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Die Gespenster – Dritter Teil – 6. Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Dritter Teil

Sechste Erzählung

Das kleine tanzende Gespenst zu W… bei K… in Preußen

Der Herr Kandidat G., aus dessen Mund ich diese Geschichte habe, war Hofmeister im Haus des bereits verstorbenen Grafen D. von W… bei dessen damals achtjährigem Sohn. Im Sommer hielt sich diese Familie auf dem Gräflichen Gut W… unweit K… in Preußen auf. Der Hofmeister schlief mit seinem Zögling auf einem Zimmer, von welchem die Sage ging, dass sich dort vor hundert Jahren ein Junker am Balken aufgehenkt habe.

Eines Abends saß Herr G. und rauchte lesend sein Pfeifchen, während der junge Graf schon schlief. Es klopfte an die Tür, er rief Herein! und niemand erschien. Er las ruhig weiter, weil er falsch gehört zu haben glaubte, bis es zum zweiten Male klopfte. Da auch nun auf sein Herein! niemand ins Zimmer trat, so machte er unwillig die Tür auf und bemerkte keinerlei Wesen, das die klopfenden Töne hervorgebracht haben könnte.

Sollte etwa der Amtmann seinen Scherz mit mir treiben?, dachte er und setzte sich so, dass er schnell zuspringen konnte, im Falle es zum dritten Mal klopfen sollte. Er hörte die unerklärten Töne nochmals, eilte mit dem Licht in der Hand zur rasch aufgerissenen Tür hinaus und fand nichts. Nun durchsuchte er mit einer unbehaglichen  Empfindung den ganzen Boden vor seinem Zimmer auf das Sorgfältigste, aber ohne irgendeine Ursache des Klopfens zu entdecken. Ein unwillkürliches Grausen überlief seine Haut; mancherlei fürchterliche Bilder bemächtigten sich seiner Einbildungskraft, doch fiel seine Fantasie nicht auf Gespenster, sondern vielmehr auf Diebe. Sorgfältig verschloss er seine Tür und lud, welches er sonst nie zu tun pflegte, seine Flinte, die er neben das Kopfende seines Bettes hinstellte. Hierauf legte er sich, noch voll von dem Gedanken, welchen die nun einmal in Aufruhr gebrachte Einbildungskraft in ihm rege machte, zu Bett. Er schlief, wie natürlich, sehr unruhig und wurde gerade in der Gespensterstunde heftig aufgeschreckt. In dem nämlichen Augenblick sah er mitten in der Stube, gerade unter dem Balken, an welchem sich einst ein melancholischer Junker erhängt haben soll, eine kleine runde, weiße Figur, welche eine Art von Kreiseltanz zu tanzen schien. Er richtete sich auf. Nachdem er sich ganz überzeugt hatte, dass diese Erscheinung weder ein Traum noch ein Gebilde seiner Einbildungskraft sei, rief er in einem sehr festen Ton: »Wer da!«

Es erfolgte keine Antwort; selbst da nicht, als er sein Wer da! noch ein paar Mal wiederholt hatte. Nun sprang er aus dem Bett, griff nach seiner Flinte und richtete sie zielend auf das Gespenst, welches sich aber gar nicht an ihn zu kehren schien, sondern fortfuhr, sich immer in die Runde zu drehen. Die gänzliche Dunkelheit, die in dem Zimmer herrschte, hinderte ihn, irgendetwas anderes zu unterscheiden als ein sich immer drehendes weißes Etwas, dessen Größe und Gestalt er nicht hinlänglich beurteilen konnte. Noch immer glaubte er, es mit einem Dieb zu tun zu haben. Er schlich sich daher längs des Bettes und der Wand des Zimmers bis an die Tür, indem er immer die Mündung der Flinte auf das Gespenst hielt, um zu schießen, sobald es Miene machen sollte, ihn anzugreifen. Er fand die Tür noch verschlossen, öffnete sie und eilte dann so schnell wie möglich in das ihm zunächst liegende Zimmer des weiblichen Gesindes, um sich Licht zu verschaffen. Hier fand er kein Feuerzeug vor. Um aber dennoch dem Gespenst zum Entwischen keine Zeit zu lassen, zwang er, die Flinte in der Hand, eines der Mädchen, mit ihm zu kommen, und eilte so zu seinem Zimmer zurück, um dort sein eigenes Feuerzeug, welches er auf dem Fenster gelassen zu haben sich erinnerte, aufzusuchen. Das Mädchen, welches zitternd vor dem drohenden Hofmeister voranging, ohne dessen eigentliches Beginnen erraten zu können, war kaum in die Stube getreten, als es gleichfalls das tanzende Gespenst gewahr wurde und schleunig die Flucht ergreifen wollte. Die drohenden Worte des Hofmeisters Vorwärts oder ich schieße! zwangen indessen die arme Erschrockene, alle Hoffnung zur Flucht aufzugeben. Herr G. kehrte nun, auf eben die Art bis an sein Stubenfenster zurück, wie er das Zimmer verlassen hatte, indem er das Mädchen immer vor sich behielt. Glücklich an Ort und Stelle angelangt, gab er der Magd die Flinte zu halten und schlug indessen mit Hilfe des bald gefundenen Feuerzeuges Feuer an. Kaum hatte er Licht, so sah er zwar noch immer die kleine, weiße, tanzende Figur, wurde aber nun zugleich zu seinem unnennbaren Erstaunen gewahr, dass es niemand anders war als sein eigener Zögling.

Der junge Graf hatte eine kleine Anwandlung von Mondsucht, wovon sich aber nach dieser Geschichte keine Spur mehr gezeigt hatte. Er war im Schlaf aufgestanden und drehte sich mitten in der Stube auf den Absätzen herum, ohne sich seiner selbst bewusst zu sein. Die Gefahr, in der Herr G. gewesen war, seinen Zögling zu erschießen, machte ihm diese Geschichte mit Recht äußerst merkwürdig. Die Ursache des Klopfens wurde über das lange Erstaunen, in welche die gemachte Entdeckung alle versetzte, zwar nicht ausgemittelt, aber wie mancherlei natürliche Veranlassungen können, diese anscheinende Wundertöne hervorgebracht haben!

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