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John Sinclair Classics Band 45

Jason Dark (Helmut Rellergerd)
John Sinclair Classics
Band 45
Die Spinnen-Königin

Grusel, Heftroman, Bastei, Köln, 21.05.2019, 66 Seiten, 1,90 Euro, Titelbild: Ballestar
Dieser Roman erschien erstmals am 14.06.1977 als Gespenster-Krimi Band 196.

Kurzinhalt:
Zu Tausenden hocken sie im Rumpf des Hausbootes und warten darauf, dass die schmale Luke sich endlich öffnet. Dann krabbeln sie los, um ihren Mordtrieb zu befriedigen. Es sind die Spinnen der Madame Wu …

Leseprobe

Seit sechs Nächten schon quälte Chuck Manners der gleiche Albtraum. Er sah sich inmitten einer urwelthaften Land­schaft, durchzogen von gewaltigen Ge­birgen und endlos erscheinenden Wüs­ten. Der Himmel über dem Land war violett, es schien keine Sonne, und die Luft war kaum zu atmen.

Chuck Manners taumelte weiter. Schritt für Schritt über das graue Lava­gestein, aus dessen Spalten und Poren heiße schwefelgelbe Dämpfe quollen.

Irgendwann tauchte die Schlucht vor ihm auf. Zu beiden Seiten wurde sie von haushohen Felswänden begrenzt, deren obere Ränder den Himmel zu berühren schienen.

Dunkel gähnte ihm der Eingang ent­gegen. Er kam Chuck Manners vor wie der Schlund zur Hölle.

Vielleicht war er das auch! Vielleicht war das der Eingang zur Hölle, und in der Schlucht lauerte der Teufel.

Manners wollte nicht mehr weiterge­hen. Doch seine Beine gehorchten ihm nicht. Unaufhaltsam näherte er sich dem Eingang.

Und dann hörte er das Zischen. Es war von enormer Lautstärke, bösartig, und schien die gesamte Luft zu erfüllen.

Chuck Manners’ Augen weiteten sich. Im Eingang der Schlucht tauchte plötz­lich eine riesige Spinne auf. Mit Beinen dreimal so groß wie ein Mensch. Der graue Oberkörper wirkte wie ein riesi­ger Pilz mit unzähligen Haaren, die der heiße Wind bewegte wie das Gras in der Savanne. Die übergroßen Facettenaugen der Bestie schillerten in allen Farben des Spektrums.

Chuck Manners sah, wie sich die beiden vorderen Beine der Spinne vom Boden hoben, auf ihn zukamen und zu­schnappten.

Chuck Manners wollte brüllen, doch kein Ton entrang sich seiner Kehle.

Hoch schwebte er in der Luft, schlug verzweifelt mit den Armen um sich, spürte den alles verzehrenden Schmerz, der seinen Körper zu zerreißen drohte – und erwachte.

Schweißgebadet setzte Manners sich im Bett auf. Er hörte seinen eigenen Herzschlag trommeln, und das Blut klopfte in seinen Schläfen.

Manners musste husten. Seine Kehle war ausgetrocknet, als hätte ein Schwamm sämtlichen Speichel aufge­sogen. Chuck Manners’ Finger fand den Knopf der Nachttischlampe.

Er knipste das Licht an.

Die plötzliche Helligkeit blendete ihn. Er kniff die Augen zusammen, be­wegte dabei die Gesichtsmuskeln und spürte das Kribbeln. Es war ein kitz­liges Gefühl, so, als würden seidenwei­che Fingerkuppen leicht über die Haut fahren.

Chuck Manners drehte sich auf die andere Seite des französischen Bettes. Jetzt konnte er in den runden Wand­spiegel blicken.

Da traf ihn fast der Schlag.

Sein Gesicht war von einem hauch­dünnen Spinnennetz umwoben!

 

 

Chuck Manners wusste im ersten Mo­ment nicht, was er machen sollte. Sekun­denlang blieb er stocksteif sitzen, dann warf er die Decke zur Seite, sprang aus dem Bett, stieß sich am Türpfosten die Schulter und taumelte ins Bad.

Er drehte den Kran auf. Wasser rauschte ins Becken.

Manners formte mit beiden Händen einen Trichter, ließ Wasser hineinlaufen und spritzte es sich ins Gesicht. Er wollte sich die grässlichen Spinnweben abwa­schen, doch das war nicht einfach. Das Zeug klebte wie Leim.

Manners nahm in seiner Hilflosigkeit Schwamm und Seife, wusch und rieb, bis die Haut puterrot war. Er zog selbst mit den Fingern die Fäden noch ab und spülte sie in den Ausguss.

Dann ließ er sich schwer atmend auf den Rand der Wanne fallen. Aus seinen Haaren und vom Gesicht tropfte das Wasser und hinterließ feuchte Flecken auf den Fliesen.

Chuck Manners wusste selbst nicht, wie lange er auf dem Rand der Wanne ge­sessen hatte. Er hatte über den schreck­lichen Traum nachgedacht. Es war un­wahrscheinlich, was er erlebt hatte. Das durfte er niemandem erzählen. Er hatte von diesen grässlichen Riesenspinnen geträumt und war mit Spinnfäden im Gesicht erwacht.

Das war einfach unglaublich!

Chuck Manners stand auf. Er fror plötzlich und hatte auch Durst. Er ging zum Kühlschrank und holte sich eine Dose Bier. Er nahm kein Glas, sondern trank direkt aus der Büchse.

Eiskalt rann die Flüssigkeit in seinen Magen. Manners setzte die Dose ab und griff zu den Zigaretten. Während er rauchte, begann er zu überlegen.

Chuck Manners war ein nüchterner Mensch. Er arbeitete als Hochbauinge­nieur bei der Londoner Stadtverwaltung und kannte das Gesetz von Wirkung und Gegenwirkung. Dieser Traum musste eine Ursache haben.

Aber welche?

Manners ließ die letzten beiden Wo­chen vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Er überlegte, ob er irgendein entscheidendes Erlebnis gehabt hatte, was in seinem Unterbewusstsein nach­gewirkt hätte.

Aber da war nichts – oder?

Sicher, vor genau acht Tagen waren er und zwei seiner Freunde bei Madame Wu gewesen.

Madame Wu! Eine schillernde Persön­lichkeit. Angeblich aus China geflohen, hatte sie sich in London festgesetzt, um Kunstgegenstände aus ihrer alten Hei­mat zu verkaufen. Sie hatte diese Antiquitäten tonnenweise über die Grenze geschmuggelt, wohnte jetzt auf der Themse in einem Hausboot, das gleich­zeitig auch als Geschäft fungierte.

Zu dritt waren sie dagewesen, hatten sich die Sachen angesehen, aber nichts gekauft.

Madame Wu war sehr freundlich ge­wesen, und beim Abschied hatte sie ge­heimnisvoll gelächelt. Ja, daran konnte sich Chuck Manners noch genau erinnern.

Nur – was hatte Madame Wu mit Spin­nen zu tun?

Manners zündete sich die zweite Ziga­rette an. Unruhig wanderte er in seiner Küche auf und ab.

Spinnen – Madame Wu – Spinnen. Die beiden Begriffe kreisten in seinem Schädel.

Und dann wusste er es.

Ja, er hatte bei ihr eine Spinne gese­hen. Aber keine, die lebte. Sondern eine Spinne aus Jade. Sie hatte unter einer Glasvitrine gestanden, ihre Augen waren aus unzähligen Diamantsplittern zusam­mengesetzt und hatten ebenso gefunkelt wie die im Traum.

Sollte da etwa ein Zusammenhang bestehen?

Möglich war es.

Aber wie kamen dann die Spinnweben in sein Gesicht?

Ein Rätsel, das er wohl nie lösen würde. Es sei denn, er würde Madame Wu selbst fragen, auch wenn sie ihn aus­lachte.

Chuck Manners drückte die Zigarette aus. Er nahm sich vor, Madame Wu am nächsten Tag einen Besuch abzustatten, oder vielmehr am gleichen Tag, denn Mitternacht war schon vorbei.

Chuck Manners betrat wieder sein Schlafzimmer. Trotz des Teppichbodens hatte er kalte Füße.

Manners bewohnte ein Zweieinhalb-Zimmer-Apartment. Er war Jung­geselle, achtundzwanzig Jahre alt und verdiente relativ gut. Einige Frauen­geschichten hatte er schon hinter sich, doch für eine feste Bindung hatte es nie gereicht.

Außerdem war Manners nicht gerade ein Adonis. Er hatte trotz seiner jungen Jahre schon einen beachtlichen Bauch, und auch seine Stirn konnte man als recht hoch bezeichnen. Weniger rück­sichtsvolle Typen nannten es Halbglatze. Manners Haar war dünn, eine Farbmi­schung zwischen Braun und Schwarz, und die Haare, die ihm auf dem Kopf fehlten, wuchsen auf der Brust umso dichter.

Manners Gesicht war rund. Die Lip­pen zu schmal, die Augen ebenfalls, aber die Wangen waren rund und leicht gerötet. Aus diesem Grund nannten ihn seine Arbeitskollegen auch Rotbäckchen.

Manners störte das nicht. Hauptsache, man ließ ihn in Ruhe. Er war früher in der freien Wirtschaft tätig gewesen, doch der Job dort war ihm zu hart geworden. Bei der Stadt hatte er dann den richtigen Posten gefunden. Dort arbeitete man sich nicht tot. Es sei denn am Montag, wenn zwei Kalenderblätter abgerissen werden mussten.

Manners ging wieder ins Bett. Er ver­suchte etwas zu schlafen, doch es wollte ihm nicht so recht gelingen.

Immer wieder musste er an Madame Wu denken und an ihr rätselhaftes, ge­heimnisvolles Lächeln …

 

 

»Du siehst schlecht aus, mein Lieber«, stellte Larry Lund fest, als Chuck Manners das gemeinsame Büro betrat.

Manners hatte sich verspätet. Unter seinen Augen lagen tiefe, dunkle Ringe, die Haut war faltig und die Krawatte unordentlich gebunden. Er hatte sich nicht rasiert.

Chuck Manners ließ sich auf seinen Bürostuhl fallen. Mit der linken Hand drehte er den Riegel des Fensters zurück und zog die rechte Hälfte der zweigeteil­ten Scheibe auf.

Kühle, nasse Luft strömte in das Büro. Es war draußen viel zu warm für die Jahreszeit. Nach dem vielen Schnee war das Thermometer um zahlreiche Grade geklettert, und jetzt herrschten schon Vorfrühlingstemperaturen. Das Wetter machte die Menschen nervös und reizbar. Die Selbstmordquote in London war schlagartig in die Höhe geschnellt.

Chuck Manners wischte sich überdas Gesicht.

»Verspätet hast du dich auch«, sagte Larry Lund.

Manners nickte. »Ich weiß.«

»Und?«

»Wieso und?«

Lund legte den Kugelschreiber, den er bisher in der Hand gehalten hatte, zur Seite. Dann zündete er sich eine Ziga­rette an. Während er den blauen Rauch ausstieß, sagte er: »Mit dir stimmt was nicht, Chuck. Das geht doch nicht nur heute so. Schon die letzten Tage ist mir aufgefallen, dass du nicht mehr so bist wie früher. Du hast schlechte Laune, wirkst unausgeschlafen, bist gereizt. Mensch, Chuck, sag mir, was los ist. Hast du Liebeskummer? Oder anderen Ärger? Mach doch mal endlich deinen Mund auf. Vielleicht kann ich dir helfen. Wir ken­nen uns schließlich lange genug.«

Chuck Manners atmete tief ein. »Ja, das stimmt, Larry, wir kennen uns lange genug.«

Manners blickte sein Gegenüber an. So wie Larry aussah, davon hatte er immer geträumt. Lund war ein Frauen­typ und nutzte das auch reichlich aus. Es gab kaum ein weibliches Wesen im Amt, das er noch nicht auf seine Lager­statt gezogen hatte. Und da er in Soho wohnte, nannte man ihn den Vollstrecker von Soho.

Jetzt griff Manners auch nach seinen Zigaretten.

»Die Geschichte ist so unglaublich, Larry, dass du sie mir nicht glauben wirst.«

»Warte es doch ab.«

»Okay, denn. Du warst ja selbst mit bei dieser Madame Wu.«

»Ja.«

»Erinnerst du dich noch an die Spin­nenfigur, die wir so bewundert haben?«

Lund winkte ab. »Ach ja, das Ding aus Jade.«

»Genau die. Aber du wirst lachen, Larry, die Figur lässt mir keine Ruhe. Sie verfolgt mich in meinen Träumen.« Und dann erzählte Chuck Manners, was er in den letzten Nächten erlebt hatte. Und dass er an diesem Morgen aufge­wacht war und Spinnweben in seinem Gesicht gefunden hatte. Zum Schluss sagte er: »Ich habe mir das alles nicht aus den Fingern gesaugt, Larry. Alles ist wahr.«

Lund schüttelte den Kopf. Seine Zi­garette war im Ascher verqualmt. Er hatte sie vergessen, zu spannend war die Erzählung seines Freundes gewesen.

»Also, wenn ich dich ja nicht so gut kennen würde, Chuck, dann würde ich sagen, du spinnst. So aber…«

»Was würdest du denn an meiner Stelle tun?«, erkundigte sich Chuck bei seinem Freund.

»Ich würde zu dieser Madame Wu noch einmal hingehen.« Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.

»Das hatte ich auch vor«, erwiderte Chuck Manners. »Nur – was soll ich der Frau sagen?«

»Dass du dich für ihre Sachen inter­essierst, ganz einfach. Du gibst dich als Käufer aus. Sagst, du hättest dir die Sa­che überlegt und so. Ach, dir wird schon das Richtige einfallen.«

Chuck Manners stand auf. »Tja, das werde ich dann wohl auch machen«, murmelte er. »Falls jemand nach mir fragen sollte …«

»Ich weiß schon, du bist beim Arzt.«

Manners lachte. »Den werde ich wohl bald in Anspruch nehmen müssen. Aber dann einen Psychiater.«

Manners nickte Lund noch einmal zu und verließ das Büro. Er sah nicht mehr, wie sich Larry Lund gegen die Stirn tippte.

»Verrückt«, murmelte er, »verrückt. Aber das macht wahrscheinlich das Wet­ter.« Dann widmete er sich wieder seinen statistischen Tabellen.

Personen

  • Chuck Manners, Hochbauingenieur bei der Londoner Stadtverwaltung
  • Madame Wu, Chinesin, Antiquitätenhändlerin
  • Larry Lund, Chucks Arbeitskollege
  • Nelly, Serviererin in einem Drugstore
  • Maja, Stripperin
  • John Sinclair, Oberinspektor bei Scotland Yard
  • Sergeant Stafford, Revier 3
  • Krankenschwester, St. James Hospital
  • Joe und Jim Fletcher, Zwillinge, Einbrecher
  • zwei Jungen
  • Bill Conolly, Reporter, Johns Freund
  • Suko, Johns Freund
  • Sheila Conolly, Bills Frau
  • Wächter
  • Chief-Sergeant Crawford, Kommandant eines Patrouillenbootes der River-Police
  • Miller, Thomson, Steve Felder, Besatzungsmitglieder

Orte:

  • London

Quellen:

  • Jason Dark: John Sinclair Classics. Geisterjäger John Sinclair. Band 45. Bastei Verlag. Köln. 21.05.2019
  • Thomas König: Geisterwaldkatalog. Band 1. BoD. Norderstedt. Mai 2000