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Ein Ostseepirat Band 1 – Ein junger Löwe

Carl Schmeling
Ein Ostseepirat
Historischer Roman
Erster Band

XXXI. Ein junger Löwe

Die Angelegenheit des Fähnrichs von Wardow und gewissermaßen auch die des alten Hochbootsmanns Klassen hatten einen sehr bösen Anstrich bekommen.

So lange nur eine Unvorsichtigkeit des jungen Helden vorlag, dem ein Unglück zu Hilfe kam, um ein gutes königliches Schiff verloren gehen zu machen, konnten ihm die Kriegsartikel wenigstens nicht an die Ehre kommen, und Klassen hatte die Aussicht, ganz leer auszugehen.

Doch nachdem sich alle ehedem auf der Postjacht dienenden Matrosen eingefunden hatten, um ihr Zeugnis ab­zugeben und endlich gar der Depechendiebstahl sich herausstellte, da gewann die Heldentat des Fähnrichs in den Augen seiner Richter ein ganz anderes Ansehen.

Freilich konnte man auch unter diesen Umständen Wardow wie Klassen nur gleichsam Sündenböcke nennen, die die Folgen einer Schuld zu büßen bestimmt waren, deren Höhe das Schicksal und nicht ihre Absicht be­stimmt hatte.

Doch das änderte das Böse an der Sache nicht, und dies bestand darin, dass der Beschluss gefasst wurde, alle beide neben Nachlässigkeit und Ungeschicklichkeit im Dienst auch noch des Landesverrats anzuklagen. Wardow war, bis die Angelegenheit bis zu diesem Punkt gediehen, im Lazarett so weit genesen, dass er wieder umherzugehen vermochte. Er machte sich bereits mit dem Gedanken vertraut, zur Hauptwache überzusiedeln, woselbst sich Klassen bereits seit langen Wochen befand. Zu der Hauptwache wurde der Junker denn auch eines Tages allerdings geführt, doch nicht  wie er glaubte, in gelinde Haft, sondern um, nachdem er mit Ketten beladen, in einen engen starken Kerker gesteckt zu werden.

Dasselbe Schicksal hatte denn auch Klassen zu seinem Schrecken an demselben Tag. Die Verschärfung ihrer Haft bildete einige Tage das Stadtgespräch in Stralsund.

In diese Zeit fiel Staelswerds erneuertes Zusam­mentreffen mit Jacobson und seine Ankunft in Stral­sund zum Zweck der Meldung der von dem Freibeuter erhaltenen Schlappe. Staelswerd hörte von der Wen­dung des Loses der beiden Männer.

Als der Baron früher über das Versehen des jungen Mannes schwieg, war dies bereits ein Gnadenakt. Er hätte sich sicher auch kaum weiter für denselben interessiert, doch nun, gleichsam sein Leidensgefährte geworden und selbst in eine Untersuchung geraten, die sich leicht darauf erstrecken konnte, dass gerade er es gewesen war, der die wichtigen Papiere einem verdächtigen Menschen anvertraut hatte, musste es ihm auch daran liegen, dass Wardow möglichst gelinde davonkam. Er brachte deshalb nochmals die Angelegenheit des jungen Mannes vor der Admiralität zur Sprache und hob besonders hervor, dass der Junker zuerst Verdacht gegen das Schiff und dessen Führer gefasst hatte, wodurch seine ganze Handlungsweise als aus über­triebenem Diensteifer entsprungen erschien.

Wardows Sache, die bereits angefangen hatte, bedenklich zu werden, wurde dadurch wie mit einem Schlagever­ändert, und wie die Herrn der Admiralität in dieser ganzen Geschichte eine merkwürdige Unklarheit der Begriffe an den Tag legten, so nannten sie den uns bedachten Junker infolge der neueren Mitteilungen des Barons, plötzlich einen Helden, dessen heroische Tat Anerkennung statt Strafe verdiente.

Wardows Fesseln fielen daher wie die des alten Hochbootsmanns und beide wurden vor die schnell zusammengetretene Kommission geführt, wo man den Ersteren mit Lobeserhebungen überhäufte und beiden ihre Freilassung ankündigte. Bevor dies geschah, war indessen schon die Expe­dition zur Verfolgung des Kapers sowie die Kommission zur Untersuchung der Verhältnisse auf Hid­densee abgegangen. Wardow, der davon hörte, bedauerte, jener Ersteren nicht beiwohnen zu können. Aber durch das Steigen seiner Aktien kühn gemacht, forderte er dreist ein Kommando, um auf eigene Faust den Mann zu verfolgen, der ihm so viel Leiden verursachte.

Man lächelte bei dieser naiven Forderung des jungen Mannes, doch man gab auch seinem Anspruch nach, und schon am Abend sah er sich als Komman­deur einer Schaluppe mit zwanzig Mann Besatzung. Einstweilen übertrug er dem alten Klassen, der gar nicht aus der Verwunderung herauskam, das Fahrzeug zum Auslaufen klarzumachen und trat dann einen wichtigen Gang an, den er noch an Land zu machen hatte.

Sein Weg führte ihn zur Börse, wo die Marineoffiziere, die gerade anwesend waren, ein Fest zu geben beschlossen hatten, und wo er denn auch von dem ebenfalls anwesenden Staelswerd die Ursachen seiner Freilassung sowie das Nähere über die Vorfälle nordwärts vernahm.

Es ist natürlich, dass Wardow dem Baron einen warmen Dank abstattete, dass er durch die Mitteilungen über die Verhältnisse Jacobsons zur Familie des Majors noch mehr im Hass gegen denselben gestärkt wurde, und dass er endlich, durch die ihm von allen Seiten zuteilwerdenden Lobsprüche berauscht, mit überschwänglichem Mut auf den Schauplatz neuer Taten eilte.

Klassen hatte, während der junge Herr tafelte, seine Aufgabe vollbracht. Außer den Matrosen waren noch dreißig Soldaten an Bord gekommen und Wardow befahl, spät abends anlangend, in See zu gehen. Klassen schüttelte wiederum sein graues Haupt, doch seine derzeitige Stellung erlaubte keine Widerrede. Er stellte sich an das Steuer, um das Fahrzeug den Gellen hinabzuführen.

Wardows Herz war zu voll, um nicht mitteil­sam zu sein. Er suchte deshalb bald den Alten auf und beide tauschten nun während der Fahrt ihre Erlebnisse , Ansichten und Erfahrungen aus, bis man den Bock erreichte, wobei der jüngere Mann mehrfach den älteren neckte, dass er doch richtiger geschlossen hatte, als dieser und Klassen gutmütig zugaben, dass der Junker ein Allerweltmensch sei.

Auf jenem Punkt hörten indessen jene Gespräche auf, um anderen zu weichen, welche die gegenwärtige Lage bedingte, denn Wardow hatte nicht daran gedacht, zu fragen, wo das Exekutionskommando wohl liegen könne. Man glaubte deshalb, es am Landeplatz unterm Bakenberg zu finden; anderen Teils war jedoch die Fahrt bei Nacht selbst für ein kleines Fahrzeug in den Binnengewässern rechts von Hiddensee zu gefährlich, um so leichthin gemacht zu werden. Man wurde deshalb einig, an der Westküste der Insel hinaufzugehen.

Der alte Klassen hatte einen besonderen Mann als Ausguck nach vorn geschickt und dem Steuer die jenem Zweck entsprechende veränderte Richtung ge­geben. Man fuhr einige Zeit in dem angenommenen Kure fort. Wardows Redseligkeit hatte sich endlich gelegt. Man erreichte meistens schweigend die Höhe von Vitte auf Hiddensee.

Auf jener Höhe angekommen, rief jedoch der Ausguck plötzlich: »Fliegendes Licht in Nord-Ost-Nord; Signallicht!«

Seine beiden Vorgesetzten sahen dieses Licht so gut, wie der Mann selbst, und sie sahen auch die beiden folgenden Signale. Über die Natur der Lichter war bei den beiden Männern am Steuer kein Zweifel, wohl aber darüber, wo, von wem und zu welchem Zweck sie gegeben worden waren, denn diese Signale ge­hörten nicht zu denen der Flotte und flogen auch zu hoch, um vom Mast eines Schiffes zu kommen. »Also offenbar Landsignale«, meinte Wardow mit seinem stets fertigen Urteil. »Alle Wetter, Klassen, da hat mir der Baron vorgeplaudert, dass auf der Insel Nachsuchungen wegen Einverständnissen mit dem Freibeuter angestellt werden sollen, wenn diese Signale jenen gelten sollten!«

Klassen schwieg einige Zeit bedächtig. »Nicht unmöglich!«, meinte er dann, »doch wenn den Kerl drei oder vier Schiffe jagen, wird er sich hier nicht mehr aufhalten. Es werden am Ende doch Signale für unsere Kreuzer sein.«

Wardow schwieg, die Meinung des alten Mannes hatte diesmal zu viel für sich, um bestritten werden zu können. Man schob immer weiter am Strand entlang bis zum Bakenberg, legte an und war ver­wundert, hier auch keine Spur von einem Schiff zu finden. Nun erst wurde es den beiden Führern des Bootes einleuchtend, dass die Eskadre drüben sein müsse. Man beschloss, um den Dornbusch zu segeln und jene einstweilen aufzusuchen. Gleichsam in der Ahnung gewisser Dinge landete der Fähnrich jedoch mit den Soldaten, um am Strand entlangzumarschieren. Das Boot kam an, als sich Jacobson mit den Entführten wieder einschiffte. Zuerst glaubte der Junker, es mit Leuten der Flotte zu tun zu haben, und wollte, wie immer zu keinem Übermut geneigt, sie überraschen, um sich an ihrem Schreck zu weiden. Doch da ertönte eine Stimme, die er genau kannte. Der junge Mann ließ seinen ersten Ausruf hören, dem sofort das Kom­mando Feuer folgte.

»Klasse, Klassen!«, schrie er dann, bis an die Knie in das Wasser tretend. »Er ist es – Feuer, Feuer aus der Bugkanone und dann hierher.«

»Wohl, Herr!«, ließ sich Klassens Stimme ver­nehmen. Dagegen ertönte das Aufschreien einer weib­lichen Stimme aus den sich entfernenden Booten.

»Halt ein, Klassen!«, schrie Wardow von Neuem, doch es war zu spät. Der Schuss krachte, und obwohl er nicht traf, so erkannte man doch von beiden Seiten die Situation, in der man sich befand.

»Herr Fähnrich von Wardow!«, rief die Stimme des Majors von der Grieben über das Wasser, »ich und die Glieder meiner Familie werden mit Gewalt entführt. Tun Sie Ihre Schuldigkeit.«

»Klassen, Klassen!«, ertönte es als Antwort gellend über die Gewässer. Mit diesem Ruf mischte sich der dumpfe Schall eines Kanonenschlages vom Bessiner Werder. Hinterher stieg eine Leuchtkugel auf und erhellte ungefähr zwei Minuten im weiten Umkreis den Meeres­spiegel und die hügelige Landschaft wie am Tage.

 

Ende des ersten Bandes

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