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Marshal Crown – Band 46

Zehnmal sollst du sterben

Es war eine schlichte Beerdigung gewesen.

Die wenigen Trauergäste, die sich auf dem Friedhof von Stockdale eingefunden hatten, waren einfache Siedler und Farmer aus der Umgebung. Keine Familienangehörigen und auch niemand aus der Verwandtschaft der Toten. Die Ansprache des Reverends fiel deshalb dementsprechend kurz aus. Er las lediglich einen Absatz aus der Bibel vor, erwähnte dabei mehrmals den Namen der Toten und trat dann, während er das übliche »Asche zu Asche, Staub zu Staub« murmelte, auch schon wieder von dem offenen Grab zurück, damit die Trauernden Abschied nehmen konnten.

Der weizenblonde Mann, der sich ein halbes Dutzend Gräber von dem Geschehen entfernt hinter einem wuchtigen Holzkreuz postiert hatte, konnte von seinem Standort aus alles genau beobachten.

Er sah, wie sich die kleine Trauergemeinde auflöste.

Er sah, wie der Reverend dem Leichenbestatter zunickte, und er sah, wie dieser danach damit begann, Erde in das offene Grab zu schaufeln. Aber er sah nicht den Mann, den er anzutreffen gehofft hatte.

Du Schwein, du verdammtes, charakterloses, mieses Schwein, nicht einmal zu ihrer Beerdigung bist du gekommen, durchzuckte es ihn.

Aber keine Angst, du wirst für alles bezahlen, dachte der Weizenblonde, während seine Lippen ein grausames Lächeln umspielte.

Und das nicht nur einmal.

Zehnmal!

 

*

 

Der Mann mit den weizenblonden Haaren saß schon seit Stunden hinter dem verwitterten Baumstrunk. Eine mittelgroße, dunkel gekleidete Gestalt von jener sehnigen Hagerkeit, die den meisten Männern in Texas genauso eigen war wie blonde Haare.

Als er sich dort postiert hatte, war es kurz vor Mitternacht. Über ihm stand der abnehmende Halbmond hoch und strahlend am klaren Nachthimmel, vor ihm war das Land vom weißlich fahlen Licht des Himmelskörpers überzogen.

Inzwischen waren Stunden vergangen und die Morgensonne längst über die Spitzen der sanft geschwungenen Hügel westlich von Austin geklettert.

Aber das war ihm egal.

Wenn es sein musste, konnte er noch einen Tag so dasitzen und auch die nächste Nacht. Geduld war schließlich seine Stärke, umsonst war er nicht so alt geworden.

Ungeduldige Menschen lebten selten lange.

Nach einem erneuten Blick auf den Stand der Sonne griff er nach der schweren Shiloh Sharps mit dem Fallblockverschluss und dem 34 Inch langen Lauf, die neben ihm auf dem Boden lag, und lehnte die Rifle an den Baumstrunk. Dann zupfte er etwas von dem Präriegras ab, das hier überall gedieh, warf es in die Luft und beobachtete, wie es vom Morgenwind davongetragen wurde.

Als er gesehen hatte, wo das Gras wieder zu Boden fiel, nahm er mit einem zufriedenen Grinsen das Hinterladergewehr hoch, kniete sich hin und legte den Lauf auf dem Baumstrunk ab. Dann spannte er mit einem vernehmbaren Klacken den Abzug.

Nachdem er den Eingang des städtischen Friedhofs, der sich etwas mehr als eintausend Yards von ihm entfernt am östlichen Rand von Austin befand, anvisiert hatte, brachte er Kimme und Korn in Übereinstimmung.

Eine Sache, die ihm nicht sonderlich viel Mühe bereitete, war doch das Land vor ihm topfeben und die Sicht inzwischen glasklar. Deshalb dauerte es auch nicht lange, bis seine scharfen Augen die Frau erkannten, die soeben durch das schmiedeeiserne Eingangstor des Friedhofs schritt.

Mit dem roten Schal, einem Geburtstagsgeschenk ihres verstorbenen Mannes, wie er wusste, war sie für ihn selbst auf diese Entfernung klar und deutlich auszumachen.

Der Herzschlag des Mannes beschleunigte sich.

Trotzdem blieb er ruhig und atmete noch einmal tief durch, bevor er dann die Luft anhielt und den Finger um den Abzug krümmte.

Die Sharps krachte dumpf.

Er spürte den harten Rückstoß an der Schulter, während die Schussdetonation ungehört auf dem offenen Land verhallte.

Einen Herzschlag später ließ die Patrone vom Kaliber 50-90 den Schädel der Frau zerplatzen.

Der Weizenblonde wartete noch, bis sie zu Boden gefallen war, und richtete sich dann langsam auf. Da sich um diese Zeit niemand in der Nähe des Friedhofs befand, konnte er seine Deckung in aller Ruhe verlassen und unerkannt davonreiten.

Ein zufriedenes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er sich in den Sattel seiner mausgrauen Grullastute schwang.

Jetzt waren es nur noch neun.


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