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Sir Henry Morgan – Der Bukanier 43

Kapitän Marryat
Sir Henry Morgan – Der Bukanier
Aus dem Englischen von Dr. Carl Kolb
Adolf Krabbe Verlag, Stuttgart 1845

Dreiundvierzigstes Kapitel

Jamaika und seine Streitigkeiten mit den Gouverneuren. Morgan verfolgt den Seeraub. Wird wieder Gouverneur und herrscht mit hoher Hand. Führt ein sehr trauriges Leben und versucht es mit einem Pröbchen in seinem alten Gewerbe.

Im Mai 1678 langte der sehr ehrenwerte Graf von Carlisle als Gouverneur von Jamaika und Generalkapitän der karibischen Meere in Port Royal an und brachte seinen Doktor und Leibarzt, den späteren Sir Hans S’oane, mit sich. Er wurde von dem Militär und den Beamten aufs Prunkvollste, dagegen aber von den einflussreichsten Gentry der Insel teils kalt, teils düster empfangen, denn man wusste wohl, dass er neue Vollmachten mit sich brachte und die Konstitution, welche der Insel von König Jakob I. verliehen worden war, aufs tyrannischste geändert werden sollte.

Der Gegenstand des Zwistes betraf die Ermächtigung, in England für die Kolonien Gesetze zu schaffen und ohne Zustimmung der Assembly Steuern zu erheben – dieselben Beschwerden, um deren Wissen sich die Amerikaner mit uns abwarfen. Man muss dem kleinen Parlament von Jamaica nachsagen, dass es seine Schlacht mannhaft ausfocht. Es folgten Vorstellungen auf Vorstellungen: Der Gouverneur legte ihnen Ungehorsam zur Last, während sie den Gouverneur der Tyrannei und Unterdrückung beschuldigten. Fortwährend gingen Appellationen an den Hof von St. James, welche mit Befehlen erwidert wurden. Der König legte entschieden seine Absicht an den Tag, seine Prärogative bis aufs Äußerste auszudehnen.

Inmitten dieses ganzen politischen Krieges begann Sir Thomas Modiford, der nun ein alter Mann geworden war, sichtlich hinzuwelken. Sogar Sir Henrys weltlicher Sinn gab dem natürlichen Gefühl der Besorgnis Raum, er könnte seinen ältesten und nunmehr einzigen Freund verlieren. Sie hatten stets gemeinschaftlich gehandelt und fast immer auch gleiche Gesinnungen an den Tag gelegt.

Sir Thomas hatte sein Leben äußerst nutzbringend angewendet, indem er die Kenntnisse, die er sich als Pflanzer und Zuckerfabrikant zu Barbados erworben hatte, zum Besten Jamaikas in Anwendung brachte. Während seines langen Gouvernements und unter seinen Auspizien hatte letztere Kolonie erst die Gestalt einer zivilisierten Gesellschaft gewonnen und sich zum höchsten Grad von Wohlstand gehoben. Sir Thomas erlebte es noch, alle seine Verdienste anerkannt zu sehen, und war einer von den wenigen großen Männern, welche so glücklich gewesen sind, für große öffentliche Dienstleistungen nicht den öffentlichen Undank zu erfahren.

Sir Thomas Modifords Kräfte sanken immer mehr dahin, bis er endlich den Geist aufgab. Morgan stand an seinem Sterbebett. Die Szene übte keinen bemerklichen Eindruck auf ihn, haftete aber doch in seinem Inneren und drückte sich gewissermaßen seinem Herzen ein. Wie welk und hilflos blickte nicht der einst so gewaltige Geist aus den verfallenen Zügen! Die beiden Freunde hatten viel Ähnlichkeit in ihrer Konstitution und waren auch im Alter nicht allzu sehr verschieden. Fürchtete sich damals unser kambrischer Held wohl vor dem Tod? Jedenfalls vor dieser Art des Todes. Der Mensch schien ihm bei diesem Anblick nicht länger seine eigene Vorsehung zu sein. Er konnte sterben, wenn er wollte, aber nicht leben. Morgan entfernte sich von dem Totenbett in wehmütiger Stimmung, aber nicht als besserer Mensch.

Sir Thomas Modiford verschied am 2. Dezember 1679 und wurde prachtvoll unter dem Geleit aller Vornehmen der Insel zur Erde bestattet. Obwohl er in der letzten Zeit ein hochprivilegierter Mann gewesen war und die Mehrzahl der Inselbewohner zu ihm in Opposition gestanden hatte, war er doch allgemein beliebt. Sein Rücktritt von der Volkspartie wurde nur als eine Schwäche des zunehmenden Alters betrachtet. So ist es, war es und wird es immer sein. Die Jugend ist stets für den Fortschritt, das mittlere Alter für den Status quo und das Alter sinkt ein wenig in das Verlebte zurück.

Sir Thomas Modifords einziger Sohn, ein Jüngling von schwächlicher Konstitution, folgte dem vorausgegangenen Vater bald im Tode nach.

Mittlerweile dauerten die Zwistigkeiten zwischen der Assembly und dem Gouverneur mit ungeminderter Heftigkeit fort, bis endlich dem Grafen von Carlisle der Ort sowohl im politischen Sinn als auch im tropischen zu heiß wurde. Wir müssen sagen, dass in manchen Din gen die Jamaika-Kaufleute ein wenig unvernünftig waren, denn nachdem sie von den Taten der Freibeuter Nutzen gezogen hatten, legten sie sich zwischen die erwischten Schuldigen und die Hand der Gerechtigkeit. Und hatten Erstere nachher Massen von Indigo und anderen Kolonialprodukte den Spaniern abgenommen und besagten Kaufleuten um ein Spottgeld für den eigenen Markt überlassen, so verklagten sie den Gouverneur bei dem König, dass er den Piraten Unterstützung und Vorschub leiste.

Die Misshelligkeiten steigerten sich mehr und mehr. Eine gewisse Person begab sich, von vielen Zeugen begleitet, nach London, um einen ganzen Band voll Anklagen gegen den Grafen von Carlisle vorzubringen. Der Graf, welcher davon Kunde erhielt und auch die Bemerkung machte, dass die Luft der Insel seiner Gesundheit nicht zuschlage, erteilte sich selbst Urlaub und kehrte mit seiner jungen Gräfin in einem Kauffahrer nach England zurück. Unseren Freund, Sir Henry Morgan als provisorischen Gouverneur an Ort und Stelle lassend, langte er im Oktober zu Plymouth an und hoffte nun bald alle Umtriebe seiner Feinde an Carls Hof zunichte zu machen. Seinem Einfluss auf den König vertrauend, dachte er nicht anders, als werde er in Kürze triumphierend und mit neuen Vollmachten auf seinen Posten zurückkehren. Zu seinem großen Verdruss musste er jedoch finden, dass man ihm die Heimkehr zum schweren Vorwurf machte. Obwohl er sich über alle gegen ihn vor gebrachten Anschuldigungen reinigte, hielt es doch Se. Majestät nicht für passend, ihm das Gouvernement aufs Neue anzuvertrauen.

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