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Hexengeschichten – Das Kornseil und die drei Hunde – Kapitel 3

Ludwig Bechstein
Hexengeschichten
Halle, C. E. Pfeffer. 1854

Das Kornseil und die drei Hunde
Nach Aktenstücken des Sennebergischen Gesamtarchivs

3

Es dunkelte bereits. Die Stunde kam, in welcher die Bettenhäuser Bauern gewohnt waren, ins Wirtshaus zu gehen. Ein Teil war schon drin und aus einem Fenster desselben legte der Mitnachbar Hans Röhner sein breites Gesicht, gemächlich in den Abend hinausschauend, als er den Bauer Wendel Alt vorübergehen sah und ihn zurief: »Nun, Gevatter Wendel, wo warst du denn, du hast ja den Wanderkittel an? Komm doch herein!«

»Erst muss ich heim, Gevatter!«, gab Wendel Alt zur Antwort. »Bin in Dreißigader gewesen, beim alten Scharfrichter Wahl, bin die zwei Stunden hin und her in einer gerannt. Weiß nicht, ob du’s weißt, Gevatter, was uns zugestoßen ist?«

»Nichts weiß ich, kein Sterbenswort!«, erwiderte, die wulstigen Brauen hochziehend, Hans Röhner.

»Kommt heute Nachmittag mein Jung’, mein Michel heim«, berichtete nun Alt. »Hat Nasenbluten, wird kreideweiß und fällt mir in die Ohnmacht. Wir gießen ihm einen Sturz Wasser übern Kopf, da kommt er wieder zu sich, redet aber verwirrtes Zeug, er müsse heuer noch sterben, faselt was daher von Ehrhards Jungen. Der hab’s ihm wahrgesagt aus der Hand und hat sich so schwach und hinfällig, dass ich zu meiner Frau sagte: ›Weißt du was! Koch ihm einen tüchtigen Hollertee, tue ihn ins Bett und lass ihn schwitzen – ich will nach Dreißigacker zum Scharfrichter rennen und den Meister Wahl um Rat fragen.‹ Das hab’ ich denn getan, hab’ ihm auch des Jungen Wasser gezeigt, und da hat Meister Wahl gesagt: ›Euer Jung’ bekommt ein hitzig Fieber. Ich will Euch ein Gläschen Arznei mitgeben, da gebt ihm alle Stunden einen Esslöffel voll. Haltet ihn nicht zu warm, sorgt aber, dass er sich nicht erkältet, und wenn er die Arznei alle genommen hat, die reicht bis morgen Nachmittag, so kommt wieder und sagt mir, wie es um den Kranken steht.‹«

»Nun so mache, dass du heimkommst, gib ihm ein und komm dann herüber, einstweilen wünsch’ ich gute Besserung!«, rief Hans Röhner, und jener enteilte mit dankenden Worten. Röhner aber machte hm hm hm und zog sich wieder in das Innere der Stube.

Im Wirtshaus zu Bettenhausen saßen außer Hans Röhner noch Endres Alt, Wendels Bruder, Baltzer Trott, Veit Herlich, Michel Rißner, Lorenz Walter, Hans Babst, Augustin und Michael Dreißigacker, Franz Marschall, Claus Walter, der Pate des jungen Claus Ehrhard, und Bartholomäus Landgraf, spielten Karten und tranken Bier oder gebranntes Wasser, je nach Belieben. Einige davon sahen bloß den Spielenden zu oder plauderten vom Stand der Saat und den Erntehoffnungen, von der Baumblüte, denn es war zu Anfang des Blütenmonates, von Maikäfern und Raupen, die sich hie und da in den Fluren, und zwar in bedrohlicher Menge zeigten.

Nun trat auch der Schultheiß, Lukas Voigt, ein, ihm folgte auf dem Fuß Wendel Alt.

»Nun, wie steht’s, Gevatter? Was macht der Jung’?«, rief Letzterem gleich Hans Röhner entgegen.

»Nicht zum Besten! Er liegt im Fieber und schwätzt wunderliches Zeug durcheinander, mag’s gar nicht sagen!«, antwortete Alt mit bekümmerter Miene.

»Was ist’s? Wieso? Du hast einen Patienten?«, wurden viele teilnehmende Fragen laut. Und Wendel sah sich veranlasst, des Weiteren von seines Söhnchens Krankheit und wie sie heute so plötzlich ihren Anfang genommen hatte, zu erzählen, wobei er seinen Gang nach Dreißigacker zu dem im ganzen Henneberger Land und über dessen Grenzen hinaus weit und breit berühmten Scharfrichter Meister Wahl natürlich nicht verschwieg.

»Was macht Meister Wahl!«, fragte der Schultheiß.

»Soviel ich gesehen habe, ganz gut, der Mann hat immer zu tun«, gab Wendel Alt zur Antwort. »Er schmolz gerade Pech und Schwefel durcheinander, zum Anzünden des Scheiterhaufens für die zwei Queienfelder Hexen, Katharine und Susanne Förschin, die ehestens, in nächster Woche, den elften dieses, verbrannt werden sollen.«

Das Jahr, in welchem diese Geschichte sich ereignete, war 1611.

»Wart’ einmal, Gevatter!«, rief Röhner und begann an den Fingern zu rechnen, »den elften, das wäre ja gerade am nächsten Samstag. Verwundert mich, schadet aber nichts, da haben wir Zeit und ist Markttag in der Stadt, da gehen wir auch hinein und sehen den Hexentanz an. Wenn’s nur nicht hier in unserm Dorf auch einschlägt, das Hexengewitter!«

»Es gäb hier Frauen auch zu brennen!«, warf Veit Herlich hin.

»Jawohl, man munkelt allerlei, dass einem ganz gruselig wird«, fügte Baltzer Trott hinzu. »Mein Knecht, der Hans, hat uns gestern Abend nach dem Essen Wunderdinge erzählt, die er von der Weide mit heimgebracht hat.«

»Weißt du die Geschichte vom Kornseil unseres Nachbarn Karl Ehrhard?«, flüsterte Hans Röhner dem Wendel Alt halblaut ins Ohr.

»Was ist’s damit, ich weiß von keinem Kornseil!«, erwiderte Wendel. »Mir hat’s des Pfarrers Marei für wiss und wahrhaftig erzählt. Weiß nicht, von wem die es vernommen haben«, berichtete Hans Röhner.

»Selbiger Mensch ist ein wahrer Dorfkalender, möcht ihre keine Rede nacherzählen!«, entgegnete Wendel.

»Willst du’s nicht glauben, so leugne es, meinetwegen!«, versetzte Hans mit einem im Henneberger Land gang und gäben Sprichwort, welches lautet: Wann d’s net gläben willst, so gläckers, und wandte sich ab. Indessen zog sich der einmal angesponnene Faden der Unterhaltung in die Länge fort. Was einer nicht wusste, das wusste der andere und der Schulze Lukas Voigt lüftete mehr als einmal verlegen seinen Bartel, vernahm sein blaues Wunder. War ihm gar nicht einerlei, was er vernahm, hielt vielmehr für Pflicht und Schuldigkeit, einzuschreiten mit obrigkeitlicher Gewalt und das seine zu tun, dass das Krebsgeschwür der Hexerei nicht auch sein Dorf ergreife und um sich fresse.

Als am 11. Mai 1611 auf dem unteren Rasen dicht am Werrafluss nahe bei der Stadt Meiningen die Scheiterhaufen dampften und verkohlend in sich zusammenstürzten, auf denen die alte und die junge Förschin, Mutter und Tochter, aus dem Dorf Queienfeld unweit der Stadt Römhild, zu Asche gebrannt waren und ein stinkender Qualm sich an die nahen Bergabhänge lagerte, den die neue Zeit an Vogelschießenfesten, die auf demselben Rasen stattfinden, ungleich besser durch den Qualm zahlreicher Bratwurstroste ersetzt hatten, gingen viele der Dorfbewohner von Dreißigacker und Bettenhausen, die gleichen Weg hatten, ergriffen heim und wurde manche Rede laut. Darin stimmten alle überein, dass, wer einmal ein Hexenbrennen mit angesehen hatte, in seinem Leben kein zweites sehen wollte. Das sagte die Pfarr-Marei, die sich Urlaub zu dieser Lustbarkeit erbeten und auch ihr Schatz, Hans Böhse, mit dem sie Arm in Arm sich führte. Kathe Böhse war auch dabei. Dieser war übel geworden und sie sah bleich aus, wie ein Schatten. Sie verwünschte tausendmal den heutigen Gang und sagte: »Ich trage gewiss was davon, ich krieg’ ein hitzig Fieber wie der arme Jung’, der Alts Michel, der noch immer auf den Tod liegt, obwohl der neunte Tag gestern vorüber war. Und wer weiß, ob er nicht draufgeht, er hat sich gar zu sehr erschrocken, wie der Ehrhards Jung’ ihm wahrgesagt hat, dass er heuer noch sterben müsse. Gebt acht, er stirbt. Sollte man einen solchen Wahrsagerjungen nicht mit dem Staubbesen aushauen?«

»Das ist wohl der Patient«, fragte Martin Rosner von Dreißigacker, »bei dem gestern der Meister Wahl gewesen ist? Ich hab’ ihn vorbeilaufen sehen. Es ist halt doch gar ein guter Doktor.«

»Freilich wohl!«, bestätigten die Bettenhäuser. »Er hat dem Wendel Alt auch Hoffnung gegeben von wegen des Jungen, wenn nur erst seine Fantasien sich legten. Immer hat er’s von Ehrhards drei schwarzen Teufelshündlein; die machen ihm allewege bei Nacht und Tag viel zu schaffen.«

»Es ist eitel Narretei damit«, gab Claus Walter, der auch mit bei den Nachhausegehenden war, in das Gespräch. »Mein Gevatter Kurt Ehrhard hat gar keinen Hund, geschweige drei. Der liebe Gott mag wissen, wer zuerst eine so alberne Fratzenmär unter die Leute gebracht hat, dass das ganze Dorf voll davon ist!«

»So? Ei, da ist’s mit dem Kornseil wohl auch eine Fratzenmär! Es ist schön von dir, Claus Walter, dass du deinen Gevatter weißbrennen willst!«, riefen mehrere.

»Kornseil! Unsinn!«, versetzte Claus Walter. Wer glaubt an solche Narrenspossen?«

»Nimm dich in Acht, Claus, spiele nicht den Freigeist!«, warnte ihn Bartholomäus Landgraf, der auch mitging. »Ich bin so gut wie du ein guter Freund zum Kurt Ehrhard, möcht’ aber doch nicht in seiner Haut stecken. Es ist die Sach’ ganz gewiss nicht ohne, und mit seiner Frau wie mit seinem Bruder Cunz hat es ein Aber.«

»Es ist eine böse Zeit!«, seufzte Claus Walter. »Man darf kein Wort sagen, zur ärgsten Dummheit muss man schweigen. Wer nicht mit in das große Horn der Unsinnigkeit stößt, muss gleich ein Ketzer sein.«

Auf diese Rede, die vielen schon höchst vermessen klang, erfolgte allseits ein tiefes Schweigen. Die Berghöhe, zu der sich der steile Felsenpfad zum Dorf Dreißigacker emporschlängelte, war erstiegen, das Dorf erreicht, und die Bettenhäuser, indem sie dasselbe durchschritten, trennten sich von ihren Begleitern. Sie hatten nun noch eine weite Strecke über ein einsames, aber aussichtsreiches Plateau zu wandern, bis zum roten Hauk, der sich jäh ins Tal der Herpf niedersenkt, in dem ihr rings ummauertes Dorf lag. Beim Kreuz, einer öden Wegestelle, wo ein steinernes Kreuz, zum Andenken einer geschehenen Mordtat, ein unheimliches Erinnerungszeichen, stand, begegnete den Heimkehrenden Kurt Ehrhards Knecht, Heinrich Pochert. Der junge Mensch sah ganz verstört aus.

»Nun, wohinaus noch so spät?«, riefen ihn die Bekannten an.

»Ach, ich soll einen Gang tun für unseren Nachbar Wendel Alt. Der kleine Michel wird immer kränker, ich soll nach Dreißigacker zum Meister, und ich habe heute Feierabend bekommen — o lieber Gott! Der Schulze hat meinen Herrn, die Frau und den Jungen festnehmen lassen, und dass ihr’s nur wisst, morgen kommt das Zentgericht heraus, und da muss das halbe Dorf ins Verhör. Der Bote mit der Vorladung geht schon von Haus zu Haus. Wer sich nicht stellt, soll hart gebüßt werden.«

Diese Nachricht erregte panischen Schreck.

»Gebt Acht!«, fuhr Heinrich fort. »Der Schulze Voigt ruht nicht, bis er ein paar von euch auf den Scheiterhaufen gebracht hat, denn das wird jetzt neue Mode, dass die Leute Hexer und Hexen sein sollen. Ich gehe meiner Wege, ich gehe, wo ich hergekommen bin.«

»Du darfst nicht gehen, Heinrich!«, entgegnete Claus Walter.

»Wenn es so ist, wie du sagst, musst du erst recht als ein treuer Knecht deines Herrn Wirtschaft versehen. Soll denn das Haus leer stehen? Willst du deine Pferde ohne Futter und ohne Tränke lassen! Und kannst du nicht ein gutes Zeugnis geben?«

Auch die anderen redeten zu und Heinrich versprach abzuwarten, wie sich’s wenden werde, und so bald als möglich zurückzukehren.

Lebhafter wurde Hin- und Herrede, jede Vermutung wurde erschöpft und die Frage weitläufig abgehandelt, ob die alte Anna Ehrhard wohl wirklich eine Hexe sei. Man wettete förmlich gegenseitig, ob sie brennen werde oder nicht. Vielleicht könne sie dann mit den fünf Hexen aus Walldorf, die alle schon in Meiningen säßen und im nächsten Monat drankommen würden, zugleich drankommen, war die Meinung der Mehrheit.

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