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Westward! Ho! – Erinnerungen eines Trappers – Kapitel 1

Für viele Männer bedeutete das Leben in den Bergen Abenteuer, Freiheit, Unabhängigkeit, Naturverbundenheit, Härte und Gefahr. Um in der Wildnis überleben zu können, bedurfte es einiger Natur- und Sachkenntnisse sowie persönlicher Attribute. Ohne diese kam es vor, dass man sehr früh starb oder nach einer Saison entmutigt die Berge verließ. Theoretische und praktische Fähigkeiten und Fertigkeiten wie Schießen, Schwimmen, Bergsteigen, militärische Grundkenntnisse in Strategie und Taktik, Jagd, Reiten und andere waren notwendig, um in der Wildnis unter äußersten Witterungsbedingungen überleben zu können.
Wie war es damals, als unzählige Abenteurer ihr Glück in den Rocky Mountains suchten und dafür Entbehrungen und Strapazen auf sich nahmen? Es sind die Tagebuchaufzeichnungen der Expeditionen zu den Quellen der Flüsse Missouri, Columbia und Colorado von Februar 1830 bis November 1835, niedergeschrieben von Warren Angus Ferris, die uns einen Einblick in das raue Leben jener Zeit gewähren und nicht in Vergessenheit geraten sollen.


Auf nach Westen!

Es war der 16. Februar im Jahre des Herrn 1830. Ich hatte mich einer Expedition in die Rocky Mountains angeschlossen, um dort zu jagen und Handel zu betreiben. Ich wusste nicht genau, welche Motive mich dazu bewegten, diesen Schritt zu wagen. Vielleicht war es die Lust auf Abenteuer, um dem tristen Alltag in St. Louis entfliehen zu können. Oder war es der Traum nach Reichtum? Die Zeiten waren hart, und ich kam mir etwas schäbig vor, als ich durch die Straßen der Stadt lief und die Leute mich dabei abwertend anschauten. Yeah, mein Anzug, den ich trug, hatte schon bessere Zeiten erlebt.

Der Trupp, zu welchem ich gehörte, bestand aus ungefähr 30 Männern, meist Kanadier. Doch befanden sich einige darunter, die aus den verschiedensten Landstrichen der Union kamen und sich mit mir angefreundet hatten. Jeder der Männer besaß seine plausibel klingende Ausrede für die Teilnahme an dieser Erkundungsreise. Ging es ihnen ums Geld? Nein, nicht bei ihnen! Sie fühlten sich wohl bei dem Gedanken, dass der Wunsch, fremde Länder zu entdecken, in Erfüllung gehen könnte. Sie liebten die Natur und die Wildnis in ihrer Ursprünglichkeit und Großartigkeit. Es handelte sich um junge und edle Gefährten, die von den abenteuerlichen Reisen in die raue Bergwelt im Auftrag der American Fur Company überzeugt waren – mutig, kräftig, entschlossen und in der Lage, die Aufgaben, die der Dienst in der Company mit sich brachte, zu erfüllen. Die Gesellschaft hatte keinen Grund, unzufrieden zu sein. Alles schien gut zu werden. Zweifelsohne würde uns das Glück zur Seite stehen. Auf nach Westen!

Es konnte losgehen. Alles war für die Expedition vorbereitet worden.

Wir stiegen auf unsere Pferde und Maulesel, entfernten uns frohen Mutes Meile für Meile vom Lager der Company. Der Tag war herrlich – alle fühlten seinen fröhlichen Einfluss. Wir würden viele Monate unterwegs sein – vielleicht sogar Jahre – fernab jeglicher Zivilisation. Hunger, Durst, Erschöpfung und Risiko würden unsere Begleiter sein, vielleicht ereilten uns Krankheiten, Folter und Tod. Doch keiner der Männer dachte in jenem Augenblick darüber nach. Ich hörte, wie sie scherzten und lachten. In ihren Gesichtern spiegelte sich ein Hoffnungsschimmer an eine strahlende Zukunft wider. Mögliche Gefahren, Nöte, Unfälle und Enttäuschungen schienen die Männer aus ihren Köpfen verbannt zu haben.

Der erste Tag unserer Reise führte uns durch ein fruchtbares und kultiviertes Gebiet am Missouri River gegenüber von St. Charles. Wir überquerten den Fluss mit flachen Booten, umgingen die Ortschaft und verbrachten die Nacht einige Meilen weiter auf einer kleinen Farm. Die erste längere Rast, um uns von den Strapazen des Marsches ausruhen zu können. Hier bekamen wir Hafer und Stroh für unsere Pferde und für uns selbst Brot und Bacon.

Vor Beginn der Expedition entschloss sich der größte Teil der Männer, nur Lebensmittel für einfache Mahlzeiten einzukaufen, um mehr Ausrüstungsgegenstände mit sich führen zu können. Viel lieber leisteten sich die Männer unterwegs ein frisch zubereitetes und herzhaftes Abendessen.

Ein kleiner, kaum bemerkenswerter Zwischenfall ereignete sich während des Marsches durch den Staat Missouri. Unsere Barschaft reichte nicht aus, um in einer komfortablen Unterkunft zu übernachten. Auch konnten wir keine Scheune oder andere Nebengebäude finden. Es blieb uns nichts anderes übrig, als unsere Decken auf dem Busen der Mutter Erde auszubreiten und unter dem Sternenhimmel zu schlafen. Ich genoss diese einfache, für mich jedoch ungewohnte Art, fiel in einen erfrischenden Schlaf und träumte einen Traum, der süßer nicht sein konnte.

Trotz schönem Wetter und sternenklarem Himmel riss mich ein kalter Fallwind aus dem Schlaf auf meiner Grascouch. Ich suchte mir eine windgeschützte trockene Stelle und schnarchte erneut wenige Augenblicke später vor mich hin.

Am 21. Februar zogen wir östlich von Franklin durch die Prärie. Nach einigen Meilen schlug das Wetter um. Ein schrecklicher Schneesturm setzte ein, welchem wir schutzlos ausgesetzt waren. Mutig und entschlossen trotzten die Männer der frostigen Laune der Natur. Schnee und Hagel schmolzen und gefroren sofort wieder auf dem Haar, den Augenbrauen sowie den Halstüchern.

Erst am Abend erreichten wir ein Waldstück, in welchem wir Schutz vor dem Sturm fanden. Zwei Tage später erreichten wir Franklin. Ein Damm war aufgrund der Wassermassen des Missouri gebrochen und hatte das Gebiet südlich des Ortes in eine Seenlandschaft verwandelt. Mehrere Häuser standen bereits unter Wasser. Andere blieben davon verschont, da im Voraus Schutzvorkehrungen getroffen worden waren.

In der Nähe der Ortschaft trafen wir auf unzählige Schwärme von Paroquets, die ersten, die ich in freier Wildbahn sah und deren Gefieder grün und golden wie Edelsteine glänzten.

Am 25. Februar überquerten wir mit einem Fährschiff bei Arrow Rock den Missouri und stießen auf unsere Vorhut, welche St. Louis einige Tage vor uns verlassen hatte und voranritt. Die Landschaft begann, ein unkultiviertes und tristes Aussehen anzunehmen – wir näherten uns den Grenzen der Zivilisation. Wir ritten von Farm zu Farm, so lange man uns dort Nahrung und Futter für die Tiere gab und wir unsere Vorräte auffüllen konnten. Denn es stand uns eine entbehrungsreiche Zeit bevor, in welcher wir unsere Lebensmittel streng rationieren mussten. Das wusste jeder der Männer und stellte sich darauf ein.

Einige Kanadier, welche schon einmal in den Bergen waren, nutzten auf ihre Weise die Unerfahrenheit und Gutgläubigkeit der sogenannten Mangeurs de lard1 aus. Jeder dieser Veteranen erzählte seine Geschichten. Ob Wahrheit oder Flunkerei im Spiel waren, entschied jeder Zuhörer für sich persönlich. Ich fand schnell heraus, dass die erfahrenen Mountain Men einen groben, aber gutmütigen Humor besaßen. Viele Stunden saß ich mit ihnen zusammen und hörte ihren Geschichten zu. Einer erzählte davon, wie er in den Bergen eine Woche lang ohne Pause und ohne Essen ein Dickhornschaf verfolgte. Ein anderer berichtete von seinem Ritt auf einem Grizzlybären durch ein Dorf der Blackfeet. Völlig absurd, glaube ich. Doch die Männer liebten solche Geschichten.

Fortsetzung folgt …

Quelle: Ferris, Warren Angus: Life in the Rocky Mountains, Salt Lake City, Utah, Rocky mountain book shop, 1940.


Show 1 footnote

  1. Mangeurs de lard: bedeutet sowohl im Englischen als auch im kanadischen Französisch wörtlich übersetzt Speckesser. Dieser spöttische Begriff wurde auf die Greenhorns angewandt, welche neu in den Bergen waren und sich um die Arbeiten im Camp zu kümmern hatten. Eine andere Bedeutung liegt darin begründet, dass sich die Mountain Men in den kalten Wintermonaten vorrangig von Pökelfleisch, Zwieback und getrockneten Erbsen ernährten.