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Der Detektiv – Die Festung des Ali Azzim – 5. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920

Harald Harst gegen Cecil Warbatty
Des berühmten Liebhaberdetektivs Abenteuer im Orient

Die Festung des Ali Azzim

5. Kapitel

Ein Riesenbetrug

Sehr bald klingelte Harst nach dem Aufseher und verlangte einen Raum ohne Mitbewohner kriechender und hüpfender Art. Der Mann, der noch vorhin so liebenswürdig zu uns gewesen war, wirkte nun kühl und kurz.

»Der Polizeidirektor Bagrieux hat mir soeben telefonisch befohlen, euch wie richtige Verhaftete zu behandeln«, sagte er. Erst als Harst eine Zehnpfundnote vorzeigte und um fünf Schachteln Insektenpulver bat, wurde der Aufseher wieder freundlicher.

Wir schliefen dann stark eingemottet recht gut.

Am Morgen meinte Harst, als der Aufseher uns diesmal für fünf Pfund ein sehr reichliches Frühstück gebracht hatte: »Ich fürchte, wie ich schon in der Nacht sagte, dass der Herr Polizeidirektor infolge der Beeinflussung durch Ali Azzim eine kolossale Dummheit machen wird. Und dem Juwelenhändler wieder haben wir durch das Erschießen der Hunde einen großen Gefallen getan.«

Ich verstand Harst nicht ganz. Ich bat um nähere Erklärung; er winkte aber ab.

Bis Mittag ließ sich niemand bei uns sehen. Dann erschienen vier Polizisten und nahmen uns die Revolver und Messer, Geld und auch Harsts Ausweis ab. Sie waren frech und grob, bis Harst einem der Polizisten einen Hieb gegen den Schädel mit der bloßen Faust versetzte, der den Kerl zu Boden warf. Diese Kraftprobe imponierte den braunen Herren offenbar.

Erst um vier Uhr nachmittags wurden wir unter Bedeutung von sechs Mann zum Verhör geführt. Der Polizeidirektor erklärte, wir seien ganz offenbar nicht Harst und Schraut, vielmehr internationale Gauner, die dem richtigen Harst in Kairo den Ausweis abgenommen hatten. Da sich der Monsieur Bagrieux recht unhöflich zeigte, verzichtete Harst auf jede weitere Aussprache mit ihm und sagte nur, indem er Bart und Perücke entfernte: »Bitte, sehe ich jetzt dem Bild auf dem Ausweis vielleicht ähnlich?«

Der Polizeidirektor wurde nun doch verlegen, wollte aber wohl nicht zum Rückzug blasen und ließ uns schnell wieder wegführen.

An der Tür drehte Harst sich noch um: »Bitte telefonieren Sie nach Kairo und lassen Sie Inspektor Mezzan sofort herkommen. Ich fürchte, Ihr Benehmen gegen uns wird Sie Ihre Stellung kosten.«

Wir saßen nun wieder in unserer Zelle. Der Aufseher brachte nun erst das von uns bestellte Mittagessen, das wir mit zehn Pfund bezahlt hatten.

Harst wies es zurück. »Ich warne Sie, davon zu essen«, sagte Harst dem Beamten. »Es ist wahrscheinlich vergiftet. Geben Sie von dem Huhn da und der Suppe einer Katze etwas zu kosten.«

Als der Aufseher gegangen, packte ich Harst bei der Schulter, rief: »Himmel, ist dieser einarmige Ali Azzim etwa unser Warbatty?«

»Du merkst es recht spät«, meinte er ernst.

»Aber die Größe! Und der fehlende Arm!«

»Oh, den Arm trägt er am Körper festgeschnallt. Die weiten Gewänder verdecken den Betrug. Als er sich im Schankraum des Kinos auf den hohen Schemel setzte, sah ich, dass er Schuhe trug, die wie Stelzen gearbeitet waren. Um den schwerfälligen Gang auf diesen zu maskieren, hinkte er. Im Übrigen war ich schon fest überzeugt, dass Ali Azzim unser Mann sei, als der alte Gärtner Mehemed von dem einarmigen Reichen erzählte, dem ja gerade der linke Arm fehlte. Und links fehlte Warbatty der Zeigefinger. Weiter erwähnte Mehemed auch, dass dieser Ali Azzim sehr selten in Suez weile und erst seit 7 Monaten sich hier angekauft habe. Ich glaube, die Villa hier wird Warbattys eigentliches festes Heim sein. Um auch noch den Rest zu erledigen, lieber Schraut: Als wir vor dem Kino gestern Abend standen, fuhr ein Wagen dort vor, dem ein Mann in Begleitung eines Negers in Livree entstieg. Dieser Araber gebrauchte nur den rechten Arm, zeigte seine scheinbare Einarmigkeit etwas zu stark. Wir folgten ihm. Und dann kam die Geschichte mit der Zeitung im Schankraum. Warbatty ist hier eben außerordentlich vorsichtig. Er wollte sich mit seinen Leuten, dem Matrosen und dem Friseur – Letzterer hat auch erst vor 3 Monaten sein Geschäft eröffnet – auf überschlaue Weise ins Einvernehmen setzen. Dass wir wieder hinter ihm her sind, merkte er erst, als ihm jemand telefonisch mitteilte, dass wir auf der Palme saßen. Dieser Jemand wird der Matrose Palverlan gewesen sein, der argwöhnisch geworden sein mag, als wir mit Suleimah den Tanzsaal verließen. Er muss dort gewesen und uns gefolgt sein. Fraglos ist es ein gefährlicher, kluger Bursche. Er hat auch sicherlich gesehen, wie du schwitzend den Palmenstamm als Kletterstange benutztest, wird dann von der nächsten Kneipe an Ali Azzim telefoniert haben. Denn erst nach dem Telefongespräch öffnete unser Mann das Fenster und rief die Hunde und den Wächter herbei. Da der Polizeidirektor ihm als einer so angesehenen Persönlichkeit natürlich mitgeteilt haben wird, wir hätten uns als Harst und Schraut ausgegeben, werden bei ihm die letzten Zweifel geschwunden sein, sodass er es für ratsam gehalten haben wird, unser Essen durch eine seiner Kreaturen heimlich vergiften zu lassen, selbst aber zu fliehen. Ich würde mich sehr wundern, wenn der Katze das Essen bekäme.«

Ich war nun, ehrlich gestanden, ganz konfus.

»Wenn Warbatty geflohen ist, dann haben wir doch fraglos seine hiesigen Pläne wieder vereitelt«, meinte ich. »Und seine Absichten können hier doch nie die gewesen sein, bei sich selbst einzubrechen.«

»Hm!«

In diesem Moment kam der Aufseher, ganz verstört: »Die Katze ist sofort umgefallen, ist tot!«, stotterte er.

»Gut. Sprechen Sie zu niemandem davon, außer zu ihrem Chef und sagen Sie diesem, er solle sich sofort hier einfinden«, erklärte Harst.

Es war gegen sechs Uhr, als er Polizeidirektor erschien. Harst war sehr förmlich.

»Es liegt in Ihrem Interesse, meine Vorschläge zu befolgen. Lassen Sie sofort in der Stadt verbreiten, wir seien plötzlich verstorben – anscheinend Cholera. Ali Azzim ist abgereist, nicht wahr?«

»Ja. Er wollte nach Kairo mit der Bahn.« Der Polizeichef war durch die tote Katze doch etwas misstrauisch gegen Azzim geworden.

»Gut«, konstatierte Harst wieder. »Dann sorgen Sie umso mehr dafür, dass unser Tod schnell bekannt wird. Nach Dunkelwerden geben Sie uns frei. Ich hoffe Ihnen dann beweisen zu können, dass ich etwas scharfsinniger als Sie bin.«

Da wurde Herr Polizeidirektor böse, redete etwas von »Speisen selbst vergiftet haben« und wollte hinaus. Harst hielt ihn am Ärmel fest.

»Herr!«, fuhr er ihn an. »Wenn Sie nicht tun, was ich Ihnen empfehle, so sind Sie hier die längste Zeit in ägyptischen Diensten gewesen.«

Der Direktor riss sich los und ging davon.

Es wurde Abend. Wir hungerten. Es wurde Mitternacht, und wir hatten nun den Rest des Insektenpulver verbraucht. Dann ging die Zellentür auf und der Herr Polizeichef stürzte herein. Hinter ihm aber zeigte sich Inspektor Mezzans wohl bekanntes Gesicht.

Was war geschehen? So allerlei! Der englische Polizist hatte auf eigene Faust nachmittags nach Kairo telefoniert und Mezzan geschildert, was hier vorgefallen war. Er hatte uns geglaubt, dass wir Harst und Schraut seien. Mezzan aber hatte mit einer Lokomotive Kairo sofort verlassen. Er traf hier gerade ein, als ein Feuerschein von der Villa Ali Azzims her die Feuerwehr dorthin rief. So fand man den gefesselten Neger und die beiden erschossenen Wächter im Hof. Abraham Paradies hatte in wilder Aufregung erzählt, zwei Einbrecher hätten erst die Wächter erschossen und dann auch ihn überwältigt. Er hatte in der Tat am Hinterkopf eine mächtige Beule und eine Revolverkugel im Arm. Weiter berichtete er, dass die Einbrecher den Stahlschrank seines Herrn, in dem Juwelen aufbewahrt wurden, mit Dynamit gesprengt, ausgeplündert, ihm – dem armen Abraham – noch hohnlachend ihre Beute gezeigt hätten und auf bereitstehenden Reitkamelen nach Kairo zu verschwunden wären.

Dies alles teilte uns nun der Herr Polizeichef mit, entschuldigte sich bei uns und fügte hinzu, Inspektor Mezzan habe ihm bereits erklärt, dass wir nur nach Suez gekommen seien, um den auch ihm dem Namen nach bekannten Warbatty zu fangen.

Harst blieb ihm gegenüber eisig, sagte nun: »Wenn Sie Warbatty nicht so blindlings Glauben geschenkt hätten, dann wäre all dies nicht geschehen.«

»Warbatty?« Der Polizeidirektor war fassungslos.

»Ja, Warbatty! Denn Ali Azzim war dieser Größte aller Verbrecher, den die Welt je gekannt hat. Und Sie waren es, der ihn entschlüpfen ließ –— Sie in Ihrer bornierten Kurzsichtigkeit!« Harst war wütend. »Sie haben in der Stadt verbreitet, dass wir tot seien, nicht wahr?«, fügte er hinzu.

Der Polizeichef nickte völlig niedergeschmettert.

»Wo befindet sich der Neger?«, fragte Harst weiter.

»Bei einem Bekannten von ihm, dem Inhaber des Friseurladens am Kai«, erwiderte der Franzose.

»Ah, welche Frechheit!«, entfuhr es Harst. »Vorwärts, hin zu dem Friseur! Lassen Sie das Haus in aller Stille umzingeln.«

Der Inhaber des Salons für Schönheitspflege, ein Mann namens Oldenwoog, erbleichte bis in die Lippen, als Harst ihm sofort erklärte: »Wissen Sie, wer ich bin? Ich heiße Harald Harst. Ich denke, Sie legen am besten ein Geständnis ab und retten so Ihr Leben.«

Der blonde, lange Mensch fasste sich schnell, schnaubte: »Herr, Sie scheinen im Kopf nicht ganz richtig zu sein!«

Harst zuckte die Achseln. »Wie Sie wollen! Ich gab Ihnen Gelegenheit, dem Strick zu entgehen. Nun, vielleicht ist der Neger schlauer.«

Er wandte sich an Abraham, der in demselben Zimmer im Bett lag.

»Hör mal, Abraham Paradies, du bist doch fraglos ein intelligenter Bursche, sonst hätte Warbatty dich nicht zu seinem Vertrauten gemacht. Ihr vier, der gefärbte Ali Azzim alias Warbatty, hier der Oldenwoog, der angebliche Matrose Palverlan und du wolltet da einen feinen Streich ausführen. Halb ist er euch geglückt. Oldenwoog und Palverlan spielten die Einbrecher heute Abend, nachdem ihr glaubtet, vor dem vergifteten Harst sicher zu sein. Der Schlag auf deinen harten Schäden und die Kugel in den Arm sollten diesen Raub noch glaubhafter machen. Wo habt Ihr die Juwelen gelassen?«

Der Neger grinste. »Master, Sie sind ein Spaßvogel. Ich soll meinen eigenen Herrn beraubt haben? Und Ali Azzim soll gar mit im Bunde sein?« Das sollte harmlos und ehrlich klingen. Aber des Schwarzen Gesicht verriet eine schlecht verhehlte Angst. Seine Blicke wanderten unruhig im Zimmer hin und her, das durch eine Deckenbeleuchtung mit drei Birnen bis in den fernsten Winkel strahlend erhellt war.

Harst beugte sich über den Neger, flüsterte ihm etwas zu. Und diese Worte, die wir anderen nicht verstanden, brachten eine merkwürdige Wirkung hervor.

Abraham sank matt in die Kissen zurück. Unter dem Bett kroch ein Mann hervor — Palverlan, der angebliche Matrose. Kroch hervor und warf einen Lederbeutel auf den Tisch, sagte zu Harst: »Ich wusste, dass wir verspielen würden, als ich von Ihrer Anwesenheit hier hörte, Master Harst. Aber Warbatty war so fest überzeugt, Sie beide seien dem Gift erlegen, dass er darauf bestand, die Sache durchzuführen. Ich möchte gleich bemerken: Abraham hat die Wächter erschossen und die Villa in Brand gesteckt. Ich habe ihm nur die Kugel in den Arm gejagt und Oldenwoog ihm den Klaps auf den Schädel. Nun sind wir die Hereingefallenen, während Warbatty sich in Sicherheit gebracht hat. Er hatte uns die Juwelen als Beuteanteil überlassen. Er selbst wollte mit der …«

»Ganz recht«, fiel Harst ihm ins Wort. »… mit der Versicherungssumme sich begnügen.« Dann wandte er sich an den Polizeichef von Suez: »Es handelt sich hier nämlich um einen Versicherungsbetrug. Ich kam dahinter, als mir der Buchhalter Vinklair im Kino erzählte, der Juwelenhändler Ali Azzim habe durch seine Vermittlung die Juwelen im Tresor der Villa mit 600.000 Mark bei einer Gesellschaft in Kairo gegen Feuer und Einbruch versichert. Diese Tatsache im Verein mit den übertriebenen Vorsichtsmaßregeln zum Schutz der Villa, die ja die reine Festung war, brachten mich sehr bald auf den Gedanken, hier solle die Versicherungsgesellschaft hineingelegt werden. Ich könnte Ihnen die Entstehung dieses Verdachtes noch eingehender erläutern. Das Gesagte mag jedoch gegenüber der nunmehr vollendeten Tatsache genügen. Hätte ich im Polizeigefängnis von den vergifteten Speisen genossen, so wäre kein Mensch auf den Gedanken gekommen, dieser Juwelenraub sei nur eine von Warbatty selbst bestellte Arbeit, und die Versicherungssumme hätte ihm anstandslos ausgezahlt werden müssen.«

Harst nahm nun den Lederbeutel vom Tisch und schüttete die darin enthaltenen Steine – es waren etwa fünfzig Diamanten – auf die Tischplatte.

»Welche Pracht, welches Feuer!«, meinte er ganz begeistert. »Palverlan, was wolltet Ihr mit den Steinen tun?«

»Sie unter uns teilen und dann nach drei Monaten in Europa veräußern. Wir hatten Warbatty fest versprechen müssen, ein Vierteljahr mindestens mit dem Verkauf zu warten, bis über den Diebstahl tüchtig Gras gewachsen sei. Wir hätten auch gewartet, schon zu unserer Sicherheit!«

»Oh, das wäre ganz überflüssig gewesen«, meinte Harst lächelnd und ließ die Steine durch die Finger gleiten. »Diese prachtvollen Similibrillanten hätten Sie ruhig veräußern können.«

Palverlan fuhr hoch.

»Simili? Unmöglich!«

»Bitte, ich verstehe sehr viel von Edelsteinen. Es sind Similisteine. Tatsächlich.«

»Ah … der … der Schuft!«, zischte Palverlan.

Und auch der lange Oldenwoog brüllte: »Dieser Halunke!«

Harst machte eine kurze Handbewegung. »Seien Sie froh, dass Warbatty Sie nur um den Beuteanteil, nicht aber auch um das Leben betrogen hat! Seine Methode ist sonst bedeutend blutiger. Seine Helfershelfer macht er gewöhnlich stumm.«

Dann sagte er zu Inspektor Mezzan: »Kommen Sie. Wir sind hier fertig.« Ohne den Polizeichef weiter zu beachten, ging er hinaus.

Es war nun ein Uhr morgens. Wir drei schritten die Straße entlang und traten dann in ein Café ein, wo wir noch eine Stunde zusammenblieben.

Mezzan meinte, dem Polizeidirektor würde diese Geschichte nun wohl das Genick brechen; sehr beliebt sei er überhaupt nicht. Worauf Harst erwiderte: »Es schadet ihm nichts. Er ist nicht nur borniert, sondern auch empfindlich wie ein schönes Weib und rechthaberisch wie ein alter Universitätsprofessor.«

Mezzan fragte nachher beim Abschied, was Harst nun tun würde.

»Die Jagd fortsetzen«, sagte mein Freund und Brotherr lakonisch. »Ich hoffe, Warbatty in der Felsenfeste Aden am Ostausgang des Roten Meeres wiederzusehen. Vielleicht habe ich dort mehr Glück. Vielleicht …«

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