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Der Wolfsbenjamin – Teil 2

Friedrich Gerstäcker
Der Wolfsbenjamin
Aus den Backwoods Amerikas

Teil 2

Bis zum Abendbrot hatte dann jeder noch mit sich selber zu tun. Der Hausfrau musste auch überdies am Kamin Raum gegeben werden, um ihre Töpfe zu rücken und die Kohlen zu schüren. Dann wurde zum Essen gerufen, und die kleine Gesellschaft, Stuart mit seiner Frau, Benjamin und von Questen, sammelte sich um den reinlich gedeckten Tisch. Nach dem Essen aber kam die Zeit der Unterhaltung, als der Tisch bei Seite gerückt war und jeder seinen Stuhl zum Kamin geschoben, die kurze Pfeife – Mrs. Stuart nicht ausgenommen – angezündet hatte. Das Gespräch drehte sich hier natürlich augenblicklich um die Jagd. Von etwas anderem, wie vielleicht von Viehzucht, hätte man in diesen Wäldern auch sprechen wollen!

Zuerst erkundigte sich von Questen nach den Pumas, denen er zuerst beizukommen wünschte.

Aber Stuart schüttelte dazu den Kopf. »Das sind verwünschte schlaue Bestien«, meinte er, »und in den achtundzwanzig Jahren, die ich mich jetzt in Kentucky und später in Missouri und Arkansas aufgehalten habe, glaube ich nicht, dass ich zehn oder zwölf erlegt habe, alles in allem gerechnet. Wenn man nicht einmal zufällig einen mit den Hunden auftreibt und in einen Baum jagt – und sie bäumen noch nicht einmal gern auf, sondern laufen wie der helle Satan – so ist es gefehlt. Nicht einmal mit der Feuerjagd ist ihnen beizukommen, denn ein Puma sieht nie eine halbe Minute lang ins Feuer, sondern kneift die Augen gleich zu und drückt sich seitwärts in die Büsche.«

»Aber es soll hier viele Puma geben.«

»Gerade genug für unsere Fohlen«, versicherte Stuart, »und jede Nacht hört man das erbärmliche Geheul der Spitzbuben. Aber gerade hier ist gar nichts mit ihnen zu machen, denn etwa drei Meilen von hier, rechts von Brushy Lake hinauf, ist ein alter Hurricane. Jagen einmal die Hunde wirklich einen Panther auf, so kann man sich auch darauf verlassen, dass er augenblicklich den Hurrikane vernimmt, und danach ist die Jagd vorbei.«

»Das sind Racker«, bestätigte aber auch Benjamin, »und wissen jedenfalls, dass der Staat fünf Dollar für ihre Haut bezahlt. Ich habe in den letzten fünf Jahren keine zehn von ihnen bekommen.«

»Also doch so viel«, sagte von Questen, »und alle auf der Jagd erlegt?«

»Natürlich, die müssen alle mit Hunden gehetzt werden, und selten, dass man einmal ein gutes, nicht zerrissenes Fell bekommt.«

»Wenn ich nur wenigstens einen Kopf von einem hätte!«, sagte von Questen.«

»Sie sind alle miteinander schlau genug«, erwiderte Stuart darauf und lachte, »die Wölfe ebenso. Von denen erwischt man aber doch dann und wann einmal einen draußen bei Regenwetter am hellen Tag und kann ihnen eher mit der Kugel beikommen. Ich habe auf diese Art schon wenigstens achtzehn oder zwanzig geschossen, aber man muss flink bei der Hand sein.«

»Das ist aber doch nur immer ein Zufall«, sagte von Questen kleinlaut, »und kann lange dauern, bis es einem glückt. Gibt es denn gar kein Mittel hier, um einen Puma zu locken? Sie, Mr. Benjamin, bei Ihrer Erfahrung müssen das doch gewiss kennen.«

»Im Sommer, wenn sie selber Junge haben«, gab Stuart lachend von sich, während Ben mit dem Kopf schüttelte, »springen sie manchmal aufs Blatt, besonders wenn man es recht fein stellt, weil sie das für ein junges Hirschkalb halten und dem zu Leibe wollen. Aber das glückt auch nur selten, und ist mir erst ein einziges Mal gelungen. Für die Wölfe hätte man da schon eher etwas, um die heranzubringen.«

»Und das wäre?«, rief vom Questen gespannt.

»Ich habe es immer einmal versuchen wollen«, sagte Stuart, »bin aber eigentlich nie recht dazu gekommen, und, aufrichtig gesagt, wenn ich im Wald bin, jage ich immer am liebsten allein, und da war es mir doch ein wenig zu viel riskiert, denn wenn ich mir einmal ein ganzes Rudel damit über den Hals geholt hätte, wäre am Ende der Teufel zu zahlen und kein Pech heiß gewesen.«

»Mit asa foedita meint Ihr?«, fragte Benjamin.

»Das auch«, so sagte Stuart, »aber das andere soll noch sicherer sein.

»Sie wissen ein Mittel«, rief von Questen, nun Feuer und Flamme in der Sache, »um ein ganzes Rudel heranzulocken?«

»Die Jäger behaupten, dass es unfehlbar wäre« versicherte Stuart, »und Prince drüben hat mir zugeschworen, er habe einmal sieben Stück in einer halben Stunde damit geschossen, dann aber seinem Mokassins ausziehen und laufen müssen, um nur sein Leben vor den Bestien zu retten, weil er keine Kugeln mehr in der Tasche gehabt hatte.« »Und kennen Sie es?« »Es ist einfach genug«, so meinte der alte Jäger, »man nimmt aus den Eingeweiden eines Hundes das, was wir Pride nennen.«

»Pride? Was ist das?«

»Es sitzt im Inneren der Tiere, und der Hund muss freilich totgeschossen werden, um es zu bekommen, trocknet das im Kamin und hebt es so lange auf, bis man es brauchen will. Dann aber weicht man es auf, zerreibt es mit Fett zwischen zwei Steinen, setzt ebenfalls ein wenig asa foedita dazu und baut sich dann einen sicheren Platz im Wald, wo einen die Bestien nicht anspringen können. Hat man den dort in der Gegend, wo Wölfe natürlich sind, hergerichtet, dann geht man zu den nächsten Dickichten, wo sie sich aufhalten, sodass man etwa gerade mit Dunkelwerden oder ein wenig vorher, an den besten Stellen ist. Hier schmiert man sich die Geschichte unter die Mokassins und macht nun, dass man so rasch wie irgend möglich wieder zu seinem Versteck zurückkommt, denn der erste Wolf, der die Fährte kreuzt, nimmt sie an und folgt, so rasch er kann, soll aber auch wie toll sein und völlig blind in den Büchsenlauf hineinrennen.«

»Nach asa foedita sollen sie auch schmachtend gelaufen kommen, wenn man es nachts auf die Kohlen wirft«, sagte Benjamin. »Der alte Hooker hat mir versichert, die Bestien hätten ihn einmal eine Nacht, in der er es unten am Cashriver versuchte, auf den Baum hinaufgejagt, unter dem er gelagert hatte, und ihn die ganze Nacht dort bis Sonnenaufgang auflauerten, ja unten in Wut indessen, weil sie ihm nicht beikommen konnten, seine Kugeltasche in Stücke gerissen und sogar in seinen Büchsenkolben hineingebissen haben. Sie werden wie verrückt, wenn sie es riechen.«

Von Questen hatte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit diesen Berichten gelauscht. »Wie weit ist es bis zur nächsten Apotheke?«, sprach er endlich, »oder doch wenigstens zu einem Ort, wo man asa foedita bekommen kann? Den Versuch sollte man doch wenigstens damit machen.«

»Ja, Batesville wäre die nächste«, meinte Stuart, »und der Postreiter, der übermorgen hier vorbeikommt, könnte es von dort schon mitbringen. Aber das wäre das Geringste; asa foedita hätte ich im Haus.«

»Sie? Wirklich?«, rief Questen, von seinem Stuhl emporfahrend. »Wollen Sie es mir verkaufen?«

»Warum nicht?«, gab der Farmer lachend von sich, »ich kann ja jede Woche frisches bekommen, wenn ich die Geschichte wirklich einmal probieren wollte. Aber ich habe auch das andere.«

»Was? Den Pride, wie Sie es nannten? O, das wäre ja wundervoll.«

»Es trifft sich gerade«, sagte Stuart. »Vorigen Monat war Prince bei mir, von dem ich Euch vorhin erzählte. Wir sprachen auch über den Versuch. Da es gerade mit meiner alten Diana passte, der ein Bär einen solchen Hieb gegeben hatte, dass ich sie erschießen musste, so schnitt sie Pommoe, der sich auf die Sache versteht, auf und nahm sie aus. Seit der Zeit hängt es im Rauch und wäre nun gerade frisch und gut zum Gebrauch.«

»Und das wollen Sie mir überlassen?«

»Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte der alte Mann, »da erfahre ich doch gleich, ob etwas an der Sache ist oder nicht, und brauche mich nicht selber damit zu bemühen. Wann wollt Ihr es versuchen, Fremder?«

»Nun denn, jedenfalls morgen Abend, denn ich möchte keinen Augenblick Zeit damit verlieren.«

»Hm«, sagte Stuart, »morgen und übermorgen kann ich nicht einmal vom Haus weg. Wir erwarten den Circuit rider, unseren wandernden Prediger, hier mit jeder Stunde. Der bleibt jedenfalls ein, zwei Tage bei uns, und meine Alte da leid es dann nicht, dass ich eine Nacht von Hause weg bin.« »Nein, das geht ja nicht an, John«, sagte die alte Dame, »das weißt du auch selber am besten, dass …«

» Denke ja auch nicht dran, Alte«, unterbrach sie gutmütig der Mann, »aber Benjamin macht sich vielleicht den Spaß und sieht sich die Sache mit an. Weit braucht Ihr überhaupt nicht zu gehen, denn das Hauptwolfsnest ist am Brushy Lake. Da wimmelt es von den Bestien, und wenn Ihr bis übermorgen Mittag noch nicht zurück seid, reite ich einmal auf ein paar Stunden hinaus und sehe zu, was noch nicht gefressen ist.«

»Hm, ich weiß nicht«, meinte Benjamin.

»Ja, einer allein darf es nicht versuchen«, sagte die Frau, »das ist zu gefährlich. Zwei müssen es jedenfalls sein.« »Zwei sind immer gut«, meinte Stuart, »denn wenn einen der Teufel holt, weiß doch der andere, wo er hingekommen ist.«

»Aber John …«

»Na, meinetwegen«, meinte Benjamin, »zu versäumen habe ich gerade nichts und mit ansehen möchte ich den Spaß schon einmal. Aber eine Axt müssen wir mitnehmen, dass wir uns eine Art von Gestell bauen können.«

»Nun das versteht sich«, sagte Stuart, »ich gebe Euch auch meinen Scipio, den Negerjungen mit, der Euch bei den gröbsten Arbeiten helfen kann. Den schickt Ihr mir aber vor Abend wieder zurück, denn den möchte ich nicht gefressen haben. Der Junge ist wenigstens seine sechshundert Dollar wert.«

»Und glauben Sie wirklich, dass die Sache so gefährlich ist?«, fragte Questen, »wenn man sich doch darauf vorbereitet hat?«

»Seid Ihr gut zu Fuß?«

»Vortrefflich.«

»Nun, dann mag es gehen. Wenn Ihr aber die Lockspeise erst einmal unter den Sohlen habt, dann haltet Euch auch nicht lange auf, macht einen Bogen an dem Schilfbruch hin, der links vom Wege liegt.«

»Aber wie finde ich den?«

»Hm, ich reite doch lieber gleich morgen früh mit hinüber. Es sind nnr kleine sechs Meilen. Bis elf Uhr kann ich wieder zurück sein und Euch gleich selber einen passenden Platz aussuchen, wo Ihr die Nacht aufbäumen sollt. Wir brauchen dann nicht einmal ganz bis Brushy Lake hinüber, wo jetzt überhaupt zu viel Wasser ist, sondern bleiben gleich an dieser Seite von dem Schilfbruch, wo ich überdies noch Vieh habe und einmal nachsehen muss.«

Die Sache war abgemacht und von Questen schwelgte in dem Gedanken an die kommende Jagd, deren Beginn er kaum erwarten konnte. Der Abend verging ihm auch wahrhaft zauberschnell mit einer Unmasse von Jagderzählungen, in denen Benjamin unerschöpflich schien. Von Questen wunderte sich nur über seine Bescheidenheit, mit der er nie von eigenen Jagden und Abenteuern, sondern nur von denen seiner Nachbarn und Freunde sprach. Stuart war darin ganz anders. Der sprach nur von selbst erlebten Hetzen und Gefahren und hatte deren auch in der Tat genug mit durchgemacht. War er doch allein siebenmal von verschiedenen Bären geschlagen und verwundet worden.