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Des Freiherrn von Münchhausen wunderbare Reise und Abenteuer … 17

Des Freiherrn von Münchhausen
wunderbare Reise und Abenteuer zu Wasser und zu Lande, wie er dieselbe bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegte
Mit 16 Federzeichnungen von Hosemann
Neue Originalausgabe, Dieterich’schen Buchhandlung Göttingen, Berlin, 1840

Des Freiherrn von Münchhausen Seeabenteuer

Reise durch die Welt nebst anderen merkwürdigen Abenteuern

Wenn ich Ihren Augen trauen darf, so möchte ich wohl eher müde werden, Ihnen sonderbare Begebenheiten meines Lebens zu erzählen, als Sie, mich anzuhören. Ihre Gefälligkeit ist mir zu schmeichelhaft, als dass ich, wie ich mir vorgenommen hatte, mit meiner Reise zum Mond meine Erzählung schließen sollte. Hören Sie also, wenn es Ihnen beliebt, noch eine Geschichte, die an Glaubwürdigkeit der Letzteren gleich kommt, an Merkwürdigkeit und Wunderbarkeit sie vielleicht noch übertrifft.

Brydones Reisen nach Sizilien, die ich mit ungemeinem Vergnügen durchlesen habe, machten mir Lust, den Berg Ätna zu besuchen. Auf meinem Weg dahin stieß mir nichts Merkwürdiges auf. Ich sage mir, denn manch andere hätte wohl manches äußerst merkwürdig gefunden und zum Ersatz der Reisekosten umständlich dem Publikum erzählt, was mir alltägliche Kleinigkeit war, womit ich keines ehrlichen Mannes Geduld ermüden mag.

Eines Morgens reiste ich früh aus einer am Fuß des Berges entlegenen Hütte ab, fest entschlossen, auch wenn es auf Kosten meines Lebens geschehen sollte, die innere Einrichtung dieser berühmten Feuerpfanne zu untersuchen und auszuforschen. Nach einem mühseligen Weg von drei Stunden befand ich mich auf der Spitze des Berges. Er tobte damals gerade und hatte schon drei Wochen getobt. Wie er unter den Umständen aussieht, das ist schon so oft geschildert worden, dass, wenn Schilderungen es darstellen können, ich auf alle Fälle zu spät komme, und wenn sie, wie ich aus Erfahrung sagen darf, es nicht können, so wird es am besten getan sein, wenn nicht auch ich über den Versuch einer Unmöglichkeit die Zeit verliere und Sie die gute Laune.

Ich ging dreimal um den Krater herum, den Sie sich als einen ungeheuren Trichter vorstellen können. Da ich sah, dass ich dadurch wenig oder nicht klüger wurde, so fasste ich kurz und gut den Entschluss, hineinzuspringen. Kaum hatte ich dies getan, so befand ich mich auch in einem verzweifelt warmen Schwitzkasten. Mein armer Leichnam wurde durch die rotglühenden Kohlen, die beständig heraufschlugen, an mehreren Teilen, edlen und unedlen, jämmerlich gequetscht und verbrannt.

So stark die Gewalt war, mit der die Kohlen heraufgeschmissen wurden, so war doch die Schwere, mit der mein Körper hinunter sank, ein Beträchtliches größer. Ich kam in kurzer Zeit glücklicherweise auf den Grund. Das erste, was ich gewahr wurde, war ein abscheuliches Poltern, Lärmen, Schreien und Fluchen, das rings um mich zu sein schien. Ich schlug die Augen auf, und siehe da! Ich war in der Gesellschaft Vulkans und seiner Zyklopen. Diese Herren, die ich in meinem weiten Sinne längst ins Reich der Lügen verwiesen hatte, hatten sich seit drei Wochen über Ordnung und Subordination gezankt. Davon war der Unfug in der Oberwelt gekommen. Meine Erscheinung stellte auf einmal unter der ganzen Gesellschaft Friede und Eintracht her.

Vulkan hinkte sogleich zu seinem Schrank hin und holte Pflaster und Salben, die er mir mit eigener Hand auflegte. In wenigen Augenblicken waren meine Wunden geheilt. Auch setzte er mir einige Erfrischungen vor, eine Flasche Nektar und andere kostbare Weine, wie nur Götter und Göttinnen zu kosten kriegen. Sobald ich mich etwas erholt hatte, stellte er mich seiner Gemahlin Venus vor und befahl ihr, mir jede Bequemlichkeit zu verschaffen, die meine Lage forderte. Die Schönheit des Zimmers, in das sie mich führte, die Wollust des Sofas, auf das sie mich setzte, der göttliche Zauberreiz ihres ganzen Wesens, die Zärtlichkeit ihres weichen Herzens – all das ist weit über allen Ausdruck der Sprache erhaben. Schon der Gedanke daran macht mich schwindeln.

Vulkan gab mir eine sehr genaue Beschreibung vom Berg Ätna. Er sagte mir, dass derselbe nichts als eine Aufhäufung der Asche wäre, die aus seiner Esse ausgeworfen würde, da er häufig genötigt wäre, seine Leute zu bestrafen, dass er ihnen dann im Zorn rotglühende Kohlen auf den Leib würfe, die sie oft mit großer Geschicklichkeit parierten und in die Welt hinauf schmissen, um sie ihm aus den Händen zu bringen. »Unsere Uneinigkeiten«, fuhr er fort, »dauern bisweilen mehrere Monate, und die Erscheinungen, die sie auf der Welt veranlassen, sind das, was ihr Sterbliche, wie ich finde, Ausbrüche nennt. Der Berg Vesuv ist gleichfalls eine meiner Werkstätten, zu der mich ein Weg führt, der wenigstens dreihundertfünfzig Meilen unter der See hinläuft. Ähnliche Uneinigkeiten bringen auch dort ähnliche Ausbrüche hervor.

Gefiel mir der Unterricht des Gottes, so gefiel mir noch mehr die Gesellschaft seiner Gemahlin. Ich würde vielleicht nie diese unterirdischen Paläste verlassen haben, wenn nicht einige geschäftige schadenfrohe Schwätzer Vulkan einen Floh ins Ohr gesetzt und ein heftiges Feuer der Eifersucht in seinem gutmütigen Herzen angeblasen hätten. Ohne mir vorher nur den geringsten Wink zu geben, nahm er mich eines Morgens, als ich eben der Göttin bei ihrer Toilette aufwarten wollte, trug mich in ein Zimmer, das ich niemals zuvor gesehen hatte, hielt mich über einen tiefen Brunnen, wie es mir vorkam. »Undankbarer Sterblicher«, sagte er, »kehre zurück zu der Welt, von der du kamst.« Mit diesen Worten ließ er mich, ohne mir einen Augenblick Zeit zur Verteidigung zu geben, mitten in den Abgrund hinunterfallen.

Ich fiel und fiel mit immer zunehmender Geschwindigkeit, bis die Angst meiner Seele mir endlich alle Besinnung nahm. Plötzlich aber wurde ich aus meiner Ohnmacht aufgeweckt, indem ich auf einmal in eine ungeheure See von Wasser kam, die durch die Strahlen der Sonne erleuchtet wurde. Ich konnte von meiner Jugend an gut schwimmen und alle mögliche Wasserkünste machen. Daher war ich gleich wie zu Hause. Im Vergleichen mit der fürchterlichen Lage, aus der ich eben befreit war, kam mir meine gegenwärtige wie ein Paradies vor.

Ich sah mich nach allen Seiten um, sah aber leider auf allen Seiten nichts als Wasser, auch unterschied sich das Klima, unter dem ich mich nun befand, sehr unbehaglich von Meister Vulkans Esse. Endlich entdeckte ich in einiger Entfernung etwas, das wie ein erstaunlich großer Felsen aussah und auf mich zuzukommen schien. Bald zeigte es sich, dass es eins der schwimmenden Eisgebirge war. Nach langem Suchen fand ich endlich eine Stelle, an der ich auf dasselbe hinauf und bis zur obersten Spitze kommen konnte. Allein zu meiner größten Verzweiflung war es mir auch von hieraus noch unmöglich, Land zu entdecken. Endlich, kurz vor Dunkelwerden, sah ich ein Schiff, das auf mich zufuhr. Sobald ich nahe genug war, rief ich. Man antwortete mir auf Holländisch. Ich sprang in die See, schwamm zu dem Schiff hin und wurde an Bord gezogen Ich erkundigte mich, wo wir wären, und erhielt die Antwort: im Südmeer. Diese Entdeckung löste auf einmal das ganze Rätsel. Es war nun ausgemacht, dass ich vom Berg Ätna durch den Mittelpunkt der Erde in die Südsee gefallen war; ein Weg, der auf alle Fälle kürzer ist als der um die Welt. Noch hatte ihn niemand versucht als ich. Und mache ich ihn wieder, so werde ich gewiss sorgfältigere Beobachtungen anstellen.

Ich ließ mir einige Erfrischungen geben und ging zu Bett. Ein grobes Volk aber ist es um die Holländer. Ich erzählte meine Abenteuer den Offizieren, ebenso aufrichtig und simpel wie Ihnen, meine Herren. Einige davon, vorzüglich der Kapitän, machten Miene, als zweifelten sie an meiner Wahrhaftigkeit. Indessen hatten sie mich freundschaftlich in ihr Schiff genommen. Ich musste von ihrer Gnade leben und folglich, wollte ich wohl oder übel, den Schimpf in die Tasche stecken.

Ich erkundigte mich nun, wohin ihre Reise ginge. Sie antworteten mir, sie wären auf neue Entdeckungen ausgefahren. Wenn meine Erzählung wahr wäre, so sei ihre Absicht auf alle Fälle erreicht. Wir waren nun gerade auf dem Weg, den Kapitän Cook gemacht hatte, und kamen den nächsten Morgen zur Botany Bay – ein Ort, zu dem die englische Regierung wahrhaftig nicht Spitzbuben schicken sollte, um sie zu bestrafen, sondern verdiente Männer, um sie zu belohnen, so reichlich hat hier die Natur ihre besten Geschenke ausgeschüttet.

Wir blieben hier nur drei Tage; den vierten nach unserer Abreise entstand ein fürchterlicher Sturm, der in wenig Stunden alle unsere Segel zerriss, unser Bugspriet zersplitterte und die große Bramstange umlegte, die gerade auf das Behältnis fiel, in dem unser Kompass verschlossen war, und das Kästchen und den Kompass in Stücken schlug. Jedermann, der zur See gewesen ist, weiß, von welchen traurigen Folgen ein solcher Verlust ist. Wir wussten nun weder aus noch ein. Endlich legte sich der Sturm und es folgte ein anhaltender munterer Wind. Drei Monate waren wir gefahren, notwendig mussten wir eine ungeheure Strecke Weges zurückgelegt haben, als wir auf einmal an allem, was um uns war, eine erstaunliche Veränderung bemerkten. Wir wurden so leicht und froh, unsere Nasen wurden mit den angenehmsten Balsamdüften erfüllt; auch die See hatte ihre Farbe verändert und war nicht mehr grün, sondern weiß.

Bald nach dieser wundervollen Veränderung sahen wir Land und nicht weit von uns einen Hafen, auf den wir zu segelten, und den wir sehr geräumig und tief fanden. Statt des Wassers war er mit vortrefflich schmeckender Milch angefüllt. Wir landeten, und – die ganze Insel beistand aus einem großen Käse. Wir hätten dies vielleicht gar nicht entdeckt, wenn uns nicht ein besonderer Umstand auf die Spur geholfen hätte. Es war nämlich auf unserem Schiff ein Matrose, der eine natürliche Antipathie gegen den Käse hatte. Sobald dieser ans Land trat, fiel er in Ohnmacht.

Als er wieder zu sich selbst kam, bat er, man möchte doch den Käse unter seinen Füßen wegnehmen, und als man zusah, fand es sich, dass er vollkommen recht hatte. Die ganze Insel war, wie gesagt, nichts als ein ungeheurer Käse. Von dem lebten auch die Einwohner größtenteils, und so viel bei Tage verzehrt wurde, wuchs immer des Nachts wieder zu. Wir sahen eine Menge Weinstöcke mit schönen großen Trauben, die, wenn sie gepresst wurden, nichts als Milch gaben. Die Einwohner waren aufrecht gehende, hübsche Geschöpfe, meistens neun Fuß hoch, hatten drei Beine und einen Arm, und wenn sie erwachsen waren, auf der Stirn ein Horn, das sie mit vieler Geschicklichkeit brauchten. Sie hielten auf der Oberfläche der Milch Wettläufe und spazierten, ohne zu versinken, mit so vielem Anstand darauf herum, wie wir auf einer Wiese.

Auch wuchs auf dieser Insel oder diesem Käse, eine Menge Korn, mit Ähren, die wie Erdschwämme aussahen, in denen Brote lagen, die vollkommen gar waren und sogleich gegessen werden konnten. Auf unseren Streifereien über diesen Käse entdeckten wir sieben Flüsse von Milch und zwei von Wein.

Nach einer sechszehntägigen Reise kamen wir an das Ufer, das dem, an welchem wir gelandet hatten, gegenüber lag. Hier fanden wir eine ganze Strecke des angegangenen blauen Käses, aus dem die wahren Käseesser so viel Wesen zu machen pflegen. Anstatt dass aber Milben darin gewesen wären, wuchsen die vortrefflichsten Obstbäume darauf, wie Pfirsiche, Aprikosen und tausend andere Arten, die wir gar nicht kannten. Auf diesen Bäumen, die erstaunlich groß sind, waren eine Menge Vogelnester. Unter anderen fiel uns ein Eisvogelnest auf, das im Umfang fünfmal so groß war, wie das Dach der St. Paulskirche in London. Es war künstlich aus ungeheuren Bäumen zusammengeflochten. Es lagen wenigstens – warten Sie, denn ich mag gern alles genau bestimmen – wenigstens fünfhundert Eier darin. Jedes war ungefähr so groß wie ein Oxhoft. Die Jungen darin konnten wir nicht nur sehen, sondern auch pfeifen hören. Als wir mit vieler Mühe ein solches Ei aufgemacht hatten, kam ein junges unbefiedertes Vögelchen heraus, das einen guten Teil größer war als zwanzig ausgewachsene Geier. Wir hatten kaum das junge Tier in Freiheit gesetzt, so ließ sich der alte Eisvogel herunter, packte in eine seiner Klauen unseren Kapitän, flog eine Meile weit mit ihm in die Höhe, schlug ihn heftig mit den Flügeln und ließ ihn dann in die See fallen.

Die Holländer schwimmen alle wie die Ratten; er war bald wieder bei uns und wir kehrten zu unserem Schiff zurück. Wir nahmen aber nicht den alten Weg und fanden daher auch noch viele ganz neue und sonderbare Dinge. Unter andern schossen wir zwei wilde Ochsen, die nur ein Horn haben, das ihnen zwischen den beiden Augen herauswächst. Es tat uns nachher leid, dass wir sie erlegt hatten, da wir erfuhren, dass die Einwohner sie zähmen und wie wir die Pferde zum Reiten und Fahren gebrauchen. Ihr Fleisch soll, wie man uns sagte, vortrefflich schmecken, ist aber einem Volk, das bloß von Milch und Käse lebt, gänzlich überflüssig.

Als wir noch zwei Tagereisen von unserem Schiff entfernt waren, sahen wir drei Leute, die an hohen Bäumen bei den Beinen aufgehängt waren. Ich erkundigte mich, was sie begangen hätten, um eine so harte Strafe zu verdienen, und hörte, sie wären in der Fremde gewesen und hätten bei ihrer Rückkehr nach Hause ihre Freunde belogen und ihnen Plätze beschrieben, die sie nie gesehen, und Dinge erzählt, die sich nie zugetragen hätten. Ich fand die Strafe sehr gerecht, denn nichts ist mehr eines Reisenden Schuldigkeit, als streng der Wahrheit anzuhängen.

Sobald wir bei unserem Schiff angelangt waren, lichteten wir die Anker und segelten von diesem außerordentlichen Land ab. Alle Bäume am Ufer, unter denen einige sehr große und hohe waren, neigten sich zweimal vor uns, genau in einem Tempo, und nahmen dann wieder ihre vorige gerade Stellung ein.

Als wir drei Tage umhergesegelt waren, der Himmel weiß wo – denn wir hatten noch immer keinen Kompass – kamen wir in eine See, welche schwarz aussah. Wir kosteten das vermeinte schwarze Wasser, und siehe! Es war der vortrefflichste Wein. Nun hatten wir genug zu hüten, dass nicht alle Matrosen sich darin berauschten. Allein die Freude dauerte nicht lange. Wenige Stunden nachher fanden wir uns von Walfischen und anderen unermesslich großen Tieren umgeben, unter denen eins war, dessen Größe wir selbst mit allen Fernrohren, die wir zu Hilfe nahmen, nicht übersehen konnten. Leider wurden wir das Ungeheuer nicht eher gewahr, bis wir ihm ziemlich nahe waren. Auf einmal zog es unser Schiff mit stehenden Masten und vollen Segeln in einen Rachen zwischen die Zähne, gegen die der Mast des größten Kriegsschiffes ein kleines Stöckchen ist.

Nachdem wir einige Zeit in seinem Rachen gelegen hatten, öffnete es denselben ziemlich weit, schluckte eine unermessliche Menge Wasser ein und schwemmte unser Schiff, das, wie Sie sich leicht denken können, kein kleiner Bissen war, in den Magen hinunter. Hier lagen wir nun so ruhig, als ob wir bei einer toten Windstille vor Anker lägen. Die Luft war, das ist nicht zu leugnen, etwas warm und unbehaglich. Wir fanden Anker, Taue, Boote, Barken und eine beträchtliche Anzahl Schiffe, teils beladene, teils unbeladene, die dieses Geschöpf verschlungen hatte.

Alles, was wir taten, musste bei Fackelschein geschehen. Für uns war keine Sonne, kein Mond und keine Planeten mehr vorhanden. Gewöhnlich befanden wir uns zweimal des Tages auf hohem Wasser und zweimal auf dem Grund. Wenn das Tier trank, so hatten wir Flut, und wenn es ein Wasser ließ, so waren wir auf dem Grund. Nach einer mäßigen Berechnung nahm es gewöhnlich mehr Wasser zu sich, als der Genfer See hält, der doch einen Umfang von dreißig Meilen hat.

Am zweiten Tag unserer Gefangenschaft in diesem Reich der Nacht wagte ich es bei der Ebbe, wie wir die Zeit nannten, wenn das Schiff auf dem Grund saß, nebst dem Kapitän und einigen Offizieren, eine kleine Streiferei zu tun. Wir hatten uns alle mit Fackeln versehen und trafen nun gegen zehntausend Menschen aus allen Nationen an. Sie wollten gerade eine Beratschlagung halten, wie sie wohl ihre Freiheit wieder erlangen könnten. Einige von ihnen hatten schon mehrere Jahre in dem Magen des Tieres zugebracht. Eben als der Präsident uns über die Sache unterrichten wollte, wegen der wir versammelt waren, wurde unser verfluchter Fisch durstig und fing zu trinken an. Das Wasser strömte mit solcher Heftigkeit herein, dass wir alle uns augenblicklich zu unseren Schiffen retirieren oder riskieren mussten, zu ertrinken. Verschiedene von uns retteten sich nur mit genauer Not durch Schwimmen.

Einige Stunden danach waren wir glücklicher. Sobald sich das Ungeheuer ausgeleert hatte, versammelten wir uns wieder. Ich wurde zum Präsidenten gewählt und unterbreitete den Vorschlag, zwei der größten Mastbäume zusammenzufügen, diese, wenn das Ungeheuer den Rachen öffnete, dazwischen zu sperren und so das Zuschließen ihm zu verwehren. Dieser Vorschlag wurde allgemein angenommen und hundert starke Männer zu der Ausführung desselben ausgesucht. Kaum hatten wir unsere zwei Mastbäume zurechtgemacht, so bot sich auch eine Gelegenheit an, sie zu gebrauchen. Das Ungeheuer gähnte und sogleich keilten wir unsere zusammengesetzten Mastbäume dazwischen, sodass das eine Ende durch die Zunge durch, gegen den unteren Gaumen, das andere gegen den oberen stand, wodurch wirklich das Schließen des Rachens ganz unmöglich gemacht war, selbst wenn unsere Masten noch viel schwächer gewesen wären.

Sobald nun alles in dem Magen flott war, benannten wir einige Boote, die sich und uns in die Welt ruderten. Das Licht des Tages bekam uns nach einer, so viel wir beiläufig rechnen konnten, vierzehntägigen Gefangenschaft unaussprechlich gut. Als wir uns sämtlich aus diesem geräumigen Fischmagen beurlaubt hatten, machten wir gerade eine Flotte von fünfunddreißig Schiffen aus, von allen Nationen. Unsere Mastbäume ließen wir in dem Rachen des Ungeheuers stecken, um andere vor dem schrecklichen Unglück zu sichern, in diesen fürchterlichen Abgrund von Nacht und Kot eingesperrt zu werden.

Unser erster Wunsch war nun, zu erfahren, in welchem Teil der Welt wir uns befänden. Anfänglich konnten wir darüber gar nicht zur Gewissheit kommen. Endlich fand ich nach vormaligen Beobachtungen, dass wir in der Kaspischen See wären. Da diese See ganz mit Land umgeben ist und keine Verbindung mit anderen Gewässern hat, so war es uns ganz unbegreiflich, wie wir dahin gekommen wären. Doch einer von den Eingeborenen der Käse-Insel, den ich mit mir gebracht hatte, gab uns einen sehr vernünftigen Aufschluss darüber. Nach seiner Meinung hatte uns nämlich das Ungeheuer, in dessen Magen wir solange eingesperrt waren, durch irgendeinen unterirdischen Weg hierher gebracht. Genug, wir waren nun einmal da und freuten uns, dass wir da waren, und machten, dass wir sobald wie möglich ans Ufer kamen. Ich war der Erste, der landete.

Kaum hatte ich meinen Fuß auf das Trockene gesetzt, so kam ein dicker Bär gegen mich angesprungen. Ha!, dachte ich, du kommst mir eben recht. Ich packte mit jeder Hand eine seiner Vordertatzen und drückte ihn erst zum Willkommen so herzlich, dass er gräulich zu heulen anfing. Ich aber, ohne mich dadurch rühren zu lassen, hielt ihn solange in dieser Stellung, bis ich ihn zu Tode gehungert hatte. Dadurch setzte ich mich bei allen Bären in Respekt. Keiner wagte es, mir wieder in die Quere zu kommen.

Ich reiste von hier aus nach Petersburg und bekam dort von einem alten Freund ein Geschenk, was mir außerordentlich teuer war, nämlich einen Jagdhund, der von der berühmten Hündin abstammte, die, wie ich Ihnen schon einmal erzählte, während sie einen Hasen jagte, Junge warf. Leider wurde er mir bald danach von einem ungeschickten Jäger erschossen, der statt einer Kette Hühner den Hund traf, der sie stand. Ich ließ mir zum Andenken aus dem Fell des Tieres diese Weste hier machen, die mich immer, wenn ich zur Jagdzeit ins Feld gehe, unwillkürlich dahin bringt, wo Wild zu finden ist. Bin ich nun nahe genug, um schießen zu können, so fliegt ein Knopf von meiner Weste weg und fällt auf die Stelle nieder, wo das Tier ist. Da ich immer meinen Hahn gespannt und Pulver auf meiner Pfanne habe, so entgeht mir nichts. Ich habe nun, wie Sie sehen, nur noch drei Knöpfe übrig, sobald aber die Jagd wieder aufgeht, soll meine Weste auch wieder mit zwei neuen Reihen besetzt werden.

Besuchen Sie mich als dann, und an Unterhaltung soll es Ihnen gewiss nicht fehlen. Übrigens, für heute empfehle ich mich und wünsche Ihnen angenehme Ruhe.

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