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Addy der Rifleman – Beim Wirt Zur fröhlich’ Pfalz

Max Felde
Addy der Rifleman
Eine Erzählung aus den nordamerikanischen Befreiungskämpfen
Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart, Berlin, Leipzig, 1900

Beim Wirt Zur fröhlich’ Pfalz

Alljährlich um Bartholomä, an einem fallweise zu erwählenden Sonntag, je nachdem die Ernte früher oder später fiel, ging es in und um Little Falls recht lebhaft zu. Man beging dann das sogenannte Bockfest, das namentlich von der Jugend immer mit Spannung erwartet wurde.

Es war dieses Fest seit vielen Jahren schon gefeiert worden, also bereits ein feststehender Gebrauch, über dessen Herkommen man sich nicht weiter die Köpfe zerbrach. Nur die Ältesten unter den Talbewohnern wussten gelegentlich zu erzählen, dass es eine Anlehnung an eine althergebrachte Feierlichkeit der alten Heimat sei, und dass es schon von ihren Vätern begangen wurde.

Von weither versammelten sich an diesem Tag die Farmer mit ihren Frauen, erwachsenen Töchtern und Söhnen vor einem Gemeindezwecken dienenden, festlich geputzten Blockhaus, wo ihnen vom Festausschuss ein hauptumkränzter und reich mit bunten Bändern geschmückter Schafbock feierlich übergeben wurde.

Mit Jubel nahm man ihn in Empfang und führte ihn dann unter dem Vortritt von festlich gekleideten Trommlern und Pfeifern zum gewöhnlich unmittelbar neben dem Gasthaus Zur fröhlich’ Pfalz gelegenen Festplatz. Auch dieses Gasthaus war bei dieser Gelegenheit mit bunten Fahnen und frischem Grün stets recht festlich herausgeputzt.

Hier wurde der Bock einer Anzahl von Festordnern übergeben, neben denen dann noch eine Reihe von Preis- und Zielrichtern für die mannigfaltigsten Spiele, wie Wettlauf, Eiertänze, Wassertragen und andere in Amt und Würden standen, die sich auf ein bestimmtes Zeichen auf die für die Kampfrichter bestimmten Plätze begaben.

Während sich dann die Alten als Zuschauer rings um das abgesteckte Stoppelfeld drängten, das als Rennbahn diente, sammelte sich die Jugend fast ausnahmslos an dem einen Ende desselben und erwartete kampfeslustig die Zeichen zum Beginn der einzelnen Spiele.

Bald flogen dann abwechslungsweise die kräftigen, muskulösen Burschen und die frischen, derbknochigen Mädchen in bunten Röcken, mit flatternden Bändern geschmückt, durch die Ermunterungs- und Beifallsrufe des Zuschauerkreises zur äußersten Anstrengung angespornt, in schnellstem Lauf über das Stoppelfeld dem Ziele zu, sich die Palme des Sieges zu erringen.

Allgemeine Heiterkeit erregte stets der Wasserlauf, ein Rennen, in welchem die Mädchen einen auf dem Kopf getragenen, mit Wasser gefüllten Kübel in möglichst raschem Tempo über die Bahn zu bringen hatten, wobei es natürlich manches komische Ungefähr und manche kleine Taufe abgab.

Der Siegerin in diesem schwierigen Rennen wurde gewöhnlich der Schafbock zugesprochen, während die anderen siegenden Mädchen und Burschen Preise zuerkannt erhielten, die aus allerlei Kleiderstoffen, Bändern und Spitzen bestanden.

Alsdann sammelte sich Jung und Alt vor der Festtribüne, wo die Preisverteilung stattfand, an die sich der gemeinsam ausgeführte Ringeltanz anschloss, an dem selbst die Ältesten unter den Alten teilnahmen und sich eine kleine Weile herumschwenkten.

Dann ergoss sich der ganze Schwarm der Festteilnehmer über den Festplatz, wo auf einfachen Brettertischen die Spenden des Wirts Zur fröhlich’ Pfalz bereitlagen und für entsprechendes Entgelt zu erstehen waren: riesige, oft viele Fuß lange Blutwürste und ganze Tonnen des leckersten Apfelmuses, die zusammen das Leibgericht der Ansiedler bildeten.

War dann der durch die Wettkämpfe geschärfte Appetit gestillt und der ärgste Durst gelöscht, so sammelte sich die Jugend zum Tanzvergnügen, das gewöhnlich bis zum Einbruch des Abends hinhielt.

Allmählich war auch in diesem Jahr der Bartholomätag herangekommen.

Die jungen Leute in und um Little Falls hatten allenthalben noch immer gehofft, dass das Fest zustande kommen werde, aber die Alten schüttelten bei seiner Erwähnung missbilligend die Köpfe.

Als der Zeitpunkt dann unmittelbar bevorstand, stellte sich denn auch heraus, dass nicht einmal der Festausschuss zu den nötigen Vorbereitungen zusammenzubringen war.

Die vielen räuberischen Einfälle, die bis in die letzten Wochen in erschreckend rascher Aufeinanderfolge das ganze Tal entlang, bald hier, bald dort stattfanden, hatten zu Verhältnissen geführt, dass bei den Alten neben dem Bestreben, Haus, Hof und Leben zu schützen, kaum ein anderer Gedanke aufzukommen vermochte.

Die Behauptung der Oneida, die, als sie im Tal bekannt wurde, gleich einem Schreckensruf von Mund zu Mund ging, dass nämlich die kanadische Regierung eine Prämie von acht Dollar auf den Skalp der Krieger vom Mohawk ausgesetzt habe, bestätigte sich leider nur zu sehr. Die Rothäute wetteiferten nachgerade förmlich darin, sich diesen Judaslohn zu verdienen. Es war schon vorgekommen, dass einzelne Ansiedler, wenn sie ihre Farm auf Tage oder auch nur auf Stunden verließen, zurückkehrend ihre ganze Familie skalpiert vorfanden. Die Wilden in ihrer Rachsucht und mordlustigen Habgier, sie schonten nicht Mütter, Greise und Kinder.

Dies erzeugte begreiflicherweise eine maßlose Erbitterung und die Ansiedler verfuhren, wenn sie einer feindlich gesinnten Rothaut habhaft zu werden vermochten, auch mit ihr nichts weniger als glimpflich.

So war man dahin gekommen, dass man auf den abgelegensten Gehöften täglich und stündlich auf einen Überfall gefasst sein musste, ja der Bauer arbeitete nur noch mit der Büchse über der Schulter auf dem Feld und schlief mit den Waffen neben sich, um stets zur Abwehr gerüstet zu sein.

Man hatte die Späher, welche bei Tag und Nacht die Wälder der Umgebung durchstreiften, durch die waffenfähige Jugend verdoppelt und verdreifacht, denn je länger dieser Buschkrieg dauerte, je mehr bildete sich unter ihr der kriegerische Geist, regte und wuchs ihr Wagemut, ja sie drängte sich nun förmlich zu diesem Dienst.

Zusammen mit den berufsmäßigen Grenzern taten sie es an Kühnheit, List und Planmäßigkeit den Rothäuten bald gleich, doch konnte all dieses nicht hindern, dass die verschlagenen Indianer nächtlicherweile doch noch oftmals ihren Weg ins Tal fanden.

Dazu stellte sich immer unzweifelhafter heraus, dass die Rothäute über bedeutungsvollere militärische Maßnahmen fortlaufend unterrichtet sein mussten, Zusammenstöße mit den vorhandenen regulären Truppen sorgfältig vermieden und immer nur da hervorbrachen, wo man sie am allerwenigsten erwartet hatte. Das konnte nur auf Verrat einzelner unter den Republikanern verstreut lebender Tories, das heißt Anhänger der englisch-johnsonschen Sache, zurückzuführen sein. Es war infolgedessen das Misstrauen der Farmer unter sich bereits auch in bedenklicher Weise rege geworden.

Addy war nun, in diesen Tagen der Not, in seinem Element und das Ausgedingstübel auf seiner Farm sah ihn nur selten.

Er war die Seele des rührigen und umsichtigen Späherkorps und er selbst Tag und Nacht in den Wäldern. Er roch es förmlich, wo wieder ein räuberischer Indianerhaufen im Anzug war und ruhte nicht, ehe er ihn nicht aufgespürt hatte, ihm entweder mit seinen Grenzern einen Hinterhalt zu legen oder die bedrohten Farmer rechtzeitig zu warnen. Er war für die Ansiedler förmlich ein lichter Punkt in dem Chaos der fortlaufenden Bedrohungen und steten Gefahren. Überall wurde er denn auch, er mochte zu irgendwelcher Tageszeit oder des Nachts an eine Blockhütte pochen, mit Freuden willkommen geheißen. Wusste man ihn nur in der Nähe, fühlte man sich schon um vieles sicherer, denn der Knall seiner Büchse würde, dessen war man gewiss, jede Gefahr sofort anzeigen.

So stand es in den Tagen der Ernte und es galt, wie gesagt, bereits als ausgemacht, dass in diesem Jahre kein Bockfest stattfinden würde.

Gleichwohl fanden sich an dem Sonntag, an welchem unter anderen Umständen die Festlichkeit vor sich gegangen wäre, mehr Farmer als gewöhnlich im Gasthaus Zur fröhlich’ Pfalz ein. War es doch in den letzten Tagen in und um Little Falls verhältnismäßig ruhig gewesen und die Ernte, soweit sie nicht von den Rothäuten auf dem Feld verwüstet worden war, zum größten Teil unter Dach gebracht.

Der kleine Schankraum des Gasthauses fasste denn auch bald nicht mehr die Zahl der Gäste, sodass sich der Wirt gezwungen sah, auf einem geeigneten Platz vor dem Haus eine Anzahl einfacher Brettertische zu errichten.

Der Besitzer des Gasthauses hatte insgeheim wohl auch auf einen größeren Besuch an diesem Tag gerechnet, denn zur Überraschung seiner Gäste kündigte er das Vorhandensein des Festgerichtes an, das sonst am Bockfest üblich war, was allgemein mit Jubel aufgenommen wurde.

Bald hatten sich daraufhin an den Tischen größere und kleinere Gruppen niedergelassen, die sich, je nachdem die Gesellschaft groß war, eine bis mehrere Ellen lange Blutwurst geben ließen und sich eines Riesentopfes voll Apfelmus bemächtigten. Wohlgemut zogen die Männer ihre Messer und nun ging es an ein allgemeines Schmausen.

Die unverhoffte Spende des Wirts rief allgemach die beste Stimmung hervor, und die Art, wie die gute Laune dieser Leute zum Ausdruck kam, kennzeichnete so recht dieses eigenartige Völkchen. Alle diese Männer, sie sprachen laut und heftig. Diese lärmende Beredsamkeit wirkte aber keineswegs aufdringlich oder abstoßend, nein, sie war ganz anheimelnd. Wiewohl diese Leute nicht mehr völlig unverfälscht die Pfälzerzunge sprachen, so war der Grundton dieser Mundart bei allen doch noch unverkennbar. Und wie sie kräftig in ihrer Ausdrucksweise und allzeit fröhlich und ausdauernd bei der Arbeit waren, so trat bei ihnen auch der heimatliche Zug, selbst im Genuss eine gewisse Energie zu betätigen, in augenfälliger Weise hervor. Es war eine Lust zu sehen, wie die ungeheuren Würste unter den Messern und gesunden Gebissen dieser Männer mehr und mehr auf ihre Enden zusammenschrumpften, wie das Apfelmus schwand, wie dazu die Becher immer wieder neuer Füllung bedurften. Ja, sie waren ihrem ganzen Wesen nach immer noch die echten Pfälzer Bauernsöhne, denen das Blut rascher als den anderen Deutschen durch die Adern rollt.

Die gute Laune erreichte ihren Höhepunkt, als ein Spaßmacher gar noch einen Bock herbeischleppte, der von den Männern natürlich mit lautem Hallo begrüßt wurde.

Das Tier war nicht wie sonst mit frischem Laub bekränzt und mit bunten Bändern geschmückt, sondern der Spaßvogel hatte es im Hinblick auf das verkrachte Fest scherzweise mit Strohwischen aufgeputzt.

Sofort erhob sich einer der Farmer, bestieg einen Tisch und parodierte in einer launigen Ansprache den Festakt, unter welchem der Bock sonst vom Ausschuss übergeben wurde, worauf man auch noch um die Tische herum den Festzug nachahmte.

Als die über diese Vorgänge mit kindlicher Freude erfüllten Farmer auf ihre Plätze zurückgekehrt waren, entspann sich eine lebhafte Auseinandersetzung über die Frage, was nunmehr mit dem Pseudo-Festbock geschehen solle. Da er von dem Mann, der ihn herbeigeschleppt hatte, frei zur Verfügung gestellt wurde, regte sich allgemein das Verlangen nach einem Wettspiel, bei dem das Tier den ersten Preis bilden sollte.

Man machte die verschiedensten Vorschläge und kam schließlich überein, ein Preisschießen zu veranstalten.

Sofort nahmen fast alle Anwesenden ihre Büchsen zur Hand und verfügten sich zu dem unmittelbar neben dem Gasthaus befindlichen Scheibenstand.

Man nahm als selbstverständlich an, dass auch Addy und Franzl, die in Gesellschaft eines Quartiermeisters aus dem benachbarten Fort und einiger Ranger an einem seitlich gelegenen Tisch saßen, an dem Vergnügen teilnehmen würden, die beiden lehnten aber dankend ab.

»Es sollte Euch sogar recht lieb sein, wenn ich nicht mitmache«, scherzte Addy, als einer der Farmer sich ganz besonders bemühte, ihn zur Teilnahme zu bewegen, »denn sobald ich das Korn meiner Flinte vor dem Auge habe, kenne ich keinen Spaß und dann würde der Bock am Ende gar mein.«

»Nun wohl«, sprach der Farmer, »dass Ihr in solchem Fall ein arger Spielverderber seid, das ist so gut wie ausgemacht. Aber wer weiß, wie es heute werden würde, sagt man doch, dass Euer Schuss, seit Euch die Roten Eure Büchse abgenommen haben, nicht mehr so sicher sei wie vordem.«

»Das mag wohl sein«, entgegnete der Jäger und ein Schatten flog über sein Antlitz. »Wenn Ihr den besten Reiter, der jahrelang ein edles Tier geritten hat, plötzlich auf einen gemeinen Ackergaul setzt, ich will wetten, dass der trotz aller seiner Kunst auch nicht wie vordem vom Fleck kommt.«

»Das stimmt«, erwiderte der Farmer und setzte scherzend hinzu: »Da wird es wohl am besten sein, dass Ihr Eure Büchse so bald wie möglich wieder holt.«

»Soll auch geschehen«, entgegnete Addy kopfnickend.

Der Farmer nahm diese Erwiderung nicht für bare Münze, lachte und ging.

»Wahrlich, der Rat, den der Mann Euch gab, ist leichter gesagt denn ausgeführt«, meinte der rundliche Quartiermeister.

»Warum?«, versetzte Addy achselzuckend. »Glaubt Ihr, dass mir mit dem Wiederholen der Büchse nicht Ernst ist?«

»Das wohl«, entgegnete der andere, »weiß man doch, wie sehr Euch jenes Schießeisen lieb und wert war. Absicht und Ausführung sind aber – mit Verlaub – zweierlei Dinge; oft liegt eine ganze Welt dazwischen.«

»Das muss man billig zugeben«, entgegnete der Jäger, »soll mich aber weder in meinen Absichten noch in meinen Hoffnungen auf ein gutes Gelingen im Geringsten beirren.«

»Daran tut Ihr gut«, warf einer der Ranger, von seinen Kameraden schlechthin der Kanadier genannt, ein. »Aber wer weiß, in welche Hände die Waffe inzwischen gelangt ist.«

»Sie befindet sich sicherlich noch immer in denjenigen, die sie mir damals oben im Wald abgenommen haben.«

»Die Behauptung hat viel für sich, aber darauf schwören, das könnt Ihr nicht.«

»Das gebe ich zu. Wie aber wollt Ihr das Gegenteil glaubhaft machen?«

»Ja nun, die Roten verstehen von der Perkussionszündung so gut wie nichts, und allzeit auf ihren Vorteil bedacht, wie sie sind, wäre es leicht möglich, dass sie das wertvolle Schießholz gegen ein halbes Dutzend alter Flinten bereits weitergegeben haben.«

»Da bin ich«, versetzte Addy, »anderer Meinung. Ich besaß die Büchse nämlich schon zu jener Zeit, als ich noch oben an den Seen streifte, und just Thayendanegeas und seine Leute waren es, die von jeher nach der Waffe geizten. Sie staunten dieselbe stets als etwas Wunderbares an und glaubten steif und fest an den Zauber ihrer Unfehlbarkeit. Und da könnt Ihr sagen, dass sie die Büchse, als sie unverhofft in ihre Hände geriet, schlechthin verhandelt hätten? Ich möchte im Gegenteil behaupten, dass sie dieselbe wie ein Heiligtum aufbewahren.«

»Mag sein«, versetzte der Quartiermeister, »wie und wann aber wollt Ihr ihnen diese Wunderbüchse wieder abnehmen?«

»Vielleicht früher als man denkt!«

»Wieso das?«

»Ja nun, die Roten haben in dem Achtdollarkrieg schon vieles Glück gehabt, und man muss gestehen, sie führen ihn nicht übel. Er ist nach ihrem Geschmack. Sie verstehen besser bei Nacht und Nebel den Feind hinterrücks zu überfallen, als ihm im offenen Feld standzuhalten. Die Erfolge aber, die sie bereits haben, werden sie, fürchte ich, noch kühner machen.«

»Ihr glaubt also, dass sich die Überfälle über kurz oder lang wieder mehren werden?«

»Ich befürchte es. Dazu kommt noch, dass sie uns in den letzten Wochen – wenigstens hier herum – ganz auffallend in Ruhe ließen, und das bedeutet nach meinem Dafürhalten erst recht nichts Gutes. Wenn das aber so weitergeht, so zäh und tapfer unsere Farmer sind, auf die Dauer können sie unter solchen Verhältnissen nicht bestehen.«

»Leider nur zu wahr, was Ihr da zuletzt gesagt habt.«

»Ja, und zuletzt würde doch noch alle Ordnung zerreißen, der letzte Mut sinken und die blühenden Fluren, sie würden sich wieder in eine Wildnis verwandeln. So darf es nicht weitergehen und hier kann nur mit durchgreifenden Mitteln geholfen werden.«

»Wollt Ihr uns das Wie wissen lassen?«, fragte einer der Ranger.

»Nichts einfacher als das«, entgegnete Addy. »Die Staatenregierung muss endlich eine größere Truppenmacht bewilligen, und die muss hinauf an die Seen, um die roten Leute ganz in derselben Weise, wie sie uns bekriegen, mit Feuer und Schwert zur Vernunft zu bringen.«

»Das wäre das einzig Wahre und hieße, das Übel an der Wurzel fassen, denn mit Güte ist bei dieser roten Sippschaft nichts auszurichten. Ob aber die Truppenforderung endlich Berücksichtigung findet, das bleibt immer noch eine offene Frage. So viel bekannt wurde, ist doch so oft schon darum gebeten worden.«

»Allerdings und leider umsonst. Wer aber den Herren, welche die militärische Leitung in Händen haben, deswegen einen Vorwurf machen wollte, täte ihnen Unrecht, denn es gab in diesem Unabhängigkeitskrieg bislang eben an allen Ecken und Enden zu kämpfen. Seit jüngerer Zeit ist aber im Süden so ziemlich Ruhe geschaffen, und nun werden die Herren schon aus purer Staatsraison endlich auch dem Norden mehr Gehör leihen müssen. Wir sind bisher gar zu stiefmütterlich behandelt worden.«

»Wahrhaftig, er hat es verdient. Als es im Süden nacheinander schief ging, da waren wir es, hier im Norden, die die amerikanischen Waffen wieder zu Ehren und Ansehen brachten. Und zumal die deutschen Ansiedler hier oben haben sich nicht nur in diesem Krieg, sondern seit Jahrzehnten wunderbar gehalten und geschlagen.«

»Ja, sie sind aus einem besonderen Holz. Die Regierung muss das größte Interesse daran haben, dass dieses Kernvolk erhalten bleibt, und sie wird, nachdem die Engländer nachgerade auf allen Linien geschlagen sind, das unumgänglich Notwendige jetzt endlich auch betätigen. In wenigen Tagen schon tritt der Sicherheitsausschuss zusammen, um neue dringende Forderungen zu stellen. Die Regierung wird nicht umhin können, das Möglichste aufzubieten, um endgültig reinen Tisch zu machen.«

»Der Himmel gebe es, dass, was Ihr sagt, zustande kommt. Aber was hat das, um auf das Frühere zurückzukommen, mit Eurer Wunderbüchse zu tun?«

»Glaubt Ihr«, entgegnete Addy, »dass ich, wenn es losgeht, müßig auf meinem Ausgedingstübel hocken bleiben werde? Mitnichten! Das wird mir die willkommene Gelegenheit bieten, meinem Freund Thayendanegeas einen Besuch abzustatten, und dann muss er mir die Büchse wiedergeben.«

»Ihr sagt das«, rief lachend der Quartiermeister, »als ob sich das ganz von selbst verstände. Übrigens soll der Häuptling, so heißt es, einigermaßen wieder zusammengeflickt sein.«

»So geht das Gerücht, und bewahrheitet es sich, wäre es mir gar nicht unlieb. Ich spare dann jeden Umweg und weiß, an wen ich mich meiner Büchse wegen zu wenden habe.«

»Kruzitürk’n«, fuhr Franzl nun auf, der sich bisher schweigend verhalten hatte, aber der Auseinandersetzung aufmerksam gefolgt war, »wann’s erst so weit is, da lasst si’ ‘was derleb’n!«

»Ihr seid dann natürlich auch mit von der Partie?«, fragte der Kanadier.

»Und wann ‘s Knödl ‘n Guld’n kost«, erwiderte der Sohn der Alpen mit Nachdruck, »der Franzl darf net fehl’n!«

»Seid natürlich schwer erbost, dass Euch der rote Schlingel die Schulter zerschossen hat?«

»Und das net schlecht«, entgegnete Franzl mit einem galligen Blick auf die Schlinge, in der er noch immer den linken Arm trug. »Den erst’n von die saubern rot’n Brüderln, den i’ derwisch, der wird so leicht net wieda auf’n Baam aufisteig’n.«

Die Männer konnten sich bei dieser im vollen Brustton redlichster Absicht gegebenen Äußerung eines Lächelns nicht erwehren.

»Dazu müsst Ihr aber«, meinte der Quartiermeister, »erst wieder heil sein – was sagt der Wundarzt zu der Wunde, wird der Arm wieder recht?«

»Da feit si’ nix, wird si’ scho’ wieda mach’n.«

»Was aber wird Binche dazu sagen«, fragte Addy neckisch, »wenn Ihr nun demnächst die verschobene Hochzeit feiert und unter Umständen Eurer Frau dann gleich wieder davonlauft?«

Franzl, der durch die Erinnerung an die erlittene Verwundung und durch den Umstand, dass er durch sie schon seit Wochen zur Untätigkeit gezwungen wurde, sichtlich in einen etwas gereizten Zustand geriet, zog die Augenbrauen finster zusammen und schickte sich zu einer geharnischten Antwort an, als sein Blick auf einen jungen Mann fiel, der soeben den Platz vor dem Haus betrat, sich etwas scheu umsah und dann an einem leeren Tisch, der übrigen Gesellschaft den Rücken zuwendend, Platz nahm. Franzl sah dem jungen Menschen eine Weile überrascht zu, schnellte dann plötzlich von seinem Sitz auf. Obwohl Addy ihn im letzten Augenblick noch zurückzuhalten versuchte, war er schon weg.

Er ging wie der Fuchs, der eine Beute beschleichen will, im weiten Halbkreis um den Tisch herum, schwenkte so ein, dass er dem neuen Gast voll ins Gesicht zu sehen vermochte und pflanzte sich dann breitbeinig vor ihm auf.

»Da schaut’s her«, redete er ihn an, die Pfeifenspitze von dem einen Mundwinkel in den anderen schiebend, »– der Fred! – ‘s war net unrecht, wannst sagest, wo d’ auf amol herkimmst – hab’ scho’ alle Hoffnung aufgeb’n, dass i’ di’ wieda amol sieh.«

Der solcherweise Angeredete war von dieser Begrüßung offenbar wenig erbaut, zumal in Franzls Worten ein lauernder, etwas spitz herausfordernder Ton lag.

Fred rutschte eine kleine Weile unruhig auf seinem Stuhl herum. Ohne Zweifel wäre es ihm am liebsten gewesen, sich gleich wieder zu entfernen.

Franzl gewahrte das wohl und als er keine Antwort erhielt, fragte er nachdrücklicher: »Willst’s also net wiss’n lass’n, wo du di’ die ganze lange Zeit umananda trieb’n hast?«

Fred, der wohl fühlen mochte, dass es sich hier um mehr als bloße Neugierde handelte, setzte die Miene des Belästigten auf und entgegnete unwirsch: »Was geht das Euch an?«

Unter Franzls buschigen Augenbrauen hervor begann es zu blitzen.

Er sah den Dasitzenden eine Weile durchdringend an, als ob er ihm damit sagen wolle, »na, warte, so geht man mit dem Franzl nicht um«, und fauchte ihn dann in verhaltenem Grimm zwischen den Zähnen hindurch an: »Dass d’ mi’ net leid’n magst, du Tropf, seit i’ dir damals die Watsch’n geb’n hab’, das nehm’ i’ dir net übel – beileib net –«

»Wenn Ihr so gut wisst, dass Ihr mir je weiter weg, je lieber seid«, unterbrach ihn hastig der andere, »warum seid Ihr dann nicht so gefällig und geht Eure Wege? Warum lasst Ihr mich nicht ungeschoren?«

»Warum?«, entgegnete Franzl, »dös werd’ i’ dir glei’ sag’n – weil wir zwoa a sehr a ernstes Wörtl mit’nanda z’ red’n hab’n. – Du wirst wiss’n, dass s’ mir vorig’n Herbst mein Häusl anzünd’t hab’n –«

»Aber das ist doch Eure Sache, was geht das mich an?«

Ohne diesen Einwurf zu beachten, fuhr Franzl fort: »– und just am selb’n Abend, etliche Stund’n eh’ die Rot’n ihr Schandwerk verricht’ hab’n, is ob’n am Wald, wo s’ eina san, a Mann g’seg’n word’n, der dir zum Verwechs’ln ähnli’ ausg’schaut hat.«

Fred wurde einen Schatten bleicher.

Wieder rutschte er unschlüssig auf seinem Stuhl hin und her und erhob sich endlich.

Das aber war nicht nach Franzls Geschmack. Er trat dicht an Fred heran, legte ihm den gesunden Arm schwer auf die Schulter und drückte ihn recht unsanft auf den Platz wieder nieder.

»Du entgehst mir net«, sagte er dabei und fügte, als jener aufs Neue aufbrausen wollte, hinzu: »und das Schimpfir’n, das lass schön bleib’n. – Wannst no oan Mucksa machst, schau, dann geht’s da schlecht – und da drüb’n san no’ mehra Leut, die’s net leid’n, dass d’ weggehst, wann der Franzl sagt, dass er di’ da hab’n will.«

Ein scheuer Blick, den Fred unwillkürlich zur Seite warf, belehrte ihn, dass man am anderen Tisch drüben den Wortwechsel genau beobachtete.

Aber vielleicht aus eben diesem Anlass gab er sich nicht zufrieden, hoffte möglicherweise dies sich zunutze machen zu können und erwiderte mit erhobener Stimme: »Ihr wart von jeher ein ungehobelter Geselle! Ihr habt es nur darauf abgesehen, einen Streit vom Zaun zu brechen und mir noch andere Leute auf den Hals zu hetzen!«

Jetzt erhob sich Addy und trat raschen Schrittes näher.

Auch die übrigen Tischgenossen folgten dem Beispiel, ja man war auch auf dem nahen Schützenstand auf den Wortwechsel aufmerksam geworden und neugierig, was es wohl gab, kamen die Farmer herüber.

Inzwischen hatte Franzl eine ganze Weile zornigen Blickes seinen Gegner gemessen und fuhr dann jäh heraus: »Ob du mi’ für an feinen Herrn haltst oder net, dös lasst mi’ völli’ kalt – oba so viel is g’wiss, dass der ung’hobelte G’sell, für den du mi’ ausgibst, a rechtschaff’n’s Gmüet und a rein’s G’wiss’n unterm Brustlatz tragt, was i’ von dir, du feina Herr, so leicht net behaupt’n kunnt’. Und dass i’ mit dir Streit suech, dös bild’ dir nur ja net ein, im Geg’nteil, i’ bin von Herz’n froh, wann i’ nix mit dir z’ schaff’n hab’ – oba weil d’ akk’rat da bist, muess i’ di’ um der Wahrheit und Gerechtigkeit will’n do’ frag’n: denk amal a wengerl drüber nach, ob dir net einfallt, wer der g’wes’n sein kunnt’, damals drob’n am Wald, der die Rot’n einag’führt hat ins Tal, just zu meina Hütt’n?«

Als die Farmer diese Worte vernahmen und ungefähr errieten, um was es sich hier handeln könne, bemächtigte sich ihrer eine gewaltige Erregung. Drohende Blicke richteten sich auf Fred.

Als dieser das gewahrte, erschien er einen Augenblick ganz geknickt, raffte sich aber sofort wieder auf und entgegnete in patziger Weise: »In Eurem Kopf scheint es zu spuken und ich möchte jetzt endlich Ruhe vor Euch haben. Wie kann ich Auskunft geben, wenn es Euch irgendeinmal beliebt, zur Nachtzeit Gespenster zu sehen!«

Nun war es mit der Geduld Franzls aus und er berichtete in erregter Weise den Farmern, wie er an jenem Abend mit Addy vom Biberfang heimkehrte, wie sie plötzlich auf einen Menschen stießen, der ihnen, als sie aus dem Dunkel des Waldes traten, anfänglich entgegengegangen, dann aber schleunigst ausgekniffen sei. Sie beide hätten in jenem Mann übereinstimmend Fred zu erkennen geglaubt, hätten ihn, da ihnen sein plötzliches Verschwinden auffallen musste, zwar zu fassen versucht, es sei ihnen aber leider nicht gelungen. Wenige Stunden später ging die kurz zuvor ererbte Farm des Jägers in Flammen auf, und als sie am anderen Morgen die Fährte der Roten verfolgten, fand sich, dass dieselbe genau auf den Punkt führte, wo jener Mensch abends zuvor am Wald oben sich so sonderbar benommen habe. Bedenke man nun die Drohungen, die Fred wegen einer wohlverdienten Züchtigung gegen ihn und Addy wiederholt ausstieß, zusammen mit dem Umstand, dass an jenem Abend die Roten eine ganze Reihe Farmen, die in ihrem Weg lagen, unberührt ließen und just diejenige des Jägers überfielen und niederbrannten, so läge nichts näher, als die Vermutung, dass die Roten geführt wurden, dass hier eine Handlung der Rache vorliege. Auffallend sei außerdem, dass Fred seit jenem Tag verschwunden blieb. Es spräche dafür, dass sein Gewissen sich regte, dass ihm der Boden zu heiß wurde. Leider sei es Tatsache, dass man wiederholt schon die ebenso schmähliche wie bittere Erfahrung habe machen müssen, dass sich einzelne Verräter im Tal befänden, und er behaupte nach allem diesem keckweg, dass es mit diesem Menschen da zumindest nicht sauber stünde.

Hatten die Farmer schon während der Erklärungen Franzls ihre Erbitterung in lauten Entrüstungsrufen kund getan, nun, nachdem sie den ganzen Sachverhalt erfahren hatten, war sie aufs Höchste gestiegen. Mit den Rufen Nieder mit dem Verräter!, Nieder mit dem Hund!, An den nächsten Baum mit ihm! drangen sie stürmisch auf ihn ein. Es wäre um Fred zweifellos geschehen gewesen, hätte nicht Addy sein ganzes Ansehen, das er in dem Kreis der Farmer genoss, geltend gemacht, ihrem Beginnen Einhalt zu gebieten.

»Halt!«, schrie er plötzlich, indem er dazwischen sprang und den bis in die Lippen erbleichenden Fred mit seinem eigenen Leib deckte, »haltet ein! Ich fordere von euch, dass ihr diesem jungen Mann vorläufig kein Leid antut. Es sollen vielmehr ordentliche Richter berufen werden, und was die zu Recht sprechen, das mag gelten!«

»Wozu die Umstände?«, schrie ergrimmt einer der Farmer. »Die Sache liegt doch sonnenklar!«

»Sie spricht wider ihn, das gebe ich zu«, erwiderte Addy ruhig, aber fest. »Eure Gerechtigkeitsliebe aber muss Euch sagen, dass man da, wo die Ehre und das Leben eines Menschen auf dem Spiel steht, nicht nur den Kläger, sondern auch den Beklagten hören muss.«

»Aber Ihr selbst seid es doch, der den Fred des Verrates beschuldigt oder doch mindestens verdächtigt.«

»Ja, ich selbst bin der Hauptzeuge in der Sache, die von Franzl kurz zuvor geschildert wurde, und ich gebe unbedingt zu, dass der Verdacht, der auf diesem Menschen lastet, wahrscheinlich nur zu sehr begründet ist. Ich selbst war es, der die Fährte fand und aus den Umständen die Vermutung hergeleitet hatte, dass er es gewesen sein musste, der die Roten zu der Farm führte, ja – mehr noch – dass er es war, der sie durch irgendwelche Gegendienste zu dem Überfall anstiftete.«

»Wozu dann Euer Einspruch?«

»Weil man auf pure Verdachtsgründe hin die Menschen nicht an die Bäume knüpft. Hört mich an! Ihr alle seid durch das Unglück, das über eure oder eurer Nachbarn Farmen hereingebrochen ist und durch die Verrätereien, die ja leider Tatsache, wenn auch nicht immer nachweisbar sind, aufs Tiefste erbittert. Das alles ist geeignet, euch die Ruhe zu benehmen und den klaren Blick zu trüben. Es stimmt euch geneigt, mit allem bei dem leisesten Verdacht kurzen Prozess zu machen. Ich begreife das, aber eben darum halte ich mich verpflichtet, zur Vorsicht zu mahnen. Auch hier, auf diesem Mann da, ruht ein Verdacht, aber, ich betone, nur ein Verdacht, Es ist für seine Schuld bis jetzt ein unumstößlicher Beweis nicht erbracht. Ich selbst habe die Fährte auf das Genaueste untersucht und ich muss es daher wissen.«

»Wenn das ist«, wandte, schon etwas ruhiger geworden, ein anderer ein, »wie konnte Euer Partner dann den Mund so voll nehmen?«

Franzl, den dieser Einwand anging und dem die Wendung, welche die Angelegenheit nahm, überhaupt nicht recht zu behagen schien, wollte dem Mann antworten, aber Addy schnitt ihm rasch das Wort ab und sagte: »Derjenige, welcher hier als Kläger auftrat, führt, das wisst ihr alle, besser seine Büchse als seine Zunge. Einer der Wackersten und Tapfersten unter uns, ist er gleichwohl ein herzlich schlechter Diplomat, das hat er auch jetzt wieder bewiesen. Ich hatte mir von dem Zusammentreffen mit diesem Menschen da viel versprochen, hätte aber, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen, die Sache ganz anders aufgegriffen. Doch ist darum nichts verloren, denn einem schlechten Gewissen war noch allemal beizukommen, und wir wollen uns diesen Mann hier und sein Tun und Treiben noch recht genau besehen. Aber ich rate dringend, jetzt von jeder Ungesetzlichkeit abzulassen, zumal einem Menschen gegenüber, welcher wie dieser hier einstmals der Pflegebefohlene eines Mannes war, zu dem wir wie zu einem Vater aufblickten und dem wir noch weit über das Grab hinaus die größte Verehrung zollen. Wir wollen daher nicht vorschnell, wir wollen gerecht sein, schon um des Dahingegangenen willen!«

Diese letzten eindringlich gesprochenen Worte des Jägers wirkten.

Die Farmer ließen von Fred ab, der wie von einem schweren Alp befreit aufatmete.

Nur Franzl schien noch nicht entwaffnet. Sein Missmut richtete sich aber nicht etwa gegen den Jäger, der ihm sein Angriffsobjekt gleichsam unter den Händen hinweg nahm, sondern war noch immer ganz auf Fred gerichtet, den er, keines Wortes mächtig, nach wie vor vom Kopf bis zu den Füßen mit zornerfüllten Blicken betrachtete.

War es nun dies, was Fred reizte, war es das Gefühl der Genugtuung, dass selbst Addy seiner Sache nicht sicher schien, oder war es die feigen, niedrigen Naturen überhaupt anhaftende Charaktereigenschaft, nach überstandener Gefahr in Anmaßung und Prahlerei zu verfallen? Genug, Fred, der kurz zuvor noch bleich und am ganzen Körper schlotternd dagestanden hatte, gewann nun, da er sich in verhältnismäßiger Sicherheit fühlte, seine ganze anfänglich betätigte sichere Haltung und die Zungenfertigkeit wieder.

»Mag mir eine Untersuchung drohen«, begann er ziemlich patzig, »ich habe sie nicht zu scheuen, im Gegenteil, sie soll mir sehr willkommen sein, um die hier erhobene Anschuldigung als eine durchaus hinfällige zu kennzeichnen. Ich stehe darum nicht an, sie jetzt schon als eine schwere Beleidigung von mir zu weisen. Insbesondere aber«, fügte er mit erhobener Stimme und mit einem Seitenblick auf Franzl hinzu, »ist die Art, wie mir dieser Mensch da entgegenzutreten wagte, eine solche, dass ich ihm das unmöglich dahingehen lassen kann!«

»Da schaut’s amol den frech’n Schling’l an«, platzte Franzl los, seine Augen sperrangelweit aufreißend, und zugleich kam etwas wie Humor über ihn. »Du willst ebba goar hab’n«, lachte er, »dass i’ dir aa’ no’ wie a abg’richt’s Hundert schön abbitt’n soll?«

»Ja, Ihr habt den Streit vom Zaun gebrochen«, schrie giftig Fred, »Ihr in erster Linie habt mir in der lümmelhaftesten Weise diese Beleidigung angetan und das heischt Sühne!«

»So kimm!«, polterte mit einem Mal wieder ganz wild geworden Franzl, »… kimm … i’ will dir die Sühne, die d’ hab’n willst, geb’n …« ER krempelte sich, so gut es ging, mit der linken Hand den Ärmel am gesunden Arm in die Höhe. »Wenn mir deine rot’n Freunderln aa’ den Leib zerschoss’n hab’n, mit dir, du Spitzbue, werd’ i’ aa’ so no’ ferti’!«

Durch diesen neuen Schimpf und durch einige höhnische Zurufe der Farmer gereizt, stellte sich wider Erwarten sofort auch Fred zum Kampf bereit und schon wich man auf allen Seiten zurück, um den beiden Platz zu machen.

Da trat Addy vor.

»Schämt Ihr Euch nicht?«, fuhr er Fred an. »Jetzt, da Euch ein schwerverwundeter Einarm gegenübersteht, der sich kaum zu rühren vermag, habt Ihr auf einmal Courage – etwas, das man bislang umsonst an Euch suchte. Ist das Euer ganzer Mut?«

»Er selbst ist es, der mich zum Kampf forderte«, schrie Fred mit vor Erregung heiserer Stimme, sein Messer ziehend.

»Kimm nur, kimm!«, rief Franzl und duckte sich, mit der vorgestreckten einen Faust den Angriff erwartend, fast bis zur Erde nieder. »I’ fürcht’ di’ net mitsamt deinem Zahnstocherl!«

Laute Rufe des Unwillens erhoben sich, als die Farmer in der Hand Freds das Messer blitzen sahen. Schon krümmte sich dieser zum Sprung, eine Blöße des Gegners erspähend, da sprang entschlossen der Jäger zwischen die beiden.

»Steckt Euer Eisen ein!«, donnerte er Fred an. »Dass Ihr es wagt, einem bresthaften und waffenlosen Mann gegenüber das Messer gebrauchen zu wollen, kennzeichnet Euch so recht wieder. Steckt ein oder Ihr habt es mit mir zu tun!«

Wutschäumend und mit vorquellenden Augen starrte Fred den Jäger eine Weile an, steckte das Messer zwar ein, erhob aber lauten Einspruch gegen diese neue Vergewaltigung und schwur, nicht eher zu ruhen, bis der Schimpf, den ihm Franzl angetan, gesühnt sei.

Da trat der Wirt, der dem ganzen Vorgang bisher schweigend angewohnt hatte, vor und sagte zu Fred: »Wenn Euch damit so sehr ernst ist, so kann Euch leicht geholfen werden. Gebt mir Euer Einverständnis und ich will einen Zweikampf veranstalten, bei dem die Aussichten für beide Kämpfer ganz gleich sind.«

Fred sagte in seiner Erregung sofort zu.

Auch Franzl, darum befragt, erklärte sich einverstanden.

Der Wirt winkte den Jäger auf die Seite und die beiden besprachen sich eine Weile. Der Erstere bat dann zwei Farmer zu sich und verschwand mit ihnen im Hauseingang. Addy kehrte auf seinen Platz zurück.

Obwohl aller Blicke voll Neugierde an dem Jäger hingen, nichts an ihm verriet, was nun kommen sollte.

Einige Minuten verstrichen, da endlich erschienen die beiden Farmer wieder und jeder derselben trug auf der Schulter ein Pulverfässchen.

Sie setzten dieselben auf dem freien Platz vor dem Haus ab, während Addy gebot, das Feuer in den etwa vorhandenen brennenden Pfeifen achtsam zu wahren oder dieselben beiseitezulegen.

War schon dieses Gebot geeignet, der Überraschung, die sich aller bemächtigt hatte, einen unheimlichen Beigeschmack zu geben, umso mehr erstaunte man, als auch der Wirt, und zwar mit einer Luntenleine, daherkam.

Er machte sich sofort über die beiden Pulvertönnchen, rollte dieselben etwa dreißig Schritte auseinander und stellte sie so auf die Stirnseiten, dass die Spunden nach oben kamen. Dann teilte er die Lunte angesichts aller Anwesenden in zwei genau gleiche Teile, öffnete die Fassspunden und führte je ein Ende der Brandleinen in die Öffnungen ein. Darauf trat er einige Schritte vor, legte beide Lunten gerade aus, machte an den Enden Feuerzeug zurecht, und nun ersuchte er die beiden Kontrahenten, ganz nach Belieben auf dem einen oder anderen Tönnchen Platz zu nehmen, die Chancen seien zum Austrag ihrer Sache ganz gleich; man könne, nachdem die Lunten gleichzeitig in Brand gesetzt seien, nicht wissen, welches der Fässchen zuerst in die Luft fliege. Wessen Brandröhre zuletzt zünde, sei natürlich Sieger und möge bedacht sein, sich noch rechtzeitig von seinem Sitz zu entfernen.

Hatte Fred von Anfang an den ganzen Vorgang mit höchstem Befremden verfolgt, nun, als er diese Aufforderung vernahm und allmählich begriff, um was es sich handelte, wurde er kreidebleich.

Aber auch Franzl erschien die Sache nicht unbedenklich, denn auch er verhielt sich zögernd und sah fragend zu dem Jäger hinüber.

Der aber blieb ebenso kalt wie der Wirt und schien also mit dem Ansinnen des Letzteren ganz einverstanden.

Inzwischen hatten aber auch einige Farmer ihre Köpfe zu schütteln begonnen. Etliche traten vor und machten geltend, dass man eine so grausame Sache denn doch nicht billigen könne.

Addy aber, von dem die Männer sonst sattsam gewohnt waren, dass er sich in solchen und ähnlichen Dingen stets von seinem guten Herzen und seinem Billigkeitsgefühl leiten ließ, zuckte gegen alle diese Einwände leichthin die Achseln. Als die beiden Gegner keine Miene machten, der Aufforderung des Wirts zu folgen, die Einsprachen der Farmer aber immer lauter und dringender wurden, entgegnete er: »Ich kann nichts dazu … die beiden haben ihr Einverständnis gegeben … es steht jetzt bei ihnen, ihren Mut zu beweisen und ihr Wort einzulösen.«

Da reckte sich Franzl auf, warf einen verächtlichen Seitenblick auf den neben ihm stehenden Fred und ging mit weiten Schritten zum nächsten Fässchen. »Und wann ‘s Knödl ‘n Guld’n kost’«, knurrte er still für sich hin, setzte sich, zog aus der Tasche ein Stück Kautabak und schob es zwischen die Zähne.

War es nun, dass den Farmern Franzls Entschlossenheit imponierte, oder war es die Jammergestalt Freds, die ihren Spott reizte, kurzum, die Einwände verstummten, ja bei Einzelnen schlug die bisherige Haltung mit einem Mal in das gerade Gegenteil um. Laut riefen sie Franzl Beifall zu und höhnten den jungen Mann, der kurz zuvor noch sich so streitbar gebärdete und nun dastand, ein Bild der Angst und des Schreckens, entfärbt bis in die Lippen und bebend am ganzen Leib. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Fred die ärgsten Schreier an und machte das Übel dadurch nur noch schlimmer, denn der einmal erwachte Hohn dieser durch die fortgesetzte Kriegführung hart gewordenen Männer wirkte ansteckend und steigerte sich alsbald zu allgemeinen ernsthaften Aufforderungen, sofort auf seinem Fässchen Platz zu nehmen.

Da kam plötzlich Bewegung in ihn. Wie ein Trunkener, der sich seiner Handlungen nicht bewusst ist, schwankte er auf das eine Pulverfässchen zu und ließ sich auf demselben nieder.

Kaltblütig trat der Wirt zwischen die beiden Tönnchen, schlug Feuer und brannte zwei Kienspäne an. Den einen reichte er seinem Sohn und auf das gegebene Zeichen entzündeten sie dann gleichzeitig die beiden Brandröhren.

Zwei kleine Rauchwölkchen stiegen von der Erde auf und vernehmlich knisternd fraßen die Funken an den Lunten langsam weiter.

Flink sprangen der Wirt und sein Sohn beiseite und auch die Farmer zogen sich schleunigst auf eine größere Entfernung zurück.

Franzl zeigte eine erstaunliche Ruhe und beschränkte sich darauf, zu beobachten, in welchem Maße die Glut an den Lunten vorrückte.

Befriedigt nickte er mit dem Kopf, als er sich nach und nach entschieden im Vorteil sah.

Nicht so Fred, der mit allen Zeichen des Entsetzens im Angesicht nichts als die eigene glimmende Lunte anstarrte, an welcher der Feuerfunke langsam aber stetig näher rückte. Schon war die Leine, soweit sie auf dem Boden gelegen hatte, bis auf ein nur noch ganz kurzes Stück abgebrannt, schon stand das leise knisternde Rauchwölkchen über dem Boden; die Spannung der Lunte hatte nachgelassen, sie senkte sich in demselben Maße der Außenwand des Fässchens zu; nun kroch der Funke knisternd an dem Tönnchen empor. Da plötzlich stieß Fred, der ganz aschfahl geworden war, einen Schrei des Entsetzens aus, sprang auf und jagte wie von Furien gepeitscht von dannen.

Gemächlich kam der dicke Wirt herbeigeschritten, setzte sich auf den verlassenen Platz und lachte, dass er wackelte wie ein Stärkepudding.

Verwundert sahen das die Farmer und auch Franzl, der, als er seinen Gegner davonlaufen sah, sich ebenfalls recht rasch von seinem Tönnchen erhoben hatte.

Der Wirt erhob sich von seinem Sitz und stülpte das Fässchen um.

Schon wollten die Besonnensten sich anschicken, dem Flüchtlinge nachzueilen, als der Wirt, noch immer lachend, rief: »Lasst sie laufen, lasst sie laufen, die feige Memme – der Maulheld ist bestraft genug und wird so bald nicht wiederkommen!« Auch Addy winkte den Leuten, von der Verfolgung abzustehen.

Noch ganz umfangen von der atemlosen Spannung, in die sie durch die aufregende Szene versetzt worden waren, näherten sich die Farmer und brachen in ein wieherndes Gelächter aus, als der Wirt sich von seinem Tönnchen erhob, mit dem Fuße den Deckel wegstieß, das Fässchen erfasste und umstülpte, worauf aus demselben eine ganze Menge getrockneter Apfel- und Birnenschnitzel zur Erde kollerten.

»Ja, was is denn dös?«, schrie Franzl und starrte wie versteinert auf die auf dem Boden umherliegenden leckeren Früchte.

»Nichts für ungut, alter Junge«, sagte der Wirt, an ihn herantretend und ihm mit seiner derben Faust vertraulich auf die Schulter klopfend. »Nehmt es nicht krumm, dass wir Euren unbezweifelbaren Mut auf eine so harte Probe stellten. Aber sagt selber: Wir konnten doch nicht zugeben, dass Ihr Euch, zumal in Eurem bresthaften Zustand, mit diesem elenden Wicht herumbalgt, und eine derbe Strafe, die musste die feige Memme doch abbekommen.«

»Wann dös is«, meinte Franzl und strich sich mit dem Rücken der gesunden Hand über die Stirn, hinter der es allgemach lichter wurde, »– mein’tweg’n – g’scheg’n is g’scheg’n – i’ hob nix dageg’n – wann’s nur weiter ka Unglück net gibt, denn dass ‘n habt’s lauf’n lass’n, den schlecht’n Menschen, dös will ma scho’ goar net g’fall’n. – Und«, fügte er hinzu, indem er die Faust in der Richtung erhob, in welcher der andere davongegangen war, »– schad’ is do’, dass ma net z’sammekomm’n san – i’ hätt’ eahm’s so aa’ net schlecht geb’n!«