Lese-Tipp

Der Walzer

Download-Tipps

Paraforce – Band 42

Neueste Kommentare
Archive
Folgt uns auch auf

Slatermans Westernkurier 04/2021

Auf ein Wort, Stranger, wer waren eigentlich die berüchtigtsten Zugräuber im Wilden Westen?

Die Reno-Bande?

Warum nicht? Immerhin waren es die Brüder John, Simeon, Clinton, Frank und William Reno, die am 6. Oktober 1866 in den Ebenen des Staates Indiana den allerersten Raubüberfall auf eine Eisenbahn in der Geschichte der USA durchführten und auch später noch mehrere Züge überfielen.

Die Antwort lautet jedoch nein, ebenso wenn jemand den Namen Sam Bass in den Ring wirft, der mit seiner Bande zwar auch Züge, aber eben auch Banken und Postkutschen überfiel und bekannt wurde als der Outlaw, der es ablehnte, auf Menschen zu schießen.

Dann vielleicht doch Jesse James und seine Bande?

Sorry, wieder nein. Jesse, sein Bruder Frank und ihre Gang waren zwar ebenso berühmt wie berüchtigt, aber mehr auf Banken denn auf Züge spezialisiert.

Die richtige Antwort lautet: Die Gebrüder Rube und Jim Burrow.

Burrow? Nie gehört, werden jetzt viele sagen, es ist aber so.

Warum, erklärt der Westernkurier.

 

*

 

Reuben Houston »Rube« Burrow wurde am 11. Dezember 1856 in der Nähe der Stadt Sulligent im Lamar County in Alabama als eines von zehn Kindern auf der Farm seiner Eltern Allen Burrow und Mary Caroline Terry Burrow geboren.

Einige Quellen nennen 1854 als sein Geburtsjahr und sein Grabstein sagt 1855, aber der Westernkurier ist der Meinung, das seine Eltern dieses Datum wohl am ehesten wussten.

Als Jungen ließen sich Rube und sein Bruder Jim von Geschichten des Outlaws Jesse James und seiner Bande derart inspirieren, das Rube im Alter von 15 Jahren, maskiert und mit einer Schusswaffe versehen, versuchte, einen Nachbarn auszurauben.

Aber sein Vater erkannte ihn und zwang ihn, das Geld wieder zurückzugeben. Im Herbst 1872 zog Rube nach Stephenville, Texas, um als Gehilfe auf der Ranch seines Onkels Joel Burrow zu arbeiten. Drei Jahre später heiratete er Virginia Alvison, die Tochter des prominenten Wise County Ranchers H. B. Alvison. Das Paar hatte zwei Kinder, William Thomas Burrow, geboren 1877, gestorben 1945 und Mary Florence Burrow, geboren 1880, gestorben 1963.

Rube kaufte eine Farm und versuchte sich in der Landwirtschaft. Das ging so lange gut, bis seine Frau, geschwächt durch die Geburt von Mary Florence, 1880 an Gelbfieber starb. Ohne ihren Rückhalt war er bald schon mit Haushalt, Kinder großziehen und die Farm bewirtschaften überfordert. Er gab schließlich sein Land auf und zog zu seiner Mutter nach Alabama, um dort die Kinder in ihre Obhut zu geben.

1884 heiratete er erneut und zog wieder nach Texas.

Aber das Schicksal war ihm erneut nicht gnädig.

Diesmal war es ein Jahr voller extremer Unwetter, die ihm mehrere Ernten vernichteten und die Farm endgültig ruinierten.

Bis dato war Rube Burrow ein im Grunde rechtschaffener Mann, dessen einziger Verstoß gegen das Gesetz darin bestand, hin und wieder ein ungebrändetes Maverickrind, das sich auf seine Weide verirrt hatte, mit seinem Brandzeichen zu versehen.

Seine Wende zum Verbrecher erfolgte erst, als ihn sein Bruder Jim mit einigen ehemaligen Freunden aus früheren Tagen zu einem Zeitpunkt besuchte, als er im Grunde genommen finanziell ruiniert war.

Es dauerte deshalb nicht lange, bis ihn sein Bruder Jim und die anderen, Henderson Brumley, Nep Thornton und die Brüder Leonard und W. L. Brock, davon überzeugt hatten, dass es auch andere Arten gab, um an Geld zu kommen.

Rube wurde zum Anführer gewählt, da ihm bereits während seiner Jugendzeit in Alabama der Ruf anhaftete, nicht nur ein begnadeter Reiter, zielsicherer Schütze und hervorragender Jäger zu sein, sondern auch der eines Heißsporns und Abenteurers mit unumstrittenen Führungsqualitäten.

Der erste Überfall der Bande fand im Dezember 1886 statt, als sie in Bellevue, Texas, einen Zug der Denver & Fort Worth Express ausraubten und schließlich mit der mageren Beute von gerade einmal 300 Dollar flüchteten. Trotzdem bestiegen sie sechs Monate später in Ben Brooks, Texas, den nach Osten abgehenden Texas & Pacific Express und hielten ihn außerhalb der Stadt an.

Wie viel sie diesmal erbeuteten, ist nicht überliefert, aber es musste so viel gewesen sein, dass sie genug Blut geleckt hatten, um im September 1887 an der gleichen Stelle noch einmal einen Zug auszurauben. Zeitungsberichten zufolge lag die Beute diesmal bei ungefähr 20.000 Dollar. Vom Erfolg beflügelt überfielen sie im Dezember des gleichen Jahres in Genua, Arkansas, den St. Louis, Arkansas & Texas Railroad Expresszug und machten erneut reiche Beute. Doch die Freude an dem erneuten Geldsegen sollte schnell verfliegen.

Der Zug stand nämlich unter der Bewachung der Southern Express Company, die, nachdem die Burrow-Gang mitsamt ihrer Beute entkommen war, sich augenblicklich an die Pinkerton Detective Agency wandte, bei der sie so etwas wie ein Premiumkunde war.

Augenblicklich setzte Pinkerton gleich eine ganze Schar von Detektiven auf die Spur der Burrow-Brüder.

 

*

 

Fünf Tagen später hatte Pinkerton bereits den ersten Hinweis.

Ein stellvertretender Sheriff hatte berichtet, dass er am Tag des Überfalls in Genua drei verdächtige Männer beobachtet hatte. Als sie bemerkten, dass er sich für sie interessierte, machten sie sich umgehend aus dem Staub. Einer der Männer jedoch verlor dabei seinen Regenmantel, den die Pinkerton Detektive schließlich zu einem Geschäft in Dublin, Texas, zurückverfolgen konnten. Der dortige Verkäufer identifizierte den Mann, der den Mantel gekauft hatte, als Leonard Brock.

Nachdem man Brock verhaftet hatte, gestand dieser in der Hoffnung auf eine milde Strafe bereits nach der ersten Vernehmung, an dem Überfall teilgenommen zu haben, und nannte Burrow den Anführer.

Burrow war den Behörden jedoch völlig unbekannt, was zum einen daran lag, dass er nicht vorbestraft war und er der Öffentlichkeit einen hart arbeitenden Farmer vorspielte, der sich mitsamt seinen Komplizen nicht zu schade war, für Lohn die Rinder der umliegenden Rancher zu hüten. Ein Mann also, der über jeden Zweifel erhaben zu sein schien und der sich zudem schon seit längerer Zeit nicht mehr in Texas aufhielt. Für Pinkerton und die ermittelnden Polizeibeamten war es daher nahezu unmöglich, Rube Burrow aufzuspüren, zumal Brock auch vehement bestritt, dessen jetzigen Aufenthaltsort zu kennen.

In dieser verfahrenen Situation kam den Männern des Gesetzes das Schicksal zur Hilfe. Ausgerechnet jetzt schrieb Rube Burrow, der nicht wusste, dass man Brock verhaftet hatte, einen Brief an seinen Komplizen. Durch die Absenderadresse wusste Pinkerton, dass dieses Schreiben im Lamar County in Alabama abgeschickt wurde. Es dauerte daher nicht lange, bis man herausgefunden hatte, wo sich die Burrows aufhielten. Es wurde eine Posse zusammengestellt, die am 8. Januar 1888 das Haus der Brüder umstellte. Aber Jim, der zu Pferd unterwegs gewesen war, hatte die Posse herankommen sehen und seinen Bruder gewarnt.

Pinkerton stand also wieder mit leeren Händen da.

Mehr als zwei Wochen narrten die Brüder ihre Häscher, bis sie von jemandem erkannt wurden, als sie in einem Louisville & Nashville Zug im Süden Alabamas unterwegs waren.

Die alarmierte Polizei umstellte den Express bei seinem Halt in Montgomery und nahm Jim Burrow nach einer kurzen Schießerei fest. Sein Bruder Rube jedoch schoss sich rücksichtslos seinen Weg frei. Er verletzte mehrere Mitglieder des Aufgebots und tötete einen Mann namens Ned Broy mit einem Schuss in die Brust. Auch einer zweiten Posse gelang es nicht, ihn an der Flucht zu hindern, obwohl sie ihn mit einem Schuss aus einem Schrotgewehr am Hals verwunden konnten.

Während Rube kreuz und quer durch Alabama und die benachbarten Staaten von Mississippi, Arkansas und Texas floh, wurde sein Bruder Jim verhaftet und in das Gefängnis von Texarkana gebracht, wo er am 5. Oktober 1888 an Tuberkulose starb.

 

*

 

Vielleicht war es der Tod seines Bruders oder die ständige Jagd auf ihn, ein Leben ohne richtigen Schlaf, weil man stets mit einem Ohr hören und ein Auge offen halten musste, da das geringste Geräusch, und wenn es auch nur das Krabbeln einer Pissameise unter dem Kopfkissen war, bedeuten konnte, dass sich das Hufgetrappel eines Aufgebots näherte, das ihn so verwandelte. Wir wissen es nicht, Tatsache aber ist, das sich Rube danach in einen rücksichtslosen Killer verwandelte, der alles und jeden über den Haufen schoss, der sich ihm in den Weg stellte.

Am 15. Dezember 1888 raubte er zusammen mit einem Mann namens Joe Jackson den Illinois Central Expresszug in Duck Hill, Mississippi, aus. Als der Schaffner um Hilfe schrie, eilten zwei Passagiere zu dem Wagen, in dem die beiden Zugräuber gerade den Tresor plünderten. Chester Hughes war mit einer Winchester bewaffnet, John Wilkinson mit einem Revolver. Aber die Waffen nützten ihnen nichts, Burrow erschoss Hughes, ohne mit der Wimper zu zucken.

Im Juni 1889 erschoss Burrow den Postmeister des Lamar Countys, Moses Graves, während eines hitzigen Streits um ein Paket. Der Inhalt war eine Perücke und ein Schnurrbart zum Aufkleben, die er sich aus einem Versandhauskatalog bestellt hatte, um sich damit besser verkleiden zu können. Der kaltblütige Mord an dem alten Postmeister kostete ihn alle Sympathien der Bewohner des Countys, die ihn bisher sogar versteckt hatten, weil er seine Beute aus den Zugüberfällen teilweise in Robin-Hood-Manier immer wieder unter den Bedürftigen des Landes verteilte.

Obwohl Burrow damit seines Rückzugortes beraubt war und inzwischen von immer mehr Pinkerton-Detektiven und Gesetzesbeamten verfolgt wurde, überfiel er weiterhin einen Zug nach dem anderen.

Den Mobile und Ohio Expresszug zum Beispiel, den er im September 1889 in der Nähe von Buckatunna in Mississippi enterte, oder zwei Monate später den Northwestern Railroad Zug in Louisiana. Nach diesem Raubüberfall wurde er von den Pinkerton-Detektiven zwei Tage lang über die Racoon Mountains bis ins Blount County in Alabama verfolgt. Die Posse drehte erst ab, als er zwei der Detektive, William Penn Woodard und Harry Annerton, getötet und drei weitere schwer verwundet hatte.

Es sollten die letzten Toten sein, die Rube Burrow zu verantworten hatte.

Obwohl er seit der Verhaftung seines Bruders Jim Ende Januar 1888 in Montgomery, Alabama, von Hunderten von Pinkerton-Männern, Sheriffs, Marshals, Deputys, Männern von Bürgermilizen und Kopfgeldjägern gejagt wurde, waren es die beiden Schwarzen Jesse Hildreth und Frank Marshal, die ihn mithilfe von John McDuffie und Jeff Carter, zwei ortsansässigen weißen Männern, in einer Hütte in Myrtlewood im Marengo County in Alabama am 7. Oktober des Jahres 1890 aufstöberten und gefangen nahmen.

Man brachte ihn ins Gefängnis nach Linden, einer Stadt in Alabama, die zuerst als Screamersville bekannt war, da dort der Schrei der wilden Tiere besonders des Nachts laut zu hören war, und die man später in Hohenlinden umbenannte, um die frühesten Siedler der Ortschaft, französische Flüchtlinge, zu ehren. Er sollte an die Schlacht 1800 bei Hohenlinden erinnern. Später wurde der Name dann auf Linden verkürzt.

Doch Rube gelang bereits tags darauf die Flucht, nachdem er einen der Gefängniswärter überreden konnte, ihm seine Tasche zu übergeben, in der sich angeblich seine Arznei befand. Tatsächlich war darin aber auch eine Waffe versteckt, mit der er entkam, nachdem er seine Wächter, einer davon war John McDuffie, in seiner Zelle eingesperrt hatte.

Doch statt davonzureiten, suchte er Jeff Carter auf, der ihm sein Geld abgenommen hatte.

Er schoss jedoch zu hastig und verwundete Carter nur am Arm, während ihm dieser eine Kugel in den Bauch jagte, an der er schließlich verstarb.

 

*

 

Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende.

Genauso, wie es verschiedene Angaben zum Zeitpunkt seiner Geburt gibt, existiert auch eine andere Version zu den Umständen, die zu seinem Tod führten.

Diese lautet, das Carter ein Ladenbesitzer war, der schon von jeher mit den Behörden zusammenarbeitete und sich wegen der Belohnung auf die Suche nach Burrow gemacht hatte.

Rube suchte ihn deshalb auf, um ihn dafür zu töten.

Wobei das Ende der beiden Versionen das gleiche ist. Carter erschoss Rube und kassierte die Belohnung, die auf ihn ausgesetzt war.

Nachzutragen wäre noch, dass Burrows Leiche mit dem Zug zurück zu seinen Eltern ins Lamar County gebracht wurde und dass das Eisenbahnpersonal bei den Zwischenstopps den Menschenmassen, die den Zug umlagerten, erlaubten, einen Blick auf den gefürchtetsten Zugräuber des Südwestens zu werfen. Das Ganze artete dabei aber derart aus, dass die sensationslüsterne Menge auf der Jagd nach Souvenirs sämtliche Knöpfe an Rubes Kleidung entwendete, ihm fast alle Haare ausriss und seine Stiefel stahl.

Rube wurde schließlich in seiner Heimatgemeinde in der Nähe von Vernon auf dem Fellowship Cemetery begraben.

Sein Komplize Joe Jackson, mit dem er in Duck Hill einen Zug ausgeraubt hatte, beging nach der Nachricht von seinem Tod im Dezember 1890 im Jackson Penitentiary Gefängnis, wo er seine Strafe absaß, Selbstmord, indem er dort aus dem Fenster sprang. Ein anderer, Rube Smith, mit dem er im September 1889 in Buckatunna einen Zug überfiel, wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, starb aber am 20. April 1895 im Gefängnis.

Aufgrund seiner unzähligen Zugüberfälle, seiner jahrelangen Flucht, obwohl Hunderte von Häschern seiner Spur folgten, und den vielen Toten, die Rube dabei zurückgelassen hatte, zählen er und sein Bruder auch heute noch zu den berüchtigtsten Zugräubern in der amerikanischen Pioniergeschichte.

Quellenhinweis:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.