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Einsendeschluss 31.05.2021

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Nick Carter – Inez Navarro, der weibliche Dämon – Kapitel 2

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Inez Navarro, der weibliche Dämon
Ein Detektivroman

Nick Carter nimmt den Kampf auf

»Well«, meinte der große Detektiv nach einer Weile, während er angestrengt nachgedacht hatte. »Im Gerichtssaal ging es natürlich wieder drunter und drüber?«

»Ich war nicht selbst anwesend. Doch nach allem, was ich gehört habe, muss es toll zugegangen sein.«

»Sage, Chick, fiel Inez in eine wirkliche oder nur in eine fingierte Ohnmacht?«

Chick schob die Achseln hoch. »Wer das wüsste? Ich möchte diese Frage auch gern beantwortet wissen«, brummte er. »Die Berichtspolizisten schwören natürlich drauf.«

»Dass die Ohnmacht echt war, eh?«

»Natürlich, Nick. Sie sagen, nicht die geschickteste Schauspielerin könnte sich so raffiniert verstellen … und Detektiv McGuire von der Zentrale hat Erfahrung darin, denn dessen Frau fällt immer in Ohnmacht, wenn sie ein neues Kleid braucht … und sie soll es so gut fertigbringen, dass der Ärmste immer wieder darauf hereinfällt … als endlich ein Arzt herbeikam und sich um Inez bemühen sollte, kam sie eben wieder zu sich, sodass auch er nicht feststellen konnte, ob es Natur oder Kunst war.«

»Wurde diese Inez verhaftet?«

»Selbstverständlich«, brummte Chick. »Doch ebenso rasch musste man sie wieder freilassen, denn es konnte auch nicht der geringste Schein eines Beweises für ihre Mitwisserschaft erbracht werden. Sie beteuerte, den Mann niemals zuvor gesehen zu haben, der sich auf Carruthers Platz gesetzt hatte, und ebenso schwor der Mann hoch und teuer, weder die schöne Inez noch Carruthers je zuvor erblickt zu haben.«

»Kann ich mir denken«, bemerkte Nick nachdenklich. »Sie wird sich schön gehütet haben, sich an diesem Tag anders als an den vorhergegangenen zu benehmen.«

»Kurz und gut. Man musste sie laufen lassen«, schloss Chick, seinen berühmten Vetter anblickend.

»Ich nehme an, sie wird beschattet, was?«

»Mein lieber Nick, das ist doch selbstredend. Die Zentrale beschattet sie und wir auch. Doch weder der Mann des Inspektors noch unser Patsy vermochten etwas zu entdecken.«

»Darüber unterhalten wir uns später. Was wurde aus dem Nachfolger Carruthers, um mich so auszudrücken?«, erkundigte sich Nick.

»Er sitzt noch. Doch auch die Untersuchung gegen ihn bringt nicht den geringsten Anhaltspunkt zutage.«

»Kann ich mir denken. Es wird kein Beweis vorhanden sein, und der Mann leugnet?«

»Hm, ich weiß nicht«, bemerkte Chick zweifelnd. »Was der Mann zu seiner Verteidigung vorbringt, klingt wenigstens nicht unglaubhaft. Er behauptet, noch nie zuvor in der Stadt New York, geschweige im Gerichtssaal gewesen zu sein. Er will in seinem Dorf von dem ungeheuren Aufsehen, welches die Verhandlung gegen den Verbrecherkönig gemacht hatte, gelesen und darauf beschlossen haben, seine erste Reise in die Metropole zu wagen, um das Wundertier anstaunen zu können. Zwei Tage wollte er hier bleiben und dann wieder zu seiner Farm zurückkehren, so beteuert er wenigstens.«

»So, der Mann ist ein biederer Landonkel?«, warf Nick dazwischen.

»Natürlich, ein Bauerntölpel, wie er im Buche steht«, bestätigte Chick mit gezwungenem Auflachen.

»Er stammt von Long Island … ich glaube von Greenport … und nun kommt das Erstaunlichste. Seine Angaben sind buchstäblich wahr, er wurde in seinem Heimatdorf geboren, hat dort immer gelebt, ist allgemein geachtet und beliebt – und seine Nachbarn erklären übereinstimmend, falls Silas Landgrove – so heißt der Brave nämlich – je zuvor schon in New York gewesen ist, so müsste dies ganz heimlich geschehen sein.«

Der Detektiv saß in nachdenklicher Haltung. »Hm, das ist merkwürdig«, brummte er. »Die Geschichte des Mannes muss wahr sein, denn auf dem Land weiß jeder, was der Nachbar in der Hosentasche hat … und doch kann die Geschichte nicht wahr sein, denn an einen so gefällig, diesem Carruthers zu Hilfe kommenden Zufall glaube ich nicht … sahst du diesen Landgrove?«

»Nicht nahe genug, um mir ein Urteil über ihn erlauben zu können. Er hat sich einen Anwalt genommen, und dieser hat zu seinen Gunsten ein Habeascorpusverfahren (Antrag auf Freilassung gegen Bürgschaft) anhängig gemacht. Darüber soll heute verhandelt werden. Natürlich muss man ihn freilassen.«

»Hm, hm!«, machte der Detektiv. »Wie erklärt denn dieser Silas Landgrove seine Anwesenheit im Stuhl des Angeklagten?«

»Einfach genug. Er sagt, er sei noch nie zuvor in einem Gerichtssaal gewesen und habe geglaubt, ein Stuhl sei so gut wie der andere.

Nach seiner Darstellung drückte er sich gerade im Gerichtssaal umher und hielt Ausschau nach einer Sitzgelegenheit, als die Schlägerei losging und er dahin und dorthin gestoßen wurde. Das ängstigte ihn, und als er einen leeren Stuhl vor sich erblickte, setzte er sich auf ihn und hielt sich die Augen zu, um nichts sehen zu müssen. Er befürchtete nämlich, es würde Mord und Totschlag geben, und da wollte er nicht noch als Zeuge mit hineingezogen werden.«

»Well, das klingt zu natürlich, um einen nicht misstrauisch zu machen«, bemerkte Nick. »Doch sage, was wurde denn aus der Frau, deren Schreien den ganzen Tumult verursachte?«

»Ja, da fragst du mich zu viel!«, rief Chick erbittert. »Unsere Blauen haben sich wieder einmal mit Ruhm bedeckt. Sie hatten vollständig den Kopf verloren. Das Frauenzimmer soll einen Anfall von Epilepsie bekommen haben.«

»Wahrheit oder Dichtung?«, bemerkte der Detektiv sarkastisch.

»War es erheuchelt, dann muss sie unübertrefflich geschauspielert haben. Wenigstens überzeugte sie die zufällig gerade anwesenden Ärzte von der Echtheit ihres Anfalles. Bläulicher Schaum stand ihr vor dem Mund, und sie zuckte und schlug täuschend echt um sich. Man schaffte sie so schnell wie möglich in einen Cab.«

»Nun – und ihre Adresse?«

»Das ist ja das Blödsinnige!«, rief Chick ergrimmt. »Von all diesen blaurockigen Eseln im Gerichtssaal ließ sich nicht ein Einziger die Adresse geben … sie waren sämtlich froh, das Frauenzimmer auf gute Manier los zu werden!«

»Großartig! Doch das sieht diesen Dickwänsten ähnlich. Man steckt bekanntlich nur solche Policemen in den Gerichtssaal, die sich selbst zum Straßendienst als zu dumm erwiesen haben … wurde denn nicht wenigstens irgendjemand von den Krakeelern verhaftet?«

»Keine Katze. Den Policemen war nur darum zu tun, so schnell wie möglich wieder Ruhe im Gesichtssaal herzustellen. Man drängte die Ruhestörer aus dem Saal und damit holla! Die Kerle waren so kopflos, dass sie sich nicht einmal nach den Ärzten umsahen, welche sich im Korridor mit der Fallsüchtigen beschäftigten.«

»Natürlich Ärzte, die sich im Zuhörerraum befanden und ihre Dienste anboten?«

»Selbstverständlich. Sie verschwanden gleichzeitig mit der Frau. Wahrscheinlich fuhren sie sogar in derselben Droschke mit ihr fort … mit anderen Worten, es waren Helfershelfer.«

»Du hast eine feine Nase, Chick. Well, Morris Carruthers heißt nicht nur der Verbrecherkönig, sondern er ist es auch. Der Anschlag wurde großartig vorbereitet und durchgeführt!« Der Detektiv nickte nachdenklich. »Well, des Verbrecherkönigs Herzblatt scheint nicht minder gerissen zu sein.«

»Du sprichst von Inez?«, konstatierte sein Vetter unwillkürlich. »Du bist einzig, Nick … Carruthers Herzblatt, wahrscheinlich, der Name sollte dieser bildschönen Person anhaften bleiben …«

»Hältst du sie für eine Mitschuldige – sagen wir für eine Verbrecherin, Chick?«

Der Gefragte antwortete nicht gleich. »Was soll ich da sagen?«, meinte er schließlich. »Ihrem Aussehen nach ist sie ein Engel … doch auch Carruthers ist ein bildhübscher Kerl.«

»Well, für einen Engel hielt ich ihn noch nie!«, bemerkte Nick lächelnd. »Doch gerade Männer seines Schlages werden häufig Frauen gefährlich.«

»Ganz meine Meinung!«, fiel Chick eifrig ein. »Ich halte diese Inez für eine Frau von Bildung und Geschmack; sie scheint auch sehr bemittelt zu sein. Man sagt, Frauen seien entweder Engel oder Teufel. Jedenfalls gehen sie keinen Mittelweg, am wenigsten in der Liebe. Ich meine nun, sie ist unsterblich in diesen Verbrecherkönig verliebt … genügt dir das?«

»So ziemlich. Verstehe ich dich richtig, so meinst du, dass …«

»… dass eine liebende Frau sich unbedenklich über jede Schranke hinwegsetzt, gilt es, dem geliebten Mann zu nutzen … das dürfte auch in unserem Fall zutreffen.«

»Meine ich auch, Chick – und was weißt du sonst über diese Inez?«

»Nichts anderes, als dass sie in der 75th Street in dem Haus, vor dem du Morris Carruthers dingfest machtest, lebt … Patsy beschattet sie, hat aber auch noch nichts Verdächtiges entdeckt«, berichtete Chick, um dann hinzuzufügen: »Das heißt, ich habe Ten Itchi beauftragt, ihn in verflossener Nacht um zehn Uhr abzulösen, da Patsy der Gerichtsverhandlung in dem zu Gunsten des Farmers Landgrove angestrengten Habeascorpusverfahrens beiwohnen soll.«

»Well, Chick, du wirst dich selbst zum Gericht begeben und, falls Silas Landgrove freigelassen wird, dich mit ihm bekannt machen und ihn womöglich zu seiner Farm begleiten. Wie du das tun willst und kannst, bleibt dir überlassen … wir müssen alle Quellen anzubohren suchen, um wieder die Fährte meines verehrten Todfeindes Morris Carruthers aufzuspüren, und es soll mich wundern, erweist sich dieser Landonkel als taubes Gestein.«

»Man muss sich den Mann ansehen, wenn ihn wirklich nicht nur ein leidiger Zufall just zur Unzeit in den Gerichtssaal geführt hat, so …«

»Bah, Narrenpossen!«, meinte der Detektiv. »Der Mann ist entweder ein direkter Helfershelfer oder ein gemieteter Söldling. Jedenfalls musst du ihn zum Sprechen bringen, Chick, das ist deine Aufgabe … doch sei auf deiner Hut, denn nach allem, was du mir berichtet hast, scheinen wir es mit einem höchst durchtriebenen Burschen zu tun zu haben.« Nick Carter erhob sich. »Es wäre mir lieb, löstest du zunächst einmal Ten Itchi ab und schicktest ihn direkt zu mir.«

»Soll geschehen, Nick.«

»Ich werde hier in New York bleiben und mich mit Inez, dem Herzblatt des Verbrecherkönigs, etwas näher befassen«, fuhr Nick nachdenklich fort. »Noch eins, brauchst du irgendwelche Unterstützung, so telefoniere oder sende Drahtbotschaft. Ich schicke dir dann Patsy oder Ten Itchi, wen ich gerade am besten entbehren kann … und nun good bye!«

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