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Die Sternkammer – Band 1 – Kapitel 2

William Harrison Ainsworth
Die Sternkammer – Band 1
Ein historischer Roman
Christian Ernst Kollmann Verlag, Leipzig, 1854

Zweites Kapitel

Sir Giles Mompesson und sein Kompagnon

Madame Bonaventure hatte den beiden Erpressern bereits beträchtliche Summen gezahlt, doch widersetzte sie sich ihrer letzten Anforderung, infolgedessen sie von Sir Giles Mompesson eine Mahnung des Inhalts erhielt, dass ihr in Monatsfrist ihre Konzession würde entzogen und ihr Haus geschlossen werden, wenn sie nicht in jenem Zeitraum ihm und seinem Kompagnon Sir Francis Mitchell durch die Zahlung der in Rede stehenden Summe, nebst einer gleichen Summe als Strafgeld, Ersatz leisten würde.

Wie es schien, hatte sich unsere hübsche Wirtin durch ihre Verwegenheit in eine widerwärtige Lage versetz. Sir Giles war kein Mann, dem man ungestraft drohen durfte, wie alle, die sich sein Missfallen zugezogen hatten, auf ihre Kosten erfuhren. Sein Plan war, sich gefürchtet zu machen, und er war unerbittlich wie das Schicksal selbst gegen einen Schuldner. Er trieb immer die volle Strafe ein, die er zu fordern hatte. In diesem Fall handelte er nach seiner eigenen Ansicht mit großer Sanftmütigkeit. Gewiss glaubte er, nach seinem gewohnten Verfahren in solchen Fällen zu urteilen, einige Nachsicht gezeigt zu haben. Zu dieser Handlungsweise wurde er größtenteils von seinem Kollegen bestimmt, der nicht unempfindlich für die Reize der schönen Wirtin war und dadurch, dass er Rücksicht zeigte, ihre Gunst zu gewinnen hoffte. Aber obwohl Madame Bonaventure willig genug war, zu ihren eigenen Zwecken Sir Francis Mitchells Aufmerksamkeiten zu begünstigen – sie verabscheute ihn im tiefsten Herzen – so verließ sie sich doch nicht mit Sicherheit auf ihn. Ein mächtigerer Freund wurde in der Reserve gehalten, den sie im letzten Augenblick zum Vorschein zu bringen dachte, und folglich war sie nicht so unruhig, wie sie sonst würde gewesen sein, wenn auch keineswegs frei von Furcht.

Sir Giles Mompesson war ein schrecklicher Feind. Nur selten wurde sein Zweck vereitelt. Das wusste sie, aber niemand verstand sich so auf sein eigenes Interesse. Sie redete sich ein, er würde es vorteilhaft finden, sie nicht zu belästigen. In diesem Fall war sie sicher. Sir Francis Mitchell fürchtete sie weniger, denn wenn auch gleich boshaft und übel wollend wie sein Kollege, war er doch viel schwächer in seinen Vorsätzen und ließ sich größtenteils von ihm leiten.

Überdies fühlte sie, dass sie den verliebten Ritter in ihren Netzen habe und ihn leicht regieren könne, wenn er allein wäre.

So stand die Sache in Betreff unserer hübschen Wirtin. Aber ehe wir weiter gehen, wird es besser sein, eine ausführlichere Beschreibung von den beiden Raubvögeln zu geben, die sie mit Schnabel und Krallen bedrohten.

Der herrschende Geist von den beiden war ohne Zweifel Sir Giles Mompesson. Rasch im Erfinden einer Schurkerei war er gleich verwegen in der Ausführung. Wie er zu seiner gegenwärtigen Höhe gelangt war, wusste niemand, denn mit der Schlauheit und List, die ihn auszeichnete, legte er seine Pläne so tief an und hüllte sein Verfahren in einen so dichten Schleier, dass es selten entdeckt wurde. Das Gerücht aber sprach von ihm als von einem Wucherer der verwerflichsten Art, der bedürftigen Borgern übertriebene Zinsen abnötigte, der erwartenden Erben Gelder vorstreckte, in der Absicht, ihre Erbschaft zu plündern, und der alle Ränke und Schliche, die das Gesetz gestattet, anwendete, um sich auf Kosten seines Nachbarn zu bereichern. Dies war schon schlimm genug, aber es wurden noch schlimmere Beschuldigungen gegen ihn erhoben. Man flüsterte einander in die Ohren, dass er auf unrechtmäßige Weise in den Besitz von Dokumenten und Familienpapieren gelangt sei, die ihn in den Stand gesetzt haben, den rechtmäßigen Besitzern ihr Vermögen zu entziehen. Einige gingen sogar so weit, zu diesen Beschuldigungen hinzuzufügen, dass er Dokumente verfälscht habe, um seine verbrecherischen Pläne in Ausführung zu bringen. Wie dem auch sei, von verhältnismäßiger Armut erhob er sich schnell zum Reichtum. So wie seine Mittel zunahmen, erweiterten und vervielfachten sich seine habsüchtigen Pläne. Seine früheren Tage waren in völliger Dunkelheit vergangen, nur der bedürftigste Verschwender oder der verzweifelteste Spieler wusste, wo er wohnte, und jeder, der ihn in seiner elenden Wohnung in der Nähe von Marshalsea auffand, hatte Ursache, seinen Besuch zu bereuen. Nun war er manchem vornehmen Verschwender bekannt genug. Sein großes Haus in der Nähe von Fleet Bridge – man sagte von ihm, dass er seine Wohnung immer in der Nähe eines Gefängnisses wähle – wurde von den Herren der Stadt besucht, deren Not oder Verschwendung sie zwang, Anleihen gegen übertriebene Zinsen zu machen. Bei Gelegenheit verschwenderisch in seinen Ausgaben, wäre Sir Giles aus Gewohnheit so karg und geizig, dass jeder Cent, den er ausgab, ihn reute. Er wünschte, einen Schein der Gastfreundschaft ohne Kosten zu bewahren. Er gefiel sich insgeheim in dem Gedanken, dass seine Gäste ihre Bewirtung nicht nur, sondern selbst seinen Haushalt bezahlen müssten. Seine Diener klagten, dass er sie halb verhungern lasse, obwohl er ihnen beständig wegen ihrer Verschwendung und ihres lärmenden Wesens Vorwürfe machte. Er hielt indessen des Aufsehens wegen viele Diener und hatte überdies ein ganzes Gefolge von Söldlingen, welches ihm auf Wink und Ruf zu Gebote stand. Diese wurden, wie schon bemerkt, gut bezahlt. Sie waren die Krähen, die den Geiern folgten und die Knochen der Beute abnagten, wenn ihre raubsüchtigen Herren sich bis zur Überfülle gesättigt hatten.

Im Gerichtshof der Sternkammer fand Sir Giles Mompesson, wie schon bemerkt, ein Werkzeug, welches in jeder Weise für seine Zwecke geeignet war. Er wendete es mit furchtbarer Wirkung an, wie später gezeigt werden wird. Für ihn war es zugleich eine Waffe, um zu zerstören, und ein Schild, um zu beschützen. Dieser Gerichtshof nahm die Macht in Anspruch, nicht nur anderen Gerichtshöfen ihre Sachen wegzunehmen und sie dort zu bestrafen, sondern auch Vergehungen noch einmal zu bestrafen, wenn andere Gerichtshöfe sie schon bestraft hatten. Dieses Vorrecht benutzend brachte Sir Giles, wenn irgendwo anders ein Prozess gegen ihn anhängig gemacht worden war, die Sache vor die Sternkammer, wo er bei den Schreibern und Richtern so großen Einfluss hatte, dass er beständig seines Erfolges gewiss war. Die Klagen wurden so geschickt geleitet, die Verhöre so gewandt angestellt und die Fragen waren so zahlreich und verwirrend, dass der Beklagte oder Delinquent, wie man ihn gleichgültig nannte, gewiss immer verwirrt wurde und den Kürzeren zog. »Die Urteile dieses Gerichtshofes«, sagt ein mit der Praxis desselben vertrauter und demselben sehr günstig gesinnter Mann, »vernichten den guten Ruf der Menschen gründlich und bringen sie häufig um ihr Vermögen.« Ferner war es eine Regel, dass der Kläger beständig begünstigt wurde. Da Sir Giles dies wusste, so stellte er sich immer in die begünstigte Lage. Mit Hilfe dieses ungerechten Tribunals vernichtete er manchen guten Ruf und überlieferte manches Opfer seiner Ungerechtigkeit dem Fleetgefängnis, um dort zu modern, bis er seine Forderungen aufs Äußerste befriedigte oder die Schuld der Natur zahlte.

In einem weniger verderbten und bestechlichen Zeitalter hätte eine solche Laufbahn nicht lange dauern können, aber zur Zeit Jakob I. wurden, wegen der Habgier des Monarchen selber und der Raublust seiner Höflinge und ihrer Trabanten, wovon jeder sich, auf welche Art es auch sein mochte, zu bereichern suchte, tausend Missbräuche der Justiz geduldet oder gar unterstützt und das Verbrechen ging unbestraft umher. Die Sternkammer selber diente dem König, wie in geringerem Grade Sir Giles Mompesson und anderen seines Gelichters, als ein Mittel, seine Einkünfte zu vermehren, denn die Hälfte der Geldstrafen, die dieses Gericht zuerkannte, fiel der Krone zu. So wurden selten genaue Untersuchungen angestellt, wenn nicht vielleicht ein öffentliches Beispiel nötig war, wo man den Übertreter zwang, seinen Raub wieder herauszugeben. Aber dies geschah nie eher, bis die Birne völlig reif war. Gleich einem schlauen Fuchs oder vielmehr gleich einem listigen Wolf war er zu vertrauensvoll auf seine eigene List und seine Hilfsquellen, um zu fürchten, in einer solchen Falle gefangen zu werden.

Sein Titel war erkauft und er erntete seine Belohnung durch die Wichtigkeit, die er ihm verlieh. Sir Francis Mitchell handelte auf gleiche Weise. Um diese Zeit war es, als die Verbindung zwischen dem würdigen Paar begann. Bisher waren sie in Opposition gewesen, und wenn gleich von sehr verschiedenem Temperament und Charakter, hatten sie doch ein gemeinschaftliches Ziel. Da sie großes Verdienst in einander erkannten, vereint mit der Macht des gegenseitigen Beistandes, so kamen sie überein, in Gemeinschaft zu handeln. Sir Francis war ebenso vorsichtig und furchtsam, wie Sir Giles verwegen und unbeugsam – der eine war am besten geeignet, einen Plan zu erfinden, und der andere, ihn auszuführen. Sir Francis zitterte bei seinen eigenen Entwürfen und ihren möglichen Folgen – Sir Giles nahm seine Pläne an, wenn sie viel versprachen, und lachte über die Schwierigkeiten und Gefahren, wovon sie begleitet waren. Der eine war der Kopf, der andere der Arm. Nicht als hätte es Sir Giles an der Fähigkeit gefehlt, ein ebenso künstliches Gewebe des Betruges zustande zu bringen, wie sein Kompagnon; aber jeder blieb in seinem Fach und so wurde Zeit erspart. Der Plan, den Schenken und Gasthäusern Konzessionen zu erteilen und sie zu beaufsichtigen, rührte ursprünglich von Sir Francis her und bewies sich als sehr vorteilhaft. Aber Sir Giles führte ihn in viel weiterem Umfang aus, wie sein Kompagnon es beabsichtigt hatte oder es für klug hielt.

Sie waren ebenso verschieden in ihrer persönlichen Erscheinung, wie in ihrer Gemütsart und in ihren geistigen Eigenschaften. Mompesson war der kühne Adler – Mitchell der dürre Habicht. Sir Francis war schwächlich und von abgemagerter Gestalt, den sinnlichen Genüssen sehr ergeben. Sein Körper entsprach seiner furchtsamen Organisation. Seine eingeschrumpften Beine waren kaum stark genug, ihn zu tragen, sein Rücken war gebogen, seine Augen glanzlos, sein Kopf kahl und sein Kinn, welches beständig wackelte und mit einem spärlichen gelben Bart bekleidet war, schien wie ein Stilett geformt, während sein sandfarbiger Schnurrbart sich aufwärts kräuselte. Er war nach der äußersten Mode gekleidet und affektierte die Miene eines jungen Hofmannes. Sein Wams, seine Beinkleider und sein Mantel waren stets von den gewähltesten Farben und den kostbarsten Stoffen. Er trug eine diamantene Agraffe an seinem Hut und seidene Schärpenbänder gleich Strumpfbändern um seine dünnen Beine, die gänzlich der Waden entbehrten. Außerordentlich große Rosen bedeckten seine Schuhe, seine Halskrause war gleich einem Labyrinth verschlungen, seine Handschuhe reich gestickt. Eine große rotseidene Börse hing an seinem Gürtel und er war parfümiert mit Pulvern und Puder. Dieser abgelebte Geck affektierte den zierlichen Gang eines jungen Mannes. Obwohl mehr ein Gegenstand des Spottes als der Bewunderung bei dem schönen Geschlecht, bildete er sich ein, dass alle in ihn verliebt wären. Die ungeheuren Summen, die er auf so ungerechte Weise erwarb, blieben nicht lange in seinem Besitz, sondern wurden verschwendet, um seinen Torheiten und seiner Verworfenheit zu dienen. Er war, wie wir bereits gesagt haben, furchtsam von Natur, aber im Verhältnis zu seiner Feigheit grausam und unversöhnlich. Wo mit Sicherheit eine Beleidigung zugefügt oder ein schon gestürzter Feind ungestraft geschlagen werden konnte, da zauderte er nie einen Augenblick. Sir Giles selber war kaum so boshaft und unerbittlich.

Der kühlere Bösewicht bildete einen starken Gegensatz zu diesem feigen Wüstling. Sir Giles Mompesson war ein sehr schöner Mann mit ausdrucksvoller Physiognomie, Aber düster und unheimlich in ihrem Charakter. seine Augen waren schwarz, sehr durchdringend und flammten von dem wildesten Feuer, wenn sie von der Leidenschaft entzündet wurden. eine schön gebildete Adlernase verlieh seinem Gesicht   einen falkenartigen Charakter. Sein Haar war rabenschwarz, obwohl er nicht mehr jung war, und hing in langen Ringellocken über Hals und Schultern herab. Er trug einen schön geschnittenen Kinnbart und Schnurrbart, wie er sich später auf den Porträts von Vandyk findet und der zu dem strengen Ernst seines Gesichtes sehr gut passte. Kostbar, obwohl einfach in seiner Kleidung, trug er immer dunkle Farben. Gewöhnlich sah man ihn in einem Wams von schwarzen gesteppten Seidenzeug, venezianischen Beinkleidern und einem dunkelbraunen Samtmantel. Sein kegelförmiger Hut war mit einer einzelnen schwarzen Straußenfeder verziert. er trug einen langen Degen an der Seite, in dessen Anwendung er sich außerordentlich geschickt zeigte, denn er war einer von Vincentio Saviolos besten Schülern. Sir Giles war ein wenig über der mittleren Größe, mit einer wohlproportionierten athletischen Gestalt. Seine Stärke und Geschicklichkeit waren von der Art, dass guter Grund vorhanden schien, wenn er sich rühmte, wie er oft zu tun pflegte. Er fürchte keinen lebenden Mann im ehrlichen Kampf, ja auch zwei nicht.

Sir Giles hatte keine von den Schwächen seines Kompagnon. Mäßig in seiner Lebensweise hatte man nie erlebt, dass er sich bei Tafel dem Übermaß hingegeben hatte. Auch wurden die Schmeicheleien und Lockungen des schönen Geschlechts nie mit Erfolg für ihn angewendet. Wenn sein Arm von Eisen war, so schien sein Herz von Stahl zu sein, völlig unzugänglich für irgendeine sanfte Regung. Es wurde versichert und geglaubt, dass er nie eine Träne vergossen habe. Seine einzige Leidenschaft schien die Anhäufung des Reichtums zu sein, nicht von dem Wunsch begleitet, ihn wieder auszugeben. Er gewährte keine Geschenke. Er hatte keine Familie und keine Verwandte, die er anerkennen wollte. Er stand allein – ein harter, habsüchtiger Mann, ein Sklave des Mammon.

Wenn es ihm gefiel, konnte Sir Giles Mompesson den Hofmann spielen und schmeicheln und gleißen, gleich den Übrigen. Ein vollendeter Hofmann, übernahm er leicht jede Rolle, die er zu spielen aufgefordert werden mochte, aber der Ton, der ihm natürlich war, schien der des bitteren Spottes und der frechen Beherrschung anderer zu sein. Er spottete über alle menschlichen und göttlichen Dinge. Es war Hohn in seinem Gelächter und Gift in seinen Scherzen. Sein Benehmen war indessen nicht ohne eine gewisse kalte und ernste Würde. Er kleidete sich, wie seine Zwecke, wenn die Gelegenheiten es forderten, in unerforschliche Zurückhaltung. So unheimlich war seine Gegenwart, dass viele Personen ihm aus dem Weg gingen, indem sie mit ihm in Berührung zu kommen oder ihn zu beleidigen fürchteten. Die breite Straße bei der Paulskirche wurde oft geräumt, wenn er, von seiner Söldnerbande begleitet, daherkam.

Wenn dies bei Personen der Fall war, die keine unmittelbare Veranlassung hatten, ihn zu fürchten, wie viel mehr Schrecken musste seine düstere Gestalt einflößen, wenn sie sich, wie es bei Madame Bonaventure der Fall war, mit dem Aussehen eines unerbittlichen Gläubigers, gerüstet mit der vollen Macht, seine Ansprüche geltend zu machen, und entschlossen, in keinem Punkt nachzulassen, darstellte! Doch dies wird der Leser in unserem nächsten Kapitel sehen.

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