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Tony Tanner – Agent der Weißen Väter – 8.18

Das Komplott der Eisernen – Teil 18

Tony Tanner gab die Energie seines Aufpralls an den Mann weiter. Der andere taumelte nach hinten, während sich Tony an ihm abstützte und wieder hochkam, dann den Waffenarm des anderen zu fassen kriegte und ihn wie bei einem Tanz daran herumwirbelte. Er zwang den Kerl in eine volle Umdrehung, änderte dann die Richtung und schob ihn mit aller Macht gegen einen Baum. Das Gesicht des Mannes krachte gegen die Borke, Tony sprang ihn von hinten an und prellte den Kopf noch einmal gegen den Stamm. Die Knie des anderen wurden weich, er sank zusammen, fiel kraftlos nach hinten.

Tony sah die Spuren der Rinde auf dem Gesicht des anderen – eines hellhäutigen Europäers – Blutfäden aus der Nase, der gespaltenen Lippe, den Brauen, ein schiefsitzender Zahn hing über der Unterlippe. Der Mann starrte ihn aus glasigen Augen an.

Tritt ihm die Rippen ein, fuhr es Tony durch den Kopf. Das würde Steele jetzt auch machen. Tritt ihm die Rippen über dem Herzen ein!.

Aber Tony Tanner trat nicht, konnte es nicht. Er suchte nach der Waffe, suchte mit gebeugtem Oberkörper, fand sie, wollte sich bücken und wurde dann selbst von einem Tritt in die Rippen getroffen, der ihn taumeln machte. Gekrümmt versuchte Tony einen Seitschritt und fing sich den nächsten Tritt ein, der ihn endgültig umwarf. Es wurde Nacht vor seinen Augen. Von fern, als würde es ihn nicht betreffen, hörte er das Krachen seines Sturzes, spürte wie durch Watte gedämpft den Aufprall.

 

Ein Kniegelenk knackte leise, als sich ein Mann neben ihn hockte. Langsam setzten sich Tonys Gedanken wieder in Bewegung. Er behielt die Augen geschlossen und rührte sich nicht.

»Weichei!«, hörte er von der anderen Seite und dann das Knistern von Kleidungsstoff. Der zweite Mann trat auf Tonys Arm und ging in die Hocke. Etwas Hartes presste sich gegen Tonys Schläfe. Dann ein metallisches Klicken, als ein Hahn gespannt wurde.

»Moment, du willst mich doch jetzt nicht vollsauen!«

»Ich leg ihn um, dann kannst du danach suchen.«

»Ich will mich nicht durch die Sauerei durchwühlen. Außerdem stinkt es.«

»Dann mach hinne, verdammt!«

Ungeschickte Finger begannen am Reißverschluss von Tonys Lederjacke zu zerren. Tony wurde hin- und hergeschüttelt, dann ratschte der Verschluss auf, und die Finger begannen, den Pullover darunter zur Seite zu ziehen und nach Tonys Hals zu tasten.

»Scheiße noch mal, wo ist das?«

Jetzt, als sich die kalten, nervösen Finger um das Lederband schlossen, verstand Tony, wonach die Männer suchten. Sie wollten das Amulett, das ihm Häuptling Koala gegeben hatte.

Die Finger schlossen sich um das Lederband, wollten es zerreißen. Tonys Kopf wurde hochgehoben, der Mann fluchte leise und schnaufte, wurde ungeduldig und zog kräftiger. Das Leder schnitt sich in Tonys Haut ein. Sein Kopf wurde noch ein Stück höher gerissen, dann schlug von der anderen Seite eine Hand auf seine Schulter, um ihn wieder auf den Boden zu drücken.

Der Geruch von Haargel. Der eine Mann legte sich halb auf Tony, wickelte das Lederband um seine Faust und zog. Ein unterdrücktes grunzendes Geräusch kam aus seinem Mund.

 

Tony Tanner schlug die Augen auf. Dann folgte er seinem Instinkt. Tausende von Jahren menschlicher Evolution waren hier überflüssig. Er folgte den Impulsen aus den dunkelsten Verließen seines Unbewussten, überließ sein Handeln den Nervennetzwerken, die seit Urzeiten im Schlamm des Vergessens auf ihre Chance lauern. Und die bekamen sie.

Tony Tanner biss zu. Mit einem kehligen Knurren schnappte er zu, erwischte mit den Schneidezähnen etwas Warmes, Weiches, hatte plötzlich Eisengeschmack auf der Zunge, schlug seine Zähne wie Zangen in das Weiche, riss mit einem Ruck den Kopf zurück und spuckte aus. Im gleichen Moment brüllte der Mann über ihm wie ein Stier, zuckte mit seinem ganzen Gewicht zurück, das Lederband riss, der Mann taumelte zur Seite und hielt sich die freie Hand an den blutenden Kopf.

Mit dem Lederband wurde auch Tony wieder hochgerissen und hing im schrägen Winkel in der Luft. Bevor er wieder stürzte, konnte er sich zur Seite drehen. Er kam auf den Arm des anderen Mannes zu liegen, drehte sich noch ein Stück und konnte nun zupacken. Mit einem Ruck zog Tony den Arm mit der Waffe hoch.

Die Waffe krachte, auf der Schulter des brüllenden Mannes erschien ein großer roter Fleck, dann verstummte das Brüllen und der Mann stürzte nach hinten. Leise wimmernd blieb er liegen, seine Beine zuckten.

 

Tony versuchte, seinen Ellbogen nach hinten zu werfen, aber der andere trat ihm in die Nieren. Der Schmerz lähmte Tony, der andere konnte seinen Arm unter Tonys Körper durchziehen. Bevor auch die Pistole wieder frei war, legte sich Tony mit seinem ganzen Gewicht auf die Waffe. Der Mann ließ die Pistole los, bekam seinen Arm endgültig frei, trat Tony noch einmal in den Rücken und spurtete los.

Im Vorbeihasten riss er dem verletzten Kumpan das Lederband mit dem Amulett aus der Faust. Der krallte sich um seine Beute, wurde mitgeschleift und musste schließlich loslassen. Der andere rannte durch das Unterholz davon.

Tony war schlecht vor Schmerzen. Jede Bewegung brachte seine Nerven zum Glühen, er fürchtete, ersticken zu müssen, weil das Atemholen zur Qual wurde. Alles in ihm schrie danach, liegen zu bleiben, sich ganz seiner Erschlaffung zu überlassen.

Ein anderer Impuls machte sich hörbar. Knisternde, rauschende, verstümmelte Funksignale gestrandeter Willenskraft, Trommelsignale aus den unerforschten Wildnissen der menschlichen Natur, wurden drängender, schoben sich in den Vordergrund. Wie eine Rotte urzeitlicher Jäger krochen sie über den Horizont von Tonys Bewusstsein, trieben sein zagendes Ich in die Enge, hockten sich die durchgescheuerten Rücken von Begriffen wie Stolz und Selbstachtung.

Tony raffte sich auf, angestachelt von einem Du musst, das er nicht mehr ignorieren konnte. Mühsam, stolpernd und trippelnd, machte er sich auf die Verfolgung, watete bei jeder Bewegung durch rote Lava, gewann mit jedem Schritt mehr Sicherheit, kapselte den Schmerz ein, verdrängte ihn, schickte ihn dorthin, wo er schmerzen konnte, ohne wehzutun.

 

Der Verfolgte hörte das Krachen und Brechen kleiner Zweige hinter sich, wollte sich noch ducken, da warf sich Tony Tanner schon gegen ihn. Der Mann knickte in den Knien ein, schien nach vorne zu fallen. Nun lernte Tony Tanner etwas sehr Persönliches über seinen Gegner: Der Mann hatte im Judo-Unterricht aufgepasst. Für ihn kam diese Erkenntnis zu spät.

Der braune Waldboden und der hinter kahlen Ästen gefangene Himmel tauschten die Positionen.

Er flog über den Mann hinweg. Mit einem instinktiven Reflex krallten sich seine Finger im Mantel des Gegners fest. Tony prallte auf den Boden. Der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen. Aber er hatte nicht losgelassen, er hatte den anderen mit zu Boden gerissen.

Nun ließ Tony Tanner mit der einen Hand los und drehte sich. Auch der andere sprang wieder auf die Beine, schneller und kraftvoller als Tony. Aber bevor er den Oberkörper aufrichten konnte, war Tonys Hand in seinen Haaren. Und dann sprang Tony Tanner in die Höhe, das eine Knie angewinkelt und drückte zugleich den Kopf seines Gegners nach unten. Der andere konnte sich nicht mehr abdrehen, sein Gesicht knallte gegen das Knie. Noch einmal und noch einmal schmetterte Tony sein Knie mit aller Wucht in sein Ziel. Dann sank der andere zusammen.

Tony schaute sich um. Durch den Wald wankten zwei Gestalten, die sich gegenseitig stützten. Als sie ihn erkannten, blieben sie stehen. Diese beiden stellten keine Gefahr mehr dar. Auch nicht der dritte Kerl, der wie ein nasser Sack zu seinen Füßen lag. Tony ging nicht besonders zartfühlend vor, als er sein Amulett aus der Faust des Mannes nahm und in seine Tasche steckte.

Er war jetzt wieder fast an der Straße. Nur wenige Meter entfernt stand der Wagen und brabbelte im Leerlauf. Zwischen den Baumstämmen sah Tony den weißhaarigen Mann. Auch der andere sah ihn und begann zu schießen.

Mit einer schnellen Drehung fand Tony hinter einem Baum Deckung. Die Kugeln schlugen links und rechts Rindenstücke aus dem Stamm. Gegen seinen Schutz gedrückt, versuchte Tony noch einmal, den Knoten seiner Peitsche zu lösen. Endlich fanden seine Finger den richtigen Ansatzpunkt. Im gleichen Moment verstummten die Schüsse. Vorsichtig schob Tony den Kopf zur Seite, um zur Straße zu blicken.

 

Der Weißhaarige bewegte sich gelassen über die Straße. Fort von dem Wagen. Dorthin, wo Francine war.

Die beiden Männer näherten sich einander im spitzen Winkel. Der weißhaarige Mann wandte den Kopf zum Wald und beschleunigte seine Schritte. Zwischen den Bäumen tauchte sein Verfolger auf, setzte über den Graben, stolperte und stürzte. Der Sturz rettete sein Leben, denn die Schüsse, die der Weißhaarige abgab, gingen über ihn hinweg, die Kugeln fraßen sich ein Stück weiter in den Asphalt.

Bevor der Weißhaarige wieder zielen konnte, hatte sich sein Verfolger aufgerichtet und rannte auf ihn zu. Im Rennen warf er den rechten Arm nach hinten, schleuderte ihn nach vorne und ließ eine dünne Peitsche auf den weißhaarigen Gegner zuschießen. Der Lederstreifen wickelte sich mit einem leisen Pfeifen um den Pistolenarm, ein Ruck ließ den Mann das Gleichgewicht verlieren.

Der Weißhaarige schwebte für einen Augenblick in der Luft. Ein weiterer Ruck der Peitsche warf ihn herum, sodass er mit dem verletzten Arm voran auf den Boden schlug. Es gab keinen Schmerzensschrei, nur ein wütendes Zischen, dennoch verließen den weißhaarigen Mann die Kräfte und die Pistole fiel aus seiner Hand. Bevor er wieder danach greifen konnte, hatte ihn der andere ein Stück über die Straße geschleift, löste die Peitsche mit einer heftigen Armbewegung und war selbst mit einigen Sätzen bei der Waffe. Er bückte sich nicht danach, sondern trat sie fort, dass sie in den Wald flog. Der weißhaarige Mann hatte sich auf die Seite gewälzt und richtete sich auf. Er stand unsicher auf den Beinen. Der Verband an seiner linken Hand zeigte dunkle Flecken.

Die beiden Männer schauten sich kurz an. Jeder schien auf die Aktion des anderen zu warten. Ein Motor heulte auf, von hinten kam im Rückwärtsgang der Wagen angejagt. Durch das Rückfenster konnte man die Köpfe der Männer sehen, die im Fond saßen. Der eine presste sich eine blutverschmierte Hand an die Schläfe, der Kopf des anderen pendelte kraftlos und fuhr nach hinten, als der Wagen scharf neben dem Weißhaarigen bremste.

Der Mann stieg ein, immer noch seinen Gegner fixierend. Es war nicht auszumachen, ob seine Langsamkeit eine Provokation sein sollte oder ob ihn der Schmerz lähmte. Die Szene gewann etwas Irreales, als wäre sie der Ausschnitt eines Theaterstücks, das nach uralten Regeln abläuft, deren Sinn keiner mehr kennt.

Als er sich auf den Beifahrersitz fallen ließ und die Tür schließen wollte, während der Wagen mit aufheulendem Motor schon vorwärts ruckte, ertönte ein trockener Knall. Die Peitsche wickelte sich um das linke Handgelenk des weißhaarigen Mannes.

Der Weißhaarige wurde halb aus dem Wagen gerissen, klemmte sich zwischen Sitz und Mittelsäule fest. Er schrie einen kehligen Befehl, aber der Wagen beschleunigte immer noch. Der Mann mit der Peitsche stand breitbeinig und mit leicht gebeugten Knien und ließ sich wie ein Wasserskiläufer mitziehen. Zugleich wickelte er mit der freien Hand die Peitsche auf und verkürzte die Distanz.

 

Als der Wagen endlich bremste, war er neben der hinteren Tür. Er zog an der Peitsche und schlug dann mit aller Kraft die Wagentür zu. Einmal, zweimal, dreimal. Es wäre ihm auch beim vierten Versuch nicht gelungen, die Tür zum Einrasten zu bringen. Das lag an der linken Hand des Weißhaarigen, die bei jedem Aufschlag der Tür etwas an Form verlor, aber dennoch durch die Peitsche an der Mittelsäule fixiert war. Der Weißhaarige brüllte weiter seine kehligen Befehle, in seine Stimme kam ein schriller Klang.

Dann wurde die Peitsche zurückgezogen. Der Wagen beschleunigte mit durchdrehenden Rädern und verschwand hinter einer Kuppe. Der Mann blieb alleine, mitten auf der Straße, zurück. Er wickelte seine Peitsche auf und legte sie sich um sein Handgelenk. Dabei blieb er immer noch breitbeinig stehen, den Kopf ein wenig zwischen die Schultern gezogen wie ein Boxer. Sein Atem stand ihm als Wolke vor dem Mund. Er ballte die Fäuste und drehte sich um.

Tony Tanner hatte das Gefühl, über Wasser wandeln zu können. Er hätte auch fliegen können, wenn er es gewollt hätte. Als er bei dem Laubhaufen anlangte, wühlte sich Francine gerade aus den Blättern.

»Was war das, was war los?«, sprudelte sie heraus. »Ich habe Schüsse gehört!«

»Eine Bande von westukrainischen Mädchenhändlern. Vor denen wird doch seit Tagen in den Zeitungen gewarnt.«

»Was? Was meinst du?« Francine schaute verwirrt in Tonys lächelndes Gesicht. Er zupfte ihr zärtlich ein Blatt aus dem Haar.

»Sollte ein Scherz sein«, erklärte er und lächelte sie wieder an. »Es waren Typen, die mit einer Arbeit nicht zufrieden waren.«

»Oh Gott …« Francine schaute Tony an und musste sich an ihm festhalten. Sie hatte das Glitzern in seinen Augen gesehen. Und ihr weiblicher Instinkt hatte ihr nur eines signalisiert: Das ist der Sieger, das dominante Männchen, das Alpha-Alpha-Tier, der Mann schlechthin.

Sie klammerte sich an ihn. »Nimm mich«, flüsterte sie, »nimm mich hier und jetzt. Sonst werde ich wahnsinnig!«

Tonys Hand ergriff ihr Bein, das sie um seine Hüfte geschlungen hatte, und fühlte ihren weichen bebenden Schenkel. Nichts konnte ihn aufhalten.

»Praktischerweise … habe ich beim Umziehen … mein Höschen vergessen«, flüsterte Francine mit keuchend heißem Atem in sein Ohr, und dabei glitt ihre Hand unter seinen Gürtel.

»Francine! Oh Francine!«

Die Stimme drängte sich in ihr Ohr.

Tonys Mutter tauchte auf der Landstraße auf.

»Francine, wo bist du? Du musst kommen, der Kleine schreit und lässt sich nicht beruhigen! Francine?«

Fortsetzung folgt …