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Allerhand Geister – Peter und Paul – Teil 3

Allerhand Geister
Geschichten von Edmund Hoefer
Stuttgart. Verlag der I. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1876

Peter und Paul
Eine Erinnerung

Teil 3

Wir wurden zu Tisch gerufen. Peter aß ungemein wenig und trank sparsam, trotz alles Nötigens. Und er war auch einsilbig und blieb es: Für zwei Gedanken hatte sein Kopf keinen rechten Platz, und über den, der ihn gegenwärtig erfüllte, war ihm das Sprechen verboten.

Wie es in ihm aussah, merkte ich, da ich später neben ihm in der vorweltlichen Karosse saß.

Er, sich aus feinen Shawls und Pelzen endlich herauswühlend, sagte nach einiger Zeit mit einem Mal zu mir sagte: »Du, Paul, wenn ich nur wüsste, wo meine Frau stecken kann und weshalb sie wohl fortgegangen sein mag?«

»Das wollen wir ja eben untersuchen, Peter«, versetzte ich beschwichtigend. »Wir werden es wohl erfahren.«

»Ja, siehst du«, sagte er wieder in dem gleichen, grübelnden Ton, »ich komme ja nicht viel mit ihr zusammen und bin darüber ganz zufrieden. Die Damen machen allzu viel Rührerei, haben zu viel Einfälle und hin und wieder auch Krämpfe. Siehst du, das alles kann ich nicht vertragen. Aber meine Frau ist doch anders. Sie ist bei, Tisch immer still und freundlich. Wenn ich ihr die Hand küsse, drückt sie die meine und macht so gute Augen gegen mich. Wenn es mit dem allen nun aus sein soll und wir sie nicht wiederfinden — siehst du, Paul, ich glaube, das wird eine schlimme Geschichte werden. Ich halte es, weiß Gott, nicht aus.« Nach einer Pause fügte er hinzu: »Und was mir da von der Kammerkatze, der maliziösen Hexe, und dem Wittenau wieder einfiel — das will mir nun nicht aus dem Kopf. So was soll man von meiner Frau nicht reden. Was meinst du, Paul, ich werde ihn denn wohl fordern müssen? Dann hat das Geschwätz ein Ende.«

Alles was er gesagt hatte, war nicht bloß durch den Ton, sondern auch durch die ganze Weise des Sprechers und durch die, sage ich, Unbeholfenheit, die überall deutlich wurde, so durchaus komisch, dass ich unter anderen Umständen schwerlich aus dem Lachen gekommen wäre. Bei dem letzten exzentrischen Einfall brach ich denn auch wirklich in ein helles Gelächter aus. Peter auf der Mensur mit Säbeln oder Pistolen war ein überwältigender Gedanke! Allein im nächsten Augenblick fühlte ich mich schon wieder ernst werden und dem Einfluss dessen unterliegen, was mich bereits daheim ergriffen hatte. Was hier hervordämmerte, wiederhole ich, erschien mir wie ein Keim, welcher einer, für Peter wenigstens, ganz außerordentlichen Entwicklung fähig und für ihn selber und seine Zukunft von ganz unberechenbaren Folgen sein konnte. Wie ich so neben ihm saß, in dem allmählich immer dunkler werdenden, furchtbar schwankenden Gefährt, ihn in seiner Ecke stöhnen, blasen und fluchen hörte und an das alles dachte, was dem armen dicken Menschenkind fehlte und was dasselbe eben erst ahnen und empfinden zu wollen schien, da gab ich mir selber das Wort, wenigstens meinerseits es einmal statt des Spottes und der Neckerei mit dem redlichsten Ernst zu versuchen und ihm nach Kräften zu Hilfe zu kommen. Es mochte eine Sisyphusarbeit werden, den Koloss vorwärts zu bringen, aber sie musste nun einmal versucht werden.

Als wir im Schloss ankamen, war es schon spät. Peters erstes Wort, als er sich einigermaßen erholt hatte, war wirklich wieder eine Frage nach seiner Frau. Dann jedoch kamen die körperlichen Bedürfnisse und die tägliche Gewöhnung zum Durchbruch. Er verlangte nach seinem Souper, wie er es nannte, beiläufig gesagt, einem bescheidenen Mahl, und gleich darauf nach seiner Partie, deren gewöhnliche Teilnehmer, der Förster und der Inspector, sich eingestellt und schon bei Tisch uns Gesellschaft geleistet hatten. Obwohl ich mich von der nichtswürdigen Fahrt tüchtig müde fühlte, gab ich doch bereitwillig nach und saß mit den anderen bis nach Mitternacht. Es war mir von Wert, Peters Hauptumgang sogleich kennen zu lernen. Was ich beobachtete, durfte mich befriedigen: Beide Spielgenossen schienen ordentliche Leute zu sein, die es mit ihrem Herrn gut meinten und sich seine Schwächen nicht zunutze machten. Sie waren um vieles älter als wir und seit langen Jahren auf ihren Stellen.

Es gefiel mir sehr, dass der Inspektor zuletzt ohne Umstände die Hand auf Peters Glas legte und dabei sprach: »Jetzt ist es wirklich genug, Herr Baron. Ihr Herr Freund ist müde, und wir müssen alle zeitig heraus. Sie auch, der Doktor hat es streng befohlen!«

»Da haben Sie und der Doktor sehr recht«, bemerkte ich, »und du, Peter, solltest bedenken, dass deine vier Insassen, wenn du sie allzu kräftig fütterst und tränkst, sich nur desto schneller zanken und dir über den Kopf wachsen werden!«

»Donnerwetter!«, brummte er und sah mich grimmig an, »willst du mich denn umbringen mit diesen Dummheiten? Ja, ihr Herren, da sagt hier der Paul, es steckten eigentlich drei oder vier in mir und möchten es sich einmal separieren wollen. Ist es nicht ein nichtswürdiger Einfall? Keinen Augenblick allein zu sein, alles mit drei anderen teilen – es ist, um toll zu werden! Ich werde die ganze Nacht davon träumen müssen, wenn ich überhaupt schlafen kann. Das ist nicht freundschaftlich, Paul!«

Wir gingen lachend auseinander. Da ich ein Zimmer neben seiner Schlafstube erhielt, hörte ich, bevor ich selber einschlief, durch die Wand sein donnerndes Schnarchen. Er hatte sich also Gottlob umsonst geängstigt.

Ich bin von jeher ein Frühaufsteher gewesen. Als ich am folgenden Morgen aus dem Bett sprang, schnarchte Peter nebenan noch ebenso gesund wie am vorigen Abend. Im Haus war noch alles totenstill. Ich kleidete mich an und stieg die Treppe hinab.

Der alte Diener stand unten in Hemdsärmeln und putzte seines Herrn Stiefel und Kleider. Er war ganz erschrocken über mein frühes Erscheinen und bat mich demütig, nicht zu zürnen, dass das Frühstück noch nicht fertig sei. Er wolle aber sogleich dafür sorgen. Ich begütigte ihn und ging auf den Hof hinaus, wo die ersten Sonnenstrahlen entlangzugleiten begannen und die Tauben eben aus dem Schlag kamen, um sich an den Firsten der Scheunen zu sonnen und ihre Toilette zu machen.

Trotzdem war das Leben hier schon völlig erwacht. Die Knechte brachten ihre Gespanne aus dem Stall und die Ochsen zogen bereits angeschirrt aus dem Tor aufs Feld hinaus.

Der Inspektor kam von den Ställen her und, da er mich erkannte, grüßend heran. »Schon so früh, Herr Paul?«, fragte er lächelnd. »Da werden Sie noch lange auf unseren Baron zu warten haben.«

Das sei mir nicht unangenehm, meinte ich, da ich allerhand vorhabe, wozu ich ihn nicht brauchen könne. Somit ging ich grade auf die Sache los und fragte ihn kurzweg nach dem, was hier eigentlich geschehen und was seine Ansicht über das Verschwinden der Baronin sei. Zu legitimieren brauche ich ihm gegenüber mich und meine Teilnahme hoffentlich nicht, und was dergleichen mehr war.

Das kluge Gesicht des Mannes war bei meinen Worten von einem immer tieferen Ernst erfüllt worden. Nun, da ich schwieg, drückte er mir die Hand und entgegnete, dass es freilich keiner Legitimation bedürfe. Er kenne meinen Vater, mich und unsere Verbindung mit Peter, wenn auch nur dem Ruf nach, seit Langem. Peters gestrige Fahrt zu uns habe ihn erfreut, und dass ich mitgekommen und nach dem Rechten sehen wolle, sei ihm ein wahrer Trost.

»Wie es mit unserem Herrn steht«, redete er weiter, »brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Sie kennen ihn nicht länger, aber besser als ich. Er braucht jemand, der

sich seiner annimmt und ihm gelegentlich zu Hilfe kommt, von dem er sich etwas sagen lässt – er kann erschrecklich eigensinnig sein. Und Sie begreifen wohl, dass der Förster und ich, die wir es wahrhaftig gut mit ihm meinen, doch in manchen Fällen gar nicht so auftreten und eingreifen dürfen, wie es vielleicht notwendig sein würde.

So nun gar hier«, fuhr er mit einem Ausdruck von ernster Sorge fort. »Eine Auskunft, wie Sie dieselbe wünschen, kann ich Ihnen leider nicht geben. Ich verstehe diese Geschichte nicht. Sie kennen dem Ruf nach doch wohl die hiesigen Zustände und die Lebensweise der Herrschaften. Dass die Frau Baronin sich nicht glücklich fühlen kann, ist gewiss, und wenn sie eine lebenslustigere und entschlossenere Dame wäre, kann ich mir wohl denken, dass sie dieses Leben satt bekommen hätte und sich endlich um jeden Preis davon losmachen würde. Allein sie ist eine nur allzu bescheidene und schüchterne Frau und leider ohne eine Spur von der Energie, die gerade unserem Herrn gegenüber gewiss von den segensreichsten Folgen sein würde. Sie könnte mit festem und rechtem Willen viel tun. Denn dass er sie um vieles lieber hat, als er bisher vielleicht selber gewusst hat, zeigt er gerade, seit sie ihm fehlt, auf das Deutlichste. Hätten Sie ihn vorgestern Abend und gestern Morgen vor der Fahrt gesehen und gehört, es hätte Sie gejammert wie uns, Herr Paul, wenn man dazwischen auch wieder den Kopf schütteln muss. Gott weiß, er hat nicht viel, an dem sein Herz hängt, und der Lohn, den er dafür erhalten hat, ist nicht der Rede wert! Genug, mir tut diese Affäre ganz grenzenlos leid für ihn, und zwar umso mehr, weil ich bisher niemand zu finden wusste, der ihm helfen konnte. Hätte man sich an die Verwandten gewendet, so wäre die Sache ja an die große Glocke gekommen, und das soll sie mit meinem Willen umso weniger, als es – ich muss es nur gerade heraussagen – nach meiner Überzeugung nichts weiter sein kann als ein recht schlechter Spaß, den man sich mit dem armen Herrn macht.«

»Glauben Sie das wirklich?«, fragte ich nicht wenig überrascht, da er aussprach, was auch mir seit gestern mehr als einmal als eine Art von Trost durch den Kopf gegangen war. »Aber warum glauben Sie dies? Sie müssen mir alles sagen, Herr Inspektor, wenn ich handeln soll!«

»Das ist wenig genug«, gab er achselzuckend zur Antwort, »und mehr Ahnen als Wissen. Ich schließe nur so aus dem Umstand, dass unser Nachbar, Herr von Wittenau, entschieden dabei beteiligt ist.«

»Also auch Sie?«, rief ich aus. »Die Kammerjungfer …«

»Ja, die weiß auch davon, aber sie ist nicht zum Sprechen zu bringen«, fiel er mit sichtbarem Verdruss ein, »sondern lacht nur in ihrer albernen Weise.«

»Die maliziöse Hexe«, schob ich ein.

»So nennt sie der Herr und tut ihr kaum Unrecht. Denn sie ist wirklich ein schnippisches und kurz angebundenes Ding und obendrein auch noch spottsüchtig.

Und, lieber Gott, Herr Paul, dass unser Herr ihr dazu nur allzu oft Gelegenheit gibt, dies wissen wir ja! Aber genug, lassen Sie mich zu Ende kommen, denn ich muss zu meinen Pflügern aufs Feld. Also, ich habe es selber gesehen, dass unsere gnädige Frau mit Herrn von Wittenau aus dem Garten kam und sich mit ihm auf seinen Wagen setzte. Von Unrecht im schlimmen Sinn ist dabei keine Rede. So einer ist Wittenau nicht, dessen Frau obendrein bekannter mit der unseren ist als er selber. Und noch viel weniger ist dergleichen von der Frau Baronin zu fürchten. Schwach ist sie, aber bis zur Sünde nicht, dafür bürgen wir alle, Mann für

Mann. Herr von Wittenau ist ein Spaßvogel und auch seine Frau eine lustige Dame. Mit unserem Herrn hatten sie stets zu necken, und so rechne ich auch jetzt auf so etwas. Unsere Gnädige hat sich überreden lassen, denn ausgehen tut so etwas nicht von ihr. An die möglichen bösen Folgen haben sie alle nicht gedacht.«

»Aber um alles, Herr Inspector, wenn es so steht, weshalb schritten Sie nicht selber ein?«, rief ich. »Jeder Spaß hat seine Grenzen!«

»Tun Sie mir nicht Unrecht, Herr Paul«, entgegnete er lebhaft. »Dass ich bei unserem Nachbar nicht ohne Weiteres den Herrn vertreten kann, ist selbstverständlich. Wittenau hätte mich einfach aus der Tür gewiesen. Und ebenso versteht es sich, für uns Hiesige wenigstens, von selbst, dass wir unserem Herrn nichts von unserem Vermuten sagen mochten. Kennen Sie seine Heftigkeit, die ihn schier um alle Vernunft bringt? Nein, ich habe an Ihren Vater gedacht oder, wenn auch ungern, an den alten Onkel drüben auf Testlitz. Sie sind freilich der Allerbeste.«

»Können Sie sich vorstellen, dass er den Wittenau fordern will, weil dessen Namen dabei genannt worden ist?«, fragte ich, ohne das Lachen ganz verbeißen zu können.

Auch sein Gesicht verzog sich. »Das ist toll«, antwortete er aber schon wieder ernst, »doch gibt Ihnen auch dies schon einen Fingerzeig! Nun muss ich aber wirklich fort«, brach er ab. »Wir treffen uns ja leicht wieder und ich stehe Ihnen stets zu Diensten. Wissen Sie was? Der Baron schläft sicher noch eine Stunde oder mehr. Gehen Sie jetzt gleich in den Südflügel dort und nehmen die Christine vor. Gegen Sie wird sie denn wohl manierlicher sein. Ich meine, das Ding muss zu Ende kommen. Sonst weiß in ein paar Tagen alle Welt davon.«

Wir schüttelten uns die Hände und schieden, ich mit der Empfindung, dass ich hier einen wackeren Mann gefunden habe, der für Peter und alle hiesigen Zustände und Verhältnisse ganz unschätzbar sein musste. Sein letzter Vorschlag besonders leuchtete mir als vortrefflich ein.

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