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Die Sternkammer – Band 2 – Kapitel 3

William Harrison Ainsworth
Die Sternkammer – Band 2
Ein historischer Roman
Christian Ernst Kollmann Verlag, Leipzig, 1854

Drittes Kapitel

Der Palast Theobalds

Der prächtige Palast Theobalds, in der Nähe von Cheshunt in Hertfordshire gelegen, ursprünglich die Wohnung des großen Lord Schatzmeisters Burleigh und der Ort, wo die Königin Elisabeth und die Gesandten an ihrem Hof häufig und auf glänzende Weise bewirtet wurden, wenn sie, wie Stow sagt, sich in königlicher Pracht zeigte und mit ebenso großem Aufwand und Glanz bedient wurde, wie zu irgendeiner anderen Zeit oder an einem anderen Orte, und zwar alles auf Seiner Herrlichkeit Kosten – mit reichem Prunk, bildlichen Darstellungen und allen Arten von Belustigungen zur angenehmen Unterhaltung ihrer Majestät und ihres ganzen Gefolges, mit großem Dank von allen, die daran teilnahmen, und mit großem Lob von allen, die auswärts davon hörten – kam dieser berühmte und prachtvolle Palast mit seinen stattlichen Gärten, worin Elisabeth so oft gewandelt und mit ihrem getreuen Minister sich beraten hatte, und mit seinen schönen Parks und Jagdrevieren, wohl mit Wild versehen, worin sie so oft gejagt, einige vor dem Beginn dieser Geschichte, auf die Weise, die wir hier angeben werden, in den Besitz Jakob des Ersten.

Jakob der Erste sah Theobalds zuerst auf seiner Reise von Schottland, um die englische Krone zu übernehmen. Es war der letzte Punkt, an welchem er verweilte, ehe er in die Hauptstadt seines neuen Reiches einzog. Hier wurde er und seine vornehme Begleitung von Sir Robert Cecil, späteren Grafen von Salisbury, bewirtet, der sich als den würdigen Sohn seines berühmten uns gastfreien Vaters zeigte, indem er den Monarchen und sein zahlreiches Gefolge in demselben fürstlichen Stil aufnahm, den der Lord  Schatzmeister gegen die Königin Elisabeth gezeigt hatte. Ein Augenzeuge hat des Königs Ankunft in Theobalds bei dieser Gelegenheit beschrieben. John Savile sagt: »Seine Majestät kam den Weg daher und vor ihm einige vom Adel, Barone, Ritter, Knappen, Gentlemen und andere, unter welchen der Sheriff von Essex und die meisten von seinen Leuten, indem die Trompeten dicht vor Seiner Hoheit bliesen, zuweilen die eine, zuweilen die andere, während Seine Majestät nicht beständig zwischen denselben zwei Trompetern ritt, sondern zuweilen zwischen diesen, zuweilen zwischen jenen, wie es seiner Hoheit am besten schien. Der ganze Adel unseres Landes und Schottlands war um ihn her, ohne einen Unterschied des Standes zu beobachten und alle in bloßem Kopf, wo alle beim Eintritt in den ersten Hof von ihren Pferden abstiegen, mit Ausnahme Seiner Majestät allein, der noch weiter ritt, indem vier Edelleute sein Pferd fassten, zwei vorn und zwei hinten. Auf diese Weise kam er zu dem Hoftor, wo ich selber stand. Am Eingang in jenen Hof standen viele Edelleute und unter diesen Sir Robert Cecil, der Seine Majestät ins Haus führte, was bei lautem Beifall der Menge geschah, die ihre Hüte in die Höhe warfen. Seine Majestät war nicht über eine Stunde in seinem Zimmer geblieben, als er die Menge in den inneren Hof drängen hörte, um Seine Hoheit zu sehen. Da zeigte er sich eine volle halbe Stunde an seinem Fenster und dann ging er in dem labyrinthartigen Garten, und zwar in jenem Teil, wo er von Lorbeer, Rosmarin und ähnlichen Pflanzen  vor der Sonnenhitze geschützt war, bis zur Zeit der Abendtafel, wo alle Klassen von Männern an ihren bestimmten Plätzen so reichlich bewirtet wurden, dass es meine Bewunderung erregte. Um mit den Soldaten und all denen zu beginnen, die von dem Vorrecht jedes Hofes ausgeschlossen sind, diese wurden so reichlich mit Rindfleisch, Kalbsfleisch, Hammelfleisch, Brot und Bier bewirtet, dass sie sangen ›Ich wollt, dass alle Tag Sonntag wär‹ und beständig aßen und tranken. Für die armen, notleidenden und verstümmelten Soldaten, die sich der Unterstützung wegen dorthin begaben, war der Wein, das Geld und die Speisen, die sie sehr reichlich erhielten, ein hinreichender Antrieb geworden, um es bei ihrer Ankunft in London weit und breit zu verkünden.«

Der Leser wird sich über die außerordentliche und unbeschränkte Gastfreiheit, die in jenen Tagen geübt wurde, wundern, die sich auf alle Klassen und selbst auf die verwundeten und verstümmelten Veteranen erstreckte, welchen man die Bewirtung in Gestalt eines Almosens reichte. Wir finden nichts Ähnliches in neueren Zeiten.

Theobalds machte einen sehr günstigen Eindruck auf Jakob, der, der Jagd leidenschaftlich zugetan, in den mit Wild wohl versehenen Parks das Mittel sah, seinen Geschmack nach Gefallen zu befriedigen. Der Zusammenhang mit Enfield Chase war auch eine große Empfehlung. Die an sich schöne Lage war zurückgezogen und doch nicht zu weit von der Hauptstadt. Es schien die Vorteile eines königlichen Jagdschlosses mit allem Glanz des Palastes zu vereinen. Seine Vorliebe wurde durch einen zweiten Besuch, den er 1606 dort abstattete, noch erhöht, als er von seinem Schwager Christian, König von Dänemark, begleitet und die beiden Monarchen von dem Grafen von Salisbury glänzend empfangen wurden. Der dänische König trank unmäßig sowie auch sein ganzes Gefolge. Sie teilten dem englischen Hof bald ihre trunkenen Gewohnheiten mit. Der gute König Jakob selber wurde täglich zwei Mal betrunken; und traurig zu erzählen, die Damen des Hofes selbst folgten dem königlichen Beispiel, gaben alle Nüchternheit auf und taumelten trunken umher. So sagt Sir John Harington, der eine sehr unterhaltende Beschreibung von den in Theobalds gehaltenen Orgien und den trunkenen Ausschweifungen des Königs Christian liefert: »Eines Tages wurde ein großes Gastmahl gehalten und nach demselben gab man eine Vorstellung von Salomons Tempel und von dem Besuch der Königin von Saba, vor Ihren Majestäten, nach der Erfindung des Grafen von Salisbury und anderer. Aber ach! Alle irdischen Dinge sind eitel und so auch unsere Vorstellung. Die Dame, welche die Rolle der Königin spielte, trug sehr kostbare Geschenke für beide Majestäten in den Händen, doch verfehlte sie die Stufen, die zu dem Baldachin führten, schüttete das Kästchen in den Schoß Seiner dänischen Majestät und fiel zu seinen Füßen nieder, ja, ich glaube vielmehr, in sein Gesicht. Groß war die Eile und Verwirrung. Tücher und Servietten waren zur Hand, um alles wieder zu reinigen. Dann stand Seine Majestät auf, um mit der Königin von Saba zu tanzen. Aber er fiel nieder, demütigte sich vor ihr und wurde in ein inneres Zimmer getragen und auf ein Prachtbett niedergelegt. Die Unterhaltung nahm ihren Fortgang und die meisten von den darstellenden Personen taumelten rückwärts oder fielen nieder, so sehr hatte der Wein ihre Oberstübchen eingenommen.«

Der würdige Sir John scheint sich sehr über dieses schamlose Verfahren empört zu haben, und er ruft pathetisch aus: »Die Dänen haben die Briten besiegt, denn ich sehe keine Männer oder Weiber, die sich selber beherrschen können.«

Auch verfehlt er nicht, diese seltsamen Vorstellungen mit dem zu vergleichen, was zur Zeit der Königin Elisabeth geschah, indem er bemerkt: »Ich sah nie einen solchen Mangel an Ordnung, Anstand und Nüchternheit wie jetzt.«

Da Jakob sich in den Kopf gesetzt hatte, dass er Theobalds haben wolle, so bot er dem Grafen von Salisbury zum Tausch dafür das Schloss und die Besitzung Hatfield an. Als der Vorschlag angenommen worden war – er konnte nicht wohl zurückgewiesen werden – geschah die Übereignung des ersehnten Orts am 22. Mai 1607, wobei der Prinz Joinville, Bruder des Herzogs von Guise, zugegen war, wo eine neue Festlichkeit gehalten und eine mittelmäßige Maske von Ben Jonson aufgeführt wurde. Ob der König oder der Graf den besten Handel gemacht hatte, vermögen wir nicht zu entscheiden.

Bezaubert von diesem Erwerb, begann Jakob die Verbesserung und Verschönerung, indem er den Park erweiterte, einen Teil von Enfield Chase, von Northam und Cheshunt Commons hinzunahm und das Ganze mit einer hohen Mauer von Backsteinen, zehn Meilen im Umfang, umgab. Innerhalb dieses Umkreises fand er Gelegenheit, sich seiner Neigung zur Jagd hinzugeben, da der Ort einen unerschöpflichen Vorrat von dem schönsten Wild im Königreich hatte. Dort konnte man den Schall seines Jagdhorns und das Bellen seiner Lieblingshunde hören, wenn er den Sorgen des Staats oder den Mühen der Ratssitzung entfliehen konnte. Er entfloh so häufig diesen Anforderungen an seine Zeit. Die Anziehungskraft der Wälder von Theobalds war so unwiderstehlich, das ihm darüber Vorstellungen gemacht wurden – aber sie waren gänzlich unwirksam. Er erklärte, er wolle lieber nach Schottland zurückkehren, als seine Unterhaltungen aufgeben.

Zur Zeit seiner Größe konnte man Theobalds das Fontainebleau von England nennen. Wenn auch nicht mit dem Schloss Windsor hinsichtlich der großartigen Lage und der Pracht der Waldszenerie zu vergleichen, war es doch immer eine stattliche Residenz und würdig des Monarchen eines mächtigen Landes. Mit viereckigen Türmen von beträchtlicher Höhe und Stärke gekrönt, wovon jeder mit einem Löwen und einer Wetterfahne versehen war, hatte das Schloss außerdem einen großen laternenförmigen, mittleren Turm, der stolz über die anderen hinwegragte, vortrefflich gebaut war und Türmchen an jeder Ecke hatte, worin zwölf Glocken zu einem Glockenspiel hingen und worin sich ein Uhrwerk von sehr künstlicher Erfindung befand. Das ganze Gebäude war von vortrefflichen Ziegelsteinen erbaut, mit Hohlkehlen und Karniesen von Stein. Wenn man sich demselben von Süden vermöge einer schönen Baumallee näherte, die in doppelten Reihen gepflanzt und eine Meile lang war, so stellte es eine auffallende und höchst malerische Erscheinung dar, mit seinen hohen Türmen, seinen vergoldeten Wetterfahnen, seiner Menge verschlungener Schornsteine, seinen Bogengängen, seinen Balkons und seinen ungeheuren Erkerfenstern. Auch verlor es seinen majestätischen und schönen Anblick nicht, wenn man sich ihm weiter näherte und seine mächtigen Proportionen sich vollständiger entwickelten. Dann bemerkte man die hohen, aber unregelmäßigen Giebel, die ungeheuren Tore, die Säulengänge und die prächtigen Gärten, mit seinen fünf Höfen und zahllosen Zimmern, die es enthielt, um von den Gemächern zu schweigen, die zu den Zwecken des Haushaltes bestimmt waren, bildete das mächtige Gebäude an sich schon eine wohlbevölkerte Stadt. Die Mitglieder des Haushalts und die verschiedenen damit in Verbindung stehenden Offizianten waren so zahlreich wie die Zimmer selber.

Ein Reiz und eine Eigentümlichkeit des Palastes, von außen sichtbar, bestand in den vorher erwähnten Bogengängen, die sich an jeder Seite hoch hinauf an dem Gebäude befanden. Vor dem Wetter geschützt, gewährten diese Gänge einen Blick auf die verschiedenen Höfe und Gärten und herrliche Aussichten auf die liebliche Waldszene umher. Von hier konnte man Cheshunt und Waltham Abbey, Enfield und andere umliegende Dörfer durch die grünen Lichtungen des Parks unterscheiden.

Auf der südlichen Seite, dem großen Baumgang gegenüber, befand sich ein breiter, offener Säulengang mit mehreren schönen steinernen Pfeilern von sieben Bogen überwölbt mit einem zierlichen Geländer und Balustraden versehen, worin die Könige und Königinnen von England und der Stammbaum des alten Lord Burleigh und verschiedener anderer alten Familien gemalt waren.

Das Hauptgebäude des Palastes bestand in zwei großen Vierecken; das eine, welches sechsundachtzig Fuß im Quadrat enthielt, wurde der Fontänenhof genannt wegen des Umstandes, dass sich ein Springbrunnen von schwarzem und weißem Marmor darin befand. Das andere Viereck, welches hundertzehn Fuß im Quadrat hatte, wurde der mittlere Hof genannt. Außer diesen waren noch drei andere kleinere Höfe vorhanden, der Sonnenzeigerhof, der Speisekammerhof und der Taubenhaushof, worin sich die Gemächer für den Haushalt befanden.

An der Ostseite des Fontänenhofes stand ein gewölbter Säulengang und im unteren Stock befand sich eine geräumige Halle mit Marmor gepflastert und mit einer zierlich gearbeiteten Decke verziert. Daran stießen die Zimmer des Grafen von Salisbury als Schlosshauptmann von Theobalds, das Zimmer des Staatsrats und die Zimmer des Sir Lewis Lewkeuer, Zeremonienmeister, und Sir John Finetts. Darüber befand sich das Audienzzimmer, mit Eichenholz getäfelt, braun bemalt und vergoldet, mit reich verzierter Decke und mächtigen Fenstern, auf deren Glas verschiedene Wappen gemalt waren. In der Nähe desselben befand sich das Privatzimmer und des Königs Schlafzimmer nebst einer weiten Galerie, hundertdreiundzwanzig Fuß lang, getäfelt und mit einer Decke versehen, gleich dem Audienzzimmer, aber noch prächtiger bemalt und ausgeschmückt. Die Wände waren mit Hirschköpfen mit mächtigem Geweih verziert. Im oberen Stock waren die Zimmer des Herzogs von Lennox als Lord Kämmerer und dicht daran einer von den oben erwähnten äußeren Gängen, zweiundsechzig Fuß lang und elf breit, von wo man wegen der hohen Lage bis nach Ware sehen konnte.

In dem mittleren Hof befanden sich die Gemächer der Königin, ihre Kapelle, ihr Audienzzimmer nebst mehreren anderen und eine Galerie darüber, fast ebenso lang, wie die für den König bestimmte. In diesem Viereck befanden sich auch die Zimmer des Prinzen Karl. Über den Letzteren war die grüne Galerie, hundertneun Fuß lang. Verhältnismäßig breit über der Galerie befand sich noch ein anderer äußerer bedeckter Gang, worin zwei hohe Bogen von Ziegelsteinen, die dem Haus zu nicht geringer Zierde dienten und es für alle, die vorüberkamen, schön und angenehm machten.

Die Gärten waren bezaubernd und in vollkommener Übereinstimmung mit dem Palast. Sie nahmen mehrere Morgen ein und schienen unendlich größer als sie wirklich waren, da sich viele verwickelte Gänge, Labyrinthe und Irrgewinde dort befanden, sodass man sich leicht darin verirrte und zuweilen eines Führers bedurfte, um herauszukommen. Sie enthielten einige schöne Kanäle, Springbrunnen und Statuen. In Verbindung damit standen die Prioreigärten nebst anderen Einzäunungen für Fasane, Vogelhäuser und Menagerien, denn Jakob liebte die wilden Tiere und hatte eine Sammlung davon, die eines zoologischen Gartens würdig war. In einen von seinen Briefen an Buckingham, als der Letztere in Madrid war, fragt er nach den Elefanten, den Kamelen und den wilden Eseln. Er hatte immer ein Kamelhaus in Theobalds. Um unsere Beschreibung zu schließen, können wir hinzufügen, dass der Hof für das Ballspiel, die Reitbahn, die Hundeställe und das Falkenhaus der Größe des Palastes angemessen waren.

Unter den weit ausgebreiteten Ästen einer edlen Ulme, die einen Teil der großen Allee bildete und in geringer Entfernung vom Haupteingang des Palastes stand, war an einem angenehmen Nachmittag im Mai eine Gruppe von Personen versammelt, die fast ausschließlich in Bekannten bestanden. Der Vorzüglichste unter ihnen war Jocelyn Mounchensey, der abgestiegen war und sein Pferd an einen Ast gebunden hatte. Nun lehnte er sich an den mächtigen Stamm des Baumes und betrachtete das prächtige Gebäude, welches wir zu beschreiben versucht haben. Noch unbekannt mit dem inneren Glanz desselben, wurde es ihm nicht schwer, sich ihn nach dem, was er von außen sah, vorzustellen. Die Tore waren offen und zeigten ihm das große Viereck mit dem schönen marmornen Springbrunnen in der Mitte, der mit den vortrefflichen Statuen der Venus und des Cupido verziert war. Zahlreiche Offizianten des Haushalts, Pagen, Türsteher und Diener in königlichen Livreen und von Zeit zu Zeit eine Person von Auszeichnung gingen beständig über den Fontänenhof. Zierlich gekleidete Hofleute in Wämser von Atlas und Mänteln von Samt trieben sich auf den Balkons des Audienzsaales umher und starrten Jocelyn und seine Begleiter an, weil sie nichts Besseres zu tun wussten. Andere junge Edelleute, von reich gekleideten Damen begleitet, wovon einige zu den Vornehmsten und Liebenswürdigsten des Landes gehörten, spazierten auf der Gartenterrasse zur Rechten laut plaudernd und lachend auf und ab. Überall herrschte Leben und Bewegung. Selbst auf dem Gang des Lord Kämmerers, der, wie wir gesagt haben, in dem oberen Teil des Gebäudes angebracht war und eine Art äußerer Galerie bildete, waren drei Personen zu unterscheiden. Um dem Leser die Mühe des Erratens zu ersparen, wollen wir ihm sagen, dass diese drei Personen der Lord Kämmerer, Herzog von Lennox, der spanische Gesandte, Graf von Gondomar und Lord Roos waren. Vor dem großen Tor standen vier Wächter mit dem königlichen Wappen auf der Brust und auf dem Rücken ihrer roten Wämser, mit Rosen an ihren Samthüten, Rosen an ihren hohen Schuhen und Hellebarden auf ihren Schultern. Gerade im Tor stand ein riesenhafter Portier, der die rüstigen Wächter mit Kopf und Schulter überragte. Von dem Gipfel des hohen mittleren Turmes des Palastes flatterte das königliche Banner, sodass es in der ganzen Umgegend zu sehen war.

An der anderen Seite des Baumes, an den sich Jocelyn lehnte und mehr den langen Gang hinunter, als zu dem Palast hinblickte, stand Dick Taverner, der indessen seinem Herrn wenig Aufmerksamkeit schenkte, da er mit einem viel anziehenderen Gegenstand in seiner Nähe beschäftigt war. Dick Taverner hatte Gillian Greenford bewogen, ihn nach Theobalds zu begleiten. Da das schöne Mädchen nicht allein gehen konnte, so hatte sie ihren gutmütigen alten Großvater durch Schmeicheleien bewogen, sie dorthin zu bringen. Sie saß nun hinter ihm auf einem Sattelkissen auf einem starken, rauhaarigen Pferd. Dick war in Entzücken über seinen glücklichen Erfolg. Der Ritt von Tottenham war reizend gewesen. Sie hatten sich eine kurze Zeit aufgehalten, nun in der Glocke zu Edmonton einen Krug Bier zu trinken, wo Dick hatte frühstücken wollen, woran der Zufall ihn so angenehm verhindert hatte. Der alte Landmann, der in Folge dessen sehr gesprächig wurde, erzählte während der Reise von nichts anderem, als von der guten Königin Elisabeth und ihren häufigen Besuchen in Theobalds zur Zeit des alten Lord Burleigh. Das junge Paar achtete wenig auf seine Gesprächigkeit. Sie ließen ihn weiterreden und stellten sich, als ob sie ihn zuhörten, obwohl sie in der Tat kaum ein Wort von dem, was er sagte, beachteten. Als sie aber in den Park von Theobalds eintraten, fanden sie ihre Sprache wieder und Gillian wurde laut in ihrer Bewunderung der schönen Lichtungen, die sich vor ihnen öffneten, und der zierlichen Bewohner des Waldes, die leicht über den Rasen dahintrippelten oder auf die Dickichte zueilten. Der Park erschien sehr schön mit seinen majestätischen Eichen in ihrem frisch geöffneten Laub vom zartesten Grün, mit seinen zahlreichen, weit ausgebreiteten Buchen, seinen zerstreuten Dornbüschen mit weißer Blüte und dem jungen Farnkraut, welches eben in den Vertiefungen hervorsprosste. Kein Wunder, dass Gillian entzückt war. Dick war ebenso bezaubert und bedauerte, dass er nicht, gleich König Jakob, Herr des schönen Parks sei, um nach seinem Gefallen darin jagen zu können. Wenn er der König gewesen, wäre Gillian natürlich seine Königin gewesen und hätte mit ihm jagen können. Der alte Greenfield bewunderte auch die Szene und konnte nicht umhin, einzugestehen, dass der Park verschönert worden sei, obwohl er einen Seufzer ausstieß bei dem Gedanken, dass die Königin Elisabeth und der Lord Schatzmeister nicht mehr darin zu sehen wären.

Nachdem sie einige Meilen auf dem Weg weitergeritten waren, der sie über ein schönes wellenförmiges Land dahinführte und einen Blick über die Waldszene gewährte und sich zuweilen in die Tiefen der Lustwäldchen versenkte, wo der Pfad von überwölbenden Bäumen bedeckt war, führte er über einen freien Jagdplatz, mit einzelnen bejahrten Eichen übersät, dann um den Rand eines Teiches, von Rohr und Binsen umgeben, zum Schutz der Wasservögel, dann an einer großen Reiherfamilie vorüber, auf deren sorgfältige Erhaltung Jakob die äußerste Wichtigkeit legte, näherten sie sich endlich der langen Allee, die zu dem Palast führte. Am Eingang derselben fanden sie Jocelyn ihrer wartend.

Der junge Mann, der kein Interesse an ihrer Gesellschaft gefunden hatte, war vorausgeritten. Die seltsamen Ereignisse des Morgens gaben ihm reichlichen Stoff zum Nachdenken und er wünschte, mit sich selber zu Rate zu gehen. Als die anderen daher in Edmonton anhielten, verließ er sie und versprach zu warten, bis sie nachkämen, ehe er in den Bereich des Palastes eintrete. Wenn dieser Ritt nicht so angenehm war, wie der ihre, so setzte er ihn wenigstens in den Stand, einigermaßen seine Ruhe des Geistes wieder zu erlangen, die durch seine plötzliche Trennung von Aveline beträchtlich gestört worden. Ihr Bild stand ihm beständig vor Augen. Da es sich nicht verbannen lassen wollte, vereinte es sich mit jedem Gegenstand, den er vor sich sah. Anfangs verzweifelte er, sie wiederzusehen, aber als er nach und nach ruhiger wurde, belebten sich seine Hoffnungen wieder. Schwierigkeiten, welche unüberwindlich schienen, begannen zu verschwinden. Als Dick Taverner und seine Begleiter herankamen, empfand er einige Neigung zu reden. Gillians herzliche Heiterkeit und gute Laune halfen dazu, ihn zu beleben. Da er von einem der königlichen Aufseher, der ihm begegnet war, erfahren hatte, dass der König mit seiner großen Gesellschaft an den Ufern des New River, den man durch den Park geleitet hatte, auf die Falkenbeize gegangen war und aller Wahrscheinlichkeit nach durch die große Allee zum Palast zurückkehren werde, so machte er den Vorschlag, dass sie sich irgendwo in derselben aufstellen wollten, um ihn vorüberkommen zu sehen. Diese Anordnung gefiel allen, darum gingen sie langsam den Gang hinauf und nahmen die beschriebene Stellung ein.

Mehr als eine Stunde verging aber, und Jakob, der wahrscheinlich an seiner Jagd Vergnügen fand, kam noch immer nicht.

Ohne um ihren hohen Rang zu wissen oder den geringsten Begriff zu haben, dass der Graf Gondomar einer von ihnen sei, hatte Jocelyn die drei Personen auf der Galerie des Lord Kämmerers bemerkt. Er hatte gesehen, wie sie anhielten und auf die kleine Gruppe gesehen hatten, wovon er selber einen Teil bildete. Kurz darauf entfernten sich zwei von der Gesellschaft und ließen den Dritten allein auf der Galerie. Bald darauf sah man diese beiden Personen über den Fontänenhof gehen, das große Tor passieren und ihre Schritte zu der Allee lenken.

Als sie sich näherten, erkannte Jocelyn einen von ihnen als Lord Roos, den er an der Wirtstafel der Madame Bonaventure eine so ausgezeichnete Rolle hatte spielen sehen. Der andere war ihm gänzlich unbekannt. Dass er aber eine Person von der größten Auszeichnung sei, davon hielt er sich überzeugt, sowohl wegen seiner stolzen Haltung und seiner prächtigen Kleidung als auch wegen des unverkennbaren Respekts, den sein Begleiter ihm zollte. Er war fast von kleiner Statur, denn er war etwas unter der gewöhnlichen Größe, aber seine Figur war bewundernswürdig proportioniert und stellte sich, vermöge seiner reichen Kleidung, so vorteilhaft als möglich dar.

Sein Wams war von seegrünem Atlas mit Silber und Schwarz gestickt und mit reichen offenen Ärmeln versehen. Sein spanischer Mantel war von Samt von derselben Farbe und ähnlich gestickt. Seine Beinkleider waren von lohfarbiger Seide und die Federn an seinem Hut schwarz und weiß gestreift. Er war mit dem Orden des goldenen Vlieses dekoriert und hatte an seiner Seite eine echte Klinge von Toledo mit einem Griff von der zierlichsten Arbeit. Um seinen Hals trug er eine breite dreifache Halskrause mit zackigen Spitzen besetzt. Sein Gesicht war von ovaler Form, sein Teint von reicher Olivenfarbe, seine Augen groß, dunkel und lebhaft, seine Züge auffallend schön und seine Blicke durchdringend, sein Haar rabenschwarz, kurz geschnitten und aus der Stirn gekämmt.

Lord Roos und sein Begleiter gingen dicht an Jocelyn vorüber, ohne ihn zu beachten, blieben aber vor Gillian stehen und sahen sie mit frecher Bewunderung an. Sie war offenbar der Gegenstand, der sie herausgeführt hatte. Das arme Mädchen wurde sehr verlegen bei ihren glühenden Blicken und errötete bis an die Schläfen. Dick Taverner zitterte vor Wut und Eifersucht und begann zu bereuen, seine Geliebte in eine so gefährliche Nachbarschaft gebracht zu haben.

Der Träger des spanischen Mantels schien am meisten betroffen von Gillians Reizen.

»En verdad!« (In Wahrheit!), rief er, »dies ist das liebenswürdigste Landmädchen, welches ich gesehen habe, seitdem ich nach England gekommen bin. Ich glaubte, meine Augen täuschten mich nicht hinsichtlich ihrer Schönheit, als ich sie von der Galerie des Lord Kämmerers ins Auge fasste.«

»Der Graf von Gondomar hat immer ein Adlerauge für ein hübsches Mädchen«, versetzte Lord Roos lachend.

»Der Graf von Gondomar«, sagte Jocelyn bei sich selber, der die Worte hörte. »Ei, dies ist ja der, dem ich den Ring zeigen muss. Die Gelegenheit darf nicht versäumt werden.«

Ohne auf das Unpassende zu achten, nahm er seinen Hut ab, ging auf den Spanier zu und sagte: »Ich glaube, ich habe die Ehre, den Grafen von Gondomar anzureden?«

»Was soll diese Aufdringlichkeit bedeuten?«, fragte Lord Roos heftig. »Was habt Ihr Seiner Excellenz zu sagen?«

»Ich bringe ihm ein Zeichen, Mylord«, versetzte der junge Mann, den Ring zeigend, den ihm der maskierte Reiter für den Gesandten gegeben hatte.

»Ha!«, rief Gondomar, den Ring ansehend und Jocelyn fest anblickend, »ich muss mit diesem jungen Mann reden, Mylord.«

»Und das Mädchen aufgeben?«, fragte Lord Roos.

»Nein, nein, Ihr müsst für sie Sorge tragen«, versetzte Gondomar in leisem Ton. »Könnt Ihr nicht Lady Exeter bewegen, sie in ihren Dienst zu nehmen?«

»Ich will es versuchen«, entgegnete Lord Roos. »Und seht!«, fuhr er fort, indem er die Allee hinunter deutete, »die königliche Gesellschaft kehrt zurück. Da kann ich mich gleich überzeugen, ob Ihre Herrlichkeit völlig für sich eingenommen ist. Ich darf sie nicht verlieren. Nun, Herr«, fügte er hinzu, indem er mit Jocelyn auf die Seite trat, »Ihr habt mir das Zeichen von meinem zuverlässigen Agenten gebracht und ich er kenne daran, dass Ihr eine Person seid, auf die ich mich verlassen kann.«

»In allem, was einem Gentleman und einem Mann von Ehre und Loyalität geziemt, können sich Eure Exzellenz auf mich verlassen«, entgegnete Jocelyn.

»Ich werde nichts fordern, was nicht mit diesen Grundsätzen übereinstimmt«, sagte der spanische Gesandte.

»Nachdem dieser Punkt beseitigt ist, lasst mich wissen, wie ich Euch dienen kann, denn ich setze voraus, dass Ihr eine Bitte vorzutragen habt?«

»Eure Exzellenz können mir sehr wesentlich dienen«, entgegnete Jocelyn. »Ich bin in Gefahr.«

»Ich dachte es«, bemerkte Gondomar mit einem Lächeln. »Da Ihr Euch unter meinen Schutz gestellt habt, will ich mein Möglichstes tun, Euch vor Schaden zu bewahren. Aber wer ist Euer Feind?«

»Ich habe zwei tödliche Feinde, Sir Giles Mompesson und Sir Francis Mitchell«, versetzte Jocelyn.

»Ich kenne sie gut. Sie sind Werkzeuge von Buckingham«, sagte Gondomar. »Es sind in der Tat gefährliche Feinde.«

»Ich habe einen, der noch gefährlicher ist«, entgegnete Jocelyn. »Ich habe Ursache zu fürchten, dass ich mir die Feindschaft des Marquis von Buckingham selber durch Kühnheit der Rede zugezogen habe.«

»Ah! das ist in der Tat eine ernste Sache«, sagte Gondomar.

»Ich werde von der Sternkammer mit Verhaftung bedroht«, fuhr Jocelyn fort, »daher werden Eure Exzellenz bemerken, dass meine Lage äußerst gefährlich ist. Dennoch halte ich mich überzeugt, wenn ich nur Gehör beim König erhalten könnte, würde ich imstande sein, meinen Feinden Trotz zu bieten und zu meinem Recht zu gelangen.«

Gondomar lächelte ein wenig spöttisch. »Auf dem Wege werdet Ihr wenig erlangen«, sagte er, »und Eure Feinde werden Euch vollends unterdrücken. Aber Ihr müsst mir genau Eure Lage erklären und dann will ich überlegen, was sich für Euch tun lässt. Beginnt damit, mich mit Eurem Namen und Stand bekannt zu machen, denn bis jetzt weiß ich noch nicht, mit wem ich rede.«

Hierauf erzählte Jocelyn dem Gesandten in der Kürze alle Einzelheiten seiner Geschichte, wie wir sie dem Leser bereits vorgelegt haben. Gondomar hörte ihm mit Aufmerksamkeit zu und legte ihm einige Fragen vor, als er zu reden fortfuhr. Endlich hellte sich sein Gesicht auf.

»Ihr seid in einer argen Klemme, das muss ich gestehen, Herr Jocelyn Mounchensey«, sagte er. »Aber ich denke, ich kann Euch, ihnen allen und selbst Buckingham zum Trotz, beschützen. Glücklicherweise ist er gerade jetzt nicht in Theobalds. Daher haben wir freien Spielraum, zu handeln. Durch den ersten Schlag ist die Schlacht schon halb gewonnen. Ich muss Euch ohne Verzug dem König vorstellen. Und seht, dort nähert sich Seine Majestät. Steht dicht hinter mir und tretet vor, wenn ich Euch das Zeichen gebe.«

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