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Aus dem Wigwam – Der Teufel vom Kap Higgin

Karl Knortz
Aus dem Wigwam
Uralte und neue Märchen und Sagen der nordamerikanischen Indianer
Otto Spamer Verlag. Leipzig. 1880

Vierzig Sagen
Mitgeteilt von Chingorikhoor

Der Teufel vom Kap Higgin

ange Zeit, ehe die Insel Nope von den Blassgesichtern besiedelt wurde, lebte dort ein gutmütiger alter Geist, den die Indianer Moschup und die Weißen den Teufel vom Kap Higgin, wo sein Lieblingsaufenthalt war, nannten. Unter dem Wort Moschup versteht man nun einen sehr bösen Zauberer. Aber der Alte war durchaus nicht so gefährlich, wie man allenfalls aus seinem Namen schließen könnte. Fehler hatte er allerdings; doch wer hat diese nicht? Wenn er aber die seinen mit denen der Indianer verglich, so konnte er mit gutem Gewissen sagen, dass er doch noch besser als alle sei.

Er war nur manchmal etwas grob und sagte seiner Frau nicht immer schmeichelhafte Liebenswürdigkeiten, aber dafür war er desto aufmerksamer gegen die Frauen seiner Nachbarn. Nie trank er etwas anderes als Wasser und zu Mittag aß er nie mehr als einen Walfisch und allenfalls noch sechs oder acht fette Schildkröten dazu. Auch legte er seinen roten Schutzbefohlenen keine zu großen Abgaben auf, denn mit dem zehnten Teil aller Walfische, die sie fingen, und mit den Schildkröten, deren sie im Froschmonat habhaft werden konnten, war er vollkommen zufrieden.

Mit seinen guten Ratschlägen kargte er nie, und wer sich nach denselben richtete, hatte es sicherlich nicht zu bereuen. Besonders stand er den jungen Leuten beiderlei Geschlechts in ihren Herzensangelegenheiten hilfreich zur Seite, und mancher halsstarrige Vater, der mit aller Gewalt an dem Geliebten seiner Tochter etwas aussetzen wollte, musste sich seiner Gewalt fügen und dem Mädchen den erwählten Bräutigam selber zuführen. Auch besaß er eine große Fertigkeit darin, den Frauen die ewigen Zänkereien abzugewöhnen, und so war es denn kein Wunder, dass er allgemein mit großer Ehrfurcht be­handelt wurde.

Doch die Zeiten ändern sich und mit ihnen auch die Menschen und Götter. So kam es denn auch, dass Moschup, je älter er wurde, immer mehr Gefallen an allerlei unheilvollen Streichen fand und gerade das Gegenteil von dem tat, wofür er früher so hoch geachtet wurde. Der zehnte Teil der Walfische war ihm nicht mehr genug. Er wollte nun die Hälfte haben, und wehe dem, der versuchte, ihn zu betrügen. Statt dass er früher die Heiraten beförderte, gab er sich nun alle erdenkliche Mühe, sie zu hintertreiben und überall Zank und Streit zu stiften. Die wilden Enten der Umgegend verscheuchte er durch sein grauenerregendes Schreien, sodass der Jäger vergeblich nach ihnen ausging. Die Folge davon war, dass die meisten Indianer die Insel verließen und sich auf dem Festland ansiedelten.

Auf dem nördlichen Teil des Eilandes, der fast beständig mit Nebel bedeckt war, lebte der mächtige Hiawassi, der mit Moschup auf sehr vertrautem Fuß stand und ihm auch keine Abgaben zu entrichten brauchte. Dieser hatte eine junge Tochter, welche das schönste Mädchen auf der ganzen Insel war und folglich auch eine große Anzahl Anbeter um sich hatte. Aber sie liebte nur einen, und dies war der tapfere Sohn Moschups. Mit diesem war jedoch ihr stolzer Vater nicht zufrieden, denn er hatte nur drei Skalpe in seinem Wigwam hängen und seine Voreltern konnten sich keiner besonderen Taten des Mutes und der Tapferkeit rühmen. Da beschlossen nun die beiden Liebenden, ihr Herzeleid dem alten Moschup zu erzählen, und machten sich auch augenblicklich auf den Weg zu ihm.

Sie fanden ihn gerade in der besten Laune. Er hatte großes Glück beim Walfischfang gehabt und ein guter Freund hatte ihm einen ganzen Berg Tabakblätter geschickt. Als sie ihm ihr Anliegen vorgebracht hatten, nahm er seinen Sohn auf den rechten und das Mädchen auf den linken Arm und eilte im Sturmschritt zur Hütte Hiawassis.

Dieser saß gerade beim Abendessen, aber Moschup wartete nicht so lange, bis er fertig war, sondern teilte ihm mit kurzen Worten den Zweck seines Besuches mit und fragte, was er gegen seinen Sohn einzuwenden habe.

»Armut, keine Berühmtheit, unbedeutende Vorfahren!«, erwiderte jener.

»Ist dies alles, alter Narr, was du zu sagen hast? Was verlangst du von meinem Sohn?«

»Er muss ein großes Stück Land, wenigstens eine Insel besitzen!«

»Dem kann gleich abgeholfen werden. Folge mir nur!«

Darauf blies Moschup eine gewaltige Rauchwolke aus seiner Nase und führte Hiawassi nebst den beiden Verlobten auf eine Anhöhe von Tuckanuck, einem Eiland, das sich kurz vorher von der Insel Nope losgerissen hatte. Dort grub er eine tiefe Höhle in die Erde und warf unter kräftigen Zaubersprüchen eine Anzahl heißer Steine hinein. Dann stopfte er seine Pfeife wieder, steckte sie mit einem vorbeifahrenden Blitz an und fing an, so stark zu qualmen, dass bald alles in Nacht und Nebel gehüllt wurde. Ein furchtbarer Gewittersturm erhob sich und dauerte so lange, bis Moschup seine Pfeife aus­geraucht und die Asche dem Wind preisgegeben hatte. Als sich darauf der Himmel wieder aufgeklärt hatte, sahen sie die versprochene Insel vor sich. Sie war aus der Asche entstanden.

Moschup gab sie dem jungen Paar zum Hochzeitsgeschenk, und sie erhielt den Namen Nantucket, den sie noch bis auf den heutigen Tag trägt.

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