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Nick Carter – Band 2

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Nick Carter – Ein verhängnisvoller Schwur – Kapitel 8

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein verhängnisvoller Schwur
Ein Detektivroman

Alles umsonst

»Um Himmels willen, Nick … lebst du noch? Welche Teufelei ist passiert?«

Das waren die ersten Worte, welche das Ohr des Detektivs wieder erreichten, als er die Augen aufschlug. Er gewahrte den getreuen Chick, der mit angstvollem Gesichtsausdruck über ihn gebeugt stand und ihn bei der Schulter schüttelte.

»Die Dynamitmine … Die Verbrecherkönigin hat eine der im Haus verborgenen Minen explodieren lassen!«, keuchte Nick Carter. »Wo ist das Weib …«

»Inez Navarro?«, fragte Chick, eifrig bemüht, ihm aufzuhelfen. »Wie soll ich es wissen … Vor einer Minute erst krachte es … ich wie der Blitz hier ins Haus hinein … da sehe ich den Hausflur aufgerissen, und du liegst hier im Keller … ich springe hinunter, beginne dich zu schütteln – und da bist du auch schon wieder munter und, wie es mir zum Glück scheinen will, sogar unverletzt.«

»Gottlob ja«, erwiderte Nick Carter, sich versuchsweise streckend. »Es ist die alte Geschichte vom Unkraut, das nicht verdirbt. Mich muss der durch die Explosion entstandene starke Luftdruck fortgerissen und betäubt haben … entsetzlich!«, setzte er mit einem raschen Orientierungsblick um sich hinzu, »das Dynamit scheint das halbe Haus zerstört zu haben … Ich bin wie durch ein Wunder unverletzt entkommen.«

»Vorwärts, Nick!«, drängte sein Gehilfe. »Das Haus brennt und Explosionen mögen sich wiederholen.«

»Wo denkst du hin, Inez Navarro ist im Haus!«

»Gut, ich suche sie … Doch du gehst auf die Straße … Willst du mir hier ohnmächtig werden, Nick?«, drängte Chick besorgt.

Er hatte recht.

Obwohl unverletzt, war Nick Carter doch derart betäubt worden, dass er auch jetzt noch nicht die volle Herrschaft über seine Sinne zurückerlangt hatte.

»Sie ist durch den hinteren Parlor geeilt … im roten Kleid … Sie kann nicht weit sein!«, stammelte der Detektiv. »Sie wird nach dem Hof entflohen sein … Ich eile auf die Straße und um den Block herum … Dann müssen wir sie fangen …«

Gesagt, getan! Während Chick sich schnell zu dem hinteren Teil des Kellers begab, der unzerstört geblieben war, um über die Hintertreppe den Hofraum zu erreichen, stürzte Nick Carter, so rasch er konnte, auf die Straße.

Sein Blick fiel auf die beiden Dienstmädchen, die außer sich vor Entsetzen beim Anhören der Explosion ins Freie geeilt waren, wie sie gerade standen und gingen.

»Wo ist die Lady?«, herrschte der Detektiv sie an.

»Mrs. Menasto … Ich glaube, sie ist durch den Hofraum nach Nummer drei in der 77th Street geeilt. Das Haus gehört doch zu diesem«, hörte er das Zimmermädchen rufen.

»Verd…!«, rief der Detektiv und strebte, so rasch er nur konnte, der Straßenecke zu. Unmittelbar vor dieser stieß er auf einen Policeman, welchen der gewaltige Knall der Explosion herbeigelockt hatte, und der nun ganz entsetzt auf die schon gierig aus den Fenstern schlagenden Flammen starrte.

»Schutzmann!«, rief Nick ihm zu. »Sorgen Sie dafür, dass außer der Feuerwehr niemand das Haus betritt! Es handelt sich um eine verbrecherisch herbeigeführte Explosion … Ich bin Nick Carter und handele im Auftrag von Inspektor McClusky … Die Verbrecherin steckt noch im Haus, sie trägt ein rotes Kleid!«

»Schon recht, Mr. Carter … ich werde schon aufpassen!«, rief der Policeman. So schnell seine Korpulenz es ihm gestattete, eilte er dem lichterloh brennenden Haus zu, um die vor diesem sich schnell ansammelnde neugierige Menge zurückzutreiben.

Nick Carter aber bog hastig um die Ecke. Doch nur einen einzigen Schritt weit kam er voran. Dann blieb er wieder stehen, denn unmittelbar vor ihm war Inez Navarro aufgetaucht.

Sie mochte schon, verborgen hinter dem breiten Rücken des Policeman, dagestanden und Nicks Worte vernommen haben. Vermutlich hatte sie den Letzteren durch die Explosion getötet geglaubt und nun so rasch wie möglich flüchten wollen.

Mit einem kurzen Ausruf befriedigten Triumphes griff Nick Carter nach ihrem Arm.

»Sie sind meine Gefangene, Inez Navarro, und ich …«

Doch er kam nicht weiter. Denn wieder blitzte es, wie zuvor im Zimmer, grell vor ihm auf, und ein kurzer Krach dröhnte in sein Ohr. Ein scharfer Schmerz raubte ihm das Atmungsvermögen. Er fühlte, wie Kraft und Bewusstsein ihn gleichermaßen schnell verließen. Noch eine Sekunde lang hatte er die unendlich demütigende Empfindung, als sähe er in das höhnisch verzogene, wie zu einer grinsenden Teufelsfratze gewandelte Gesicht von Inez Navarro – und dann wurde es um ihn Nacht.

Der Schuss hatte die Aufmerksamkeit des kaum ein Dutzend Schritte weitergeeilten Policeman erregt. Er wendete sich um und sah zu seiner Bestürzung den berühmten Detektiv lang ausgestreckt auf dem Bürgersteig liegen. Diese Wahrnehmung bestürzte ihn derartig, dass er es ganz übersah, wie gerade im selben Moment eine junge und allem Anschein nach sehr schöne Dame, die ein einfaches rotes Kleid trug, eine südwärts gehende Achte Avenue-Car gelassen und in voller Gemütsruhe bestieg, um mit dieser gleich darauf aus dem Gesichtskreis der schnell um den bewusstlosen Detektiv sich ansammelnden Menge zu verschwinden.

 

*

 

Schon am Abend desselben Tages wurden New York und Vororte von schnell aufeinander folgenden Extrablättern überflutet, von denen jedes sensationelle Neuigkeiten zu melden hatte.

Man wusste über die nahezu unglaublich erscheinende kühne Flucht des zum Tode verurteilten Mörders Morris Carruthers gelegentlich seiner Überführung zum Totenhaus in Sing-Sing zu berichten. Nach den übereinstimmenden Schilderungen war Inspektor McClusky an den Gefangenen gefesselt gewesen und zwei seiner erprobtesten Detektive hatten sich bei ihm befunden. Die Beamten hatten mit dem Gefangenen im Ranchwagen gesessen, während zwei Gehilfen Nick Carters die beiden Zugangstüren bewachten.

Plötzlich hatten, und zwar gleichzeitig, zwei Männer mit den beiden Detektiven Streit begonnen. Das war für acht im Rauchwagen sitzende, elegant gekleidete Männer, die bis dahin teils Zeitungen gelesen, teils miteinander Karten gespielt hatten, ein Signal gewesen, aufzuspringen und über Inspektor McClusky und dessen beide Detektive herzufallen. Je zwei von ihnen hatten sich auf einen der auf einen solch brutalen, heimtückischen Überfall nicht Vorbereiteten geworfen und ihnen, ehe sie sich zur Wehr setzen konnten, ein mit Chloroform getränktes Taschentuch aufs Gesicht gepresst. Die übrigen beiden Spießgesellen hatten sich, jeder von ihnen mit zwei schussbereiten Revolvern in den Händen, drohend gegen die übrigen Wageninsassen gewendet und diese von jeglicher Einmischung zurückgehalten.

Ehe man noch eigentlich wusste, was geschehen war, hatte man die ganze Rotte in wilder Flucht der einen Ausgangstür zueilen sehen, der schnell von der Fessel befreite Gefangene mitten unter ihnen – und einer nach dem anderen waren sie von dem in voller Fahrt befindlichen Zug mit einer Gewandtheit abgesprungen, welche auf vielfache Übung schließen ließ. Nur der eine Mann, welcher mit Patsy Murphy, dem jüngsten Gehilfen Nick Carters, handgemein wurde, war von diesem mit verzweifelter Zähigkeit festgehalten und gleich darauf gefesselt worden.

Inspektor McClusky und seine beiden Detektive hatten lange Zeit gebraucht, ehe sie sich von der Einwirkung des Chloroforms wieder erholt hatten. Wohl war dann der Zug sofort zum Halten gebracht und die Strecke peinlich abgesucht worden – jedoch ohne jegliches Resultat.

Erst mehrere Tage darauf ermittelte man, dass unweit der besonders einsam gelegenen und sicher mit Vorbedacht ausgewählten Tatstelle ein Automobil gehalten hatte, in welchem Carruthers nebst seinen Befreiern entkommen war.

Wohl gelang es, den gefangen genommenen Mann zum Geständnis zu bewegen; doch was er aussagte, deckte sich mit den ohnehin schon von den geprellten Detektiven gemachten Ermittlungen, und Weiteres konnte oder wollte der Mann, der allem Anschein nach nur ein untergeordnetes Werkzeug der Verschworenen gewesen war, nicht aussagen.

Noch größere Sensation als das Misslingen der von Inspektor McClusky selbst dirigierten Überführung des verurteilten Mörders zeitigte indessen die Kunde von der schweren Verwundung des berühmten Detektivs Nick Carter. Ganz New York unterhielt sich eine Woche lang von nichts anderem. Man wollte wissen, dass der Detektiv von der Gattin eines reichen und hochangesehenen Baumeisters niedergeschossen worden war – einer wunderbar hübschen Frau, welche lange Jahre hindurch eine Doppelrolle gespielt und nicht nur als Stern der erlesensten Gesellschaftskreise geglänzt, sondern die Triebfeder einer gefährlichen Verbrecherbande gebildet hatte und die Geliebte des wiederum entsprungenen Morris Carruthers gewesen war.

Doch die schöne Verbrecherkönigin blieb ebenso vom Erdboden verschwunden wie Morris Carruthers. Es ließ sich nicht leugnen, dass Nick Carter zum ersten Mal in seiner ruhmreichen Laufbahn eine empfindliche Niederlage erlitten hatte. Doch einen Trost bildete es immerhin, dass der berühmte Detektiv seiner schlimmen Verwundung nicht, wie es anfänglich geschienen hatte, erlag, sondern langsam völliger Genesung entgegenging.

Fast ganz New York war davon überzeugt, dass es auch dem Scharfsinn Nick Carters nicht gelingen würde, die Fährte des gefährlichen Verbrecherpaares nochmals aufzuspüren. Die wenigen aber, welche den großen Detektiv persönlich kannten, waren einmütig der Meinung, dass in diesem Fall aufgeschoben nicht gleichbedeutend mit aufgehoben war.

Nick Carter selbst konnte den Gedanken nicht fassen, dass er endgültig von einer Frau geschlagen worden sein sollte. Seine ersten Worte, als er wieder zu Bewusstsein gekommen war, lauteten: »Geduldet euch, meine Freunde, noch bin ich nicht geschlagen. Well, ich habe eine Schlappe erlitten, und ich trage an ihr schwer genug … doch es gilt meine Ehre, und ich will nicht ruhen noch rasten, bis ich die schöne Inez Navarro und den Verbrecherkönig zur Strecke gebracht habe.«

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