, und Porthos um zu schweigen. Athos gewahrte diese Verlegenheit und bestellte, um ein rasches Gegenmittel anzuwenden, vier Flaschen Champagner.

Bei diesem mit der gewöhnlichen Ruhe von Athos gegebenen Befehl sah man das Antlitz des Gascogners sich entrunzeln und die Stirn von Porthos sich aufhellen.

Aramis war erstaunt; er wusste nicht nur, dass Athos nicht mehr trank, sondern auch, dass er einen gewissen Widerwillen gegen den Wein empfand. Dieses Erstaunen wuchs, als er Athos sich ein volles Glas einschenken und mit der Begeisterung von ehemals trinken sah. D’Artagnan füllte und leerte sein Glas ebenfalls. Porthos und Aramis stießen mit den ihren an. In einem Augenblick waren die vier Flaschen leer. Man hätte glauben sollen, es drängte die Gäste, sich von ihren Hintergedanken zu trennen.

In einem Augenblick hatte dieses vortreffliche spezifische Mittel auch die kleinste Wolke zerstreut, welche im Grunde ihres Herzens zurückbleiben konnte. Sie fingen an, lauter zu sprechen, ohne dass einer, um anzufangen wartete, bis der andere vollendet hatte, und jeder nahm seine Lieblingsstellung bei Tisch ein. Bald knüpfte Aramis – eine unerlebte Erscheinung – zwei Nesteln von seinem Wams auf. Als Porthos dies sah, öffnete er alle die seinen.

Die Schlachten, die langen Ritte, die empfangenen und gegebenen Stiche und Stöße hatten die ersten Kosten der Unterhaltung zu tragen. Dann ging man zu den Kämpfen über, die man gegen denjenigen ausgehalten hatte, welchen man nun den großen Kardinal nannte.

»Meiner Treu!«, sagte Aramis lachend, »die Toten sind nun sattsam gelobt, lasst uns die Lebenden ein wenig durch die Hechel ziehen. Ich möchte gern über Mazarin herfallen. Ist es erlaubt?«

»Immerhin«, erwiderte d’Artagnan, ebenfalls lachend, »immerhin; erzählt Eure Geschichte und ich klatsche Euch Beifall, wenn sie gut ist.«

»Ein großer Fürst«, sprach Aramis, »mit dem Mazarin eine Verbindung zu schließen suchte, wurde von diesem aufgefordert, ihm das Verzeichnis der Bedingungen zu schicken, unter denen er ihm die Ehre erzeigen würde, sich mit ihm zu vertragen. Der Fürst, dem es einigermaßen widerstrebte, mit einem solchen Knauser zu unterhandeln, machte nur ungern sein Verzeichnis und schickte es ihm. In diesem Verzeichnis standen drei Dinge, welche Mazarin missfielen. Er ließ dem Fürsten zehntausend Taler anbieten, wenn er darauf Verzicht leisten würde.«

»Ah! Ah! Ah!«, riefen die drei Freunde, »das war nicht teuer, und er hatte nicht zu befürchten, beim Wort genommen zu werden. Was tat der Fürst?«

Der Fürst schickte sogleich 50.000 Livres an Mazarin, ersuchte denselben, nie mehr an ihn zu schreiben, und bot ihm zugleich noch 20.000 Livres mehr, wenn er sich verbindlich machen würde, nie mehr mit ihm zu sprechen.«

»Was tat Mazarin?«

»Er ärgerte sich«, sprach Athos.

»Er ließ den Boten prügeln«, sagte Porthos.

»Er nahm die Summe an«, versetzte d’Artagnan.

»Ihr habt es erraten, d’Artagnan«, erwiderte Aramis.

Sie brachen insgesamt in ein so schallendes Gelächter aus, dass der Wirt herauskam und nachfragte, ob die Messieurs etwas nötig hätten.

Er hatte geglaubt, man schlage sich.

Endlich wurde es wieder etwas ruhiger.

»Darf man auch Monsieur von Beaufort etwas folgen?«, sprach d’Artagnan, »ich habe große Lust dazu.«

»Tut es«, antwortete Aramis, der ganz genau diesen seinen und mutigen gascognischen Geist kannte, welcher nie auch nur einen Schritt auf irgendeinem Gebiet zurückwich.

»Und Ihr, Athos?«, sagte d’Artagnan.

»Ich schwöre Euch, so wahr ich ein Edelmann bin, dass wir lachen, wenn Ihr komisch seid.«

»Ich fange an«, sprach d’Artagnan. »Als Monsieur von Beaufort eines Tages mit einem von seinen Freunden von dem Monsieur Prinzen sprach, sagte er ihm, er habe sich bei den ersten Streitigkeiten zwischen Mazarin und dem Parlament mit Monsieur von Chavigny im Widerspruch gefunden, und als er gesehen hatte, dass er ein großer Anhänger des neuen Kardinals gewesen war, denselben auf gehörige Weise gourmiert. Dieser Freund, welcher von Monsieur von Beaufort wusste, dass er eine sehr leichte Hand hatte, war nicht wenig über diesen Umstand erstaunt und lief spornstreichs zu dem Monsieur Prinzen. Die Sache wird ruchbar und jedermann wendete Chavigny den Rücken zu. Dieser forschte nach einer Erklärung der allgemeinen Kälte. Man zögerte, ihm den Grund mitzuteilen. Endlich wagte es einer, ihm zu sagen, jedermann sei sehr erstaunt darüber, dass er sich von Monsieur von Beaufort, obwohl dieser ein Prinz sei, habe gourmieren lassen.

›Und wer sagt, der Prinz habe mich gourmiert?‹, fragte Chavigny.

›Der Prinz selbst‹, antwortete der Freund.

Man ging an die Quelle zurück und fand die Person, zu welcher der Prinz dieses Wort gesprochen hatte. Bei ihrer Ehre aufgefordert, die Wahrheit zu sagen, wiederholte und bestätigte sie das Gerücht.

In Verzweiflung über eine solche Verleumdung, die er durchaus nicht begrifft, erklärte Chavigny seinen Freunden, er werde eher sterben, als eine solche Beleidigung ertragen. Infolge hiervon schickte er zwei Zeugen zu dem Prinzen, mit dem Auftrag, ihn zu fragen, ob er sich wirklich geäußert hatte, er habe Monsieur von Chavigny gourmiert?

›Ich habe es gesagt und wiederhole es‹, antwortete der Prinz, ›es ist die Wahrheit.‹

›Monseigneur‹, sprach hierauf einer von den Abgeordneten von Chavigny, ›erlaubt mir, Eurer Hoheit zu bemerken, dass Schläge, einem Edelmann erteilt, ebenso denjenigen, welcher sie gibt, als den Empfänger entwürdigen. Der König Ludwig XIII. wollte keine adligen Kammerdiener haben, um berechtigt zu sein, seine Kammerdiener zu schlagen.‹

›Ei, so sagt mir doch‹, sprach Monsieur von Beaufort erstaunt, ›wer hat Schläge bekommen und wer spricht vom Schlagen?‹

›Ihr, Monseigneur, der Ihr behauptet, geschlagen zu haben.‹

›Wen?‹

›Monsieur von Chavigny.‹

›Ich?‹

›Habt Ihr nicht, wenigstens wie Ihr sagt, Monsieur von Chavigny gourmiert?‹

›Ja.‹

›Nun, er leugnet es.‹

›Ah!‹, sprach der Prinz, ›ich habe ihn allerdings gourmiert und sage Euch hier meine eigenen Worte‹, fügte Monsieur von Beaufort mit der ganzen ihm eigentümlichen Majestät bei. ›Mein lieber Chavigny, Sie sind sehr tadelnswert, dass Sie einen Burschen wie Mazarin unterstützen.‹

›Ah, Monseigneur‹, rief der andere, ›ich begreife, gourmandiert wolltet Ihr sagen.‹

[Wir mussten darauf Verzicht leisten, für diese Anekdote ein deutsches Wortspiel aufzufinden, und konnten nur die französischen Ausdrücke mit der üblichen Abänderung der Endsilben gebrauchen. Der Prinz von Beaufort ist historisch bekannt durch beständige Verwechslung ähnlich lautender Wörter. Er gebraucht hier den Ausdruck goumer: mit Fäusten schlagen, für das Wort gourmander: ausschelten.]

Gourmandieren, goumieren! Was tut das?‹, sprach der Prinz, ›ist es nicht dasselbe? In der Tat, Eure Wortmacher sind große Schulfüchse.‹«

Man lachte viel über diesen philologischen Irrtum von Monsieur von Beaufort, dessen Verstöße in dieser Hinsicht sprichwörtlich zu werden anfingen, und es wurde beschlossen, dass insofern der Parteigeist für immer aus diesen freundschaftlichen Versammlungen verbannt bleiben müsste, d’Artagnan und Porthos die Prinzen verspotten könnten, unter der Bedingung, dass es Athos und Aramis gestattet sein sollte, Mazarin zu gourmieren.

»Meiner Treue«, sagte d’Artagnan zu seinen zwei Freunden, »Ihr habt recht, diesem Mazarin zu grollen, denn ich schwöre Euch, dass er Euch ebenfalls nicht wohl will.«

»Wirklich?«, sagte Athos, »würde ich glauben, dieser Bursche kenne mich dem Namen nach, so ließe ich mich umtaufen, aus Furcht, man könnte annehmen, ich kenne auch ihn.«

»Er kennt Euch nicht bei Eurem Namen. sondern durch Eure Taten. Er weiß, dass es zwei Edelleute gibt, welche ganz besonders zu der Flucht von Monsieur von Beaufort beigetragen haben, und er lässt sie sehr tüchtig suchen, dafür stehe ich Euch.«

»Durch wen?«

»Durch mich.«

»Wie, durch Euch?«

»Ja, er hat mich noch an diesem Morgen holen lassen, um mich zu fragen, ob ich irgendeine Kunde hätte.

»Über diese zwei Edelleute?«

»Und was habt Ihr ihm geantwortet?«

»Ich hätte keine, aber ich würde mit zwei Personen zu Mittag speisen, die mir wohl Auskunft geben könnten.«

»Dies habt Ihr ihm gesagt?«, sprach Porthos, und eine unbeschreibliche Heiterkeit verbreitete sich über seinem Antlitz. »Bravo, und das macht Euch nicht bange, Athos?«

»Nein«, sagte Athos, »es ist nicht eine Nachforschung von Mazarin, was ich befürchte.«

»Ihr?«, versetzte Aramis. »Sagt mir doch ein wenig, was Ihr fürchtet!«

»Nichts, in diesem Augenblick wenigstens, das ist wahr.«

»Und in der Vergangenheit?«, sagte Porthos.

»Ah, in der Vergangenheit, das ist etwas anderes«, sprach Athos mit einem Seufzer, »in der Vergangenheit und in der Zukunft.«

»Fürchtet Ihr etwa für Euren jungen Raoul?«, fragte Aramis.

»Bah!«, rief d’Artagnan, »man wird nie im ersten Gefecht getötet.«

»Und auch nicht in dem zweiten«, versetzte Aramis.

»Und ebenso wenig in dem dritten«, sprach Porthos. »Überdies kommt man zurück, wenn man tot ist, der Beweis davon sind wir.«

»Nein«, entgegnete Athos, »es ist auch nicht Raoul, was mich beunruhigt, denn er wird sich hoffentlich wie ein Edelmann betragen, und stirbt er, so wird es der Tod des Tapferen sein. Doch hört, wenn ihm dieses Unglück begegnete …« Athos fuhr mit der Hand über seine bleiche Stirn.

»Nun?«, fragte Aramis.

»Wohl, ich würde dieses Unglück als eine Sühnung betrachten.«

»Ah, ah!« rief d’Artagnan, »ich weiß, was Ihr sagen wollt.«

»Und ich auch«, sprach Aramis, »aber man muss nicht daran denken, Athos. Was geschehen ist, ist geschehen.«

»Ich verstehe Euch nicht«, sagte Porthos.

»Die Geschichte von Armentières!«, flüsterte d’Artagnan.

»Die Geschichte von Armentières!«, sagte Portos.

»Mylady …«

»Ah ja, das hatte ich vergessen.«

Athos schaute ihn mit seinen tiefen Augen an und sprach: »Ihr habt es vergessen, Porthos?«

»Meiner Treu, ja, es ist schon lange her.«

»Die Sache lastet also nicht auf Eurem Gewissen.«

»Meiner Treu, nein«, antwortete Porthos.

»Und bei Euch, Aramis?«

»Ich denke zuweilen daran, wie an einen von den Gewissensfällen, welche sich ganz besonders zur Diskussion eignen.«

»Und Ihr, d’Artagnan?«

»Ich gestehe, wenn mein Geist bei dieser furchtbaren Epoche stillsteht, so habe ich nur Erinnerungen für den eisigen Körper der armen Madame Bonacieux. Ja, ja«, murmelte er, »ich habe oft ein Bedauern wegen des Opfers, nie Gewissensbisse für die Mörderin gehabt.«

Athos schüttelte zweifelhaft den Kopf.

»Bedenkt«, sagte Aramis, »dass diese Frau, wenn Ihr die göttliche Gerechtigkeit und ihre Teilnahme an den Dingen dieser Welt zugebt, nach dem Willen Gottes bestraft worden ist.«

»Aber der freie Wille des Menschen, Aramis?«

»Was tut der Richter? Er hat auch seinen freien Willen und verurteilt ohne Furcht. Was tut der Henker? Er ist Monsieur seiner Arme und schlägt dennoch ohne Gewissensbisse.«

»Der Henker«, murmelte Athos, und man sah, dass ihn eine Erinnerung fesselte.

»Ich weiß, dass es furchtbar ist«, sagte d’Artagnan, »aber wenn ich bedenke, dass wir Engländer, Rocheller, Spanier, sogar Franzosen töteten, die uns nichts Schlimmeres zufügten, als dass sie auf uns anschlagen und uns fehlten, dass sie kein anderes Unrecht gegen uns hatten, als dass sie den Degen mit uns kreuzten und nicht schnell zur Parade kamen, so entschuldigen wir uns über den Tod dieser Frau bei meiner Ehre.«

»Nun«, sagte Porthos. »da Ihr die Erinnerung in mir hervorgerufen habt, Athos, so sehe ich die Szene vor mir, als ob ich noch dabei stünde. Mylady war dort, wo Ihr seid (Athos erbleichte), ich war an dem Platz, wo sich d’Artagnan befindet; ich hatte an meiner Seite ein Schwert, welches schnitt wie ein Damaszener. Ihr erinnert Euch, Aramis, denn Ihr nanntet es meinen Balizardo? Nun wohl, ich schwöre Euch allen dreien, wenn der Henker von Bethune nicht dagewesen wäre … nicht wahr, von Bethune, so würde ich dieser Verbrecherin, ohne mich zu besinnen oder sogar auch mit Vorbedacht, den Kopf abgeschlagen haben.«

»Und dann«, sagte Aramis mit dem Ton sorgloser Philosophie, den er angenommen hatte, seitdem er der Kirche angehörte, und worin viel mehr Atheismus als Vertrauen zu Gott lag, »wozu soll es nützen, an alles das zu denken? Was geschehen ist, ist geschehen. Wir beichten diese Handlung in der letzten Stunde, und Gott wird besser wissen als wir, ob es ein Verbrechen, ein Fehler oder eine verdienstliche Handlung war. Es bereuen, sagt Ihr? Meiner Treu, nein! Auf Ehre und auf das Kreuz, ich bereue es nur, weil es eine Frau war.«

»Das Beruhigende bei alldem ist, dass von diesem Vorfall keine Spur mehr übrig bleibt«, sprach d’Artagnan.

»Sie hatte einen Sohn«, sagte Athos.

»Ah! Ja, ich weiß es«, versetzte d’Artagnan, »Ihr habt mir davon gesprochen. Aber wer weiß, was aus ihm geworden ist. Tot die Schlange, tot die Brut! Glaubt Ihr, von Winter, sein Oheim, werde diese junge Schlange aufgezogen haben? Lord Winter hat sicherlich den Sohn verdammt, wie er die Mutter verdammte.«

»Dann wehe Lord Winter, denn das Kind hatte ihm nichts getan.«

»Das Kind ist tot oder der Teufel soll mich holen«, rief Porthos. »Es gibt so viel Nebel in diesem abscheulichen Land, wie d’Artagnan versichert …«

In dem Augenblick, wo dieser Schluss von Porthos auf die mehr oder minder verdüsterten Stirnen vielleicht die Heiterkeit zurückgeführt hätte, vernahm man das Geräusch von Tritten auf der Treppe, und es wurde an die Tür geklopft.

»Herein!«, sagte Athos.

»Messieurs«, sprach der Wirt, »es ist ein Mann da, welcher große Eile hat und einen von Euch zu sprechen wünscht.«

»Welchen?«, fragten die vier Freunde.

»Denjenigen, welcher sich Graf de la Fère nennt.«

»Das bin ich«, sagte Athos.

»Und wie heißt der Bursche?«

»Grimaud.«

»Ah«, murmelte Athos erbleichend, »was ist Bragelonne begegnet.«

»Lasst ihn eintreten«, sprach d’Artagnan.

Aber Grimaud war bereits die Treppe heraufgelaufen und wartete auf der Schwelle. Bald stürzte er in das Zimmer und schickte sogleich den Wirt mit einer Gebärde weg. Der Wirt verschloss die Tür wieder. Die vier Freunde harrten in gespannter Erwartung – die Aufregung von Grimaud, seine Blässe, der Schweiß, der über sein Gesicht lief, der Staub mit dem feine Kleider überzogen waren. Alles kündigte an, dass er sich zum Boten einer wichtigen, furchtbaren Nachricht gemacht hatte.

»Messieurs«, sagte er, »diese Frau hatte ein Kind, das Kind ist ein Mann geworden. Die Tigerin hatte ein Junges, der Tiger ist aufgeschossen. Er kommt, seid auf Eurer Hut.«

Athos schaute seine Freunde mit einem schwermütigen Lächeln an; Porthos suchte sein Schwert, das an der Wand hing; Aramis ergriff sein Messer; d’Artagnan stand auf.

»Was willst du damit sagen, Grimaud?«, fragte der Letztere.

»Dass der Sohn von Mylady England verlassen hat, dass er sich in Frankreich befindet, dass er nach Paris kommt, wenn er nicht schon hier ist.«

Diese Erklärung wurde mit einem langen Schweigen aufgenommen. Grimaud war so keuchend, so ermattet, dass er auf einen Stuhl sank.

Athos füllte ein Glas mit Champagner und brachte es ihm.

»Nun, im Ganzen«, sagte d’Artagnan, »wenn er lebte, wenn er nach Paris käme, wir haben wohl schon andere gesehen. Er mag kommen!«

»Ja«, versetzte Porthos, mit seinem an der Wand aufgehängten Degen liebäugelnd, »er mag kommen!«

»Überdies ist es nur ein Kind«, sprach Aramis.

Grimaud stand auf. »Ein Kind!«, rief er. »Wisst Ihr, was dieses Kind getan hat? Als Mönch verkleidet, hat es die ganze Geschichte, den Henker von Bethune Beichte hörend, entdeckt, und nachdem es die Beichte gehört und alles von ihm erfahren hatte, hat es ihm zur Absolution diesen Dolch in das Herz gestoßen. Seht, er ist noch rot und feucht; denn es sind nicht mehr als dreißig Stunden, dass man ihm demselben aus der Wunde gezogen hat.«

Grimaud warf den von dem Mönch in der Wunde des Henkers zurückgelassenen Dolch auf den Tisch.

D’Artagnan, Porthos und Aramis erhoben sich und liefen mit einer gleichzeitigen Bewegung nach ihren Degen.

Athos allein blieb ruhig und träumerisch auf seinem Stuhl.

»Und du sagst, er sei als Mönch gekleidet, Grimaud?«

»Ja, als Augustinermönch.«

»Was für ein Mensch ist es?«

»Von meinem Wuchs, wie mir der Wirt mitgeteilt hat, mager, bleich, mit hellblauen Augen und blonden Haaren.«

»Und … er hat Raoul nicht gesehen?«

»Im Gegenteil, sie haben sich begegnet und der Vicomte selbst führte ihn an das Bett des Sterbenden.«

Athos stand auf, ohne ein Wort zu sprechen, und nahm ebenfalls seinen Degen von der Wand.

»Ah, Messieurs!«, rief d’Artagnan und versuchte zu lachen, »wisst Ihr, dass wir aussehen wie alberne Weibsbilder, wir vier Männer, die wir, ohne eine Miene zu verziehen, Heeren Stand gehalten haben. Wir zittern vor einem Kind!«

»Ja«, sprach Athos, »aber dieses Kind kommt im Namen Gottes.«

Und sie verließen schleunig die Gastwirtschaft.

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