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Einsendeschluss 31.05.2021

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Ein Ostseepirat Band 1 – Verschiedene Eindrücke

Carl Schmeling
Ein Ostseepirat
Historischer Roman
Erster Band
XI.

Verschiedene Eindrücke

Der junge Morgen hatte sich auf dem nördlichen Ende von Hiddensee so gut grau gezeigt, wie am südlichen, und grau sah es denn auch über Grieben aus.

Doch war dies nicht allein mit dem Himmel der Fall, sondern auch im Inneren des Gutshauses, obwohl sich wohl niemand sagen konnte, weshalb, war doch alles zu Beginn des jungen Tages missgestimmt.

Es gibt Tage im menschlichen Leben, die eine solche Stimmung bedingen. Man sollte diese wohl beachten, wie diese Stimmung selbst, da beide meistens von nachhaltiger Bedeutung zu sein pflegen.

So auch hier. Der 30. Juli des Jahres 1757 sollte für Grieben und seine Bewohner von größerer Wichtigkeit werden, als nur irgendjemand ahnen konnte.

So viel Ursache auch die Familie des Majors zur Freude und Zufriedenheit haben musste, hatte diese Letztere doch etwas Bittersüßes, wovon sich niemand Rechenschaft zu geben vermochte.

Das Wrack in der Nähe hatte gewiss seinen Anteil hieran, der kranke Fähnrich offenbar noch mehr. Es ist nie angenehm, einen Kranken unter seinem Dach zu wissen.

Doch was sich vielleicht niemand eingestehen mochte, die meiste Schuld trug die Tischunterhaltung zu dieser Missstimmung bei. Die von Dyk gemachten Mitteilungen wollten niemand aus dem Sinn kommen, keiner war mit dem eigenen Benehmen während derselben zufrieden.

Als man sich zum Frühstück zusammengefunden hatte, herrschte deshalb zunächst Einsilbigkeit. Ein bald in Gang kommendes Gespräch über den Kranken war nicht geeignet, an deren Stelle Heiterkeit treten zu lassen.

Übrigens hatte der Major am frühen Morgen bereits die nötigen Bestimmungen seinetwegen getroffen, namentlich aber nach einem Arzt geschickt, der leider von weither geholt werden musste.

Als der Major vom Frühstück aufgestanden war, begab er sich zu dem Kranken, um noch etwaige Wünsche desselben zu vernehmen, und ließ nun zum ersten Mal etwas wie leichte Vorwürfe fallen.

Wardow nahm diese hin, dankte für die ihm geschenkte Aufmerksamkeit und bedauerte nur, dem Haus eine solche Last zu sein.

Das wollte jedoch der Major nicht gelten lassen, und hiermit war die Angelegenheit einstweilen beendet. Der Major versprach für Unterhaltung zu sorgen und entfernte sich.

Im Laufe des Tages erhielt Wardow auch noch den Besuch von der Hausfrau und ihren Töchtern, ebenso des Predigers und Küsters und schließlich des Gutsverwalters, dem die Kontrolle seiner Pflege übertragen worden war.

Da das Wetter während des ganzen Tages unangenehm blieb, verstrich dieser ziemlich langweilig, bis endlich der Abend eine Abwechselung bringen sollte.

Mit Eintritt der Dunkelheit kehrte nämlich der alte Klassen zurück und begab sich zunächst in das Zimmer des Junkers.

»Alle Wetter, Klassen!«, rief Wardow lebhaft, »also man hat Euch laufen lassen – nun, ich meine, unsere Sache steht danach nicht so schlimm!«

»Bis jetzt nicht, Junker!«, antwortete der Alte, »im Gegenteil, man schien uns sehr zu bedauern und das Ganze wie ein wirkliches Unglück anzusehen.«

»War es auch, Klassen«, erwiderte der junge Mann altklug, »ich kann ja dies beweisen und Ihr müsst es bezeugen.«

»Jawohl. Das Unglück, soweit es ein solches gewesen war«, antwortete der Alte mit Nachdruck, »und so lange man keine weiteren verfänglichen Fragen stellt.«

»Bah – wie sollte man dazu kommen?«

»Ja – ich weiß es nicht«, meinte Klassen zögernd, »vorläufig ist mir nur so viel klar, dass wir Glück haben, welchem selbst Unvorsichtigkeit oder Bosheit nichts anhaben kann; denn denkt Euch, man hatte irgend Schlechtes über den Kapitän Dyk gemeldet, sodass Schiff und Mannschaft eingezogen worden, als jener in den Hafen gekommen war. Hätte der Kapitän sprechen müssen, dürfte uns der Streich doch sehr unangenehm geworden sein. Wissen möchte ich indessen nur, wer den Mann so schwarz gebrannt hat.«

Ob der Alte bereits einen gewissen Verdacht gegen den Junker hegte, ist unsicher, doch fixierte er ihn während seiner Rede mit den Blicken. Der Fähnrich errötete infolgedessen.

»Ah!«, machte er, »also das hat gewirkt!«

»Nun, Alter!«, meinte Wardow, »ich tat meine Schuldigkeit. Als Ihr beschäftigt wart, sandte ich den Datlof an den Baron, um ihm meine Ansicht mitzuteilen. Doch der Baron war nicht zu haben, und so habe ich ihn denn noch gestern nach Stralsund gehen heißen. Ich sehe, der Mann hat meinen Befehl ausgeführt.«

»Ja, so viel sehe ich jetzt auch!«, rief Klassen ärgerlich, »und noch ein gut Teil mehr …!«

»Nun, was seht Ihr?«

»Das ist im Grunde nicht der Rede wert«, brummte Klassen, »schließlich müsstet Ihr doch immer die Sache auf Eure Kappe nehmen, Junker!«

»Gewiss!«, bekräftigte der junge Mann, »also Dyk ist festgenommen?«

»Sein Schiff und seine Leute, ja«, antwortete Klassen langsam, »doch sind diese wie jenes auch schon wieder freigegeben worden.«

»Und Dyk?«

»Ja, Dyk, Junker«, entgegnete der Alte traurig, »Dyk ist, seit er sich gestern Abend zurückgezogen hatte, nicht mehr gesehen worden. Wahrscheinlich hat er, als der Schoner am Bock ankerte, einmal während der Nacht nach dem Wetter sehen wollen und ist ins Wasser gefallen. Kurz, alles an Bord war, wie es gewesen, alle seine Sachen sind vorhanden, nur seine Person fehlte, als man ihn in der Kajüte suchte, um zu melden, dass Stralsund in Sicht sei. Der brave Kapitän Dyk ist offenbar ertrunken!«

Der Alte sprach diesen letzten Satz mit besonderem Nachdruck, und Wardow machte ein ganz gewaltig langes Gesicht.

»Hm!«, stieß er endlich hervor, »das ist ja merkwürdig – also einfach verschwunden?«

»Ertrunken, sage ich!«, rief der Alte ärgerlich, »und der Meinung sind alle, besonders sein Steuermann, der ihn noch zuletzt gegen Mitternacht gesehen hatte!«

Wardow blickte den alten Bootsmann lange an und in seinen Mienen lag etwas wie Verblüfftheit; dann jedoch schüttelte er den Kopf. »Ertrunken?«, brummte er dabei vor sich hin, »der Bursche dürfte wohl nicht leicht ertrinken. Doch bringt Ihr Befehle für uns mit?«

»Für Sie eigentlich nicht«, erwiderte der Alte barsch, »ich soll dagegen vom Wrack bergen, was sich bergen lässt, und mich dann auf dem kürzesten Weg nach Ystadt scheren.«

Klassen verließ nach diesem Gespräch den Junker, um sich direkt zu der Familie des Majors zu begeben.

Auch hier wurde er mit verschiedenen Fragen über die Folgen der Handlungsweise des Fähnrichs bestürmt.

»Hat nichts auf sich!«, lautete seine Antwort, »die ganze Sache hat in der jetzigen Zeit zu wenig Wichtigkeit, dagegen habe ich etwas Schlimmeres von jemandem zu berichten, dem ich es am wenigsten wünsche.«

»So – was ist das?«, rief der Major. Alles horchte gespannt.

»Der Kapitän Dyk ist ertrunken!«, antwortete der Alte.

Ausrufe des Staunens folgten dieser bestimmten Behauptung, doch waren sie ganz verschieden betont.

Der Major drückte Verwunderung aus, wie jemand, der etwas hört, was er nicht für möglich gehalten hätte. Bei der Frau und Sophie war es einfacher Schreck, doch bei Clara war es augenscheinlich doppelter und dreifacher. Denn ihr Ruf übertönte gellend und scharf die anderen Laute, sie wurde zugleich blass, zitterte heftig und musste sich an dem nächsten Möbel halten, um nicht zu fallen.

Doch beachtete augenblicklich niemand diese außergewöhnlichen Zeichen ihres Schmerzes.

»Wie war das möglich!«, rief endlich der Major.

»Gott mag es wissen«, antwortete Klassen, »niemand war Zeuge seines Unterganges, doch lässt sich leicht vermuten, wie er stattgefunden haben mochte. Der Kapitän hatte die Wache eingezogen und wird nun selbst über das Schiff gewacht haben. Bei einem Gang nach oben, vielleicht halb im Schlaf, muss er über Bord gestürzt sein.«

»Sonderbar!«, murmelte der Major, »ein Mann wie er!«

Klassen zuckte mit den Schultern. »Die See schont keinen und ist, ruhig wie zürnend, gleich tückisch.«

Clara hatte diesem Gespräch, wie zur Bildsäule erstarrt, zugehört. Endlich rang sich ein Seufzer aus ihrer Brust empor.

»Der arme Kapitän!«, stieß sie hervor.

»Jawohl, jawohl!«, sagte der Major, »er tut uns herzlich leid – zwar kein Patriot, aber ein Mann, dem wir verpflichtet waren. Er macht uns wirklich betrübt, dieser Unfall.«

»Es scheint, ich sei zur Eule geworden«, murmelte Klassen, »da ich nichts mehr als Unheil zu berichten habe.«

»Dafür könnt Ihr nichts, Klassen«, meinte der Major, »es ist nicht Eure Schuld, ich danke Euch!«

Klassen ging.

In Grieben wurde der Tag nach dieser Nachricht beendet, wie er begonnen hatte, das heißt traurig, und alle begaben sich bald zur Ruhe, um mit ihren Gedanken allein zu sein. Ruhe fand indessen Clara nicht. Als sie sich am Morgen zeigte, war ihr Aussehen angegriffen.

Da es das Wetter erlaubte, besuchte sie bald mit ihrer Schwester den Baakenberg. Oben angekommen, blickte sie lange nach Süden.

Sophie, welche zuerst ihre Einsilbigkeit bemerkte, erkannte nun auch, dass sie einfacher als gewöhnlich gekleidet war und nur schwarze Bänder an sich hatte.

»Es sieht fast aus, als ob du trauerst!«, rief sie nach einer Bemerkung darüber.

»Ich trauere wirklich!«, antwortete Clara leise.

»Ah – um Dyk!«, rief die Schwester.

»Allerdings, Sophie!«, entgegnete Clara, »doch scherze und lache nicht darüber. Dieser Mann und ich, wir verstanden uns bereits, er wäre mir gewiss sehr wert geworden!«

Claras Augen füllten sich mit Tränen. Sophie schlang ihre Arme um sie und schmiegte sich an sie.

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