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Marshal Crown – Band 44

Prärieratten

»Wo willst du hin?«

Conrad Lindemann hatte seine Decke zurückgeschlagen und war gerade im Begriff sich zu erheben, als ihn die Stimme seiner Frau mitten in der Bewegung verharren ließ.

Langsam drehte er sich um.

»Ich will nur kurz nach den Tieren sehen, sie sind plötzlich so unruhig.«

Henriette, seine Frau, richtete sich jäh von ihrem gemeinsamen Nachtlager auf, das sie nach Einbruch der Dämmerung im Planwagen hergerichtet hatte.

»Warum, sind wir in Gefahr?«, fragte sie sorgenvoll.

Conrad schüttelte kurz den Kopf und lächelte milde.

»Nein, alles gut, das wird sicherlich nur ein Kojote sein, der hier ums Lager streicht. Du brauchst keine Angst zu haben.«

»Ich habe aber Angst«, sagte Henriette, in deren Stimme jetzt deutlich die Verzweiflung mitschwang.

»Beruhige dich, Liebste, solange ich bei dir bin, bist du in Sicherheit. Das weißt du doch«, erwiderte ihr Mann und strich ihr mit einer zärtlichen Geste über die Wange.

Henriette nickte stumm, beugte sich vor und legte ihre Hand auf die Schulter ihres Mannes.

»Ach Conrad, ich weiß nicht, ob es wirklich so ein guter Gedanke war, unsere Heimat zu verlassen und in dieses Land zu kommen. Hier ist alles so wild, so barbarisch und …«

Das aufgeregte Schnauben eines ihrer Zugochsen ließ sie augenblicklich verstummen.

Conrad nahm die Hand seiner Frau von der Schulter, fuhr in seine Hose und kroch aus dem Planwagen nach draußen. Nach einem kurzen Rundumblick ging er auf die beiden Ochsen zu, die er nach Einbruch der Dunkelheit neben ihrem Conestoga Schoner an einem Baum angebunden hatte.

Unwillig schüttelte er dabei den Kopf.

Allmählich war er Henriettes Gejammer leid. Seit sie den ersten Fuß auf den Boden von Texas gesetzt hatten, hing sie ihm mit ihrem Widerwillen gegen dieses Land in den Ohren. Dabei war es doch gerade sie gewesen, die ihn vor etwas mehr als anderthalb Jahren in seinem Wunsch bestärkt hatte, ihre deutsche Heimat zu verlassen, wo ihnen Steuern, Abgaben und Verordnungen fast die Luft abschnürten, um hier in der Neuen Welt noch einmal von vorne anzufangen. Er wusste bis heute nicht, was sie zu diesem Sinneswandel veranlasst hatte, er wusste nur eines, das Wesen einer Frau würde selbst für einen verheirateten Mann wie ihn ein ewiges Mysterium bleiben.

Unterdessen hatte er die beiden Ochsen erreicht, die bei seinem Anblick sichtlich ruhiger wurden. Erleichtert, die Tiere wohlbehalten anzutreffen, klopfte er ihnen aufmunternd auf den Rücken.

»Na ihr zwei, wieder alles okay?«

Im selben Moment, in dem er die Frage stellte, hörte er hinter sich ein leises Knirschen im Sand. Jetzt schleicht sie mir auch noch hinterher, dachte Conrad noch, als ihn im gleichen Augenblick etwas mit solcher Wucht am Hinterkopf traf, dass er allein durch den Schmerz, der durch seinen Körper raste, das Bewusstsein verlor.

Henriette hörte zwar, wie ihr Mann draußen mit einem dumpfen Stöhnen zu Boden fiel, trotzdem eilte sie ihm weder zur Hilfe, noch ergriff sie das Gewehr, das er wie jede Nacht schussbereit neben ihre Lagerstatt an die Wagenbordwand gelehnt hatte.

Stattdessen blieb sie wie angewurzelt auf ihrer Bettdecke sitzen und starrte reglos nach vorne über den Kutschbock in die Dunkelheit hinaus. Als sie sich endlich dazu durchrang, nach dem Gewehr ihres Mannes zu greifen, war es längst zu spät.

Sie merkte noch, wie der Conestoga Schoner etwas schwankte, weil sich jemand am hinteren Eingang zu schaffen machte, dann legte sich auch schon eine hornige Hand auf ihren Mund und nahm ihr den Atem.

Eine andere berührte ihre Brüste.

»Mein Gott, was für Titten«, hörte sie eine rauchige Stimme sagen.

Gleichsam von Ekel, Scham und Entsetzen erfüllt verdrehte sie die Augen und sank mit einem Seufzer in eine gnädige Ohnmacht, die allerdings nur Sekunden andauerte.

Als sie wieder zu sich kam, war das Gesicht eines Mannes, das nur aus Haaren zu bestehen schien, das Erste, was sie erblickte. Fingerdicke, verfilzte Zotteln hingen ihm wirr in die Stirn bis hinab zu den buschigen Augenbrauen. Der Rest von seinem Gesicht war von einem struppigen und unglaublich schmutzigen Bart bedeckt, der von den Wangen bis hinab zum Kinn wie dichtes Gestrüpp wucherte.

Dazwischen waren nur zwei wasserhelle Augen, eine riesige Säufernase und ein grausam verzogener Mund zu erkennen, in dem nur noch ein knappes Dutzend gelbbrauner Zahnstümpfe zu sehen war.

Der ganze Mann roch derart nach Schweiß, Urin, Holzrauch und erkalteter Asche, dass sie einen erneuten Schwächeanfall geradezu herbeisehnte, erst recht, als das grobschlächtige Scheusal sie fragte, ob sie schon einmal von einem richtigen Mann durchgezogen wurde.

Aber dieses Mal blieb ihr die Ohnmacht versagt, denn der Mann kniff ihr derart brutal in die rechte Brust, dass sie vor Schmerzen aufschrie.

Ihr Schrei war kaum verklungen, als draußen vor dem Wagen die schrille Stimme einer Frau zu hören war.

»Gus, du alter Hurenbock, was machst du da drinnen mit der Frau? Kommt sofort aus dem Wagen raus, aber alle beide, sonst kratze ich euch die Augen aus!«

Der Mann, den die Frauenstimme Gus genannt hatte, grinste. Dann versetzte er Henriette einen Schlag zwischen die Schulterblätter, der sie fast bis zum Ausgang beförderte.

»Du hast ja gehört, was meine Alte gesagt hat, also los, raus mit dir.«

Kaum hatte sich Henriette Lindemann wieder aufgerappelt, traf sie ein zweiter, noch härterer Schlag, der sie kopfüber aus dem Wagen beförderte.

Einen Moment lang blieb sie benommen auf dem vom Regen der letzten Tage aufgeweichten Boden liegen, während die ihr unbekannte Frau ein meckerndes Lachen ausstieß. Weinend versuchte Henriette sich auf die Knie zu stemmen. Doch sie kam nicht dazu, denn Gus, der inzwischen aus dem Wagen gekommen war, trat ihr ohne Vorwarnung in die Rippen.

»Habe ich dir gesagt, du sollst aufstehen?«

Die Wucht des Stiefeltritts schickte Henriette erneut zu Boden, wo sie wie ein Käfer mit ausgestreckten Armen und Beinen auf den Rücken liegen blieb. Tränen liefen ihr über das dreckverschmierte Gesicht, während sie reglos auf dem Boden lag und dem Treiben der beiden Fremden zusah.

Während der bärtige Mann frisches Holz im heruntergebrannten Feuer ihres nächtlichen Camps nachlegte, kletterte die Frau in den Wagen.

Die Geräusche, die kurz danach aus dem Wagen drangen, ließen darauf schließen, dass sie drinnen alles auf den Kopf stellte und nach Wertsachen durchwühlte. Inzwischen bemerkte Henriette im Feuerschein des auflodernden Lagerfeuers, das sich zwei weitere Gestalten an ihrem Wagen eingefunden hatten. Die beiden, ein junger Mann und eine Frau etwa gleichen Alters, sahen wie die jüngere Ausgabe der beiden Räuber aus, die sie mitten in der Nacht überfallen hatten. Die Frau ging wortlos an ihr vorbei und kletterte ebenfalls in den Wagen, indessen der Mann neben sie trat und sie neugierig betrachtete.

»Na Sohnemann, nicht hässlich die Alte, oder?«, fragte der Bärtige vom Feuer her.

»Mit der hätten wir bestimmt beide Spaß.«

Als der Angesprochene lachte und mit der Stiefelspitze ihr Nachthemd nach oben schob, drehte Henriette ihr Gesicht zur Seite und fing leise an zu wimmern.


Die vollständige Story steht als PDF, EPUB, MOBI und AZW3 zur Verfügung.

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