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Der Detektiv – Die tote Lady Rockwell – 1. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Harald Harst gegen Cecil Warbatty
Des berühmten Liebhaberdetektivs Abenteuer im Orient
Die tote Lady Rockwell

1. Kapitel

Auf hoher See

Wir fühlten uns als Gäste des Kapitäns Anderson in Bombay sehr wohl. Seine landschaftlich so überaus reizvoll liegende Villa am Südostabhang des Kumbala-Berges mit dem prächtigen parkähnlichen Garten erschien mir, dem Neuling im Orient, wie der berühmte Zaubergarten des Aladin aus Tausend und eine Nacht.

Es war am Morgen nach Cecil Warbattys leider nur zu gut geglückter Flucht. Die Polizei hatte sofort dem Motorrennboot des Flüchtlings ein englisches Depeschenboot und zwei sehr schnelle Privatjachten hinterher geschickt. Harst jedoch hatte dazu nur die Achseln gezuckt.

»Sie könnten sich die Brennstoffvergeudung sparen. Einen Warbatty fängt man nicht mit solchen Durchschnittsmitteln!«, sagte er mit Recht!

Seine Stimmung war recht schlecht. Er suchte dies zu verbergen.

Wir saßen mit Anderson und seiner freundlichen Gattin auf der Veranda des Bungalows beim Frühstück. Einer der Hindu-Diener brachte die Morgenpost und die neuesten Zeitungen. Da die Hitze wieder so furchtbar war, dass wir kaum Lust zu einer Unterhaltung verspürten, nahmen wir jeder ein Blatt vor; auch ich, obwohl meine englischen Sprachkenntnisse kaum genügten, eine hiesige Zeitung glatt herunterzulesen.

Ich schaute denn auch nur zum Schein in die Bombayer Morningpost hinein, beobachtete weit mehr meine Tischnachbarn und ein paar handzahme Affen, die auf dem Geländer der Veranda umherturnten. Zu sehen gab es hier genug. Ein solcher europäischer Haushalt in Indien birgt für den Deutschen viel Interessantes.

Nach einer geraumen Weile streiften meine Blicke wieder einmal Harsts Gesicht. Sofort wurde ich die vollständige Veränderung seiner Züge gewahr, die bisher etwas Abgespanntes, Düster-Nachdenkliches an sich gehabt hatten.

Den derzeitigen Ausdruck seines schmalen, bartlosen Gesichts kannte ich nur zu gut. Die Längsfalten über der Nasenwurzel, die halb zugekniffenen Augen, die über den Backenknochen straff gespannte Haut und die fest zusammengepressten Lippen deuteten auf Sturm. Er starrte unausgesetzt und völlig regungslos auf eine bestimmte Stelle seiner Zeitung. Für mich unterlag es keinem Zweifel: Er musste dort etwas von Wichtigkeit gefunden haben, etwas, das seinen Geist angeregt hatte und seine Gedanken jene wunderbaren Wege wandeln ließ, wie dies nur der für seinen Beruf geborene Detektiv vermag; eben die wunderbaren Wege scharfsinnigster Kombinationen.

Nun schaute er auf. Unsere Blicke begegneten sich. Seine Augen waren voll geöffnet, strahlten jenes Feuer zielbewusster Energie aus, das aus Harsts geistvollem Denkerkopf mit einem Schlag den eines Feldherrn machte.

Er nickte mir leicht zu, meinte dann, indem er sich an Frau Anderson wandte: »So leid es mir tut, Ihr gastfreies Haus so schnell wieder verlassen zu müssen. Ich gedenke noch heute abzureisen …«

Trotz aller Bitten des Ehepaares blieb es dabei. Harst erklärte dann, er wolle sofort zum Hafen hinunter und versuchen, dort von einem der Großkaufleute, die sich den Luxus eigener Motorrennboote gestatten konnten, ein solches Boot zu mieten.

Anderson sprang auf. »Ich helfe Ihnen dabei gern mit Rat und Tat, wenn Sie denn doch unbedingt fortwollen.«

Eine halbe Stunde drauf galoppierten drei Rikschakulis mit uns der Stadt zu. Wir saßen jeder in einem der Wägelchen, die zumeist kaum 75 Pfund wiegen. Während der Fahrt zum Hafen hatte ich die beste Zeit, darüber nachzudenken, weshalb wohl Harst so plötzlich zu dem Entschluss gelangt sein könne, nicht einmal den nächsten Dampfer zur Reise nach Kolombo abzuwarten. Ich zweifelte nicht daran, dass er in der Zeitung irgendeine Nachricht gefunden haben müsse, die mit Warbatty zusammenhing. Ich nahm mir deshalb auch vor, recht bald dieselbe Zeitung genau durchzusehen, die er am Frühstückstisch in Händen gehabt hatte. Es war die in Bombay erscheinende India World gewesen.

Anderson brachte uns zu einem sehr reichen Parsen, einem Mann in den besten Jahren, der als Sportfex beinahe noch berühmter als ein Großkaufmann war. Ich lernte so den ersten, jener aus ihrem ursprünglichen Vaterland Persien ihres Glaubens wegen vertriebenen Anhänger der Lehre Zoroasters (Zarathustra) kennen, die als Feueranbeter es für eine Entweihung der heiligen Flammen halten, in ihnen einen Toten zu Asche zu verbrennen, wie dies die Bekenner Brahmas tun, und die daher die Leichen ihrer Angehörigen auf den nach innen trichterförmig zulaufenden fünf Türmen des Schweigens den Geiern zum Fraß anbieten.

Diese Türme stehen an der Südostspitze der Halbinsel Malabar Hill. Ich hatte sie mir von Weitem durch das Fernglas angesehen. Dabei war in mir die Erinnerung an irgendeinen Film aufgetaucht, den ich in Berlin bewundert hatte und in dem auch die berühmten Türme des Schweigens eine Rolle gespielt hatten. Erst jetzt konnte ich feststellen, dass die Film-Türme damals alles andere, nur nicht die Bombayer Parsen-Türme gewesen waren. Weshalb ich hier etwas eingehender all dies einfüge, wird der Leser sehr bald merken.

Der reiche Parse Mirza Dau Sabli, der längst vollständig zum Europäer geworden war, hatte kaum gehört, dass Harald Harst vor ihm stehe, als er auch schon erklärte, es sei ihm eine Ehre, sein fast neues Rennboot zur Verfügung zu stellen. Er versprach, dass das 15 Meter lange, durchaus seetüchtige Fahrzeug in zwei Stunden am Bollwerk seines Lagerspeichers bereitliegen würde.

Wir kehrten sogleich zu Andersons Bungalow zurück, packten unsere Koffer und mussten dann noch schnell eine warme Mahlzeit einnehmen, die der chinesische Koch Andersons mit fünf Gängen wie durch Zauberei hergestellt hatte.

Während wir noch bei Tisch saßen, wurde Anderson ans Telefon gerufen. Er kam mit etwas langem Gesicht zu uns zurück, berichtete Mirza Dau Sabli hätte sich am Apparat gemeldet und unter tausend Entschuldigungen Folgendes mitgeteilt: Er hätte das Rennboot zweimal in den Zeitungen zum Verkauf angezeigt gehabt. Der Preis wäre jedoch allen sich Meldenden zu hoch gewesen. Heute nun, bald nach unserem Weggang, wäre ein Engländer Sir Reginald Worbster, der sich auf der Durchreise hier aufhielte, bei ihm erschienen, hätte das Boot schnell entschlossen erstanden, aber sich bereiterklärt, im Interesse der guten Sache die beiden deutschen Detektive erst nach Kolombo zu bringen, bevor er das Fahrzeug zu seiner Farm an der Ostküste Afrikas mitnehmen würde.

»Ich weiß nun nicht, Master Harst, ob Ihnen diese Erledigung recht ist«, fügte Anderson hinzu. »Es machte auf mich nämlich am Telefon den Eindruck, als hätte Dau Sabli diesen Worbster erst lange bitten müssen, Ihnen in dieser Weise entgegenzukommen.«

»Oh, das ist mir gleichgültig«, meinte Harst. »Die Hauptsache ist, dass ich schneller in Kolombo bin, als mein Gegner Warbatty dies vermuten könnte.«

Sir Reginald Worbster war denn auch in der Tat ein sehr zugeknöpfter, wenn auch nicht gerade unliebenswürdiger Herr. Er hatte seinen Rechnungsführer, einen feingebildeten Inder, bei sich, der sogar in Deutschland einige Jahre bei einer Hamburger Firma tätig gewesen war. Worbster wirkte äußerlich ein wenig lächerlich, denn er war genau so dick wie lang, tatsächlich die reinste Kugel. Die semmelblonden Spitzen seines am Kinn ausrasierten Bartes hingen ihm bis auf die vorgewölbte Brust hinab. Der große Hornkneifer auf der Knollennase war von gewaltiger Größe. Dazu hatte er noch eine Stimme, die deutlich verriet, dass er an einer Nasenkrankheit leide.

Kurz nach elf Uhr waren wir bei völlig windstillem Wetter abgefahren. Harst und ich saßen in der kleinen Kajüte und plauderten. Wir waren nun zwei Stunden unterwegs. Oben an Deck hielt man es vor Hitze kaum aus. Erwähnen muss ich noch, dass sich außer uns vier nur noch der Maschinist an Bord befand. Es war dies ein Mischling eines Weißem und einer Inderin von durchaus kaukasischem Gesichtsschnitt, den Worbster gleich in Bombay angeworben hatte. Dau Sablis Maschinist war bei seinem bisherigen Herrn geblieben, da dieser bereits einen allerneuesten Rennboottyp aus England verschrieben hatte.

Harst kam mir etwas nachdenklich vor und wenig aufgelegt für eine Unterhaltung. Worbster und Achmed, der Rechnungsführer, ließen sich von dem Mischling in die Geheimnisse der Bedienung des achtzylindrigen Motors einweihen. Das Boot hatte zwei Schrauben und sog sich bei voller Geschwindigkeit mit dem Heck so tief ein, sodass der Bug fast über das Wasser hinausragte.

Ich hatte mir von Anderson die Nummer der Bombayer India World ausgebeten und suchte nun darin nach dem Artikel, der Harst so sehr interessiert hatte. Ich brauchte nicht lange die Spalten zu überfliegen. Da stand nämlich unter »Allerneuestes« Folgendes sehr dick gedruckt:

Colombo. Die tote Lady Rockwell abermals aufgetaucht; für Colombo also der Grund zu neuen abenteuerlichen Gerüchten! Unsere Leser werden sich erinnern, dass Lady Ellinor Rockwell, die Gattin des Besitzers der berühmten Rockwell-Kaffeeplantagen in der Nähe von Colombo, vor drei Wochen etwa plötzlich verstarb. Sie wurde in dem Erbbegräbnis der auf Ceylon bereits 80 Jahre ansässigen Familie Rockwell beigesetzt. Acht Tage nach ihrem Tod behauptete ein singhalesischer Diener des Lords, die Tote in den Straßen der Eingeborenenstadt abends gesehen zu haben. Der Lord veranlasste daraufhin nichts, weil er eben an eine Personenverwechselung glaubte. Vier Tage später aber wollte dann der holländische Arzt Doktor Braachtenzork die Tote ebenfalls spät abends im Eingeborenenviertel wiedererkannt haben. Nun mischte sich die Polizei ein, gezwungen durch die Gerüchte, die in der Stadt umherschwirrten und die darauf hinausliefen, dass der Lord zu irgendwelchen dunklen Zwecken den Tod seiner Gattin vorgetäuscht hätte. Die Gruft des Erbbegräbnisses wurde geöffnet, der Sarg der Lady aufgeschraubt, ebenso der innere Zinkeinsatz aufgelötet. Darin fand man jedoch nur noch geringe Reste der Leiche. Termiten (große Ameisen) waren durch ein Loch im Boden der beiden Särge eingedrungen, hatten sich hier eingenistet und das Fleisch fast völlig abgenagt. Immerhin konnte festgestellt werden, dass es sich ohne Zweifel um die verstorbene Lady Rockwell handele, da diese prachtvolles kupferfarbenes Haar besessen hatte. Seitdem verstummten die Gerüchte, sind nun aber neu aufgelebt, da derselbe holländische Arzt die Lady wiederum zu nächtlicher Stunde dieses Mal im Europäerviertel beobachtet haben will. Aus ihrem ganzen Verhalten, erklärte Doktor Braachtenzork auf der Polizei, sei zu entnehmen gewesen, dass er tatsächlich die richtige, lebende Lady vor sich gehabt haben müsse, da sie vor ihm, als er sie angesprochen hätte, in wilder Hast entflohen sei. Ganz Kolombo ist in Aufregung. Man hat auch sofort den Vater der Lady, den Colomboer Kaufmann Sagton, aus Bombay telegrafisch zurückgerufen, wo dieser geschäftehalber weilte, da Sagton gerade mit zu denen gehört, die hier ein dunkles Verbrechen für vorliegend erachten. Er hat sich deshalb auch mit seinem Schwiegersohn völlig entzweit. Die Polizei dürfte unseres Erachtens allen Grund haben, sich recht eingehend mit all diesen Dingen zu beschäftigen.

Hm! Als ich nun mit der Lektüre fertig war, machte ich doch ein stark enttäuschtes Gesicht.

Gewiss, diese mysteriöse Angelegenheit spielte in Colombo, wo wir Freund Cecil wieder zu begegnen hofften. Aber mit Warbatty selbst konnte sie kaum irgendwie zusammenhängen, dachte ich und starrte durch das kleine offene Kajütfenster neben mir auf die gleißende, nur wenig bewegte See hinaus.

Da geschah etwas Unerwartetes!

Harst riss mir plötzlich die Zeitung aus der Hand, ballte sie blitzschnell zusammen und warf sie durch das Fenster ins Wasser.

Dann sagte er laut, völlig harmlos tuend: »Die Motorbootrennen in Monte Carlo sind wohl die berühmtesten, lieber Schraut. Ich habe Gelegenheit gehabt, selbst einmal ein solches Rennen mitzumachen, …«

Worbster und der Inder Achmed waren eingetreten.

»… das recht gefährlich der unruhigen See wegen war. Ein Boot kenterte. Die Insassen ertranken.« Er wandte sich nun an Worbster: »Sir, entschuldigen Sie, mir scheint der Maschinist steuert einen falschen Kurs, zu weit westlich. Oder hat das einen besonderen …«

Das Wort »Grund« blieb unausgesprochen.

Worbster und Achmed hielten uns ganz unvermittelt gespannte Revolver vor die Brust. Der angebliche Sir Reginald brüllte uns an: »Nicht gerührt, Ihr superschlauen Herren! Sonst knallt es sofort!«

In demselben Augenblick hörte auch das Rattern des Motors auf. Dann erschien der Mischling grinsend mit zwei Enden starken, weichen Kupferdrahtes in der Kajüte, fesselte erst mir damit die Hände auf den Rücken und dann auch Harst.

Widerstand war unmöglich. Die Schufte hätten fraglos gefeuert.