Ausschreibung

Einsendeschluss 31.05.2021

Dark Empire

Story-Tipps

Danach kommt nichts

Archive
Folgt uns auch auf

Slatermans Westernkurier 04/2020

Auf ein Wort, Stranger,
Mahlzeiten, Mädchen und Moneten ist heute unser Thema.

In den Anfängen des Eisenbahnverkehrs hatten die Züge in Richtung des Westens Amerikas selbst bis weit in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts hinein oft nur zehn Minuten Aufenthalt und auch das nur auf den größeren Bahnhöfen.

Das waren genau sechshundert Sekunden, die den Reisenden verblieben, um sich nach stundenlanger Fahrt aus den überfüllten Abteilen zu quälen, den Bahnsteig entlang zu hasten, sich in der Schlange der Wartenden einzureihen, um in der Bahnhofsgaststätte etwas zu trinken oder ein Sandwich zu kaufen und danach wieder zurück zum Zug zu laufen, dessen Lokführer sich keinen Deut um verspätete Fahrgäste kümmerte, sondern pünktlich abfuhr.

Dem ersten Dutzend Gäste, die an den Tresen ihre Bestellung abgegeben hatten, mochte die Zeit ja noch genügen, ab dem zweiten Dutzend wurde es so langsam eng, um nicht zu sagen unmöglich. Die meisten Pächter der Bahnhofslokale nutzten diesen Umstand in geradezu unverschämter Art und Weise aus.

Alle Bestellungen mussten gleich bezahlt werden, also wiesen die Gaststättenbesitzer ihr Personal an, während dieser Stoßzeiten etwas langsamer zu arbeiten. Gleichzeitig bestachen sie die Zugführer, die daraufhin die Aufenthalte noch verkürzten. Somit waren sie in der Lage, die bereits bezahlten Speisen und Getränke einzusparen und sie ein weiteres Mal zu den allgemein überteuerten Preisen den nächsten Reisenden zu verkaufen, von denen der größte Teil erneut leer ausging.

Das Spiel wiederholte sich bei jedem Zug, der in den Bahnhof einfuhr, und bescherte den Inhabern so einen derart hohen Gewinn, dass die Anstellung als Pächter einer Bahnhofsgaststätte schon bald einer der begehrenswertesten Jobs bei den Eisenbahngesellschaften war.

Es dauerte bis 1876, als es endlich jemandem gelang, das hinterhältige Spiel mit den Bahnhofsverköstigungen zu durchkreuzen.

 

*

 

Frederick Henry Harvey wurde am 27. Juni 1835 in London geboren.

Als er seine nebelig trübe Heimatstadt verließ, um von Liverpool aus mit dem Schiff in die Neue Welt zu reisen, um dort sein Glück zu versuchen, war er gerade mal 17 Jahre alt.

Sein erster Job war der eines Topf- und Pfannenschrubbers bei Smith & McNells, einem damals sehr angesehenen New Yorker Speiselokal.

Hier lernte er auch die Grundbegriffe des Restaurantbusiness.

Nach Zwischenstationen in New Orleans, einem eigenen Lokal in St. Louis und der Heirat von Barbara Sarah Mattas, die ihm sechs Kinder schenkte, übernahm er die Leitung der Bahnhofsrestaurants der Atchison, Topeka & Santa Fe Railroad Company.

Hier erwies er sich als der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Schon bald erhielt er die Konzession für die Ausgabe aller Speisen und Getränke auf dem Streckennetz der Santa Fe.

Jetzt legte Harvey erst richtig los.

Als Erstes verbannte er all die matschigen Sandwichs und den eingebrannten Stampf, der sich Mittagessen nannte, von der Speisekarte und setzte auf absolute Sauberkeit und höchste Ansprüche an Frische und Qualität der zubereiteten Speisen. Seine Fleisch- und Käsesandwichs für fifteen Cents sind heute noch legendär. Wurden seine Maßnahmen anfangs noch von der Konkurrenz mitleidig belächelt, blieb dieser das Lachen sprichwörtlich im Hals stecken, als sich nur geraume Zeit später mit der Santa Fe zum ersten Mal eine Eisenbahngesellschaft im Westen einen ausgezeichneten Ruf durch gutes Essen erwarb.

Statt sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen, ergänzte Harvey seine gute Küche schon bald mit einer weiteren Neuerung: Kellnerinnen!

Seine Idee, junge Frauen mit dem Auftragen der Speisen zu beauftragen, war in dieser Zeit, die vielerorts von übertriebener Bigotterie und kleingeistigem Puritanismus beherrscht wurde, geradezu verwegen, aber der Erfolg gab ihm recht.

Seine Anzeigen, mit denen er » junge Frauen mit guten Zeugnissen, attraktiv und intelligent, bis 30 Jahre« suchte, trieben Scharen solcher Geschöpfe in sein Personalbüro.

Kein Wunder, zeigte sich Harvey doch als Arbeitgeber geradezu spendabel.

Wer bei ihm einen Job als Kellnerin ergatterte, erhielt einen Wochenlohn von 17,50 Dollar. Zum Vergleich, ein Spitzencowboy oder gar Vormann einer großen Ranch wurde mit durchschnittlich 12 Dollar entlohnt, ein Ladengehilfe erhielt etwa 10 Dollar. Dazu kamen noch freie Verpflegung, Unterkunft und die Trinkgelder. Ein sparsames Mädchen konnte sich so innerhalb von ein, zwei Jahren eine hübsche Summe Geld zusammensparen, die ausreichte, ein eigenes Geschäft oder gar eine kleine Ranch zu betreiben.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass diese Mädchen begehrte Partien waren und schätzungsweise 5000 von ihnen schon bald vor dem Altar landeten.

Allerdings hatte Harvey auch seine dunklen Seiten, die hier nicht unerwähnt bleiben sollen.

 

*

 

Fred Harvey war ein Perfektionist, der seine Stellung und damit seine Herrschaft über einen Dienstleistungsbetrieb von insgesamt 47 Bahnhofsrestaurants und Imbissbuden, 15 Eisenbahnhotels und 30 Speisewagen teilweise willkürlich und anmaßend ausübte.

Kurz gesagt, er war ein Choleriker hoch vier.

Wenn er irgendwo einen angeschlagenen Teller fand, ein beschlagenes Glas oder einen Löffel mit Flecken war er imstande, das gesamte Geschirr vom Tisch zu fegen.

Wenn ein Fleck die gestärkten Schürzen der Kellnerinnen zierte, gab es ebenso Konsequenzen wie bei Schmutz unter den Fingernägeln oder schlecht sitzender Frisur.

Die Mädchen mussten in einem betriebseigenen Wohnheim schlafen und wurden dort von einer Anstandsdame überwacht. Es galten, was Kleidung, Schuhe und Haartracht anbelangte, strengere Regeln wie beim Militär.

Der Mythos dieser sogenannten Harvey-Girls war so groß, dass er 1942 in einer Novelle von Samuel Adams und 1946 in dem vom MGM Studio produzierten gleichnamigen Musicalfilm mit Judy Garland in der Hauptrolle seinen Niederschlag fand.

Trotz allem wurden Harveys Visionen von unzähligen Eisenbahngesellschaften angenommen, sei es die Kansas City Railway, die Gulf Colorado und Santa Fe Railroad oder die Terminal Railroad Association of St. Louis.

Frederick Henry Harvey starb am 9. Februar 1901 in Leavenworth, Kansas, gerade mal 65 Jahre alt.

Quellenhinweis:

  • Time Life Books 1973
  • Der Bau der Eisenbahnen von Keith Wheeler, aus dem Englischen übertragen von Hand Hausner.
  • Archiv des Autors

2 Antworten auf Slatermans Westernkurier 04/2020

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.