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Review: Multagra

Bettina Ferbus
Multagra

Eine Horror-Kurzgeschichte
Erstveröffentlichung auf dem alten Geisterspiegel am 02. Mai 2007

Sorgsam faltete Hermann den Beipackzettel wieder zusammen und betrachtete nachdenklich die kleinen, rosaroten Pillen in ihrem Bett aus durchsichtigem Plastik. Sie sahen so harmlos aus. Ob sie tatsächlich hielten, was die Werbung versprach?

Multagra weckt den Bullen im Mann.

Das klang verlockend. Vielleicht war dies tatsächlich die Lösung seines Problems? Schließlich hatte er Ulrike gegenüber eine Verpflichtung. Wenn man schon eine fünfundzwanzig Jahre jüngere Freundin hat, darf man ihr auf keinen Fall das Gefühl geben, dass sie etwas versäumt. Deshalb ging Hermann regelmäßig ins Fitnessstudio und trug das Haar kurz geschoren, damit die beginnende Glatze nicht auffiel. Regelmäßig schickte er ihr Blumen und führte sie in elegante Restaurants aus. Was ihm jedoch Sorgen bereitete, war seine nachlassende Ausdauer, wenn er seinen ehelichen Pflichten nachkam. In seinem Geist hatte er Ulrike bereits in den Armen eines jüngeren Mannes gesehen. Dieses Bild hatte ihn zu der unscheinbaren, weißen Packung mit der blauen Schrift greifen lassen.

Aber wirkten die Pillen tatsächlich so, wie es die Werbung versprach? Sie sahen so harmlos aus, so winzig. Ein Druck mit der Daumenspitze, schon leuchtete es rosa durch die Silberfolie und ein Pillchen, so klein, dass es beinahe in den Falten seiner Handfläche verschwand, fiel heraus. Er spürte es kaum, als er es mit einem Schluck Wasser hinunterspülte.

Es stand zwar im Beipacktext: Dosierung unbedingt einhalten. Die Multagra-AG übernimmt keinerlei Haftung bei durch Überdosierung entstandenen Schäden.

Aber was sollte denn schon passieren. Diese Pillen waren so winzig. Eine konnte doch gar nicht wirken. Also drückte Hermann eine zweite aus der Packung und schluckte sie trocken hinunter. Er horchte in sich hinein, ob sich bereits etwas regte und obwohl ihm sein Verstand sagte, dass es eine Weile dauern würde, bis eine Wirkung eintrat, schluckte er noch eine dritte und eine vierte.

 

Sie kamen nicht einmal zum Abendessen. Allein der Anblick von Ulrikes kurvenreichem Körper, als sie durch die Haustüre trat, das Schimmern ihres leicht gewellten Blondhaars im Licht der Flurlampen, versetzte Hermanns Blut in Wallung. Er hörte nicht mehr, was sie sagte, sah nur mehr die Bewegungen der vollen, roten Lippen, die sich öffneten und schlossen wie Rosenknospen.

Das Bett war zerwühlt, die Kleider zerrissen – egal, er würde ihr neue kaufen – der Duft der Erregung lag noch in der Luft. Der Mond sandte sein sanftes Licht durch die gekippte Terrassentür.

»Du bist ja heute wie ein Stier«, hatte Ulrike heiser geflüstert und ihn noch enger an sich gezogen. »Wie ein richtiger, wilder Stier.«

Nun schlief sie zusammengerollt an seinen Bauch geschmiegt. Er vergrub sein Gesicht in ihre Halsbeuge und sog ihren Duft ein. Der Geruch ihres Deos hatte sich mit dem von Schweiß vermischt. Dieses Aroma gemeinsam mit dem Gefühl der weichen, glatten Haut an seiner Wange und dem wohlgerundeten Gesäß an seinem Bauch, ließ neuerliche Hitze in Hermanns Lenden entstehen, die sich mit jedem Herzschlag weiter in seinem Körper ausbreitete.

Er zog sie näher an sich heran, kitzelte sie mit seiner Zungenspitze, schmeckte das Salz auf ihrer Haut. Ulrike regte sich schlaftrunken.

»Du bist aber heute ganz ein Wilder«, murmelte sie. »Kriegst gar nicht genug.«

Zärtlich strich sie mit ihren Fingern seinen Arm entlang. Plötzlich wurde sie steif wie ein Brett, ihr Kopf ruckte herum, sie starrte Hermann an, riss die Augen auf und begann zu schreien. Das gellende Gekreisch schmerzte Hermann in den Ohren. Er verstand nicht, warum sie so reagierte. Er wollte etwas sagen, doch die Worten fanden ihren Weg nicht auf seine Lippen. Nur ein animalisches Grunzen drang aus seiner Kehle. Das Denken fiel ihm schwer, als hätte sich ein dicker, grauer Nebel über sein Gehirn gelegt. Blöde starrte er auf die kleine, zappelnde Gestalt, die sich unter ihm hervorwälzte. Der Anblick der nackten Haut im Mondlicht löste etwas aus, ein Gefühl der Hitze, ein Ziehen und Zerren. Er wollte hinter ihr her, doch sie war schneller. Sein Körper gehorchte ihm nicht, genauso wenig wie seine Gedanken. Es war heiß, eng. Er musste raus. Doch plötzlich leistete die Luft Widerstand. Er warf sich dagegen. Klirren. Schmerz. Scharfer, roter Schmerz. Er brüllte, kämpfte, kam frei.

Es roch nach Erde. Kühler, regenfeuchter Erde und nach Gras. Zufrieden wollte er seine Nase in das Gras senken, doch da kam der Schmerz. Wie ein Ball aus Feuer wuchs er in seinem Bauch, dehnte sich aus, fraß sich durch die Knochen, höhlte sie aus, bis nur mehr Schmerz übrig blieb – Schmerz und blendend, grellgelbes Licht.

 

Er fühlte sich gut. Lange schon hatte er sich nicht mehr so gut gefühlt. Das Gras war saftig, die Luft frisch. Die blinkenden Lichter, die von mehreren Seiten näher kamen, störten ihn nicht. Er war voller Kraft, jedem Feind gewachsen.

Seine Aufmerksamkeit wurde von einer zarten, zweibeinigen Gestalt angezogen. Er konnte sie nicht riechen, weil der Wind nicht richtig stand. Mit geschürzter Oberlippe sog er heftig die Luft ein, um wenigstens ein paar Duftpartikel zu ergattern. Steifbeinig ging er auf sie zu, die Nase vorgereckt, den Kopf gesenkt. Seine Hufe rissen die Grasnarbe auf und hinterließen tief Abdrücke in der weichen, feuchten Erde.

Ein Knall, ein dumpfer Aufprall, ein kurzer, scharfer Schmerz. Die Haut unter dem schimmernden Fell zuckte, als sollte ein lästiges Insekt abgeschüttelt werden. Zwei weitere Schritte, dann wurde der Boden auf einmal glatt und rutschig. Etwas zerbrach knirschend unter dem harten Horn seiner Hufe. Es knallte wieder und wieder und wieder. Brüllend wollte er sich zur Wehr setzen, doch er fand seinen Gegner nicht. Dann begann sich die Welt zu drehen, schrumpfte. Die Kraft lief aus ihm heraus, breitete sich in dunklen Flecken auf dem Boden aus. Die Beine knickten unter dem schweren Körper zusammen. Mit einem dumpfen Aufprall fiel er zu Boden, krümmte sich zusammen, als scharfe, schwarze Krallen an seinen Eingeweiden rissen.

»Hermann?« Die Stimme kam ihm bekannt vor. »Hermann! Mein Gott, wie konnte das passieren?«

»Wo ist der Stier?«

Das war ein fremde Stimme. Verwundert. Männlich.

»Es ist mir egal, wo der Stier ist. Sie haben meinen Mann getroffen. Sehen sie das denn nicht. Rufen sie einen Krankenwagen!«

Allmählich ließ der Schmerz nach. Hermann konnte die kalten Fliesen der Terrasse unter sich fühlen. Er hörte das leise Piepsen, als Nummern in ein Handy eingetippt wurden.

»Hermann, halt durch. Gleich kommt der Krankenwagen.«

Er wollte etwas sagen, doch sein Körper gehorchte nicht. Auch egal, alles war so fern, so unwichtig. Wie durch mehrere Lagen Watte hörte er eine Stimme, die von einem Stier sprach und von einem Unfall. Jemand war schwer verletzt worden, möglicherweise sogar tödlich. Hermann hörte gar nicht hin. Dieser Mann war unwichtig, genauso wie seine Worte. Wichtig war nur Ulrike, ihre kühlen bebenden Hände auf seinem Gesicht, die Küsse, mit denen sie seine Wangen bedeckte. Wenn ihm doch bloß nicht so kalt gewesen wäre. Bis ins innerste Mark schien sich die Kälte auszubreiten.

»Hermann! Hermann! Du darfst nicht sterben!«

Warum war solche Panik in ihrer Stimme? Hermann versuchte ihr zu sagen, dass es ihm gut ging, dass er keine Schmerzen mehr hatte und das Kältegefühl auch verschwunden war. Aber sie hörte ihn nicht. Und wer war der blutüberströmte, nackte Mann, über den sich Ulrike beugte? Warum waren all die Polizisten in seinem Vorgarten? Wer hatte den Rasen so zerwühlt? Verständnislos starrte er auf die Abdrücke von gespaltenen Hufen im weichen Erdreich. Dann setzten sich allmählich all die Gedankensplitter wie Puzzleteilchen zusammen.

Er wollte Ulrike alles erklären, sich bei ihr entschuldigen. Doch es war einer der Polizisten, der ihr den Arm um die bebenden Schultern legte, als sie haltlos zu schluchzen begann. Mit der anderen Hand schloss derselbe Polizist die Augen des nackten Mannes, die blicklos in die Ferne starrten, während ein anderer eine Decke über ihn breitete.

Nein! Das konnte nicht wahr sein. Das durfte es nicht geben. Mit aller Gewalt versuchte sich Hermann zurück in seinen bereits erkaltenden Körper zu drängen, doch alles was er erreichte war, dass die Glühbirne der Terrassenlampe platzte und die Szene in das gnädige Grau der Morgendämmerung gehüllt wurde.

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