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Einsendeschluss 31.05.2021

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Hannikel – 1. Teil

Christian Friedrich Wittich
Hannikel
oder die Räuber- und Mörderbande, welche in Sulz am Neckar in Verhaft genommen und daselbst am 17. Juli 1787 daselbst justifiziert wurde
Verlag Jacob Friderich Heerbrandt, Tübingen, 1787

Des Lasters Bahn ist anfangs zwar
ein breiter Weg durch Auen,
allein sein Fortgang wird Gefahr,
sein Ende – Nacht und Grauen.

Es wird hier dem Publikum ein kurzer Auszug einer Geschichte vorgelegt, die dem Leser aus jeder Schicht, dem das Interesse der Menschheit am Herzen liegt, nicht ganz gleichgültig sein kann.

Man lernt in diesen Blättern an Hannikel und Konsorten Tiger in Menschengestalt kennen, die nicht nur in ihren eigenen Eingeweiden herumgewühlt, sondern auch kein Bedenken getragen haben, andere, ihnen niemals auf die Zehe getreten, in ihrer Ruhe zu stören, sie mit mörderischer Wut anzufallen und auf das Allerempfindlichste zu kränken.

Kurz, was Horja und Klotska in Ungarn und Siebenbürgen, das waren nach ihrer Art Hannikel und seine Gesellen in Schwaben und den angrenzenden Gegenden.

Was hier von ihnen erzählt wird, ist echt und ganz aus den Kriminalakten gezogen.

Eine vollständige Geschichte zu liefern, liegt außer meinem Plan. Wie weitläufig solche werden dürfte, ist schon daraus erdsichtlich, dass die Inquisitionsprotokolle, Beglaubigungsscheine, Relationen und weitere Beilagen allein aus 25 sehr dicken Folio-Bänden bestehen.

Es ist wohl nicht zu zweifeln, dass sich jeder Menschenfreund, wenn er die hier erzählten ungeheuren Gräueltaten liest oder hört, eine Träne vom Auge wischt und dass ihm der Gedanke, wie viel Elend und Rohheit auch selbst bei den mannigfaltigen Aufklärungs- und Verbesserungsanstalten des 18. Jahrhunderts noch unter seinen Brüdern herrsche, einen tief hervorgeholten Seufzer kosten werde.

Möchte aber auch zugleich jeder einsichtsvolle Patriot ermuntert werden, seinem guten vor die Sicherheit seiner Untertanen so sehr besorgten Fürsten, zur Verminderung des menschlichen Elends eifrig die Hände zu bieten und den vielen noch hie und da teils vermummten, teils mit frecher Stirn hervor tretenden Hannikel einen eisernen Schlagbaum vorziehen helfen, der weder entzwei gesägt noch umgestoßen noch übersprungen werden könnte!

Zehnfach gesegnet würden mir die Stunden sein, die ich zu dem Entwurf dieser Geschichte verwandt habe, wenn da und dort ein Unmensch über diese schauervollen Auftritte seiner Kameraden zur Besinnung kommen, sich die traurigen Folgen seines lasterhaften Lebens vor Zeit und Ewigkeit vorstellen, reumütig an seine Brust schlagen und bewogen würde, den glücklichen Rückweg des verlorenen Sohnes zu seiner Rettung noch in Zeiten zu betreten, um das offene Ziel der Begnadigung wirklich zu erreichen!

 

*

 

Kaum war jene verderbliche Rotte, welche der berüchtigte Konstanzer Hans kommandierte, an dem wohlverdienten Ort ihrer Bestimmung, die Ketten und Bande, welche dieselbe an ihren Hälsen, Händen und Füßen in den dick bebalkten Gefängnissen in Sulz warm gerieben hatten, wieder abgekühlt, als neue Entdeckungen gemacht wurden, dass die allgemeine Sicherheit auch durch ein allenthalben herum vagierendes Gaunerkomplott, das mit jenem längst schon in einem Verständnis lebte, gewaltig gekränkt werde. Man hörte von Raub und Mord. Und diese traurige Nachrichten waren nur allzu erwiesen. Die wachende Gerechtigkeit blieb hierbei nicht gleichgültig. Drohend streckte sie ihren Arm nach diesem gefährlichen Gesindel aus. Es glückte ihr, an Alten und Jungen, weißen und schwarzen, gelben und braunen, dreißig Personen davon einzuziehen und sie auch in jene undurchdringbare Behältnisse in Sulz bis auf weiteren Bescheid einzuschließen.

Unter diesen herbeigebrachten, so schädlichen Auswüchsen der Menschheit befand sich dann an Hannikel, Wenzel und Duli ein Kleeblatt, wie man es in der Hölle kaum anzutreffen sich getrauen sollte.

Hannikel war das Herzblatt darunter, dessen Gift sich auch dem anderen ihm nahen Unkraut reichlich mitteilte.

Da nun diese Unmenschen die Aufmerksamkeit so vieler Hohen und Niederen, nicht nur in Württemberg, sondern auch in den auswärtigen Provinzen seit ihrer Gefangennahme auf sich gezogen und zu so vielen Gesprächen, Urteilen und Erwartungen Anlass gegeben haben, so dürfte es wohl für das Publikum eine kleine Gefälligkeit sein, demselben einen kurzen Auszug ihrer Geschichte vorzulegen.

Sollte sich aber hie und da ein entfernter Leser wünschen, Hannikel selbst zu sehen, der denke sich nur einen kleinen, untersetzten, knochigen und aufrechten Mann von 45 Jahren, auf dessen kurzem Hals ein brauner sehr großer platter Kopf ruht, dessen vordere Seite etwas spitz, der hintere Teil aber sehr weit und geräumig ist. Die Stirn an demselben stelle man sich sehr niedrig, etwa 3 Finger breit und 2 Finger hoch, Augen und Augenbraunen schwarz, das Weiße im Auge grau, die Stimme rasch und rau, seinen Blick wild und immer seitwärts gerichtet, die Schläfe etwas tief eingedrückt, die Wangen länglich und in mehrere Falten gelegt, die Nase groß und kolbig, die Lippen rot und etwas hervortretend, die Zähne ganz weiß, das Kinn spitz und kurz vor, und denke sich noch schwarze Haare, ein halb kahles Haupt und am ganzen Gesicht einen Finger langen schwarzen Bart hinzu, so sieht man das Bild des leibhaftigen Hannikels. Eine treue Kopie seiner schwarzen Seele liefern seine Taten, wovon mehrere in diesen Blättern erzählt werden sollen.